Gestern – Heute - Morgen
von
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Ein Gründlich untersuchter
Bericht von “Sozialer Gerechtigkeit”, das Vorhandensein als solches und ihre
Entwicklung oder der Mangel daran, durch die ganze menschliche Geschichte, und eine ausgereifte Vorhersage
für unsere Wahl in der Zukunft.
Angefangen mit dem frühen Aufkommen der Menschheit als Sammler und
Jäger, setzt der Bericht sich fort durch die “Antike”, das “Mittelalter” und die “Neuzeit”, mit einer tiefgründigen Untersuchung für die
Zukunft.
Die menschlichen Übel wie “Sklaverei”,
“Leibeigenschaft” und die “Ausbeutung der Menschen durch die Menschen” werden
ausgiebig bis ins einzelne erõrtert.
Inhaltsübersicht
Vorwort
Seite 4
Erstes
Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Gestern
Seite
5
Zweites
Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Heute
Seite 62
Drittes
Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Morgen
Seite 82
Viertes
Kapitel: Nachschrift
Seite 93
Quellenverzeichnis Seite 99
Fünftes
Kapitel: Anhang - Gedankensplitter Seite 100
Biography Seite 108
Anerkennung Seite 109
Vorwort!
Diese dreiteilige Abhandlung
über "Soziale Gerechtigkeit - Gestern - Heute - Morgen" ist
gedacht als eine gedrängte Zusammenfassung von wichtigen Ereignissen der
Geschichte der Menschheit mit der ständigen
Betonung auf die soziale Gerechtgkeit als Lesestoff für den gebildeten
Staatsbürger, der zwar wissensdurstig ist, aber nicht die Gelegenheit hatte und
sich auch nicht die Zeit nehmen kann, tiefer in die Materie einzudringen.
Vor
allem gibt die gedrängte Zeitraffung dem geneigten Leser einen besseren
Überblick, weil alles mehr oder weniger Unwesentliche gewollt in den
Hintergrund gedrängt wird.
Im
anderen Falle hätte eine tiefschürfende, literatisch ausgeschmückte und
weitläufig erklärende Abhandlung den Umfang von mehreren dickleibigen Bänden
erreicht, womit dem einfachen Leser nicht geholfen wäre, heißt doch ein Sprichwort: In der Kürze liegt die Würze.
Vieles
mag dem geneigten Leser neu, ungewohnt, vielleicht sogar unbequem sein, je nach
dem in welchen Bahnen religiöser, gesellschaftlicher oder politischer Art sein
Denken verläuft.
In
der ersten Abhandlung "Soziale Gerechtigkeit-Gestern", wird mehrmals
der Anspruch erhoben, daß die Betrachtungen und Feststellungen für die ganze
bekannte Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Zivilisationen gelten. Davon
mußte später mehr und mehr Abstand genommen werden, einmal, weil dem Autor
entsprechende Unterlagen fehlten und zweitens, weil die westliche Kultur so
rasche Fortschritte machte, daß
sie automatisch bevorzugt behandelt
werden mußte. So sind die Probleme der sozialen Gerechtigkeit in der
zweiten und dritten Abhandlung hauptsächlich die Probleme der westlichen Kultur.
Wieweit
diese auch Probleme der dritten Welt - in Abwandlungen natürlich - werden, muß
die Zukunft lehren.
Kommentare,
Berichte und Aussagen zu den gestellten Themen sind vom Autor selbst erstellt
oder sinngemäß aus Büchern, Zeitungen
und Zeitschriften übernommen.
Der
Verfasser.
Erstes
Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Gestern!
Bevor wir uns nachfolgend mit
dem gestellten Thema befassen, ist es angebracht festzustellen, was unter dem
Begriff “Soziale Gerechtigkeit"
verstanden werden soll. Ohne
ausführlich zu werden, was später erfolgen wird, seien hier vorweg einmal die
drei wichtigsten Thesen zum Vergleich mit den geschilderten Ereignissen
aufgestellt.
Erstens: jeder Mensch ist frei geboren
und niemand hat das Recht, ihm diese Freiheit zu nehmen oder einzuschränken.
Zweitens: jeder Mensch hat das Recht auf
freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.
Drittens: jeder Mensch hat das gleiche
Anrecht auf die Früchte dieser Erde und die seiner Hände Arbeit.
Soweit die Erklährung zum Thema
"Soziale Gerechtigkeit ".
Es
ist wohl natürlich und selbstverständlich, daß eine Betrachtung über
"Soziale Gerechtigkeit Gestern” sich bereits mit der Frühzeit der
Menschheit beschäftigt und untersucht, soweit das aus heutiger Sicht und vom
Wissen über diese Zeit möglich ist, wie das soziale Gefüge damals war.
Im
Grunde sollte das Unterfangen nicht zu schwer sein, gibt es doch genug
Beispiele von noch urzeitlich lebenden Volksstämmen in heutiger Zeit.
Weiterhin
läßt sich durch vergleichendes Auswerten von gewonnenen Erfahrungen in der
Gegenwart, ohne weiteres ein Hinweis auf Zustände der
Vergangenheit finden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Urmenschen sich schon
in Rassen, wie wir sie heute kennen,
unterschieden, gleich Weisse, Gelbe, Rote oder Schwarze und uns zu dem, was wir
heute sind entwickelten. Die Betrachtungen sind universal und betreffen alle
mehr oder weniger gleich.
Wie
unzählige Gattungen gleich
ihnen, waren die ersten Menschen gesellige Lebewesen, die in kleinen
Gruppen, Sippen oder Jagdbanden mehr
oder weniger harmonisch zusammen lebten. Sie bedurften zur Erhaltung und
Vervollkommnung ihres Lebens der Gemeinschaft ihresgleichen
Ebenso waren sie, wie alle anderen Lebewesen
auf dieser Welt, dem
Selbsterhaltungstrieb
unterworfen, wovon die vier wichtigsten fundamentalen
Bedürfnisse wie Nahrung, Bekleidung, Behausung und Erhaltung der Art zuerst
genannt werden sollen, weil sie, damals wie heute, den Vorrang hatten (und noch
heute haben) gegenüber anderen Trieben. Die klare Abstufung nach ihrer
Wichtigkeit wurde jedoch den jeweiligen Verhältnissen und Umständen, je nach Bedarf
angepaßt, und sollte im Laufe der weiteren Entwicklung nur zu oft verwischt werden.
So
einfach wie der soziale Aufbau ihrer Lebensordnung auch war, gab es bei ihnen
doch schon Ungleichheiten, die ihre Ursache hatten in körperlichen und
geistigen Unterschieden untereinander, wobei die sogenannte
"Hackordnung" über die Rangordnung des Einzelnen in der Gruppe oder
Bande entschied.
"Der
Begriff - Hackordnung - wurde von Verhaltungsforschern geprägt und bringt die mit
Gewalt erzwungene Rangordnung unter den Lebewesen - siehe Hühner - zum
Ausdruck."
Man
kann die Hackordnung (im Grunde heute noch praktiziert) von heutiger Sicht
nicht als ein Ausdruck von Willkür und Mißbrauch der Macht des
Stärkeren - körperlich oder geistig - bezeichnen, weil wir in
der heutigen westlichen
Welt den liberalen Begriff der Gleichheit aller bei Geburt
proklamieren.
Obschon
sich daraus eine schreiende Ungerechtigkeit in späteren Jahrhunderten
entwickeln sollte, war es damals für die Mitglieder einer Bande eine
akzeptierte Selbstverständlichkeit und wurde eher natürlich als ungerecht
empfunden.
Das
Durchsetzen einer Rangordnung, so willkürlich sie auch durch die den einzelnen
Bandenmitgliedern von der
Natur mitgegebenen Vorteile,
- wie geistige oder körperliche Überlegenheit - zustande kam, war in einer Gruppe von
Menschen auch eine Notwendigkeit
der Selbsterhaltung. Nur
einer wohlgeordneten Bande, in der ohne Zweifel jeder
wußte ob er befehlen konnte oder zu gehorchen hatte, war es möglich, die Gefahren der Jagd zum
Beispiel erfolgreich zu bestehen und die ersehnte Beute glücklich zum
gemeinsamen Lagerplatz zu bringen, auch zum Wohle der nicht jagenden Angehörigen der Bande.
Wie
schon gesagt, waren die ersten Menschen bereits soziale Lebewesen und das aus
elementarer Notwendigkeit, weil die sie umgebende Natur für ihren Bedarf zum
Überleben, zu überwältigend gefährlich war. Sie waren gezwungen, sich mit
anderen gleicher Art zusammen zu schließen, um in Zusammenarbeit und
Zusammenhalt, den Kampf ums Überleben besser zu bestehen.
Das
hieß aber nichts anderes, als daß der natürlich nach seinem eignen Glück und
Wohlergehen strebende Mensch einsehen mußte, daß diesen Wünschen am besten
gedient war, wenn er sein eignes Streben dem allgemeinen Ziel
der Gemeinschaft
unterordnete. Fügte er sich in die
Ordnung (siehe Hackordnung) und
blieb er dabei, konnten er
und seine Familie
in der Gemeinschaft gedeihen. Tat er es nicht, drohte die Gefahr des
Ausschlusses.
Selbstverständlich
trat diese Problematik nicht jederzeit plötzlich oder tagtäglich erneut an ihn heran und verlangte jedesmal eine
Vernunfstentscheidung. Es wurde mehr ein Teil seines Gesamtwesens, mehr oder
weniger erzwungen durch die Umstände, in denen er lebte und durch die
feindliche Umwelt, die sein Zuhause war.
Hier
haben wir, wie in einem Samenkorn verborgen, bereits den Beginn der
Problematik, die sich wie ein roter Faden durch die ganze
Menschheitsgeschichte - die heutige Zeit mit eingeschlossen -
zieht.
Dieser
geschilderte Zustand galt und gilt für alle Menschen ,unabhängig davon, wann
und wo sie lebten oder leben. Ob in
den Tropen oder in gemäßigten Zonen
oder welchen Stämmen und Rassen sie angehörten.
I.
Einführung der Arbeitsteilung.
Zusätzlich zu der mehr oder weniger erzwungenen
Rangordnung herschte auch, wie so vieles andere, auf das noch im Verlauf der
weiteren Abhandlung verwiesen wird, schon der Beginn einer Arbeitsteilung in der Urgemeinschaft.
Wegen
ihrer natürlichen körperlichen Überlegenheit, fiel den Männern die Aufgabe der
Nahrungsbeschaffung durch die Jagd zu und die schwere Arbeit beim Hüttenbau,
falls das anlag, während den Frauen die Aufzucht der Kinder, die Bewachung des
Feuers, die Pflege der Alten, Kranken und Verwundenten, sowie das Sammeln von
Wurzeln und Früchten zufiel.
Also
wieder eine durch natürliche Notwendigkeit erzwungene Ordnung, durch die beide
Geschlechter noch zu gleichen Teilen profitierten.
Noch
waren die Banden der ersten Menschen nicht allzuweit entfernt von den auf
gleicher Weise jagenden Raubtiere. Jedoch zeignete sie ein wesentlicher
Unterschied aus, der sich für ihren Erfolg als Jäger, und damit auch ihrer
Gemeinschaft, entscheidend auswirken sollte.
Sie lernten,
wenn auch anfangs
noch primitiv, sich zu verständigen und da denken und
sprechen sich gegenseitig ergänzen,
konnten sie durch ihr denken Vorteile erkennen, und sie lernten einmal erkannte
Fehler nicht zu wiederholen.
Sie
erfanden Waffen, die ihre Benachteiligung gegenüber ihrer Beute bei weitem
ausglichen, wenn nicht sogar übertrafen und die sie im Endeffekt zum
gefährlichsten Raubtier auf dieser Erde machten.
Die
ihnen von der Natur mitgegebene Intelligenz fleißig benutzend, war ihr Weg in
eine grosse Zukunft vorgezeignet.
Der
Mensch war und ist nicht das einzige Lebewesen, dem von der Natur
angeboten oder anheim gelegt wurde,
durch Aufgabe seiner persönlichen Freiheit und Aufgehen in einer sozialen
Gemeinschaft, sein persönliches Los und
das seiner Art zu verbessern.
Machen
wir einen Abstecher in das Reich der Insekten
z.B., die den Menschen schon damals millionen von Jahren an Entwicklung
voraus hatten. Ob Ameise, Termite oder Biene, um nur einige der bekanntesten
zu nennen, sie haben sich als Gattung
bis heute erfolgreich erhalten können, durch vollkommene Aufgabe der Individualität des Einzelnen und eine totale Anpassung an die Aufgaben der Gemeinschaft als Arbeiter, Krieger, Drone oder Königin.
Das
einzelne Insekt ist alleine nicht mehr überlebensfähig, ein
Beispiel - auf
uns Menschen bezogen
- für soziale Übermäßigkeit.
Wie
bereits angedeutet, besteht kein
Zweifel, daß wir Mwenschen für eine solche Entwicklung ebenfalls von der
Natur eine Art von Vorbestimmung mitbekommen haben, und das in der Frühzeit der
Menschheitsgeschichte Versuche in dieser Richtung stattfanden. Man
denke nur an die uns heute bekannten
Hochkulturen der Sumerer, Babylonier oder Ägypter im mittleren Osten,
oder die Inkas, Mayas und Azteken in Mittel und Südamerika, um nur einige der
uns bekannten zu nennen. Ihre uns verbliebenen staunenswerten Ruinen und
Kunsterzeugnisse zeugen von dem hohen Grad des Zusammenhalts dieser Völker. Daß
keine von diesen alten Kulturen in ihrer ehemaligen Form bis heute bestehen
konnten, deutet auf eine ewig fortschreitende Entwicklung hin, eine Folge der
Neugier und des Forschungsdranges des Menschen. Im Grunde liegt uns kein
starres und unbeugsames System, vor allem nicht für Jahrhunderte. Wie weit wir
es also kommen lassen, hängt ab von der Wechselwirkung zwischen Betonung des
Wertes der Einzelpersönlichkeit, im Gegensatz zur Betonung der Anpassung an die
Forderungen der Gemeinschaft.
II.
Weitere
Entwicklung der Urgesellschaft.
Doch kehren wir zurück zu
unserer Urgesellschaft.
Der
körperlich Stärkere und/oder geistig Wendigere war der Anführer der Bande. Er
bestimmte das Wann, Wie und Wo der Jagd - meist noch nach Beratung mit seinen Genossen
- und ebenfalls die nachfolgende Verteilung der Beute.
Er
war gleichfalls die Respektsperson im gemeinsamen Lager und der Richter bei
Streitigkeiten.
Daß
es unter den Frauen der Bande nicht anders sein konnte, wenn auch untergeordnet
gegenüber den Männern, liegt auf der Hand.
War
die entsprechend herausragende Frau noch die bevorzugte Geliebte des Anführers
und Mutter seiner Kinder, haben wir hier bereits den Beginn einer Dynastie.
Solange
wie die Gemeinschaft - Bande - Sippe - noch von jedem einzelnen überschaubar
war und solange wie sich die Ziele der Gemeinschaft mit den Wünschen und dem
Streben der Mehrheit der Einzelnen deckte, herrschte trotz unterschiedlicher
Rangordnungen und Machtverhältnisse sozialer Friede, und das bedeutete auch eine
hinlängliche soziale Gerechtigkeit.
Jedoch
heißt dies nicht, daß sozialer Friede immer mit sozialer Gerechtigkeit
gleichgesetzt werden kann, liegt doch die Betonung auf "Überschaubarkeit", was
gleichzeitig auch eine gewisse Kontrollfunktion der Bandenmitglieder gegenüber
ihrer Führung ermöglichte.
Es
ist heute schwer festzustellen und zu bestimmen, in welchen Zeiträumen diese
Periode ablief und wie lange sie dauerte. Sie war bestimmt zu verschiedenen
Zeiten und von verschiedener Dauer auf den einzelnen Kontinenten. Jedoch war
und blieb sie die einzige Periode in der langen Menschheitsgeschichte bis
heute, wo wir Menschen dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit am nächsten kamen.
Mit
Sicherheit war diese Periode das verlorene Paradies, von dem die alten
Überlieferungen von fast allen Völkern schwärmen, und aus dem wir vertrieben
wurden, weil wir es nicht unterlassen konnten, vom Baum der Erkenntnis zu
naschen. Das heißt, wir wollten mehr wissen, als für uns zu wissen gut war.
Das sollte
sich jedoch im Laufe der weiteren
Entwicklung gewaltig ändern.
III
Verbesserung
der Lebensverhältnisse.
Betrachten wir die folgenden
Zeitspannen von Jahrtausenden, so sehen wir, daß die Banden zu Sippen und diese
wiederum zu Volksgruppen herangewachsen waren, die durch die gleiche Sprache
und Gewohnheit gekennzeichnet und dadurch zusammengehalten wurden.
Der
soziale Aufbau oder die Rangordnung sowie die Machtverhältnisse wurden immer
komplizierter, gefördert von einer immer mehr umsichgreifenden Arbeitsteilung,
die durch das Zusammenleben notwendig wurde.
Man
hatte anstelle der Steinmaterialien für Werkzeuge und Waffen die Metalle
entdeckt und gelernt, sie zu gewinnen und für den Gebrauch, welchen auch immer,
zu verarbeiten.
Man
hatte gelernt, die bisher nur gesammelten Früchte der Erde, Sträucher und
Bäume, bewußt anzubauen und damit eine gewisse Unabhängigkeit von der
Ungewißheit erfolgreicher Jagd erreicht.
Man
hatte gelernt, wild lebende Tiere allmählich umzuwandeln in Haustiere, was alsbald
die Jagd zum Lebensbedarf erübrigte und später nur noch als Zeitvertreib und
gefährlichen Sport betrieben wurde.
Die
Basis der Ernährung war damit sicherer und die Palette des Angebots größer, was
ursächlich eine Vergrößerung der Sippen und Volksgruppen förderte.
Man
lebte schon lange nicht mehr im natürlichen Schutz von Höhlen oder
Reisighütten, sondern konnte aus Lehm und Holz, später sogar mit getrockneten
oder gebrannten Lehmziegeln, Häuser und
Paläste bauen.
Es
war dem Menschen also gelungen, durch gemeinschaftliches Handeln Ansätze zu
schaffen, welche die äußere und ihnen widrige Natur zu verändern in der Lage
waren.
Jedoch
der anfängliche soziale Friede und die nur mühsam erreichte soziale
Gerechtigkeit blieben dabei auf der Strecke.
Schon
der Urmensch hatte einen Hang zum Müßiggang und zur Bequemlichkeit, von denen
die Letztere an sich keine schlechte Eigenschaft ist, sollte sie doch der Motor
werden, der uns Menschen von den Höhlen zu den Wolkenkratzern antreiben sollte.
Er
entdeckte ebenfalls schon damals das heute noch moderne Prinzip, mit dem
geringsten Einsatz den möglichst großen Nutzen zu erzielen.
Als
geborener und eigenwilliger Opportunist, ergriff er die Gelegenheiten zur
Erfüllung seiner Triebe und Bedürfnisse beim Schopf, wenn sie sich boten.
Ausgestattet mit einer konstanten und im Endeffekt lebensnotwendigen Neugier,
mußte er sich jedoch des Zweckes und der Umstände wegen, wie bereits mehrmal
begründet, einer Gemeinschaft anschliessen, deren Ziele sich nicht immer mit
seinen eignen deckten. Es blieb daher nicht aus, daß vor allem der Stärkere
oder Gerissenere auf Kosten der Gemeinschaft versuchte, für sich und - wenn es
hoch kam - seine Sippschaft, das Beste an Lebensqualität herauszuschlagen. Ihm
gelang damit, was nur wenigen seiner Mitmenschen gelingen sollte, nämlich die
Umkehrung der Abhängigkeit in der Gruppe zu einer dominierenden Position,
Während
die Vorgänge bei der bereits geschilderten Hackordnung nicht unähnlich
verliefen, weil alle noch in der Gemeinschaft auf Gedeih und Verderb
aufeinander angewiesen waren, bezieht sich das oben Gesagte auf eine bereits
weiter entwickelte Gesellschaft, bei der dieser früher allgegenwärtige Zwang
schon abgemildert war.
Sehr
warscheinlich war er schon Häuptling oder sogar der Stammesfürst, ließ sich von
allen bedienen, verlangte Respekt und wurde der Begründer des Feudalismus als
Herrschaftsform der Menschen für tausende von Jahren.
Damit
war aber der sozialen Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet und sie bestimmt das
weitere Thema dieser Abhandlung durch alle Kapitel.
IV
Verfvollständigung
der Rangordnung.
Durch die bereits geschilderte Fortentwicklung von Banden zu
Stämmen und Völkern, sollte die Hackordnung - der Kampf um die Rangordnung
innerhalb der größer und verwickelter gewordenen Gesellschaft - in andere,
brutalere und skrupellosere Bahnen gelenkt werden.
Im
Widerstreit zwischen den Kräften, die für eine friedliche Ordnung waren, also
stets bereit sich anzupassen und denen, die immer ihre Eigenständigkeit
suchten, sollte sich das Prinzip "Der Erfolg des Tüchtigeren"
durchsetzen.
Wie
alles, hat der Begriff "tüchtig" seine guten und auch
schlechten Seiten und er wurde aufgrund der unterschiedlichen Veranlagung des Einzelnen und seiner Rangordnug,
auch unterschiedlich zum Vorteil aller oder einzelner mit Anhang, benutzt.
Für
die besonders Tüchtigen, die mit extremen Lernfähigkeiten ausgerüsteten
Fürsten, später Könige und wie sie sonst in ihren Kulturkreisen genannt wurden,
war es äußerst wichtig, die einmal erreichte Spitze in der Rangordnung für sich
und ihre Nachkommen, solange wie möglich, wenn nicht für immer, zu erhalten und
abzusichern.
Selbstverständlich
galt das eben Gesagte auch für alle anderen in der Skala der Rangordnung, in
der sie sich befanden.
Man
erfand den Dreh der Erbfolge und die Gleichsetzung der Absichten und Ziele der
Herrscher mit denen des von ihnen
regiertem Volkes. Ja manche schafften es sogar, die Einfalt und
Unbefangenheit ihrer nichts böses ahnenden Untertanen ausnutzend, sich als
Nachkommen verehrter Götter oder sagar als Götter selbst verehren zu lassen.
Damit
war für diese Sorte von Menschen der einzigartige Erfolg in der
Menschheitsgeschichte erreicht, für sich und ihre Nachkommen einen Platz an der
Sonne gesichert zu haben, solange es die Verhältnissse erlaubten. Königs- und
Adelsgaschlechter wurden eine gängige und überall anerkannte Einrichtung und an
ihrer überragenden Stellung gegenüber dem gemeinen Volk wagte niemand zu
rütteln.
Obschon dieses
schreiende Unrecht und dieser grobe Verstoß gegen die soziale Gerechtigkeit,
über viele Jahrtausende bis heute, selbtherrliches Recht wurde, muß man doch
annehmen, ja vielleicht als unumgängliche Notwendigkeit anerkennen, daß es wohl
so hat sein müssen. Und daß es eine Übergangsperiode war, die wir Menschen
durchschreiten mußten, um zivilisiertere Gesellschaftsformen zu finden,
Gesellschaftsformen, die das Wohl des Einzelnen in der Gemeinschaft mit anderen
mehr anstreben als das Wohlergehen einer fragliche Elite.
Auf
die Frage, wie die ungleichen Verhältnisse und die Ungerechtigkeiten unter den
ersten Menschen entstanden sind, gibt der französische Philosoph Jean Jacques
Rousseau folgende Antwort:
Der
erste Mensch, dem es in den Sinn kam, ein Grundstück einzuhegen und zu
behaupten: “das gehört mir.”, und der
Menschen fand, einfältig genug ihm zu glauben, war der eigentliche Gründer der
bürgerlichen Gesellschaft. Sobald der verfügbare Boden einmal aufgeteilt war,
konnte der eine sich nur noch auf Kosten des anderen vergrößern. Herrschaft und
Knechtschaft, Gewalttätigkeit und Räubereien kamen auf und die Menschen wurden
habgierig, ehrgeizig und boshaft.
Wir
sehen dann auch, daß trotz der schon beschriebenen Verbesserungen im Leben der
Menschen und die damit verbundene Vergrößerung ihrer Kopfzahl, sie ihre ganze
Energie daran verschwendeten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Das ist
jedenfalls der Eindruck, den man bekommt, wenn man die Weltgeschichte bis in
die jüngste Zeit verfolgt.
V
Anfang
der Religionen.
Wenn von Menschen gesprochen
wird in damaliger Zeit, ist immer nur der Mann gemeint. Die Frau wurde nicht
für ihr Sein als Mensch geachtet, sondern von der männlich dominierten Umwelt nur als beweglicher Besitz betrachtet.
Bis auf einige Ausnahmen, traf das, mehr oder weniger ausgeprägt, auf alle
Völker und Kulturkreise zu und ist noch heute eine bittere Auseinandersetzung
unter den Geschlechtern, selbst in der aufgeklärten und fortschritlichen
westlichen Welt. Ja, es hat Zeiten gegeben, und das in nicht allzu ferner
Vergangenheit in unseren christlich orientierten Gesellschaften, in denen den
Frauen, Negern und den Eingeborenen von Amerika, die Eigenschaft als Menschen
in heißen Diskusssionen zum Teil abgesprochen wurde.
Es
blieb nicht aus, daß die ersten Menschen begannen sich darüber Gedanken zu
machen, woher sie kamen, was der Zweck ihres Daseins sei und wohin sie gehen
würden nach ihrem Tode, hatten sie dch Geburt, Krankheit und Tod, Tage und
Nächte, sowie den Wechsel der Jahreszeiten
als tägliche Begleiter in ihrem Leben.
Das
gab den Anlass für die Anfänge von Religionen, in denen die Menschen nicht nur
Orientierung und Sicherheit finden sollten sondern auch, im Laufe der Zeit, die
schlimmsten nur denkbaren Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen.
Meist
waren bestimmte religiöse Verehrungen von Sonne, Vulkanen oder Gewittern
üblich, weil man für diese Erscheinungen keine
plausible Erklärung fand und sie dem Übernatürlichen zuschrieb.
Der
Übergang von der Verehrung natürlicher, dem Verstand unbegreifbarer Mächte als
Götter, zu der Verehrung abstrakter geistiger Götter, vollzog sich erst im
Laufe weiterer Jahrtausende.
Wie
nicht anders zu erwarten, nutzten beredetere und gerissenere Zeitgenossen die
Gutgläubigkeit und Vertrauensseligkeit naiver und geistig nicht so wendiger
Kollegen aus, um einen Vorteil für sich herauszuschlagen, ein Umstand, der den
überzeugten Atheisten und Philosophen
“Dietrich von Hoffbach” zu der Bemerkung veranlasste: “Der erste
Schurke, der dem ersten Narren begegnete, war ein Priester." Sicherlich
ist das ein krasser und übertriebener Ausdruck, der wohl ein Symptom
herausstellen soll, aber nicht die volle Wahrheit trifft. Ganz sicher hat es
schon damals Menschen gegeben, auch solche, die man schon “Priester"
nannte, welche ehrlich und voll eifriger Überzeugung an das glaubten was sie
vertraten.
Ein
Umstand, der der Festigung der Macht des Königstums und auch des Priestertums,
in vielen Fällen ein und dasselbe, förderlich war ist die Tatsache, daß wir
Menschen eine naive Bewunderung für die Entfaltung von glitzerndem Prunk und
Pomp in der Demonstration von Macht haben.
VI.
Über
die Sklaverei.
Nicht unerwähnt bleiben darf
eine menschliche Tragödie für die Betroffenen, die ihren Anfang schon in der
frühesten Menschheitsgeschichte hatte
und sich über die Jahrtausende bis ins 18te Jahrhundert nach Christus
fortsetzte. Offiziell und selbst von christlich dominierten Ländern
sanktioniert, war das die Sklaverei und zu späteren Zeiten die etwas mildere
Form der Leibeigenschaft.
Waren
es zuerst nur die Gefangenen anderer Stämme, die bei den zahlreichen und nicht
abreißenden Fehden einem Stamm in die Hände fielen und für niedrige Arbeiten,
Arbeiten für die man sich selbt zu schade war, herangezogen wurden,
veranstaltete man später und noch bis in die jüngste Zeit, regelrechte Jagden
auf weniger entwickelte Stämme, besonders die Neger, und es entstand ein
schwunghafter und würdeloser Menschenhandel. Sklaven wurden von allen Kulturen
schon damals in Mengen gebraucht, zur Bemannung der Galeeren, zu schwerer
Feldarbeit, in den Steinbrüchen, oder für die wahnwitzigen Tempelbauten
überspannter Herrscher.
Sie
waren durch Gefangennahme oder Kauf, persönlicher Besitz ihres Eigentümers, vom
jeweiligen Herrscher bis zu den Angehörigen der herrschenden Klasse, und
gehörten ihnen mit Leib und Leben, was Entscheidungen über Leben und Tod
bedeutete. In wenigen Fällen wurden sie gut versorgt und verpflegt, ohne
Bezahlung natürlich, während die Meisten in Not und Elend ihr Leben
fristen mußten.
Die
Tragödie für die Sklaven lag darin, daß sie, einmal als Sklaven benutzt und
abgestempelt, für immer nebst ihren Kindern und Kindeskinder, als solche zu
bleiben hatten. Als Sklaven geboren starben sie als Sklaven und nur ganz
wenigen gelang es durch glückhafte Umstände, freie Mitbürger zu werden.
Betrachtet
man heute die Überreste solcher Tempel und Paläste, von deren Kulturen wir nur
als Zeuge diese Überreste haben und sonst nichts, dann sollte man nicht in
Ehrfurcht versinken vor der Erhabenheit und Größe einer untergegangenen Kultur,
sondern mit Ehrfurcht derer gedenken, welche die grandiosen Monumente mit
Entbehrung, Schweiss, Blut und Tod, ruhmlos in Fronarbeit ge schaffen haben.
VII.
Das
indische Kastensystem.
Nicht immer waren die
herrschenden Könige und ihre Trabanten vom Volksstamm der Beherrschten. So war
es auf dem indischen Kontinent z.B.so, daß die Indoarier eine Herrenschicht
bildeten über anders rassische, primitivere Völker, was zu dem so berüchtigten
Kastensystem führte, unter dem das hinduistische Indien noch heute leidet.
Anlass
zur Ausbildung des Kastensystems war natürlich die Notwendigkeit, die der
Urbevölkerung zahlenmäßig unterlegene arische Herren - und Erobererschicht
scharf abzugrenzen, um dadurch sich rein zu erhalten und nicht durch
Vermischung mit jenen unterzugehen.
Von
einer sozialen Gerechtigkeit kann man natürlich unter keinen Umständen in
diesem System reden.
Bezeichnenderweise
waren in der Rangordnung der Kasten, innerhalb der arischen Herrenschicht, die
Priester an der Spitze, gefolgt von Königen, Fürsten und Kriegern, während
freie Bürger und Kaufleute den Rest bildeten.
Aus
der anfänglichen Kastenscheidung wurde im Laufe der Zeit eine immer weiter
gehende Unterteilung in zahlreiche - und das ist wichtig - erbliche
Unterkasten, die jede für sich streng abgeschlossen waren und für jedes
Kastenmitglied unüberwindliche Grenzen darstellten
Ein
weiteres himmelschreiendes Beispiel für den teuflichen Trieb des Menschen, wie
schon an anderer Stelle erwähnt, eine einmal erreichte hohe Stellung in der
Sozialordnung, mit allen Mitteln abzusichern und zu verteidigen; es dem
Schwächeren überlassend, seinen eignen Platz zu finden, oder in Not und Armut
sein karges Leben zu fristen.
Selbst
die europäische Technik mit Eisenbahn und Fabrikarbeit, konnte dieses System
wohl erschüttern, aber bis heute nicht abschaffen, weil es zu fest in der
Religion und Kultur verankert ist.
Es
ist mehr als nur ein Hohn, wenn man heute in der Zeitung liest, daß Angehörige
der Adelskaste, die durch Umstände außerhalb ihrer Kontrolle arm geworden sind,
vom Staat, das heißt von Steuergeldern derer, die sie sonst verachten, Mittel
zur Verfügung gestellt werden, die es ihnen erlauben, ein ihrer Stellung
angemessenes Leben zu führen.
Bezeichnenderweise
geschah dies nicht nur in Indien, sondern kam auch im kastenfreien Europa -
Deutschland mit eingeschlossen - nach
dem zweiten Weltkrieg vor.
So
erwarteten und bekamen auch aus dem Osten mittellos vertriebene Adelige
Zuwendungen vom westdeutschen Staat, die in ihrer Höhe ihrem Lebensstandard
angepasst waren, obschon sie keinen Pfennig vorher jemals zu den Mitteln
beigetragen hatten.
VIII
Fürsten
und ihre Berater.
Die letzten geschilderten Zustände
beziehen sich schon auf Zeiten zwischen - 4000 bis 600 v.Chr. - von denen wir
einigermaßen verlässliche Unterlagen haben.
Die
Zeiten waren längst vergangen, in denen die Ältesten am Lagerfeuer ihrem
Häuptling oder Fürsten mit Ratschlägen dienten, um seine Entscheidungen zu
beeinflussen, falls er sie überhaupt hören wollte. Die Bevölkerung war zu
zahlreich geworden, wie schon gesagt,
daß er die Nöte und Beschwerden Aller übersehen und Abhilfe schaffen konnte.
Vor allem aber hatte die Erhaltung und Festigung seiner Position, die
Ausdehnung seines Machtbereiches wenn möglich und die Anhebung seines
Prestiges, Vorrang gegenüber anderen Entscheidungen. Lakaien,Adelige und
Händler benutzten ihren Einfluß mit Beredsamkeit, um mit List und spitzfindigen Scheinargumenten Vorteile zu ihren Gunsten
herauszuschlagen, nicht immer mit dem Wohl der Allgemeinheit im Auge und
besonders nicht zum Wohle der Schwächeren.
Zusätzlich
zu den Bauern, Viehzüchtern und Handwerkern - die Sklaven zählten sowieso nicht
- hatte der Stand der Kaufleute und Händler weit mehr Ansehen und Einfluß
erworben, als ihnen zahlenmäßig zustand, was ihren Stand dem der Krieger
gleichstellte. Weil hierzu nicht nur unternehmerischer Mut, Fleiß und Weitsicht
gehörten sondern auch List, betrügeriche Absicht, geistige Wendigkeit und
Skrupellosigkeit, war es kein Wunder, daß diejenigen mit einigen oder allen
diesen Eigenschaften wie Fliegen zu einer offenen Wunde hinschwärmten.
Besonders Völker mit angeborenen Eigenschaften dafür sollten in ihren
Kulturkreisen darin führend werden.
Im
Verein, den der Wohlstand mit dem Handel einbrachte, wuchs auch der Einfluß der
Händler und sie wurden eine Bedrohung für den
Besitzadel. Aber auch die Stände wie Bauern, Viehzüchter und Handwerker
gerieten in eine von ihnen nicht gewollte, von den Händlern jedoch oft schamlos ausgenutzte Abhängigkeit.
Man
spricht dann heute von einer Zeit des blühenden Handels.
Parallel
zu diesen Entwicklungen, die in keiner Weise einer Verbesserung der sozialen
Gerechtigkeit dienlich waren, setzten diese Errungenschaften auch eine
Verfeinerung des sprachlichen Ausdrucks und ihre Festhaltung in eine Art von
Schrift voraus, - das gleiche mit Zahlen, - wobei beides noch von den Priestern
zu Anfang wie eine Magie behandelt und geheim gehalten wurde.
Es
hatten sich wegen oder trotz zahlloser Fehden und Kriege etwa drei Kulturkreise
herausgebildet. Da war einmal der chinesische Kulturkreis, der aber wegen der
Abgeschlossenheit von der übrigen Welt durch Ozeane, Gebirge und Wüsten, eigene
Wege ging. Dann war da der indische Kulturkreis und der mit dem Mittelmeer als
Zentrum.
Es
ist nicht der Zweck dieser Abhandlung, auf Unterschiede der Kulturkreise und
ihre Eigenschaften einzugehen. Das Thema ist und bleibt beschränkt auf die
Erforschung und Anprangerung sozialer Ungerechtigkeiten und darin waren sie
alle gleich.
Die
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wurde in allen Kulturkreisen fleißig
betrieben und mit unbegrenzter Geschicklichkeit gehandhabt.
Begünstigt
durch die vielen Kriegszüge und vor allem durch den immer reger werdenden
Handel der Völker untereinander in ihrem Kulturkreis, sowie dem Handel mit
anderen Kulturkreisen, wenn auch weniger intensiv, zeigte sich eine allmähliche
Loslösung von den geistlichen Einsichten der traditionellen und überlieferten
Religionen, teilweise unter lebhafter Kritik, hin zum selbstständigen und
vernunftsmäßigen Denken.
Das
begünstigte selbstverständlich nicht nur die Lichtseitenunserer menschlichen
Natur sondern auch die Schattenseiten und es kam wie es kommen mußte; das
Gerangel und Geraufe um einen Platz an der Sonne von der Spitze abwärts, nahm
zu. Es wurde der Beginn der Einteilung der Menschen in solche die haben, gleich
wie erreicht, und solche die nichts haben.
Weil es bisher noch nicht deutlich genug gesagt worden ist, sei hiermit besonders vermerkt, daß der Kampf um eine Rangordnung nicht das Schlechte an sich ist. Es ist, wie wir wissen und eingestehen müssen, eine natürliche und vom Zusammenleben hergesehen notwendige, die Entwicklung der Menschen und auch aller anderen Lebewesen auf dieser Erde, fördende Auslese. Das Übel aber, dessen nur wir Menschen uns schuldig machen, liegt darin, daß wir nicht für jede Generation neu um unseren Platz kämpfen können. Denn diejenigen, die es geschafft haben oben zu sein, bei ihrem Bestreben oben zu bleiben, es den Unteren in der Rangordnung unmöglich machen, sich frei zu entfalten, um keine Gefahr für sie zu werden. Mit welchen Maßnahmen und Methoden diese sich überall bildenden Eliten aufwarteten, wird in späteren Paragraphen noch ausführlich behandelt.
IX.
Philosophen
und die Ungerechtgkeiten.
Merkwürdigerweise
trat diese Entwicklung in allen 3 Kulturkreisen fast um die gleiche Zeit auf,
und zwar zwischen 600 bis 500 v.Chr., sollte aber in dem Kulturkreis des
Mittelmeeres die größten Fortschritte machen.
Die
uns von damals überlieferten und bekannt gewordenen Denker, heute Philosophen
genannt, befaßten sich unter vielem anderen auch mit Wesen und Zweck des
Einzelmenschen, dem Wesen und Zweck der Gesellschaft, sowie dem Verhältnis des
Einzelmenschen zur Gesellschaft und insbesondere der jeweiligen Religion.
Die
herrschenden sozialen Ungerechtigkeiten waren ihnen allen bekannt und eine
Ursache tiefschürfenden Denkens mit teils praktich durchführbaren, meist
gutgemeinten utopischen Lösungen, eine Eigentümlichkeit, die typisch werden
sollte für sie und alle die ihnen
folgten bis heute. Es ist eben einfacher, einen Zustand richtig zu analysieren,
als die richtigen Wege zu seiner Lösung vorzuschlagen, die dann auch von Erfolg
sind.
Was
soll man davon halten, wenn der altchinesische Philosoph "Lao Tse"
(um 600 v.Chr.) sagt: "Je mehr Verbote es gibt im Reiche, desto ärmer
wird das Volk. Je mehr Mittel zum Gewinn das Volk hat, desto mehr geraten
Staaten und Familien in Verwirrung. Je erfindungsreicher und schlauer die
Menschen sind, desto mehr listige Dinge kommen auf. Je mehr Gesetze und Erlasse verkündet werden, um so mehr Räuber
und Diebe gibt es."
Soweit
so gut. Wir haben hier eine Analyse von Wirkung und Gegenwirkung
gesellschaftlichen Verhaltens der Menschen und gleichzeitig einen Anreiz zum
Vergleich mit den Zuständen in unseren heutigen Gesellschaften. Doch sehen wir,
was er weiter zur Verbesserung der Verhältnisse zu sagen hat. "Darum
sagt der vollkommene Mensch: Ich wirke nicht, und das Volk wandelt sich von
selbst; ich liebe die Stille, und das Volk wird von selber recht; ich habe
keine Geschäfte, und das Volk wird von selber reich; ich habe keine Wünsche,
und das Volk wird von selber
ursprünglch einfach."
Ist
der erste Teil in etwa noch akzeptierbar als ein Zeichen von logischen
Erkenntnissen der realen Verhältnisse, so ist der zweite Teil, die Vorschläge
zur Lösung der Probleme, gelinde gesagt gut gemeintes utopisches Wunschträumen
ohne jeden Bezug zur Realität.
Wiederum
gab es welche die sagten: "Der Mensch ist gut; er trägt in sich ein
angeborenes Wissen, dessen Schätze nur gehoben zu werden brauchen, um ihm den
rechten Weg finden zu lassen. Wenn er sich in der Wirklichkeit des Lebens nicht
immer nach diesem Wissen verhält, kann das nicht in seiner Natur liegen,
sondern in der Unvollkommenheit der Gesellschaftsordnung in der er lebt und in
den Fehlern der Regierenden."
Zu
diesen klugen Erkenntnissen kann man nur fragen: Wer hat die fraglichen
Gesellschaftsordnungen geschaffen? Doch nur von Natur gute Menschen, und sind
nicht auch die Regierenden solche guten Menschen? Woher ist dann also die
Unvollkommenheit der Gesellschaftsordnung gekommen?
Wir
sind immer noch bei den altchinesischen Philosophen v. Chr., und da waren
wiederum andere die sagten: "Der Mensch ist von Natur aus böse. Das Gute
ist nur künstlich und muß ihm anerzogen werden. Schon von der Geburt her hat er
das Begehren nach Nutzen, die Begierde von Auge und Ohr."
Auch
hier sei die Frage erlaubt: Wer von den von Natur bösen Menschen soll den von
Natur bösen Menschen Gutes und Edles,
Sitte und Recht beibringen?
Man
kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man die Mitte zwischen beiden Extremen
heranzieht, wie mit fast allem im Leben.
Wir Menschen sind beides; wir haben die Fähigkeiten zum Erhabenen und Hehren, aber auch zum
Niedrigen und Gemeinen mitbekommen. Selbstverständlich
sind diese Eigenschaften nicht gleichmäßig verteilt. Einige neigen mehr zum
Guten und sind leicht dazu zu beeinflussen, während bei der Mehrheit dagegen
genau das Gegenteil zutrifft.
Was
der Einzelne letztlich ist, und wie er sich in der Gesellschaft verhält, zum
Guten oder zum Bösen, hängt allerdings von seiner Erziehung innerhalb der
gerade angängigen Gesellschaftsordnung ab und von seinen Vorbildern, die sein
junges Leben begleiten.
Daß
wir Menschen fast ohne die Leitung von ererbten Instinkten ausskommen müssen,
weil wir im Gegensatz zu anderen Lebewesen uns selbst bewußt wurden, erklärt
unseren stetigen Kampf zwischen den Mächten, die uns einerseits das Ausleben
unserer Leidenschaften empfehlen, also den rein persönlichen Vorteil mit
direktem Genuß, und andererseits unsere Unterordnung unter die überindividuellen
gesellschaftlichen Verpflichtungen verlangen, dies jedoch mittelbar zum nicht
immer klar ersichtlichen Vorteil.
Schon
damals entwickelte sich die Tendenz für Manche, die Vorteile, die ein gutes Zusammenleben in einer wohlorganisierten
Gemeinschaft bietet, als selbstverständlich für sie geschaffen anzunehmen und
davon Nutzen zu ziehen, ohne selbst einen Beitrag zu leisten.
X.
Freiheiten
kontra Pflichten.
Im Hinblick auf eine soziale Gerechtigkeit unter den
Menschen erkennen wir nach dem vorhin
Gesagten die Wichtigkeit, die eine positive Gesellschaftsordnung auf die
Erziehung der Menschen ausübt; denn ohne Erziehung geht es nicht, ob in einer
Ehe, Familie, Sippe, Stamm oder Volk.
Selbstverständlich
ist der Ruf nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit für den Einzelnen und die
Forderung nach Unterordnung unter die Pflichten einer Gemeinschaft ein
Widerspruch, mit dem wir uns jeweils so
oder so auseinandersetzen müssen. Daß hier die Wurzel liegt für alles Große und
Erhabene, das Menschen geschaffen haben, aber gleichzeitig auch für die Übel
dieser Welt, sei nur am Rande vermerkt.
Obgleich
das vorhin Gesagte von dem einzelnen Individium als Einschränkung seiner
persönlichen Freiheit und damit als Übel empfunden wird, ist eine solche Neigung
solange kein Übel, wie bei der Ausübung desselben Achtung und Respekt vor dem
Mitmenschen geübt und seine Rechte nicht beschnitten werden.
Und
es ist ebenfalls nicht vom Übel, in der Rangordnung der Gesellschaft einen
höheren Rang durch Energie, Wagemut, Weitsicht und Fleiß zu erstreben, solange
auch Rücksichtnahme entsprechend geübt wird.
Das
heißt also, daß eine reiche und hochgestellte Persönlichkeit (meist ein und
dasselbe) nicht unbedingt der sozialen Ungerechtigkeit für seine erreichte
Stellung verdächtigt werden muß, obschon eine Wahrscheinlichkeit nicht
abzuleugnen ist. Wie sagt doch der Volksmund - und das nicht ohne Grund: Jeder
große Reichtum ist durch eine ebenso große Gaunerei zustande gekommen.
Wie schon gesagt, war der menschliche Geist in Bewegung
geraten. Er zweifelte ererbte und überlieferte Zustände an und machte
Vorschläge sie zu verbessern. Zwar besangen noch die jüdischen Propheten voll
Sehnsucht und religiösem Eifer in ihren Psalmen einen gütigen, barmherzigen,
den Armen und Schwachen zugewandten König, den sie sehnlichst herbeiwünschten.
Als ob ein solcher König jemals an die Macht gekommen wäre! oder sie für
längere Zeit behalten hätte mit solchen
Eigenschaften. Dazu gehörten auch damals schon wie heute ganz andere Fähigkeiten.
Doch
der rein militärische, nur auf
Eroberung ausgerichtete Aufbau ihrer Gesellschaftsordnung war bei vielen
Völkern gemildert, was Raum erlaubte für Kunst und Wissenschaft,nebst
Intensivierung der Religion, dank friedlicheren Zeiten, welche auch
vorkamen.
XI.
Handel
und Gewerbe.
Bevor wir uns mit dem Zeitraum der griechischen und der darauf
folgenden römischen Zivilisation und Kultur näher befassen - wegen der enormen
Bedeutung , den diese uns hinterließen - sei es angebracht, einen Blick in die
soziale Ordnung jener Zeit im größeren Mittelmeerraum zu werfen, soweit es uns
überlieferte Berichte erlauben und soweit nicht wieder einige der zahlreichen,
meist unnützen, von Machtgier diktierten Kriege herrschten.
Die
Kriegsaristokratie mit Landgut und Stadthaus hatte sich zu einer
Bürgeraristokratie gewandelt, je mehr das Schwergewicht von der Landwirtschaft
weg zu Handel und Gewerbe überwechselte.
Mit
dem Handel entwickelte sich die Kaufmannschaft und daneben das Gewerbe. Damit
stieg diese Schicht zu wirtschaftlicher Macht empor, obwohl sie zunächst weder
die entsprechende politische noch die gesellschaftliche Stellung errang.
Mit
dem Handel, vor allem mit dem Außenhandel, setzte sich das Geldwesen durch. An
Stelle des Naturaltausches trat die Zahlung in Münzen. Vermögen bildeten sich
durch den Verkauf von Produkten, meist im Zwischenhandel, und durch den Kauf
von Waren, die nicht an Sachwerte, an Grund und Boden oder Naturalvorräte
gebunden waren.
Das
führte zu Geldverleih, Zinsen und Geldforderung, und neben dem Grundbesitzer
erschien der "Kapitalist”.
So
sammelte sich der Reichtum in wenige Hände, die aufgrund von Abgaben,
Bodenrente und Kapitalzinsen enorme Gewinne zogen, ohne selbst den Boden zu
bebauen, oder das Wagnis des Handels zu laufen. Der kleine Mann, der natürlich
dabei leer ausging, geriet wiederum in den Sog, der von der billigen
Arbeitskraft der Sklaven ausging, deren Zahl nun ständig wuchs.
Überall
hatten sich, meist an den günstigen Küsten des Mittelmeers, Städte gebildet,
die durch den regen Handel, den der Seetransport bequemer bot als der Landweg,
zu unermeßlichem Reichttum kamen. Dank diesen Reichtums entstanden großartige
Paläste,welche die regierenden Fürsten und die durch sie bevorrechteten Händler,
errichten ließen.
Diese
ausgedehnten Prachtbauten waren nur möglich in einem Land, das sozial so
gegliedert war, daß größere Mengen von Arbeitern an Bauten solchen Ausmaßes für
mehrere Jahre arbeiten konnen. Sie waren abhängig vom Willen eines Bauherrn und
der Bereitschaft einer größeren Volksmenge, sich diesem Willen zu beugen,
entweder als freie, entlohnte Handwerker oder, was eher warscheinlich ist, als
unterworfene Sklaven. Ferner war eine soziale Organisation die Voraussetzung,
welche es vermochte, die am Bau beschäftigten für längere Zeit mit Nahrung,
Kleidung und Unterkunft zu versorgen, so kümmerlich diese Versorgung auch war.
Solche
sozialen Ordnungen waren seit langem im Mittelmeerraum, Mesopotamien und
Ägypten bekannt.
Nach
der vom Orient übernommenen städtischen Siedlungsform wohnten die Handwerker um
den Palast des Königs. Ihre Nahrung erhielten sie durch Kauf - oder richtiger -
durch Tausch gefertigter Gegenstände von den Landleuten. Überhaupt war schon
damals die Zahl derer, die nicht direkt an der Produktion von Nahrungsmitteln
teilnahmen, aber genau so der Nahrung bedurften, größer als die der
Produzenten.
Auch
im Ackerbau hatte die bereits früher erfundene Arbeitsteilung Fortschritte
gemacht und man war nicht mehr darauf angewiesen, die Ernährung bis zur
nächsten Ernte zu decken. Überschüsse wurden von den Produzenten durch Tausch
oder Geld, das schon bekannt war, mit den nichtproduzierenden Handwerkern oder
den Bürgern der Städte gehandelt.
Alles
in allem läßt sich feststellen, daß die Arbeitsteilung die Leistungen des Einzelnen aller Stände
erhöhte; sie setzte sich - wenn auch nur langsam - durch, je mehr die soziale
Ordnung die Zusammenarbeit einer größeren Zahl von Menschen erlaubte.
Wenn
hier von Nahrungsmittelproduzenten gesprochen wird, dann mit Absicht, denn die
wenigsten waren selbständige Bauern auf eigner Scholle oder Besitzer der
Viehherden. Die Güter und Ländereien gehörten dem Adel, der sie verpachtete
oder sie durch Sklaven bearbeiten ließ.
Dieser
durch nichts zu rechtfertigende Besitzanspruch des Adels auf Land- und
Waldrechte, - einziger dauerhafter Wert gegenüber dem Geld und in allen
Kulturen gehandhabt - sollte sich über die Jahrtausende bis heute erhalten. So
finden wir, daß Sklaven und danach Leibeigene, trotz später christlich
inspirierter Zivilisation, bis ins 19te Jarhundert hinein für deren Reichtum
und Wohlstand sorgten. Daß man unter diesen Umständen nicht von einer sozialen
Gerechtigkeit sprechen kann, dürfte wohl klar sein.
Die Summe aller geschilderten Errungenschaften, sowie die
zahllosen hier nicht erwähnten, hatte zur Folge, daß der Zwang, die
fundamentalsten Bedürfnisse zu befriedigen, unter dem noch ihre Vorfahren gestanden hatten, zumindest
für einen Teil der Bevölkerung gemildert war. Die Aristokratie hatte diesen
Drang schon seit Jahrtausenden nicht mehr. Man konnte sein Interesse anderen
Dingen zuwenden und die Skala der Wichtigkeit der Bedürfnisse verschob sich,
wie zum Teil bereits an anderer Stelle erwähnt. Diese Bevölkerungsschichten
waren vornehmlich in den Städten zu finden, während die Landbevölkerung, sowie
die Schwachen, Erfolgslosen, Glücklosen
und Unfreien weiterhin ihr schweres Los zu tragen hatten.
Was
in dem Urdorf noch mehr oder weniger von der Natur erzwungen worden war, für
alle gleich, und dem man sich unterworfen hatte ob mit oder ohne Einsicht, zum
eigenen Vorteil und damit auch ungewollt zum Vorteil aller, geriet durch die
beschriebenen verbesserten Lebensumstände in ein Zwielicht.
Den
Genuß persönlicher Vorteile, den die Gemeinschaft bot, wurde, wie bereits an
anderer Stelle erwähnt, meist ohne entsprechende Gegenleistung an die
Gesellschaft als selbstverständliches Recht betrachtet.
Dafür,
daß diese Gegenleistung jedoch erfolgte, hatten schon sehr früh die Priester
und Fürsten durch von ihnen erlassene Gebote und Gesetze versucht, die
Einhaltung zu erzwingen. Entweder waren es Gebote, die an die Religion des
Volkes gebunden waren und durch sie begründet wurden, oder die Gesetze
entsprangen je nach dem aus der Weitsicht und Fürsorge oder der Willkür und dem
Eigennutz des jeweiligen Machthabers.
Am
geläufigsten sind uns heute die 10 Gebote des Moses an sein jüdisches Volk, die
den religiös gebundenen Versuch darstellten, eine zeitlose Gültigkeit für alle
Stämme der Juden zu erzwingen und das Zusammenleben und den Zusammenhalt in
einer stets feindlichen Umwelt zu begünstigen.
XII
Die
politischen Ordnungen (Demokratie).
Im Zuge der weiteren Entwicklung
hatten manche fortgeschrittene Völker, z.B. die Griechen, zum gleichen Zweck
schon eine Art von Verfassung, die Rechte und Pflichten des selbstverständlich
freien Bürgers,- die Anderen und Sklaven waren davon nicht be- troffen -, in
ihrem Staat zu regeln beabsichigten.
Selbstverständlich
waren die ersten Verfassungen noch sehr einfach und unkompliziert und nicht
ausgefeilt und ausgeklügelt wie heute. Es war aber ein Beginn, denn wir
Menschen mussten wie ein Kind erst kriechen lernen, bevor wir zu laufen
versuchten.
Was
wir heute unter dem Begriff “Griechenland" verstehen, waren in alter Zeit
eine Vielzahl von selbständigen und unabhängigen Stadtstaaten mit nicht immer
gleicher sozialer Ordnung, aber alle mit einer eignen Armee. Sie bildeten keine
zusammenhängende Nation nach heutigen Begriffen, sondern schlugen und
bekämpften sich manchmal recht herzhaft gegenseitig.
Diese
Stadtstaaten, welche um 450 v.Chr. ihre Blütezeit erlebten unter dem Herrscher
Perikles, hatten noch eine innere Ordnung, die sich im wesentlichen aus der aus
grauer Vorzeit geübten individuellen Abstimmung der Mitglieder eines Stammes
stützte, um die Organe der Macht und die Richtung der Politik zu bestimmen.
Sie
nannten das "Demokratie" nach dem griechischen Wort "Demos =
Volk" und "Kratos = Herrschaft"..
In
seiner originalen Bedeutung ist es also eine Form von Regierung, in der das
Recht, politische Entschlüsse zu fassen, direkt von den versammelten Bürgern
ausgeübt wird. Nach unserer heutigen
Begriffsbestimmung nennt man sie daher eine “direkte Demokratie" im
Gegensatz zu anderen, welche später zu gegebener Zeit erwähnt und erklärt
werden.
Fehlerhaft
und unvollkommen wie diese eigenartige politische Einrichtung war, worüber noch
gesprochen wird, sollte sie sich im
politischen Machtkampf mit Königen
und Diktatoren nicht lange halten. Jedoch wurde sie in der geistigen
Auseinandersetzung für die ganze
folgende Menschheitsgeschichte ein Lichtblick und zeigte den Weg zu einer
gerechteren sozialen Ordnung der Machtverhältnisse.
Besonders
bekannt und zeitweilig der erfolgreichste von allen Stadtstaaten war Athen,
welches immer der Mittelpunkt war und mit Griechentum schlechthin identifiziert
wurde. Durch siegreiche Kriege, gut eingefädelte Bündnisse, die Gründung von
Ablegerstädte rund um den Mittelmeerraum und begünstigt durch einen regen
Seehandel, erlangten die Griechen zeitweilig einen für damalige Verhältnisse
beträchtlichen Machtraum. Selbstverständlich hatten die Griechen auch eine
Adelsschicht, der es zeitweilig gelang, die Macht an sich zu reißen und die
Demokratie abzuschaffen.
Neben
dem Adel stellten die Vollbürger, also diejenigen die wahlberechtigt waren,
alles in allem nur einen Teil, selten mehr als zwei drittel der Bevölkerung.
Der Rest waren Fremde und die Mehrzahl rechtlose Sklaven. Auch die Frauen der
Vollbürger waren entrechtet und konnten nicht an Wahlen teilnehmen, um
vielleicht ihr Los zu verbessern.
Sklaverei
war nicht nur vereinbar mit dieser Art von Demokratie, sie setzte Sklaverei
voraus, weil sie allein es dem Vollbürger erlaubte, sich die nötige Freizeit zu
nehmen, an dem Geschwätz auf der Agora - dem Marktplatz - teilzunehmen oder
sonstige öffentliche Verpflichtungen nachzukommen. Sie proklamierte und
verteidigte die Gleichheit der Bürger im Staat und vor dem Gesetz, versäumte
aber, die allgemeine Auffassung von Gleichheit der Menschheit zu entwickeln.
Weitgehend
bekannt wurde der bereits erwähnte Perikles, 499-429 v.Chr., der als grösster
Staatsmann des alten Athen gilt, welches er 15 Jahre - alljählich wieder gewählt
- als erster Mann des Volkes regierte.
Er
vertrat die Richtung einer vollen Demokratie mit Feindschaft gegen Sparta,
welches mehr unter dem Einfluß der Reichen stand, und strebte danach, für Athen
und seine verbündeten Stadtstaaten die Weltherrschaft zu erringen.
Sein
Anspruch war, dass die von Athen praktizierte Demokratie ein Modell sei für
andere Stadtstaaten oder Völker, weil sie seinen Einwohnern Gleichheit und
Freiheit der Rede, vor dem Gesetz, in der Politik und in der Bildung
garantiere.
Weiterhin
war er der Überzeugung, sie garantiere volle Beschäftigung für alle, gute
wirtschaftliche Verhältnisse und auch, man staune, eine menschliche Behandlung
von im Lande lebenden Fremden und Sklaven.
Unter
ihm erzeugte die Demokratie eine glühende Loyalität, in welcher zeitweilig
idealistische und materialistische
Interessen übereinstimmten oder sich zumindest vertrugen.
Soweit
die ideale Seite. Jedoch wie die Zeit verging, brachen die freiwilligen
Methoden der Zusammenarbeit gegenseitiger Interessen zusammen. Was als
Demokratie ihre Stärke war, nämlich freie Rede und Gedankenaustausch, sollte
auch ihre Schwäche werden gegenüber den totalitär regierten Feinden ringsum,
sowie den ehrgeizig und unehrlich handelden Kräften innerhalb.
Meinungsaustausch
und Gedankenstreit über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen,
alles Reden über philosophische und religiöse Probleme, trugen in sich den
gefährlichen Geist der Zersetzung. Sie untergruben die großen Werte der
Vergangenheit.
Der
Versuch einer Weltherrschaft mit Hilfe der direkten Demokratie sollte sich
wegen vorhin genannter Gründe und in der weiteren Entwicklung als zu
beschwerlich und hemmend erweisen. Das Experiment endete mit dem Sieg Spartas
über Athen.
Obgleich
die griechische Demokratie den Fall von Athen überlebte, erholte sie sich nicht
mehr zu ihrer vorherigen Blüte. Nach einer langen Periode des Niedergangs
verschwand sie vollends mit dem Triumpf von Rom.
Damit
war, um es nochmals zu sagen, ein schwacher Lichtblick von Freiheit, der die
jahrhundertelange Unterdrückung durch Tyrannen und Diktatoren ablöste, wieder
erloschen. Aber der Gedanke eines Mitspracherechts des gemeinen Volkes, wie der
Staat und sie selbst zu regieren seien, war ins Rollen gekommen und sollte nicht mehr zum Schweigen zu bringen sein.
XIII.
Griechische
Staatsphilosophie.
Um die erwähnte Zeit taten sich
in Griechenland große und tiefschürfende Denker hervor, die vor allem auf dem
Gebiet der Gesellschaftsphilosophie Entwicklungen einleiteten, von denen wir
heute noch in der westlichen Welt profitieren. Auch sie erkannten die Unvollkommenheiten der herrschenden
Staatswesen und die damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten gegenüber den
neu aufgekommenen gebildeten Gesellschaftsschichten.
Es
wurde die Frage heiß diskutiert, wer die besten Fähigkeiten habe, solch einen
Staat von freien Bürgern zu regieren.
Wie
war es zu verhindern, daß Willkür und Eigennutz die Handlungen der Führer
bestimmten, oder daß sie die Meinung des Volkes manipulierten zum eigenen
Vorteil und nicht auf die wahre Meinung und Nöte des Volkes hörten?
Besonders
der Philosoph “Plato" sei genannt,
welcher sich hervortat mit der Begründung eines idealen Staates, in dem die
Besten, schon früh ausgewählt (von wem?) und hart erzogen, ohne Eigentum oder
Haus und selbst ohne Ehefrau, führen sollen als Krieger und künftige Herrscher.
Wir
sehen hier die philosophische Begründung eines Staatswesens, welches einem
Ameisenstaat sehr nahe kommt. Es fehlte nur noch die Übertragung allen
Eigentums an den Staat und wir hätten schon damals ein kommunistisches
Staatswesen, a la Rußland, vom Entwurf
her haben können.
Selbstverständlich
gab es auch Kritiker, die auf die Fehler seines Staatsentwurfes hinwiesen
mittels der Kenntniss größerer Lebensnähe und es blieb dann auch nur bei einem
utopischen Entwurf. Das hinderte aber nicht spätere Generationen von Denkern,
immer wieder solche und ähnliche, verbesserte Gedanken Platos, aufzugreifen und
solche als die einzig richtigen Wege zur Verbesserung der menschlichen
Gesellschaft zu propagieren.
Zurückgreifend
auf schon vorher Gesagtes über die
zahlreichen griechischen Denker z.B. oder auch andere, die keinen Stein
ungewendet ließen in ihrem Streben, plausible Lösungen zu finden für die allerseits
anerkannten sozialen Ungerechtigkeiten, sei
nur erwähnt, daß damals sich schon die Geister schieden. Die einen
wollten den Staat und die Rechte der Staatsmacht über die Rechte des
Individiums stellen. Mit anderen Worten, die Summe der Einzelnen ist für den
Staat da. Dagegen stritten andere dafür, daß die Rechte des Individiums über
die Rechte des Staates stehen, der Staat also für seine Untergebenen da ist.
Diese
interessante Streitfrage macht, diesesmal mit anderen Worten und in anderer
Spielart, das uralte und breits hier oft erwähnte Problem der Unterordnung
unter die Erfordernisse der Gemeinschaft,im Gegensatz zur Betonung der
individuellen Rechte klar.
Das
waren und sind auch heute noch zwei vorgebrachte extreme Thesen, nach denen -
entweder in reiner Form, wie vorhin gebraucht, oder in abgeschwächten
Abwandlungen zwischen beiden, im Laufe der Jahrhunderte Staatsformen gegründet
wurden, wobei die Tendenz immer mehr zur absoluten Staatsform neigte als
umgekehrt.
Es ist wohl offensichtlich, dass in der absoluten Staatsform,
und sei sie auch etwas abgeschwächt, der Mißbrauch persönlicher Freiheiten der
Bürger und damit das soziale Unrecht größer war als im entgegengesetzten
Extrem, welches eher eine soziale
Gerechtigkeit förderte.
Damit
ist das Thema bei weitem noch nicht erschöpft, was wir in späteren Abhandlungen
noch sehen werden.
XIV
Die
Zeitspanne des römischen Reiches.
Kurz ein Wort zu einer
allgemeinen Erklärung. Es läßt sich nicht vermeiden, daß in der weiteren
Behandlung des zentralen Themas dieser Abhandlung in allen drei Kapiteln, immer
wieder die gleichen Züge des Verhaltens von uns Menschen miteinander, so oder
so gebrandmarkt werden, mit fast sinnvoll gleichen Worten, wie sie bereits in
früheren Bemerkungen herausgestellt wurden. Der Unterschied liegt nicht im
Grundsätzlichen, das bleibt sich immer gleich, sondern in den verwickelten und
neu hinzu kommenden Varianten durch die stetigen Weiterentwicklungen und
komplizierter werdenden Zivilisationen. Mit anderen Worten, das Problem ist
grundsätzlich das gleiche, nur ist es durch andere Symptome und Nuancen schwerer zu erkennen.
Wenn
wir uns eingehend mit dem römischen Weltreich befassen, so hat das seinen Grund
in dem Erbe, den dieses Reich uns, in Verbindung mit dem übernommenen ererbten
Hochstand der Griechischen Errungenschaften in Geistes - und
Naturwissenschaften, hinterlassen hat und welches unsere heutige Kultur und
Entwicklung beeinflusste.
Die
soziale Ordnung des römischen Reiches entsprach noch militärischen
Gesichtspunkten. Von der Gründerzeit, 753 bis etwa 500 v.Chr. herrschten noch
Könige. Mit ihren Königen nicht zufrieden, entfernten die Büger diese und
gründeten eine Republik. Jedoch war sie nicht so, wie wir heute Republiken
kennen; denn nicht alle Bürger hatten die gleichen Rechte.
Das
Volk stimmte auf dem Marsfeld nach Zenturien gegliedert solange ab, bis
Stimmenmehrheit erreicht war. Da jedoch die oberen Zenturien mehr Stimmen
hatten als der Zahl ihrer Mitglieder entsprach, und da sie zuerst stimmten,
genügte es, wenn die ersten Zenturien sich einig waren. Somit beherrschten die
oberen Zenturien die Volksversammlung - ein ganz schön eingefädelter Betrug.
Trotz
dieser Fassade lag die eigentliche Macht beim Senat, dem nur Mitglieder der
adeligen Geschlechter und frühere hohe Beamte angehörten. “Man war wieder unter Gleichen". Die
wichtigsten Entscheidungen fielen innerhalb der führenden Geschlechter, nicht
in der Öffentlichkeit. Der Charakter des Staates war jeder Diskussion abhold im
Gegensatz zum vormaligen griechischen Staat.
Die
staatliche Ordnung war eine Ordnung der Befehlsgewalt, der zu folgen war. Die
Manneszucht, die Disziplin, war die Seele des Staates. Sie wurde notfalls mit
Gewalt erzwungen, sowohl gegenüber dem einzelnen Schuldigen als auch gegenüber
einer frevelnden Gruppe, sei es eine Stadt oder ein unterworfenes Volk. Die
Stärke des Staates - siehe vorherige Bemerkungen - ruhte auf der inneren
Bereitschaft des Einzelnen, sich der sozialen Gemeinschaft einzuordnen. Selbst
innere Kämpfe konnten nicht die Ordnung in Frage stellen, auf der das römische
Staatswesen ruhte.
Obschon
im römischen Staat abgestimmt wurde, wie bereits erwähnt, war er doch keine
Demokratie griechischer Prägung wie bekannt, noch konnte ein Einzelner nach
belieben diktieren. Der Gemeinschaftsbegriff, die Gemeinschaft war wichtiger
als die einzelnen Glieder. Sie bestimmte die Haltung des römischen Bürgers, und
sein Verhältnis zur Obrigkeit, zum Senat, zu den Beamten, zum Gesetz.
Dabei
war nicht jeder Einwohner des römischen Reiches auch gleichzeitig römischer
Bürger und nicht jeder Bürger hatte den gleichen politischen Einfluß. Der
Machtanspruch des römischen Staates beruhte nicht nur auf seinen staatlichen
Gesetzen, die für alle bindend waren, sondern auch auf den religiösen
Anschauungen. Aus dem Glauben an die Macht, aus der Überzeugung, Rom sei
berufen die Welt zu regieren, schöpften sie die Kraft für ihren politischen
Erfolg. Sie schafften es, die ganze damalige Welt um das Mittelmeer zu erobern
und die Völker zu tributpflichtige Untertanen zu machen.
Mit der Gründung des römischen Imperiums,
eine höhere Staatsform als das Reich,
etwa um 27 v.Chr. durch Caesar
Augustus, begann die Periode einer strengen römischen Herrschaft über
die zu dieser Zeit bekannte und in etwa zivilisierte Welt. Die Römer unterhielten große Armeen in allen
Gebieten und es herrschte unter Augustus eine lange Zeit Frieden. Der Handel zu
Land und zur See war unbehindert und man nannte diesen Zustand "Pax Romana" - Römischer Friede.
Selbstverständlich
übernahmen die Römer nicht nur fast alles von der großen griechischen Kultur
und verarbeiteten es auf ihre Weise, sie hatten auch den gleichen
wirtschaftlichen und sozialen Aufbau wie diese mit massenhaft vielen rechtlosen
Sklaven, viele unfreie gewerbetreibende Bürger, wenigen reichen Händlern und
Kaufleuten und noch wenigerem Besitzadel. Das führte zwangsläufig zu
zahlreichen inneren Reibereien und blutigen Aufständen zwischen den armen oder
auch reich gewordenen Plebejer - niedrige Leute oder Pöbel -, welche
ausgeschlossen waren von der Teilnahme an der Macht und dem Kreis der
machtvollen Patriziern - des Besitzadels.
Nach
anfänglichen Erfolgen der Plebejer und Zugeständnissen für ihre Forderungen,
blieb doch letzten Endes alles beim Alten.
Was
jedoch zu Beginn die Stärke des römischen Reiches und Imperiums war und zu den
beschriebenen Erfolgen führte, wurde auch die Ursache für den späteren Verfall.
Rom lebte von der Kriegsbeute und nur römische Bürger hatten das Recht, die Früchte
der Siege zu ernten. Das Bürgerrecht wurde eine Pfründe.
Die
anfänglich noch sehr idealistische Haltung von Adel und Bürgerschaft in der
Handhabung der Staatsmacht, die fest auf das Beamtentum ruhte, verwandelte sich
im Laufe der Vergrößerung des Reiches mehr und mehr in einen krassen
Materialismus der Stände. Die sozialen Machtverhältnisse änderten sich unter
dem Druck der stetigen kriegerischen Verwicklungen und Eroberungen. Der durch
Cäsar Augustus begründete Frieden, die “Pax Romana", für die Ewigkeit
gedacht, blieb nur eine Episode.
Nach
all dem bisher Beschriebenen ist es klar, daß trotz großer Anstrengungen und
gut gemeinten Absichten von vielen Seiten, auch von gerecht denkenden
Staatsmännern sowie ehrlich überzeugten Philosophen, in dem riesigen Reich
nicht die Spur einer sozialen Gerechtigkeit für alle Einwohner aufkommen
konnte.
Immerhin
sollte das Beispiel des römischen Reiches mit seinen positiven Errungenschaften
durch seine Ausstrahlung auf die umgebenden Völker bestimmend sein für deren
weitere Entwicklung und die Entwicklung des nachfolgenden europäischen
Abendlandes.
XV.
Das
Christentum und sein Einfluß.
Dies war aber nur ein Abschnitt
in der Entfaltung unserer heutigen westlichen Kultur. Den anderen sollte die
Entstehung und die später weltweite Ausbreitung des Christentums bilden, die
zur Hochzeit des römischen Reiches, im besetzten Judäa, erfolgte.
Ein
Prediger, den seine Gefolgsleute “Jesus Christus den Erlöser" nennen
sollten, verkündigte ein neues Evangelium. Es war geboren aus den Wurzeln der
jahrhunderte alten jüdischen Religion, die anstelle der Vielgötterei der
Griechen und Römer, nur einen einzelnen übernatürlichen Gott anerkannte.
In
jüdisch historischer Zeit, hatten Könige, und Propheten genannte Denker, ihr
Wissen als Eingebung von ihrem Gott in Schriften - Tora genannt - niedergelegt,
welche mit zu den ältesten Schriften gehören, die wir Menschen kennen und
besitzen. Wie bereits berichtet, waren diese Schriften angefüllt mit den
Sehnsüchten und Hoffnungen des Volkes nach einem gerechten und den Armen und
Schwachen zugeneigten König und Erlöser, also dem Wunsch nach sozialer
Gerechtigkeit.
Selbst
aus dem Volke kommend , kannte “Jesus Christus” die Nöte der unteren Schichten
wie auch die alten Schriften und die Willkür der Herrscher aus eignem
Erlebnis.
Auf
die religiösen Aspekte seines verkündeten Evangeliums soll hier nicht länger
eingegangen werden, das gehört nicht zur Aufgabe dieser Abhandlung. Falls sich
durch die neuen religiösen Gesichtspunkte, gepflegt und akzeptiert von einer
großen Menge von Gläubigen, Rückwirkungen auf den Fortschritt hin zu einer
besseren sozialen Gerechtigkeit ergeben sollten, werden sie erwähnt.
Dem
bis dahin gängigen Gesetz - Auge um Auge, Zahn für Zahn - stellte er das Gebot auf
: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst...”
- “... tue Gutes denen die dich
hassen”.
Jedoch
war er mit dieser revolutionären Forderung für die damalige Zeit nicht der
Erste. Schon 400 Jahre vorher hatte der chinesische Philosoph “Mao Tse"
sein berühmtes Prinzip der allgemeinen Menschenliebe aufgestellt, ohne jedoch
den großen und nachhaltigen Anklang und die weite Verbreitung seiner Lehre, wie
Christus und seine Anhänger, zu erreichen.
Desgleichen
waren nicht alle Lehren und Glaubenssätze die er verkündete, ohne selbst je ein
geschriebenes Wort hinterlassen zu haben, völlig neu. So waren die hohen
ethischen und moralischen Anforderungen, die sie an die Menschen stellten,
nicht anderes als der Versuch eines
sozialen Ausgleichs und waren zum Teil schon in anderen Religionen und bei den
antiken Philosophen bekannt.
Der
Mithras Kult, seit Mitte des 5. Jh. v. Chr. in Ostasian entstanden und später
über ganz Persien verbreitet, kannte
z.B. die Taufe, Konfirmation, das Abendmahl, die Dreieinigkeitslehre und
feierten um unseren heutigen 25. Dezember herum den Gebutstag des Lichtgottes.
Was
die verhältnismäßig schnelle Verbreitung der neuen Religion begünstigte, waren
mehrere sich zum Vorteil auswirkende Faktoren.
Vorher
sei nur noch kurz erwähnt, daß, obschon Christus Jude war wie seine Apostel, und obschon sich vieles auf
die alte jüdische Religion stützte, die jüdische Bevölkerung nur geringfügig
sich zur neuen Religion bekannte. Sie erwarteten einen Erlöser von der
Unterdrückung durch das allmächtige Rom und keinen, der Nachsicht und
Duldsamkeit predigte.
Wenn
hier also von einer entsprechend schnellen Verbreitung gesprochen wird, so
waren das zuerst die Völker rund um das Mittelmeer und im Machtbereich des
römischen Weltreiches. Weiterhin wurde durch die Lehre Christie gefördert, daß
alle Menschen, gleich welchen Standes, Volkes oder Rasse vor Gott gleich seien
und zu seiner von ihm gegründeten Kirche gehören.
Ferner
war der Boden für die Aufnahme einer neuen Religion, wie sie Christus mit seinen
Aposteln und Jüngern verbreitete, gut vorbereitet durch die Müdigkeit der
Völker mit dem Wirrwarr ihrer alt hergebrachten Götterverehrungen und
Vergötterung der jeweiligen Herrscher. Je mehr die Politk enttäuschte und den
Einzelnen in seinem Wohlergehen gefährdete, desto mehr wandte sich die
Bevölkerung jenseitigen Fragen zu.
In
dem Maße in dem das Unbehagen am Staatlichen Leben wuchs, - Grund genug war
dafür in Überfülle vorhanden - und in dem die Unsicherheit des Einzelnen in
dieser Welt der Kriege und Krisen zunahm, gewannen die Erlösung verheißenden
Religionen fruchtbaren Boden.
Daß
sich der unermeßlich starke und mächtige, jedoch ebenso gerechte und milde Gott
der Armen und Schwachen annahm, der Sklaven und Kranken, und daß er sie mit
Liebe und Nachsicht gegen ihre Sünden behandelte, war eine Labsal für ihre
armen, über Jahrtausende geschundenen Seelen. Kein Wunder also, daß das
Christentum nach mehreren hundert Jahren schwerer Leiden und Verfolgungen, im
römischen Weltreich gegen andere Religionen obsiegte. Nicht zuletzt hatte das
auch seinen Grund in der vom Judentum übernommenen Ausschließlichkeit. Genau
wie diese fühlten sich die Christen als das von ihrem Gott auserwählte Volk.
Dieses
Bewußtsein der Ausschließlichkeit ihrer Mission verhinderte, trotz mancher
gefährlicher Ansätze in dieser Richtung, die Vermischung des Christentums mit
anderen Kulten und sein Aufgehen in dem allgemeinen Religionsgemisch jener
Zeit.
Weil
die ersten Anhänger der neuen Religion aus den unteren, ungebildeten Schichten
der städtischen und ländlichen Bevölkerung kamen, stellten sie auch, wegen
ihrer Masse, für die herrschende Schicht eine soziale Gefahr dar. Sie predigten
zwar keine gesellschaftliche Revolution - darüber konnten sie beruhigt sein -
sondern, als Blutzeugen eines neuen Glaubens mit sittlicher Unbedingtheit alles
Weltliche verwerfend, den nahen Untergang der
Welt und die bevorstehende Herabkunft des Gottesreiches.
Die
dadurch eingehandelte Feindschaft der gebildeten und herrschenden Schichten neben
der Weigerung, dem jeweiligen Kaisergott den verlangten Tribut zu spenden,
brachte ihnen grausame und blutige Verfolgungen ein.
Wie
jede neue Idee, hatte auch die christliche Kirche nicht nur mit äußeren Feinden
zu kämpfen sondern auch mit Meinungsverschiedenheiten in den eigenen Reihen,
bis im Konziel von "Nikäa", um 325 n. Chr., die Kirche, so wie wir
sie heute im großen und ganzen kennen, durchgesetzt wurde.
Der
Untergang der Welt ließ auf sich warten. Die Zahl der Anhänger wuchs und die
ablehnend eingestellten Kräfte erkannten,
daß die extrem hohe sittliche, moralische und damit
zivilisationsfördernde Haltung der Christen sie zu leicht zu gebrauchende und
folgsame Bürger machte, die man am besten mit ihrem Glauben in Ruhe ließ und
nicht zwang, an den alten Kulten 00teilzunehmen.
So
um die 300 Jahre n.Chr. ließ der römische Kaiser Konstantin die christliche
Religion in seinem Reich den anderen Religionen gleichstellen und im Jahre 391
wurde sie unter Kaiser Theodosius zur alleinigen Staatsreligion erhoben.
XVI
Der
Erfolg des Christentums.
Damit hatten die Christen, - es
ist nun angebracht von einer Kirche zu sprechen - also die römische Kirche,
gegen alle äußeren Widerstände und inneren Gefährdungen, sich in wenigen
Jahrhunderten von einer kleinen elitären Sekte im fernen Judäa, zu einer
ständig wachsenden, äußerlich machtvollen und innerlich gefestigten Religion
entwickelt.
Sie
verdankte dies in erster Linie den beiden Grundpfeilern, auf denen sie ruhte:
Der strengen äußeren Ordnung in der sich festigenden priesterlichen Rang - und
Herrschaftsordnung und mit der geradezu grandiosen Folgerichtigkeit und Härte,
mit der sie ihr Glaubensdogma als absolute Wahrheit gegen allen Widerspruch
bekämpfte. Sie war in der Tat eine universelle, eine katholische Kirche geworden und genoß Ansehen und
Autorität.
Ihr
innerer organisatorischer Aufbau war nach dem elitären Prinzip, in Anlehnung an die bekannten
Lehren und Vorschläge des griechischen Philosophen “Plato", ausgerichtet,
mit dem Papst als Oberhaupt. Er residierte in Rom, der Hauptstadt des
römischen, und auch später, nach der Teilung des Reiches, des weströmischen
Reiches.
Es
herrschte demnach keine Demokratie in der römisch katholischen Kirche: Die
Masse der Anhänger war von jeder Anteilnahme an die Geschicke der weltlichen
Aspekte der Kirche ausgeschlossen und das sollte sich bis heute nicht ändern.
Sie
verfügte über Anhänger, die bereit waren, ohne zu fragen und ohne gefragt zu
werden, Opfer zu bringen und sie besaß eine Organisation, die über die
Verfolgungen hinweg intakt geblieben war. So kam es, daß der Kirche die
staatstragende Rolle zugewiesen wurde, eine Zumutung, von der sie sich durch
ihre religiöse Jenseitseinstellung auf
das Stärkste hätte abwenden sollen.
Weiterhin
wurde sie mit recht fraglichen weltlichen Gütern durch kaiserliche Erlasse
gesegnet wie Erbfähigkeit der Kirche, Erlassung der Staatslasten für die
Priester - es lohnte sich Priester zu sein - und Übernahme der magistralen
Funktionen. Sie war eine öffentliche staatliche Einrichtung geworden, und der
Keim war gelegt für ihr Wachstum über das bekannte, jedoch dem Untergang
geweihten römischen Weltreich hinaus. Aber auch der Keim für eine weltliche
Entartung, mit ihren verheerenden Folgen für die soziale Gerechtigkeit in den
von ihr beeinflußten Völkern.
Die
Einheit der Kirche war aber nicht homogen und daher nur scheinbar. Da waren
diejenigen, und es war die Mehrheit der Armen und Ungebildeten mit einigen
Intellektuellen, die weiterhin die Welt ablehnten und die Nachfolge Christi in
der Entsagung, im Mönchwesen und in der Askese suchten. Ihnen wurde
vordergründig anheim gestellt, das
Heil nicht im sammeln von irdischen Gütern,
dem Mammon zu suchen, sondern auch das Letzte noch herzugeben für die
ewige Seligkeit der unsterblichen Seele.
Diese
mit Nachdruck gepredigten Phrasen führten dazu, daß neben der wirtschaftlichen
Armseligkeit, die gezielt geförderte geistige Armseligkeit trat, die wiederum
die wirtschaftliche Armseligkeit verstärkte.
Da
waren andere, die bereit waren im Dienst an dieser Welt eine echte christliche
Aufgabe zu sehen wie Krankenplege, Waisenfürsorge und andere Wohltätigkeiten,
um ebenfalls für ihr Seelenheil zu sorgen. Sie kamen damit der Befürwortung
einer sozialen Gerechtigkeit am nächsten, wenn auch alles nur geschah mit
ihrem Blick auf das Jenseits.
Und
dann waren da diejenigen, die mit beiden Beinen in dieser Welt standen, sich
von Macht und Pracht angezogen fühlten und lieber nach Heil und Wohlstand auf
Erden strebten als nach einem ungewissen Jenseits.
Vor
allem die bisherigen führenden Kreise erkannten ihre Chance und nutzten sie
geschickt, indem sie die christliche Hierarchie unterliefen. Sie stellten die
Bischhöfe und sonstige Kirchenfürsten. Söhne und Töchter des Adels, die man
nirgendwo anders unterbringen konnte, wurden, ohne Rücksicht auf ihre meist
fraglichen Fähigkeiten, in lukratieve Posten der Kirche bugsiert.
Das
sollte in den späteren Jahrhunderten, vor allem in den Nachfolgestaaten des
zerbrochenen römischen Weltreiches, zu einem Pomp und Luxus der Machtentfaltung
führen, der den größten Kaiserreichen der Antike um nichts nachstand.
Merkwürdigerweise
schwächten diese widerstreitigen Kräfte innerhalb der Kirche weder ihre
Schlagkraft nach außen, den heidnischen Völkern gegenüber, noch die
Überzeugungskraft und Glaubenswütigkeit ihrer Anhänger. Es ist daher leicht zu
verstehen, daß ein Wechsel in dem sozialen Aufbau der vom Christentum
beeinflußten Völker nicht stattfinden konnte. Dazu waren alle, auch die
Intellektellen, mit wenigen Ausnahmen, zu sehr dem Zeitgeist verfallen, der die
Zustände so sah wie sie waren, als von Gott so gewollt. Es kam kaum ein Gedanke
auf, sie zu ändern und wenn es doch einer wagte, solche Gedanken zu äußern,
wurde er als Ketzer verschrien und, handelte es sich um religiöse Fragen, in
späteren Jahrhunderten mit Feuer und Schwert ausgemerzt.
Sklaverei und Leibeigenschaft sollten noch
für Jahrhunderte so bleiben wie sie waren, im krassesten Gegensatz zum
christlilichen Dogma von der Gleichheit der Menschen vor Gott, während die
Reichen und der Adel weiterhin schwelgten wie eh und je. Man war wieder unter
sich, die Welt war für sie in Ordnung und sollte es noch lange bleiben.
Recht
und Ordnung in Rom.
Es hatte sich viel verändert,
seit hier vom Kulturkreis des Mittelmeerraums zum ersten Male gesprochen wurde.
Den Zeiten der reinen Machtgier und Willkür einzelner Herrscher folgten solche,
die mit Gewissen, Verantwortungsgefühl und einem, wenn auch manchmal hinkenden
Gerechtigkeitssinn angefüllt waren. Hinzu kamen die Veränderungen, wie zum Teil
bereits erwähnt, in der Landwirtschaft, im Handel und Gewerbe und der
Verbesserung des Warentausches gegen Münzen: das Geldwesen.
Der
menschliche Geist war auch sonst sehr regsam geworden und hatte, nicht zuletzt
angeregt durch Entdeckungen der griechischen Philosophen in Physik und
Mathematik, Fortschritte gemacht in Technik und vielen anderen Wissenschaften.
Man
kann also getrost von zivilisierten Völkern reden zu dieser Zeit, weil sie die
Welt um sich herum verändert hatten mittels ihrer Fähigkeit, sie zu
kontrollieren und die Stoffe zu gebrauchen, welche ihnen die Natur so
reichhaltig bot.
So
war z.B. Ost Rom ein Rechtsstaat, in dem Kaiser Justinian der Erste die Gesetze
sammeln und sichten ließ. Sein “Corpus iuris civilis", herausgegeben etwa
um 529 n.Chr., bildet noch bis heute die Grundlage des römischen Rechts, auf
dem die später nachfolgenden Staaten ihre nationalen Rechte aufbauten.
Juristisch
geschulte Richter handhabten das Recht, auf dem die öffentliche Ordnung
beruhte. Auch die Beamten und sonstige Staatsdiener waren an das Recht gebunden
und obschon Willkür vorkam, hatte der Untertan das Recht der Beschwerde beim
Kaiser.
Wo
geschriebene Gesetze und geschulte Richter existierten, mußte es
selbsverständlich auch Schulen geben.
Es
wurde bereits erwähnt, daß die Priester der älteren Kulturen diejenigen waren,
die in ihrer jeweiligen Kultur eine Schrift und Zahlen aus Bildzeichen
entwickelten, um sie als machtvolles
und magisches Wissen gegen ihre Mitmenschen zu gebrauchen. Sie waren
folgerichtig damit auch die ersten Lehrer in
Priesterschulen, die ihr Wissen an besonders ausgewählte Schüler
weitergaben.
Erst
in Griechenland, das man auch als die Wiege der Schulbildung bezeichnen kann,
wurde aus dem streng geheimgehaltenen Wissen
der Priesterschulen ein Schulsystem aufgebaut, welches zwar nicht wie in
dem Sinne “für Jedermann" gedacht war, wohl aber für jene, die
entsprechende Beziehungen hatten und es sich leisten konnten.
Verständlicherweise fand das natürlich nur in den Städten statt, und diese
Entwicklung ist mit der Grund für das Geschenk der griechischen Denker und
Philosophen an uns heute.
In
Rom waren es zuerst die Griechen, die als Lehrer Schulen gründeten, um reiche Schüler im Lesen und
Schreiben zu unterrichten. Daraus entwickelten sich später spezielle Schulen,
sofern der Geldbeutel reichte, über Rhetorik, Philosophy und Rechte mit dem
Hinblick auf eine Berufslaufbahn im öffentlichen Leben oder im Dienste des
Staates.
So
wunderten sich Fremde in Konstantinopel, daß selbst die Handwerker des Lesens
und Schreibens kundig waren und über schwerverständliche theologische Lehrsätze
diskutierten wie, die Unterscheidung von “Gottähnlich" und
"Gottgleich".
Der
Wechsel und die Veränderungen im Leben der Völker waren also enorm, und man
kann getrost von einem gewaltigen Fortschritt sprechen, wogegen eine
Verbesserung im Hinblick auf den sozialen Ausgleich innerhalb der Gesellschaften
und die soziale Stellung der Armen, Kranken, Frauen, Sklaven und Leibeigenen
auf sich warten ließ oder so gering war, daß sie sich über Zeiträume
entwikkelten, die nur in Jahrtausenden zu messen waren.
Überhaupt
waren die Frauen der Tradition gemäß, wie in allen alten Kulturen, auch in der
weltlichen römisch katholichen Kirche
rechtlos. Sie konnten keine Ämter bekleiden; denn der Glauben und daher
die Organsisation waren ganz auf den Mann ausgerichtet. So wie Gott als
Gottvater und Christus Männer waren, konnten alle ihre Helfer auch nur Männer
sein. Als geringfügigen Ausgleich dafür erlaubte man eine Marienverehrung, die
je nach dem Sentiment mancher Völker stark ausgeprägt war und dem allgemeinen
Glauben keinen Abbruch tat.
Den
eben geschilderten Zustand in der Vergangenheit zu berichten ist eigentlich
paradox, sind doch die gleichen Verhältnisse in der katholischen Kirche heute
jedem Gebildeten bekannt.
Für
die nächsten 1000 Jahre, etwa von 500 bis 1500 n.Chr., verstrich ein Zeitraum,
wo nur wenig Fortschritt in bezug auf eine Verbesserung der sozialen
Verhältnisse der Völker um das Mittelmeer und in Europa zu berichten ist. Das
soll allerdings nicht heißen, daß in dieser Zeit Ruhe und Frieden herrschte.
Ganz im Gegenteil, man bekämpfte sich wie immer, Reiche wurden zerstört und
andere neu gegründet. In diese Zeit fällt auch die große Völkerwanderung,
veranlasst durch den Einbruch und das Vordringen der Hunnen aus dem fernen
Osten um 375 n.Chr. Dies verursachte eine Verschiebung meist germanischer
Stämme aus ihren Siedlungsgebieten im Südosten Europas nach Westen, bis nach
Italien, Spanien und Britannien. Als Folge dieser hin und her wogenden
jahrhundertelangen Kämpfe, trat eine Auflösung und Umwandlung der meisten
Reiche im 6. bis 8.Jh. in neue Formen ein. Diese sollten die Grundlage bilden
für die Reiche in Europa, wie wir sie heute kennen.
Trotz
dieser wirren Zeiten war die weltliche römisch katholische Kirche - der
Ausdruck wurde mit Absicht so gewählt, um die Differenz zwischen den weltlichen
und religiösen Aspekten des Glaubens herauszustellen - die einzige öffentliche
Einrichtung, die in dem ganzen römischen Reich und seine Nachfolgestaaten in
Europa wirkte und eine Art von Stabilität darstellte.
Während
die Könige und führenden Schichten der neuen Völker sich zum Christentum
bekannten, waren die unterworfenen Landbevölkerungen - manchmal nicht vom
gleichen Stamm und gleicher Sprache -
noch Heiden.
Einmal
um sie zu bekehren, aber auch um Unterkünfte für die sich zahlreich bildenden
Orden zu finden, ließen die Fürsten an wichtigen Stellen in ihren Landen
Klöster bauen, die sie mit großem Grundbesitz und sonstigen Privilegien
ausstatteten.
Die
Klöster wuchsen und breiteten sich sehr schnell aus und manche wurden wie
kleine Städte. Sie betrieben selbstständig ihre Landwirtschaft und machten ihre
eigenen Geschäfte mit der Umwelt.
Manche wurden berühmt durch ihre
Produkte wie Wein, Weinbrände und
Biere, andere durch ihre Gelehrsamkeit und Klosterschulen.
Die
Bildung und das Wissen der Mönche, die mit Sorgfalt und viel Zeitaufwand alte
Bücher und Manuskripte mit der Hand
abschrieben oder übersetzten, sicherten viele Werke der Antike vor dem
sicheren Untergang. Zum Vorteil wirkte sich aus, daß die Umgangssprache der
Gebildeten aller Völker im europäischen Raum die Sprache der Kirche war, also
Latein, im Gegensatz zu dem Wirrwarr
der vielen Landessprachen und Dialekte.
Dieser
Umstand, bis heute nicht mehr oder nur zum Teil durch die englische Sprache
erreicht, sollte sich für lange Zeit zum Nutzen für die geistige und
wissenschaftliche Entwicklung des Kontinentes auswirken.
An
die Spitze eines Klosters berufen zu werden, wurde aber nicht nur eine Frage
der religiösen Einstellung oder des Wissens, sondern es wurde auch ein
Sonderrecht des Adels, weil unbestritten ein Machteinfluß mit einem solchen
Posten verbunden war.
Obschon nicht die
Regel, gab es genau so zu Bischöfen ernannte Adelige, die kaum Lesen und
Schreiben konnten und lieber an der Spitze einer reisigen Schar, mit Brüdern und
Vettern in den Krieg zogen, anstatt sich der Seelsorge zu widmen. Vor allem,
wenn es mal wieder darum ging, den ständig auftauchenden Heidenvölkern aus dem
Osten das Christentum mit dem Schwert näherzubringen, denn einen ungläubigen
Heiden in die Hölle zu schicken war ein gottgefälliges Werk. Oder man kämpfte
auch mal gegen einen anderen christlichen Bruder, darin war man selbst als
Christ nicht so zimperlich.
Verköstigung
und Bewaffnung wurden aus dem Kirchengut aufgebracht und meist durfte die Kirchengemeinde
den größten Teil der Streitmacht stellen. Verständlicherweise sah der Adel im
Kirchenfürsten mehr den Standesgenossen als den Geistlichen.
Das
gesamte Kirchengut wurde von den Verwandten als Eigentum ihres Geschlechtes
betrachtet, und sie achteten darauf, daß stets ein Mitglied ihrer Familie das
Bistum oder Kloster erhielt. Gegen diese Verweltlichung, die das Kirchengut und
nicht die Kirchenwürde zum Vorrang erhob, wehrten sich jene Geistliche, die von
der Würde und der Aufgabe eines Priesters durchdrungen waren, nur mit geringem Erfolg.
Wie
schon festgestellt, hatte die weltliche römisch katholische Kirche versagt,
eines der Prinzipien ihrer Religion, die Gleichheit aller vor Gott, in die
Gleichheit aller in den Gesellschaften dieser Welt zu übertragen und sich dafür
einzusetzen. Die Gründe dafür wurden
schon erwähnt und es sei hier nochmals mit anderen Worten wiederholt: ihre
übereifrige Jenseitseinstellung und die Jenseitserwartungen, die sie ihren
Anhängern salbungsvoll predigte, hinderte sie daran, die wahre christliche
Verpflichtung zu sehen. Kein Wunder, daß kritische Philosophen späterer
Jahrhunderte in Europa dieses Versagen umdeuteten und als abgefeimte Heuchelei
und bewußte Verdummung der einfachen Volksmassen durch den Klerus erklärten.
Dessen
ungeachtet hatten die Lehren Christi, sein Leben und Sterben sowie die ganze
übrige christliche Thematik einen ungeheuren Einfluß auf den Geist und die
Schaffenskraft von Künstlern aller Art in allen Völkern.
Noch
heute betrachten wir ergriffen die Kunstwerke in Stein, von Figuren zu den
prachtvollsten Bauten von Domen und Kirchen, können uns nicht satt sehen an
Gemälde mit religiösen Motiven oder lauschen erschüttert den Kompositionen
großer Komponisten. Die Zahl der die Gefühle aufrührenden Kirchenlieder und
Chorale ist Legion. Alles zeugt von der Sehnsucht und dem Drang nach Freiheit,
Gerechtigkeit und Erlösung von den Übeln dieser Welt, der allen Menschen
innewohnt, besonders aber den unteren Volksschichten.
Wie
wir sehen, hatte sich das Christentum fest eingefügt in die soziale Ordnung der
Länder jener Zeit und war die einzig anerkannte und geachtete Religion, worüber
sie eifersüchtig und manchmal recht unchristlich wachte. Nichts ging im
öffentlichen Leben ohne den Segen der Kirche.
Das
Christentum, die römisch katholische Kirche war auf dem Zenit ihrer Macht und
nicht zuletzt wegen der vorhin geschilderten Zustände wird diese Zeitspanne
heute als das dunkle Mittelalter bezeichnet. Wagte jemand anderer Meinung zu
sein als die Kirche erlaubte, wurde er mit dem Kichenbann belegt, was das Ende
einer Karriere und der Existenz bedeutete. In den meisten Fällen kam dies einem
Todesurteil gleich. Oder jemand wurde Exkommuniziert mit ähnlich harschen
Folgen und er war mit einem Stigma behaftet, welches ihm sein Leben lang
verfolgen sollte. Hexenverfolgungen und Verbrennungen waren Gang und Gäbe, und
über Inquisitionsgerichte und ihre Ergebnisse ist schon genug aus andern Quellen bekannt.
Die
Priesterherrschaft der Kirche war wesentlich für das Vorhandensein und die Existenz der Monarchien; beide konnten nur
Überleben, weil sie sich glänzend ergänzten und unterstützten.
Die
politische und gesellschaftswissenschaftliche Seite ihres Anspruches wurde, neben ihrem religiösen Anspruch, erhärtet
durch Philosophen wie "Albertus Magnus (1207 - 1280)" oder auch "Thomas von Aquin” (1225 - 1274), wobei Thomas von Aquin auf
die Gedanken von Albertus Magnus aufbaute. Der Mensch ist für Thomas, wie es
auch für Aristoteles war, ein "zoon politkon", ein soziales
Lebewesen. Das alleine macht schon eine staatliche Ordnung notwendig.
Mit seinen Worten:”Wenn es nun auf diese
Weise dem Menschen natürlich ist, in Gemeinschft mit vielen zu leben, dann muß
es auch unter den Menschen etwas geben, wodurch die Vielheit regiert wird. Bei
der so großen Zahl von Menschen und bei dem Bestreben des Einzelnen, egoistisch
für sein Privatinteresse tätig zu sein, würde die menschliche Gesellschaft nach
den entgegengesetzten Richtungen aus den Fugen gehen, wenn niemand da wäre, dem
die Sorge für das Gemeinwohl der Gesellschaft obliegt. Gerade so wie der Leib
des Menschen und überhaupt jedes lebendige Wesen sich auflösen müßte, wenn
nicht eine gemeinsame leitende Kraft im Körper vorhanden wäre, welche auf das
gemeinsame Wohl aller Glieder sich richtet."
Damit begründet
Thomas die Notwendigkeit einer sozialen Autorität und da die menschliche Natur,
die den Staat notwendig macht, von Gott so geschaffen ist, ist Gott, wie auch
die Schrift lehrt, der Urheber der Obrigkeit. Mit diesen von Idealen
inspirierten, schöngeistigen Gedanken macht er sich mit zum Fürsprecher der
kombinierten kirchlichen und weltlichen Macht in von Gott gesegneten Händen.
Als ob das Königstum, also die Monarchien, nicht schon seit zigtausende von
Jahren genug Gelegenheit gehabt hätten, ihre positiven Qualitäten zu beweisen
mit der Schaffung besserer sozialer Verhältnisse in den von ihnen regierten
Völkern; leiteten doch fast all ihren Herrscheranspruch von ihrem jeweiligen
Gott her, wer immer es auch war. Oder sollte bei ihm der Gedanke eine Rolle
gespielt haben, wenn schon erzogen
werden muß zum Guten, dann ist es einfacher, einen gebildeten Monarchen zu
erziehen als eine Masse ungbildeten Volkes, das wie Schafe regiert werden muß?
Falls
die Sache mal schief gehen sollte und sich aus dem edlen König ein Tyran
entwickelt, empfiehlt Thomas dem Volk mit typisch christlichem Dünkel, Geduld
zu haben und für eine Verbesserung zu beten, da eine gewaltsame Veränderung nur
noch größeres Übel bringe.
Immerhin
bezeichnet er es als eine sittliche Aufgabe des Staates, die Bürger zu einem
gerechten und tugendhaftem Leben zu leiten und gönnt ihnen auch äußeren
Wohlstand. Da dies jedoch nicht der letzte Zweck des menschlichen Lebens sei,
sondern die Erlangung der ewigen Seligkeit, müssen die Priester und voran der
Papst in Rom, deren Aufgabe höher sei als die der weltlichen Macht, über diese
stehen.
Thomas
lehrte also eine eindeutige Unterordnung der
weltlichen Gewalt unter der geistlichen und es hat zu dieser Zeit - und
auch später noch - zahlreiche Versuche von Päpsten gegeben, genau das - aber
erfoglos - zu erreichen. Der Anspruch, daß hohe Würdenträger der Kirche gegen
die Versuchungen dieser Welt eher gefeit seien als andere Sterbliche, erwies
sich schon damals als eine Anmaßung,
die jeder praktischen Erfahrung entbehrte.
Die
gleiche Anmaßung finden wir im Klerus der Kirche, der da glaubt, soziale
Gerechtigkeit werde die Oberhand gewinnen, wenn sozialer Frieden herrsche, das
heißt, daß die Sklaven und die Massen
des ungebildeten Volkes, angeleitet durch Frömmigkeit, nicht aufmucken gegen
die Willkür und die Verschwendung der herrschenden Schichten, einschließlich
der Kirche.
XVIII.
Rückblick
auf andere Kulturen.
Bevor wir uns weiter mit den
Zuständen und der Entwicklung im christlichen Abendland, also Europa, befassen,
im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, ist ein kurzer Streifzug durch die
beiden anderen, bereits früher erwähnten Kulturkreise, dem indischen und dem
chinesischen Kulturkreis, angebracht.
Vorweg
kann ganz allgemein gesagt werden, daß trotz der verflossenen Jahrtausende von
der Zeit, da sie hier erwähnt wurden, trotz zahlloser Kriege im Innern und am
Rande ihrer Berührung mit anderen Kulturkreisen einschließlich des nun
christlichen Kulturkreises, und trotz verschiedener neu gegründeter Religionen
wie der Mohamedanismus oder Islam im vorderen Orient, des Buddhismus in Indien,
des Konfuzianismus - Taoismus in China, sich nichts an der sozialen Ordnung und
dem Lebensstandard der Volksmassen geändert hatte. Es gab Blütezeiten und
solche des Niederganges im hin und her wogenden Kampf der Interessen, weltlicher
wie geistiger. Obschon die neuen Religionsgründer genau wie die vorhandenen
alten Religionen und vergleichsweise das Christentum versuchten, durch
Glaubenslehren das Edle und Gute in den Menschen anzusprechen im Hinblick auf
ein besseres Leben miteinander und ein glorreiches Jensseits.
Was
falsch war, und wie es sein sollte, erkannten und predigten sie alle, auch
neutrale Philosophen, jedoch entbehrten ihre Vorschläge der Abschaffung dieser
Zustände jeder realen Vernunft und Menschenkenntnis. An den feudalen
Rangordnungen innerhalb der Gesellschaften wurde nicht gerüttelt.
Besondere Gestalt fand über Jahrtausende das religiöse Denken in China mit den drei Konfessionen Buddhismus,Taoismus und Konfuzianismus. In vielen Punkten voneinander wesentlich verschieden, haben sie im Verlauf der Geschichte oft miteinander gerungen und versucht, sich gegenseitig aus der Gunst der Mächtigen und der Massen zu verdrängen. Es ist aber bisher niemals der einen Glaubenslehre gelungen, die Alleinherrschaft zu gewinnen und sich an die Stelle der beiden anderen zu setzen.
Im
Gegensatz dazu gelang es dem Islam sehr schnell, die gesamte arabische und
persische Welt bis nach Indien zu ihren Anhängern zu machen und durch eifrige
Missionsarbeit große Teile Afrikas, Ägyptens und Völker des Mittelmeerraumes zu
gewinnen.
Der
Expansionsdrang war so stark, daß sie bis nach Spanien vordrangen (711 n.Chr.)
und dort nahezu 800 Jahre die Herrschaft
innehatten, bis sie von den Christen verdrängt wurden. Am anderen Ende
des Mittelmeerraumes eroberten die islamischen Türken im Jahre 1435 die Stadt
Konstantinopel und zerstörten damit das letzte Bollwerk des oströmischen
Reiches. Sie
sollten noch für Jahrhunderte eine Gefahr für Europa und die Christenheit darstellen,
eroberten sie doch nach und nach den ganzen Balkan. Sie wurden erst im Jahre
1716, nach erfolgloser Belagerung von
Wien, durch den österreichischen Feldherrn Prinz Eugen, vernichtend
zurückgeschlagen und waren von da an keine Bedrohung mehr.
XIX.
Die
Übel der menschlichen Gesellschaftsordnung.
Damit genug und wir wenden uns
wieder dem Abendland zu, welches, im Hinblick auf Geistes - und
Naturwissenschaften gegenüber den vorhin genannten Kulturkreisen um einiges
voraus war. Diese Vorrangstellung sollte sich im weitern Verlauf von
Jahrhunderten zu einer fundamentalen Überlegenheit auswachsen.
Ehe
wir uns jedoch damit befassen, sei nochmal ein Blick auf das größte Übel der
Menschheit und aller Zivilisationen geworfen ohne Ausklammerung, nämlich der
Sklaverei und der damit verbundenen und nicht viel besseren Leibeigenschaft.
Wenn
man die Skala der menschlichen Gesellschaftsordnungen über die Jahrtausende
vergleicht, ergibt sich keine wesentliche Veränderung oder Verschiebung, weder
in grauer Vorzeit,der Antike oder der Neuzeit bis ins 19.Jahrhundert hinein in
allen Kulturen. Unrecht blieb Unrecht trotz allgemein verbesserter
Lebensbedingungen der Masse der Menschen.
Sklaverei
und Leibeigenschaft ist die soziale Gutheißung von unfreiwilliger
Dienstbarkeit, aufgezwungen durch eine Person oder einer Gruppe von Personen
über andere, oder auch, anders ausgedrückt, die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen. Die Betonung liegt hier auf
“sozialer Gutheißung". also einer feststehenden und von allen
akzeptierten Einrichtung, genau wie das bereits erwähnte und kritisierte
erbliche Recht der Könige und der Aristokratie. Daß beides nicht rechtens ist,
wurde von der großen Mehrheit der Zeitgenossen nicht erkannt und so kam es zu
dem traurigsten Kapitel unserer Menschheitsgeschichte.
Vorhin
wurde von einer unfreiwilligen Dienstbarkeit gesprochen; das trifft aber nicht
die ganze Härte des Problems. Ein Sklave war persönliches Eigentum seines
Herrn, der nach Belieben und Gutdünken über Leben und Tod entscheiden konnte.
Sklave
werden konnte man, wie bereits erwähnt, als Kriegsgefangener, oder
zahlungsunfähige Schuldner wurden von ihren Gläubigern in die Sklavrei
verkauft. Sklaven wurden gehandelt wie jede andere Ware, und Kinder von Sklaven
waren selbsverständlich auch zur Sklaverei verurteilt. Eltern verkauften ihre
Kinder um Schulden zu bezahlen und Stammeshäuptlinge ihre Untertanen.
Besonders
schwer hatten Frauen und Mädchen in der Sklaverei zu leiden, aus verständlichen
Gründen, die nicht näher beschrieben werden müssen.
Obgleich Sklaverei in ihren
vielseitigen Formen eine fast universelle Einrichtung war, oder besser gerade
darum, wurde wenig oder so gut wie keine Opposition von namhafter Stelle gegen
sie erhoben.
Da
waren hier und da natürlich Verurteilungen von Ausschweifungen und Versuche zur
Abhilfe des Mißbrauches, jedoch die Existenz ihrer Einrichtung wurde nicht
angetastet, bis zu Beginn der
Antisklavereibewegungen am Ende
des 16. und dem Anfang des 17.
Jahrhunderts.
Auch
die offizielle weltliche römisch katholische Kirche glänzte mit Abwesenheit von
Streitschriften und Predigten gegen das Übel der Sklaverei; sagte doch St.
Anselm im 11. Jahrhundert, daß es natürlich sei, daß Kinder, geboren von
Sklaven, dem gegenwärtigen Zustand der Eltern zu folgen hätten und der bereits
genannte Thomas von Aquin (1225 - 74), der große Kirchenlehrer sagte, das
Sklaverei eine von den unvermeidbaren Folgen von Adams originaler Sünde sei.
Und
als später durch Spanien, in der neu entdeckten Welt, die Sklaverei eingeführt
wurde, anerkannte die römisch katholische Kirche ausdrücklich die
Rechtsgültigkeit dieser Maßnahmen, obschon einige ihrer eignen Missionare große
Anstrengungen machten, die schwersten Folgen zu mildern.
Das Verhalten anderer christlicher Kirchen war nicht
verschieden von dem der römisch katholischen Kirche. In den späteren
Jahrhunderten war bei den meisten der sogenannten Ketzer - oder abtrünnigen
Kirchen christlicher Prägung die Sklaverei anerkannt und ebenfalls die
Ostkirche, oder die griechische Kirche, die sich nach andauernden
Streitigkeiten von der römischen Kirche trennte, übernahm ohne Widerspruch die
Sklaverei. Selbst die Reformation brachte keine Änderung in der Haltung zur
Sklaverei. Ob Lutheraner, Anglikaner oder Presbyterianer, sie alle akzeptierten
sie als eine Tatsache aus purer Gewohnheit.
Jedoch,
wie später noch berichtet wird, waren von religiösen Gefühlen inspirierte
reformatorische Sekten, wie die “Quäker", tonangebend im Kampf gegen die
Sklaverei und in der Antisklavenbewegung.
Hier
und da, schon in grauer Vorzeit und auch im griechischen und später römischen
Altertum, kam es zu Sklavenaufständen, die aber aus Mangel an Führung und
Organisation begrenzte Revolten blieben, brutal niedergeschlagen und ohne das
soziale Gefüge der Umwelt zu erschüttern, ganz zu schweigen zu ändern.
Es
ist unverkennbar unmöglich, die Stellung des Sklaven in den einzelnen
Gesellschaften und zu den verschiedensten Jahrhunderten zu verallgemeinern. Die
Tatsache, daß Sklaverei allgemein anerkannt war als eine normale Einrichtung,
machte, so absurd es auch klingt, die Beziehung zwischen Sklaven und ihren
Herren einfach.
Sklave
zu sein wurde als ein Mißgeschick betrachtet und nicht als eine Ungerechtigkeit und ein Sklave fühlte keinen Groll
gegen seinen Herrn, solange er menschlich behandelt wurde.
Obgleich
Sklaverei merkbar im Niedergang begriffen war am Ende des weströmischen
Reiches, verschwand sie nicht vollständig in West- und Zentraleuropa, und
obgleich sie nicht mehr die Wichtigkeit erreichte wie in Rom zur klassischen
Zeit, gab es Zeiten, wo die Einrichtung wieder auflebte, vor allem in den
Wirren der Völkerwanderung. Die Bekehrung der zahlreichen Könige zum
Christentum machte keinen Unterschied in dieser Hinsicht, da, wie wir wissen,
die weltliche römisch katholische
Kirche die Sklaverei nicht verurteilte.
Zwischen
dem 8. und 10. Jahrhundert war nochmal ein Ansteigen von Sklaverei zu
verzeichnen, wobei reiche und gottesfürchtige Leute den Kirchen und Klöstern
Sklaven vermachten. Nur auf das kontinentale Europa bezogen sank die Bedeutung
der Sklaverei ständig und obschon man keine genaue Zeit angeben kann, war sie
im 13. Jahrhundert fast vollends verschwunden und abgelöst durch die
Leibeigenschaft in den feudalen Systemen. Wenn sie auch verschwunden war,
offiziell verboten war sie nicht, was die Eingeborenen der von den europäischen
Staaten vereinnahmten Kolonien später zu fühlen bekamen.
Jedoch
war die Situation im Osten und Süden des Mittelmeeres anders als in Europa,
wurde doch die Sklaverei im
oströmischen Reich bis zum Fall von Konstantinopel durch die Türken
(1453) gehandhabt wie eh und je und sollte auch danach nicht ihr Ende finden.
Irgendwie gab das Aufkommen des Islam eine neue Triebkraft zu der Einrichtung
der Sklaverei durch die nachfolgenden islamischen Eroberungskriege in Asien,
Arabien, Nord-Afrika und östliches sowie südliches Europa.
Mohammed
fand die Sklaverei als eine feste Einrichtung vor, als er seine Lehren predigte
in den ersten Jahren des 7. Jahrhunderts n.Chr., und seine Ansicht über sie war
gleich der der christlichen Kirche; ohne sie zu verdammen lehrte er, daß
Sklaven menschlich behandelt werden
sollten und daß die Freilassung eines Sklaven ein gottgefälliges Werk sei.
Es
ist jedoch wert festzustellen, daß Sklaverei in muselmannischen Ländern, mehr
aus Gewohnheit als mit Absicht, immer unterschiedlich war gegenüber solcher in
Rom oder später in den durch die Europäer entdeckten und kolonisierten Ländern
Nord- und Südamerikas.
Große
Gruppen von Sklaven, welche auf Baumwollfeldern oder Zuckerplantagen
arbeiteten, desgleichen in Industrien und im Bergbau, gab es nicht in der
islamischen Welt. Dafür waren sie gehalten, in den Haushalten der Reichen zu
arbeiten und wurden meist gut behandelt nach dem Gebot des Koran. Allseitig
bekannt und beschrieben ist das Schicksal von weiblichen Sklaven, die im Harem
gehalten wurden als Konkubinen für ihre Herren.
Nachdem
die Portugiesen etwa um 1442 als Erste begannen, Negersklaven von ihren
Entdeckungsfahrten entlang der westafriknischen Küste heimzubringen und vor
allem, nach der Entdeckung der neuen Welt durch Kolumbus im Auftrage Spaniens
(1492), und der Kolonialisierung derselben, stieg der Bedarf an Sklaven enorm.
Nicht nur wurden die Eingeborenen versklavt, sondern als Folge davon entstand
ein weit ausgedehnter Handel von Negerklaven und er blühte für mehr als 3
Jahrhunderte, hauptsächlich beherrscht abwechselnd von Portugal, Spanien,
Holland, Frankreich und England. Wie bekannt, wurden die Sklaven in Afrika aufgebracht, um dann in der neuen Welt verkauft
zu werden; sie wurden nicht in den europäischen Ländern gehandelt.
Trotz
der Härte und der Unmenschlichkeit des Sklavenhandels dauerte es bis zum 18.
Jahrhundert, ehe in Europa, als Folge der einsetzenden Aufklärung, vernünftige
und sich der Sache annehmende Denker und Philosophen die Sklaverei kritisierten
wegen ihrer Verletzung der Menschenrechte. Ehrfürchtige und zumeist evangelisch
religiöse Gruppen verurteilten sie ebenfalls für ihre unchristlichen und
brutalen Eigenschaften. Besonders taten sich in Großbritannien und Nordamerika
die bereits erwähnten Quäker hervor, als Vorkämpfer gegen die Sklaverei.
Ohne auf das für und wider des
ganzen Gerangels näher einzugehen sei festgestellt, daß am Ende des 18.
Jahrhunderts die moralische Verwerflichkeit der Sklaverei weit verbreitet war
und als Folge davon, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach und nach die
verschiedensten Länder, den Handel und die Haltung verboten.
So
verbot Großbritannien die Sklaverei in seinen Kolonien im Jahre 1807,die
Franzosen im Jahre 1816, Spanien im Jahre 1817, die Portugiesen im Jahre 1823
und schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1863. Weiter
folgten Kuba zwischen 1880 - 1886 und Brasilien im Jahre 1888.
Diese
Jahreszahlen bedeuten selbstverständlich nicht, daß die Sklaverei damit schlagartig verschwand. Sie sollte sich noch
in den verschiedenen Ländern und vor allem deren Kolonien für Jahrzehnte
hinziehen, bis sie beendet war. Vor allem wegen der Entschädigung der
Sklaveneigentümer entbrannten heiße parlamentarische Kämpfe.
“Die
Rechte zur Entschädgung der Sklaven standen nie zur Debatte."
Damit
war der Sklaverei so gut wie ein Ende gesetzt in dem Einflußbereich der europäischen Länder und deren Kolonien,
zuzüglich der Vereinigten Staaten. Jedoch blühte sie weiterhin in der
arabischen Welt, Iran, Türkei und andere östlichen Ländern.
Dem
Mangel an Kriegsgefangenen wurde abgeholfen durch regelrechte Sklavenjagden
unter den Negern in Afrika, in den Becken von Nil und Kongo.
Der
Welt wurde bekannt, daß hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern
regelrecht gejagt wurden wie Tiere. Nur die Gesunden wurden gefangen genommen,
während man die Verletzten und Kranken zurückließ, jeder Überlebenschance
beraubt. Weitere tausende der Gefangenen verendeten elendig auf dem Transport
durch die afrikanische Wildernis oder während des Seetransportes.
Diesmal
war es die britische Regierung, welche sich offiziell dafür einsetzte, diesen
unwürdigen Zustand abzuschaffen, obschon sie selbst nicht ganz saubere Hände
hatte. Als Weltmacht, die sie zu dieser Zeit war, ergriff sie die Initiative zu
Verhandlungen mit den in Frage kommenden Ländern, oder übte auch, mittels ihres
großen Einflusses den sie besaß, Druck aus auf dieselben mit dem Ergebnis, daß
in den verschiedensten Tagungen Verträge erarbeitet wurden, die den
Sklavenhandel und die Sklaverei in dieser Zone der Welt abschafften.
Eines
der letzten Länder war Äthiopien, welches im Jahre 1942 die Sklaverei verbot
und das Gleiche wurde beschlossen in der Genfer Konvention der Vereinigten
Nationen im Jahre 1956, welche über den Begriff der Sklaverei hinaus alle
zwangsartige Dienstverhältnisse einschloß.
XX.
Über
die Leibeigenschaft.
Und damit kommen wir zu einer
bereits erwähnten Abart der Sklaverei, der Leibeigenschaft. Sie existierte zum
Teil parallel mit der Sklaverei oder als Nachfolge derselben und bot sich als
ein willkommener Ersatz den Reichen und Mächtigen an. Genau wie die Sklaverei
eine in den Sozialordnungen der Zivilisationen gesetzlich festgefügte
Einrichtung war und nicht nur der Willkür einzelner Personen, Gruppen oder
Klassen entsprang, war auch die Leibeigenschaft mit allen ihren verschiedenen
Erscheinungsformen gesetzlich verankert.
Im Gegensatz zum Sklaven, der nur ein
Werkzeug seines Eigentümers war zur Produktion von Gütern und Schaffung seines
Reichtums, und der von ihm mit Nahrung, Bekleidung und Wohnung versorgt wurde,
wie dürftig auch immer, versteht man unter einem Leibeignen hauptsächlich einen
Landarbeiter, der, zwar unfrei und seinem Eigentümer verpflichtet, für seinen
eignen Unterhalt sorgt.
Er
war, wie gesagt, von seinem Eigentümer abhängig, was meint, daß der wesentliche Ertrag seiner Erzeugung kostenlos an
den Lehnsherren ging. Wechselweise oder zusätzlich war er gezwungen, für seinen
Herrn Land zu bearbeiten, welches dieser nicht
verpachtet hatte an freie Bauern.
Die
Bezahlung von Miete mit Geld, Naturalien oder Arbeit war nicht das wesentliche
Zeichen der Abhängigkeit des Leibeignen; denn Pacht oder Miete bezahlte auch
der freie Mann. Das wahre Kennzeichen war der Mangel an Freiheit, den Ort
seiner Arbeit für sich und seine Familie selbst nach Gutdünken zu bestimmen und
der Bedingung, über das von ihm bearbeitete Land nicht frei durch Verkauf
verfügen zu können.
Eine
andere Art von Leibeigenschaft, wenn man sie so nennen will, war die
Kreditabhängigkeit des Landarbeiters von seinem Landbesitzer oder, wenn auch
weniger verbreitet, die des Handwerkers von einem skrupellosen Händler. Die
Abhängigkeit bestand im wesentlichen darin, daß der Betroffene aus Armut und
Not gezwungen war, ein Darlehen aufzunehmen, welches er durch Verdingung seiner
Arbeitskraft oder durch Verkauf seiner Erzeugnisse abzubezahlen suchte. Da er
aber weiterhin Auslagen hatte um zu existieren mit seiner meist großen Familie,
mußte er notgedrungen weiter Schulden machen und kam so nie in den Genuß, seine
Schuld ganz abzutragen.
Außer
in Europa, wurde diese beschriebene Abhängigkeit sehr stark in Mittel - und
Südamerika gehandhabt und im Süden der Vereinigten Staaten, als Ersatz für die
Aufhebung der Sklaverei.
Leibeigenschaft,
genau wie die Sklaverei, war eine schon in alter Zeit weit verbreitete
Einrichtung, doch läßt sich schwer eine Entwicklung von der einen Form zur
anderen oder umgekehrt geschichtlich verfolgen. Die Chinesen kannten sie wie
die alten Ägypter und sie war ebenso im
antiken Griechenland bekannt wie später im römischen Weltreich.
Genau
wie die Sklaverei, war sie erblich und konnte nur durch die Gnade des Herrn
gesetzlich aufgehoben werden und genau wie diese, war sie eine gesetzlich
verankerte, von allen führenden Schichten anerkannte Einrichtung, die nur durch
Gesetze wieder aufgehoben werden konnte.
Die
Leibeigenschaft im mittelalterlichen und auch moderenen Europa war eine
komplizierte soziale Ordnung, welche in ihrer
Form wechselte je nach den verschiedenen Umständen. Sie erfuhr ihre
größte Verbreitung unter den feudalen Systemen, die nach dem Untergang des
weströmischen Reiches überall in Europa aufkamen und löste, wie schon erwähnt,
in manchen Fällen die Sklaverei ab.
Langsam
machte sich jedoch auch hier ein Wandel zum Besseren für den Leibeigenen
bemerkbar. Vor allem im westlichen Europa waren die wirtschaftlichen
Bedingungen im 14.Jahrhundert vorteilhaft, um die Leibeigenschaft durch verbesserte
Verträge zwischen Grundbesitzer und Bauern zu mildern. Es reichte allerdings
nicht aus und es kam zu Aufständen im 14. und 15. Jahrhundert in England,
Frankreich, Italien und Spanien und sie erreichten ihren Höhepunkt mit den
Bauerkriegen in Deutschland zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Als direkte Folge
davon waren die gesetzgebenden Gewalten gezwungen, weitere vorteilhaftere
Besitztitel dem leibeigenen Bauern zuzugestehen und es wurde mehr eine private
Abmachung zwischen Landbesitzer und Leibeigenen als eine allgemeine soziale
Einrichtung.
Was
immer für gesetzliche Vorrechte Grundeigentümer gehabt haben mögen über ihre
Pächter oder Landarbeiter innerhalb ihres Bereiches von Zuständigkeit,
praktisch genommen waren die meisten keine Leibeigenen mehr und besaßen das
Recht, den Ort ihrer Arbeit nach Gutdünken zu wechseln und die Bedingungen
eines neuen Pachtverhältnisses
vertraglich frei auszuhandeln, anstatt an Gewohnheitsgesetze gebunden zu sein.
Sie waren nicht nötigerweise wirtschaftlich besser
gestellt als in der Zeit der
Leibeigenschaft, jedoch ihr Rang in der Gesellschaft richtete sich eher nach
ihrer wirtschaftlichen Stellung als nach der legalen Einordnung ihrer
Besitzungen oder ihrer Person.
Das
war in Europa. Dagegen war es in Rußland wesentlich anders. Ein herausgegebener
Zarenerlaß - UKAS - im Jahre 1597, befahl die Rückschaffung aller geflüchteten
Bauern auf die adeligen Güter. Dies war das Signal für den tatsächlichen Beginn
der bäuerlichen Leibeigenschaft in Rußland, die erst im Jahre 1861 wieder
aufgehoben werden sollte. So um 1721 gegründete Manufakturen auf dem Lande
wurden ebenfalls mit Leibeigene betrieben. Wegen sozialer Spannungen kam es
mehrfach zu Bauernaufständen, die aber
blutig niedergeschlagen wurden.
Mit
dem Auslaufen des 18., und zu Beginn des 19. Jahrhunderts war auch die
moralische Verwerflichkeit der Leibeigenschaft
in all ihren Formen, allgemein in allen Kreisen der Bevölkerung
anerkannt, genau wie die Sklaverei, und sie verschwandt teilweise von selbst,
ohne staatliche Eingriffe, in den meisten Ländern Europas wie geschildert, oder
sie wurde durch Gesetz aufgehoben.
Wie
nicht anders zu erwarten, war es auch diesmal wie sonst immer; fortschrittlich
und weitsichtig eingestellte Kräfte, welche die Unhaltbarkeit der Zustände und
ihr soziales Unrecht erkannten und sie zu ändern oder abzuschaffen suchten,
rangen mit den Konservativen, die am liebsten alles so belassen wollten, wie es
war.
Und
unter welcher Gesellschaftsschicht diese Kräfte zu suchen waren, die sich mit
allen Mitteln gegen eine Veränderung der Verhältnisse sträubten, bedarf wohl
keiner näheren Erläuterung.
So
wurde in den habsburgischen Landen die Leibeigenschaft im Jahre 1781
aufgehoben, während als erster deutscher Fürst, der Markgraf Karl Friedrich von
Baden, im Jahre 1783 nachzog.
Gleichzeitig
mit den Reformen in Preußen zur Überwindung der napoleonischen Herrschaft,
wurde auch die Leibeigenschaft durch Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein und
Karl August Freiherr von Hardenberg abgeschafft.
Auch
hier, genau wie mit der Sklaverei, war eine formelle Aufhebung der
Leibeigenschaft nicht gleichbedeutend mit ihrem Ende, vor allem wenn man den
Kreis weiter zieht als nur die bäuerliche Leibeigenschaft, die nur einen Teil
der möglichen Varianten der ausbeuterischen Abhängigkeit des Menschen von
Menschen war. Man denke nur an die Verwerflichkeit des Mädchenhandels für die
Prostutitiom in Bordellen. Daß somit beide Probleme nicht ihr Ende gefunden
hatten, beweist die Tatsache, daß der Völkerbund im Jahre 1926 die Beschlüsse
der internationalen Konferenz gegen die Sklaverei für alle ihre Mitglieder
annahm und sich auch die UNO noch im Jahre 1956 wie erwähnt, damit befassen
mußte.
Was
für eine traurige Bilanz und wahrhaftig kein Ruhmesblatt in der jahrtausende
langen Menschheitsgeschichte! Wenn
gesagt wird, daß der Wert und die Würde
einer Gesellschaft danach beurteilt wird, wie sie ihre schwächsten Glieder behandelt,
können wir nur mit Scham auf diese Zeit blicken.
Ob
der Glanz und die Glorie der sogenannten Großen und Helden der Geschichte, die
einzigen die in Geschichtsbüchern erwähnt und gepriesen werden, deren Wirken
als große Persönlichkeiten, als “die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte"
dargestellt werden, und von dem wir uns heute leichtgläubig staunend und
oberflächlich denkend blenden lassen, all das Elend und Leid von millionen und
abermillionen Rechtlosen aufwiegt, kann mit Recht bezweifelt werden.
Und
daß diese Ausbeutung offiziell bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dauern konnte
und in Abwandlungen hier und da noch heute andauert, ist eine Schande für alle
Kulturen und Zivilisationen dieser Welt.
XXI.
Christliche
Vefehlungen.
Wenn man von dem bereits
erwähnten “dunklen Mittelalter" spricht, kommt man nicht umhin, von der
Inquisation zu berichten, die im 12. Jahrhundert unter Papst Innozenz III ihren
Anfang nahm. Sie war ein geistliches Gericht, zur Verfolgung und Unterdrückung
der vom sogenannten "Wahren Glauben" abgefallenen Gläubigen, die
Ketzer genannt wurden. Allen voran war es die Sekte der Waldenser und dann die
nach der französischen Stadt Albi benannten Albigenser Sekte der Katharer, die
vor allem in den oberen Schichten ihre Anhänger fand.
Aus
dem Orient kommend, faßte sie Fuß auf dem Balkan, in Oberitalien, in Frankreich
und am Niederrhein. Ihre Verbreitung erreichte für die römische Kirche ein
gefährliches Maß, waren ihr doch ein großer Teil der Geistlichkeit und selbst Bischöfe verfallen. Nachdem Verdammungen
durch das Laterankonzil von 1179 und belehrende Predigten erfolglos blieben,
und nachdem ein päpstlicher Legat ermordet wurde, rief Innozenz III zum
Kreuzzug gegen
sie auf.
Nach
blutigen, wechselweise erfolgreichen Kämpfen, gelang es der von Innozenz III
geschaffenen Inquisation, die Ketzerei auzurotten. In dem Ort Montpellier
wurden im Jahre 1245 alleine 200 der Katharer verbrannt. Bis auf kleine Zirkel,
hinter denen aber keine großen Herren oder gar hohe Geistliche standen sondern
nur einfaches Volk, hatte die Ketzerei ihre Bedeutung verloren. Was blieb war
die Inquisation, die unter der Leitung der Dominikaner, zeitweilig auch der
Franziskaner, den Geist der Unduldsamkeit in Europa, besonders in Spanien, in
den folgenden Jahrhunderten zum Fürchten verbreitete. Bei einem
Inquisationsverfahren traten die Vertreter der Kirche nur als Richter auf, die
Henkersarbeit wurde den weltlichen Behörden überlassen, was meist das
Verbrennen der Verurteilten bedeutete.
Es
waren nicht nur Glaubensgegner oder Zweifler, die der Bannfluch traf sondern
auch Vertreter der Intelligenz und Wissenschaft, die Thesen aufstellten, welche
der Kirche nicht genehm waren. So entging der große Gelehrte Galileo Galilei
nur knapp dem Feurtod durch Abschwörung vor seinen Inquisatoren. Er hatte die
These des Nikolaus Kopernikus unterstützt, welcher als erster erkannte, daß die
Erde nur ein Planet unter vielen ist und sich bei gleichzeitigem Drehen auch um
die Sonne bewegt.
Bekannt
und berüchtigt sind auch die vielen Hexenprozesse, deren Opfer meist alte und
junge Frauen waren. Man warf ihnen vor, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und,
nach den abergläubigen Vorstellungen jener Zeit (?), über gefährliche
Zauberkräfte zu verfügen.
Keine
Statistik hat je festgehalten, wieviele Frauen geopfert wurden und überhaupt,
wieviele Unschuldige insgesamt diesen gräßlichen Tod sterben mußten.
XII.
Kriege
und Friedenszeiten.
Verlassen wir dieses
unerfreuliche Thema und wenden wir uns wieder dem allgemeinen Geschehen
zu.
So
wie das Zustandekommen einer Rangordnung innerhalb einer Gruppe von Menschen
bis hin zu zivilisierten Völkern mit der Hackordnung erklärt werden kann, die
unaufhörlich in Aktion ist, Schwaches unterdrückt und Starkes mit Macht und
Reichtum belohnt, so haben auch die einzelnen Völker als Einheiten seit
Urzeiten einen ständigen Machtkampf geführt. Meist ging es um die Vorherrschaft
in ihrem von der Natur zugewiesenen Lebensraum, manchmal durch Kampf, sich
anderswo bessere Verhältnisse suchend. Siehe die Völkerwanderungen im 4. und 5.
Jahrhundert n.Chr.
Zu
der jetzt zur Debatte stehenden Zeit, so um das 13. und 14. Jahrhundert, waren
die Völker in Europa - Ost und West -, sowie in Vorderasien so angesiedelt, wie
wir es heute kennen. Dagegen waren die Landes - und Staatsgrenzen einem
stetigen Wandel durch Fehden und ausgewachsene Kriege um die Vorherrschaft
unterworfen, wobei die weltliche römisch katholische Kirche ganz schön
mitmischte.
Ab
und zu gab es auch verhältnismäßig friedvolle Zeiten. die zum Aufblühen von
Handel und Gewerbe führten. Am schlimmsten waren die Zeiten von Unruhe und
Zerstörung für das Landvolk, die sehen mußten wie sie sich selbst halfen; denn
keiner linderte ihre Not. Immer und wie eh und jeh, hatte der kleine Mann zu
leiden unter der Last der Verwüstungen, wenn die feindlichen Heere durchs Land zogen,
gleich ob die Könige gegeneinander Krieg führten, deren Söhne gegen den Vater,
die Brüder untereinander, die unzufriedenen Grafen gegen ihren Herrscher, die
Ritter gegen einen Nachbarn, die Bischhöfe gegen weltliche Herren oder gegen
einen unbotmäßigen Abt. Wie man sieht, hat es auch damals an Gründen nicht
gefehlt, sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen.
Wegen
verwüsteter Äcker, der Lebensgrundlage der Landbevölkerung und der Gefahr,
sinnlos erschlagen zu werden, flüchtete diese in die Wälder oder die Männer
verließen Haus und Hof, um bei den kampfentschlossenen Großen Kriegsdienste
anzunehmen.
Die
Kirche stand zwischen dem herrschenden Adel und der breiten Bevölkerung, sofern
sie nicht mitmischte. Obschon sie in den bisherigen Ausführungen nicht gut
weggekommen ist, muß der Gerechtigkeit wegen zugegeben werden, daß die große
Mehrheit ihrer Führung und vor allem der Anhänger, nach den Geboten und Lehren
Christi, so wie sie diese verstanden, zu leben und zu handeln versuchten.
So
lasteten auf ihr nicht unerhebliche Pflichten, hatte sie doch außer den
seelsorgerischen auch eine Reihe von weltlichen Aufgaben. So wurden fromme
Pilger, die um Vergebung ihrer Sünden zu Wallfahrtsorten strömten, von den
Klöstern beköstigt und beherbergt. Kinder wurden unterrichtet, weniger im Lesen
und Schreiben als in handwerklichen und landwirtschaftlichen Fertigkeiten.
Soweit ihr Vermögen ging, sorgte die Kirche für Alte und Kranke und der Altar
bot sogar dem Verfolgten vor seinen gewalttätigen Feinden Schutz.
Die
geistigen Kräfte waren in der vergangenen Zeit auch nicht untätig geblieben. Es
regten sich die Spannungen zwischen Glauben und Wissenschaft, die das Band
zwischen beiden zerschneiden sollte, gleichzeitig aber die Voraussetzung
schaffte für das Freiwerden und Wirken unerhört neuer Kräfte, sowohl im Glauben
wie in Wissenschaft und Philosophie. Die Forderung nach einer Wissenschaft und
Philosophie, die sich unter Zurückweisung jeder anderen Autorität allein auf
unmittelbare Erfahrung und Beobachtung der Natur gründete, war der
Fanfahrenstoß, der das gewaltige Drama der Entfaltung moderner abendländischer
Naturwissenschaft einleitete.
So
haben wir hier keimartig schon die meisten der Charakterzüge vor uns, deren
Hervortreten das Wesen dieser Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit
ausmachte und die alles folgende europäische Denken beeinflussen sollten wie:
Individualismus oder hohe Wertschätzung der freien Einzelpersönlichkeit, eine
Wissenschaft, die sich alleine auf Vernunft und Erfahrung aufbaut, Weltlichkeit
und nicht geistlicher Charakter des Denkens.
Drei
große Erfindungen, die im 15. und 16. Jahrhundert gemacht wurden, sollten sich
als erfolgreichste Ereignisse dieser Zeit auswirken und das Antlitz Europas
radikal verändern.
Da war zunächst die Erfindung des Kompasses, der das Befahren
der Weltmeere ermöglichte und damit das Zeitalter der Entdekkungen einleitete.
Bezeichnend
ist die Wiederentdeckung und Einführung des
Schießpulvers, den Chinesen schon seit Jahrhunderten bekannt und nur zur
Volksbelustigung verwendet, welches die erfindungsreichen Europäer sofort für
kriegerische Zwecke einsetzten. Es sollte die beherrschende Stellung des
Rittertums in der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung bis ins Mark
erschüttern und eine durchgreifende soziale Umgestaltung einleiten.
Und
dann war da als Drittes die Erfindung der auswechselbaren Buchstaben beim
Buchdruck, welches das mühselige Schnitzen ganzer Buchseiten aus Holz
erübrigte.
Zusammen
mit der Verbreitung des billigen Papiers, durch die Kreuzzüge in Europa bekannt
geworden, war die Voraussetzung geschaffen für die bis dahin unbekannte
Breitenwirkung der nun einsetzenden neuen Geistesbewegungen.
Die
nun schlagartig einsetzenden Entdeckungen auf geographischem Gebiet, sollten
sich ebenfalls folgenreich auswirken. Auf der Suche nach einem Seeweg nach
Indien, entdeckte Christoph Kolumbus
ungewollt die neue Welt im Jahre 1492 jenseits des Atlantik. Der Seefahrer
Vasco de Gama fand später im Jahre 1497 den richtigen Seeweg nach Indien und
der Portugiese Fernäode Magalhäes vollbrachte die erste Umseglung der Erde, bei
der er auf den Philippinen, bei Kämpfen mit den Eingeborenen, im Jahre 1521 den
Tod fand.
Durch
diese Entdeckungen wurde die europäische Expansion über den größten Teil der
Erdoberfläche eingeleitet und sie führten dazu, daß sich die Zentren des
wirtschaftlichen Reichtums, der politischen Macht und auch der geistigen
Kultur, immer mehr in die westeuropäischen Anliegerstaaten des Atlantischen
Ozeans verlagern sollten.
XXIII.
Über
die Reformation.
All die vorhin genannten
Ereignisse verursachten auch ein neues Überdenken der alten, überlieferten
religiösen Dogmen. Die weltliche gelehrte Welt und selbst aufrichtige
christliche Theologen, besonders die Deutschen, erkannten die
Reformbedürfigkeit der katholischen Kirche mit einer Kritik, die oft die Form
einer Satire annahm. Sie hofften, daß es gelingen werde, die Kirche ohne Bruch
mit der Tradition, von innen heraus zu reformieren. Jedoch wurde dadurch nur
eine gelehrte Minderheit erfaßt; das gewaltige religiöse Bedürfnis der Massen,
welche in der öffentlich geübten Praxis der Kirche ebensowenig Genüge fanden
wie in der gelehrten Theologie, wurde keineswegs befriedigt.
Im
Jahre 1571 schlug Martin Luther, ein Augustinermönch und Theologieprofessor, an
der erst wenige Jahre zuvor gegründeten Universität Wittenberg seine berühmten
95 Thesen an die Kirchentür derselben Stadt. Er war kein Philosoph, überhaupt
kein Wissenschaftler und systematischer Kopf, sondern ein von inbrünstiger
Religiösität erfüllter und nach den Impulsen dieser Gefühle handelnder Mensch.
Durch den Anschlag der Thesen und sein standhaftes und unerschütterliches
Eintreten für seine Überzeugung, löste
er eine Bewegung aus, die mit der Spaltung der abendländischen Christenheit
endete. Blutige Auseinandersetzungen und ein 30 Jahre währender Krieg auf dem
Boden Deutschlands waren die Folgen.
Daß
sich ein Einzelner gegen die beiden Gewalten des Mittelalters, Papst und
Kaiser, zu behaupten vermochte, war nur möglich, weil sich die geistigen,
wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse zu Beginn des 16. Jahrhunderts
verändert hatten. Wann “das
Mittelalter" aufgehört hat, ist unwesentlich. Die Reformation gewann so
rasch an Boden, weil der Geist des Mittelalters bereits zerbrochen war.
Überhaupt
hatte der christliche Glaube, erschüttert durch immer mehr umsichgreifende
Verweltlichung, verbitterte Zwietracht und Uneinigkeit, sich im 17. Jahrhundert
mit der Tatsache abzufinden, daß in den neu entdeckten Ländern jensseits der
Ozeane Menschen in Unbescholtenheit, Sittlichkeit, Frömmigkeit und Ehrfurcht
lebten, ohne die Segnungen der christlichen Religion zu kennen.
Das
Bildungsmonopol der Kleriker war längst gebrochen und als Folge der geistigen Unruhe sollte auch in den folgenden Jahrhunderten die weltliche Macht der Kirche
und ihr Einfluß mehr und mehr zurückgedrängt werden, bis es inn neuester Zeit
zur völligen Trennung von Kirche und Staat in den meisten Ländern kommen
sollte.
XXIV.
Üer
den Begriff Gesellschaft, Staat und Nation.
In die erwähnte Zeit fallen auch
die ersten Versuche der zu Reichtum und Ansehen gekommenen Städte und Nobele,
ihren Landesfürsten oder Königen die alleinige absolute Macht streitig zu
machen. Es bildete sich unter dem gebildeten Mittelstand sowas wie eine
Staatsidee, gefördert durch die Schriften aufrührerischer Philosophen. Der
Glaube an ein göttliches Recht zur Macht im Staate - am eifrigsten von allen
Religionen vertreten und mit die Grundlage des Feudalismus - wurde angezweifelt.
Zwei Begriffe wurden unterschieden bei dem Ausdruck "Staat", nämlich
"Gessellschaft" und "Nation".
Die
freie Vereinigung von Menschen in Familien sowie in sozialen und kulturellen
Gruppierungen kennzeichnen eine Gesellschaft - Society -; diese Gruppen liegen
großenteils außerhalb politischer Kontrolle.
Die
Nation dagegen ist genau genommen eine Einheit der Gesellschaft mit gemeinsamer
Sprache, Kultur und Tradition, welche manchmal, aber nicht immer, mit der
Staatsgrenze zusammenfällt.
Ein Staat ist ein freiwilliger oder erzwungener Zusammenschluß
von mehreren Gesellschaften und Nationen, oder Teile davon, je nach den
politischen Verhältnissen. Wer die
Staatshoheit, das heißt, die Gesamtheit der dem Staat zustehenden Rechte
ausübt, darüber stritten sich die Geister. Man wollte nicht mehr regiert werden
sondern mitregieren. Dazu wurde aber eine Institution benötigt, und man fand
sie in dem, was wir heute als “Das Parlament" kennen.
Ihren
Ursprung hatte diese Einrichtung in der aus alter Zeit übernommenen Tradition
der Könige oder Herrscher. Zeitweilig abhängige Fürsten und kirchliche
Würdenträger wurden zur Hofhaltung einberufen, um mit ihnen Fragen der
Regierung oder feudale Angelegenheiten zu besprechen. Meist fanden solche
Versammlungen statt, wenn sich besondere festliche Gelegenheiten boten von
kirchlicher oder weltlicher Art.
Die
Versammlungen wuchsen in ihrer Wichtigkeit, gewannen an Bedeutung und der Kreis
der teilnehmenden Magnaten nahm ebenfals zu, sodaß festangestellte Berater am
königlichen Hof benötigt wurden, um die immer wieder auftauchenden Rechtsfragen
im Sinne des Königs zu lösen.
Selbstverständlich
waren die Teilnehmer dieser Parlamente nicht von irgendjemand gewählt als
Interessenvertreter, sondern nur
berufen durch die Gnade des Herrschers. Es sollten noch mehrere Jahrhunderte
vergehen und blutige Auseinandersetzungen ausgefochten werden, ehe man von
Parlamenten, wie sie heute in den
meisten Staaten üblich sind, sprechen kann.
Sehr
früh in der Zeit und als Erster überhaupt, benuzte diese Plattform im Jahre
1215 der Erzbischof von Canterbury mit
zeitgenössigen Nobeln, durch einen erzwungenen Kompromiß mit dem
allgemein unpopulären König John, ihm die "Magna Charta Libertatum"
abzuringen. Wie gesagt, es waren die Kirchenfürsten und Barone, denen die
Burgen, Ländereien und, für
offensichtlich praktische Zwecke, auch die Arbeiter gehörten, die den Erfolg
errangen. Sie forderten und bekamen unter Androhung eines Bürgerkrieges die Rechte
zur freien Wahl der Kirchenämter und Mitbestimmung bei der Gesetzgebung und
Steuererhebung im Königreich.
Die
Magna Charta Liberatum oder “großer Freiheitsbrief ", erlangte eine enorme Bedeutung für die
Engländer, weil sie dem König Rechte
nahm, welche die anderen Könige auf dem Kontinent und anderswo immer noch voll
in Anspruch nahmen, und die sie für weiter Jahrhunderte nicht abzugeben
gedachten.
Selbstverständlich
waren die durch die Magna Charta gewonnenen Rechte nicht für die breite Masse
der Bevölkerung gedacht, oder gar die Leibeigenen, sondern galten nur für
Nobele und sogenannte freie Bürger, die ihr eigenes Land und Haus besaßen. Wenn
auch nur schwach und der Zeit entsprechend begrenzt, war sie doch eines der
ersten Lüftchen der Freiheit, welches später den Kontinent und darüber hinaus
die Welt wie ein Sturm erschüttern sollte. So bestimmte sie, daß jeder freie
Mann das Recht auf ein Gerichtsverfahren hat, bevor er eingesperrt oder
hingerichtet wird; daß Eigentum nicht abgenommen oder zerstört werden kann ohne
gerichtliches Verfahren; daß Gerechtigkeit nicht veräußert, verweigert oder
verzögert werden darf. Vor allem machte die Magna Charta klar, daß das Gesetz
und das Recht höher steht als eine einzelne Person, und sei es der König.
Das
war für die damalige Zeit unerhört revolutionär, und das Bemerkenswerte ist,
daß ein solches Dokument überhaupt einem absoluten Monarchen abgetrotzt werden
konnte. Es zeugt nicht nur von dem Beginn der Loslösung gewohnter
Machtverhältnisse, sondern auch von der Macht, die inzwischen der Klerus, die
niedrigere Aristokratie mit dem Besitzbürgertum und den Städten erreicht
hatten.
Obschon
in späteren Jahren noch weitere Charter mit Zusätzen und Auslassungen von
anderen Königen erlassen wurden, sollte die Magna Charta ein Modell abgeben für
die weitere politische Entwicklung in Europa und der später von der britischen
Herrschaft befreiten Kolonien Nordamerikas.
Damit
haben wir zu der wachsenden Bedeutung der parlamentarichen Einrichtung, das
Instrument der Verfassung, die zusammen mit dem Parlamentarismus in den neu
aufkommenden Demokratien in Europa die entscheidende Rolle spielen und das
politische Geschehen radikal revolutionieren sollten. Ja man kann mit
Bestimmheit heute sagen, daß eine wahre Demokratie ohne Parlament und
Verfassung nicht auskommt - sie im Grunde eigentlich voraussetzt.
Es
wäre allerdings zu optimistisch gedacht und entspräche mehr dem Wunschdenken
als der harten Realität, anzunehmen, daß nun, nach dem Auftreten der beiden
Begriffe “Parlament und Verfassung", auf der politischen Bühne Europas
dieselben wie Pilze nach einem warmen Mairegen aus dem Boden schießen würden.
Das
hieße, die überall vorhandenen und an der Macht befindlichen konservativen, am
althergebrachten und gewohnten festhaltenden Kräfte, sowie das ebenso allgemein
uns Menschen innewohnende Beharrungsvermögen, zu unterschätzen. Was bisher
darüber angeführt wurde, waren nur ihre Anfänge in dem überall mehr und mehr
entbrennenden Kampf um die Macht im Staat.
Sollten
die Parlamente die Plattform werden, wo man mit geistigen Waffen in freier Rede
die Argumente von Für und Wider diskutierte, wurden die Verfassungen in genau
festgelegten Artikeln rechtskräftige, bindende und gesetzliche Dokumente. Sie
waren jeweils abhängig von historischen Entwicklungen und politischen
Machtverhältnissen in den einzelnen Staaten und fielen demnach verschieden aus.
Trotzdem kann man bei allen viele Gemeinsamkeiten finden. So stellten sie in
gleichen oder ähnlichen Worten sinngemäß die Forderung auf die volle
Realisierung der Unferfügbarkeit über die menschliche Person, der
unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und der
notwendigen Solidarität aller Menschen miteinander. Dieses waren somit die
ersten klar ausgedrückten Forderungen einer sozialen Gerechtigkeit in der
Geschichte der Menschheit.
Eine
wahre Verfassung ist ein Gesetzeswerk mit fundamentalen Satzungen, mehr
grundlegend denn irgendeine andere Ansammlung von Gesetzen, weil sie zum Teil
etwas darüber aussagt, wer die allgemeinen Vorschriften erstellt und wie sie
zur Durchführung erzwungen werden. Weiterhin begrenzt sie die Macht des Staates
über das Individium. Der fundamentale Mechanismus um dies zu erreichen, ist das
Einsetzen von Prüf und Kontrollorganen, die zwischen dem Ehrgeiz von Politikern
und dem Tempo des Wechsels der gesetzlichen Umwelt vermitteln. Das Ziel ist
nicht, festzulegen was eine Regierung tun soll, sondern was sie nicht tun darf.
Vor allen Dingen ist es die Aufgabe der Verfassung in einer Demokratie, die
politische Minderheit vor Übergriffen der Mehrheit zu schützen, etwas, was
allen politischen Parteien zugute kommt im Auf und Ab des politischen Klimas.
Es
ist ein Fehler, auch in einer gut funktionierenden Demokratie, sich keine
Sorgen zu machen über die Möglichkeit des
Mißbrauchs von Macht durch die Mächtigen. Die meisten Regierungen können
den Versuchungen nicht widerstehen und bedrohen die Freiheit ihrer Bürger. Es
muß jedoch anerkannt werden, daß Umstände eintreten können die es notwendig
machen, daß der Staat gegen die Interessen einer großen Zahl seiner Bürger
handeln muß, um Schaden für die Allgemeinheit abzuwenden. Um demnach Mißbrauch
soweit wie möglich auszuschalten, gibt es nur das Mittel der erhöhten
Wachsamkeit eines jeden einzelnen Bürgers.
Erwähnt
werden und hervorgehoben muß hier noch, daß die Bürger eines echten
demokratischen Staates mit entsprechender Verfassung die volle Redefreiheit
genießen, weiter das Recht durch Druck zu veröffentlichen, was ihnen beliebt,
solange es nicht gegen sittliche und moralische Regeln verstößt, die Freiheit
von willkürlichem Arrest, die Freiheit in der Ausübung ihrer Religion und der
Vereinigung, z.B. zu politischen Parteien oder Interessengemeinschaften wie
Gewerkschaften und sonstigen Organisationen je nach Wunsch.
Kein
Wunder, daß manche Demokratien ihre Verfassung wie ein verehrungswürdiges und gehütetes Dokument
behandeln, wurde sie doch meist nach harten politischen Kämpfen regelrecht
erstritten. Zumindest von der theoretischen Seite her sind in einer solchen wie
eben erwähnten Demokratie, mit anderen, später noch erwähnten Rechten der Bürger, alle Voraussetzungen für eine
soziale Gerechtigkeit für jederman gegeben. Warum es, wie die Wirklichkeit uns
heute zeigt, bei der Theorie geblieben ist, wird später in weiteren Kapiteln
behandelt.
Mit
den Abhandlungen über Parlament und Verfassung wurde das Wiederaufleben der
Demokratie vorweggenommen, als eine bessere, oder wohl die beste Alternative
unter den möglichen Regierungsformen. Es ist nicht übereinstimmend mit der
Absicht dieser Abhandlung, das Wesen und die Merkmale der Demokratie im
Vergleich zu anderen Regierungsformen
herauszustellen und zu erklären, sondern es soll nur untersucht werden,
inwieweit sie fördernd ist im Hinblick auf eine soziale Gerechtigkeit unter den
Menschen.
XXV.
Rück-
und Überblick
Doch wenden wir uns wieder dem
Zeitgeschehen zu und verfolgen in kurzer Wiederholung und gedrängter
Zusammenfassung den Verlauf der geschichtlichen und politischen Entwicklung in
alter, mittlerer und neuerer Zeit.
Vom
Niedergang der griechischen demokratischen Stadt-Staaten bis zum Aufkommen der modernen
verfassungsmäßigen Regierungsformen, ist eine Lücke von mehr als 2000 Jahren in
der Theorie und praktischen Anwendung einer Demokratie. Rom war bekanntlich
eine Republik, die von der reichen Oberschicht geführt wurde und entwickelte
sich nach und nach in ein autokratisches Kaiserreich, also eine Staatsform, in
der das Staatsoberhaupt die gesetzgebende und vollziehende Gewalt in sich vereinigt.
Die
Nachfolgestaaten waren feudale und adelige Königreiche, welche im Laufe des 16.
und 17. Jahrhunderts sich großteils in absolute Monarchien umwandelten. Eine
Ausnahme bildete England, wie bereits berichtet. Das Mittelalter sah auch die
Entstehung einer Anzahl von unabhängigen Republiken; jedoch wurden sie nicht
demokratisch, sondern von einer reichen Oberschicht regiert.
Obgleich
mittelalterliche und frühe moderne Schriftsteller und Philosophen, in
Ehrerbietung vor der Autorität eines Aristoteles, weiterhin die Demokratie als
eine der drei grundsätzlichen Regierungsformen anführten, hatte sie schon lange
aufgehört, nur theoretisches oder altertümliches Interesse zu wecken. Der
Gedanke einer Regierung durch das Volk und für das Volk, wobei der Hohe wie der
Niedrige gleichgestellt sind, hatte seit dem Ende der demokratischen
Stadt-Staaten in Griechenland, wie nach einem
Waldbrand im Unterholz weiter geschwelt, um bei günstigen Umständen neu
zu entflammen.
Es
war um die Zeit der amerikanischen Befreiungskriege und der französischen
Revolution, als in Frankreich der Philosoph
Jean Jacques Rousseau, neben vielen anderen sozial kritischen Schriften,
sein wohl bekanntetes Werk “Der
Gesellschaftsvertrag” - ein
grundlegendes staatsphilosophisches Werk für die modernen Demokratien -, im
Jahre 1762 veröffentlichte und propagierte.
Während das institutionalisierte Christentum lehrt, daß wir
Menschen von Geburt böse sind - ein Problem, mit dem sich, wie bekannt, die
alten chinesischen Philosophen bereits herumgestritten haben - und uns mit
Hilfe der Kirche zum Guten erziehen lassen müssen, zieht sich durch alle Werke
Rousseau's der Grundgedanke, daß wir Menschen gut aus den Händen der Natur
kommen und erst durch die Gesellschaft verdorben werden.
Über
den Wahrheitsgehalt dieser gegensätzlichen Aussagen wurde schon sehr früh, wie
vorhin erwähnt, ergebnislos gestritten und es wurde in dieser Abhandlung an
anderer Stelle ein entsprechender Kommentar darüber gegeben.
"Der
Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten", war sein
Kernspruch. "Es muß aber möglich sein,
einen Zustand herzustellen, in dem die natürliche und unveräußerliche
Freiheit des Einzelnen in Einklang gebracht ist mit dem Maß an Gewalt, das vom
Wesen einer staatlichen Ordnung nun einmal nicht wegzudenken ist."
Gemäß
dem Gesellschaftsvertrag ist kein Gesetz rechtmäßig, welches nicht den
gemeinsamen Willen des Volkes ausdrückt. Es benötigt eine allseitige Zustimmung
der ganzen Gemeinschaft. Macht allein kann kein Recht bilden.
Der
Mensch kann nur dann volle moralische Verantwortung genießen und somit ein
echter Bürger sein, wenn er teilnimmt an der Bildung der übereinstimmenden
Meinung durch Ausübung seines Wahlrechts, zu dem er gesetzlich berechtigt ist.
Die so geschaffene Regierung muß daher völlig dem allgemeinen Willen
untergeordnet sein, wie es ausgedrückt wurde in der Volksversammlung.
Soweit
einige freie Auszüge aus seinen Schriften. Damit hatte Rousseau im Wesentlichen
und im Verein mit anderen gleich ihm das grundlegende Gebäude einer Demokratie
entworfen, welches nur noch der Gelegenheit bedurfte, bei günstigen Umständen
in irgend einem Land eingeführt zu werden.
War
die griechische Demokratie, wie bereits beschrieben, eine sogenannte
"direkte Demokratie", wobei der Wähler persönlich durch Stimmabgabe
direkt über politische Entscheidungen der Regierung entschied, wurde jetzt eine
Form propagiert, wobei der Wähler sich für einen ihm geeigneten Vertreter oder
Repräsentanten entscheidet, der seine Interessen in der Regierung
vertritt. Diese Methode erlaubte eine
unbegrenzte Zahl von Wählern an dem demokratischen Prozess teilzunehmen,
während die Zahl der an den Entscheidungen der Regierung teilnehmenden begrenzt
blieb. Man nennt sie daher eine "repräsentative Demokratie".
Damit
war das Hindernis, welches die erste griechische direkte Demokratie so
begrenzte, hinweg geräumt. Mit den inzwischen aufgekommenen und hier und da
schon angewandten Parlamenten war auch die Plattform geschaffen für die
Tätigkeit der Repräsentanten, auch Politiker genannt.
Ein
weiterer Umstand wirkte sich zur gleichen Zeit fördernd aus auf das positive
Wirken einer repräsentativen Demokratie und zwar die Bildung von Parteien - auf
freier Werbung beruhende Vereinigungen für den Kampf um die Macht im Staat. Sie
vertraten bestimmte und meist begrenzte Interessen und stellten die Kandidaten
oder Volksvertreter für die Wähler.
Ein
Widerspruch in den zeitlichen Abläufen der hier geschilderten Entstehung der
Demokratie in bezug auf theoretische Planung und praktisch durchgeführte Zeiten
liegt darin, daß das Wiederauftauchen der Idee einer demokratischen
Regierungsform bis zu einer, wenn auch nur teilweise praktischen Anwendung,
nicht das Werk eines Mannes oder einer politischen Gruppe war.
Erstens
hatte das Kind viele Väter, welche alle mit mehr oder weniger Eifer und Erfolg
zu seiner Geburt und darum Gestaltgebung beitrugen, manche sich dessen unbewußt
oder gegen besseren Wissens. So war z.B. der Liberalismus als Weltanschauung,
eine aus der Aufklärung hervorgegangene individualistische Staats,
Wirtschafts-, und Lebensauffassung gerichtete politische Strömung, ebenso ein
beisteuernder Faktor in der Schaffung der Demokratie.
Zweitens
ist es nicht so einfach, Zeitabläufe, die sich über Jahrzehnte oder gar
Jahrhunderte erstrecken, in einer kurzen Abhandlung in chronologischer
Reihenfolge unter einen Hut zu bringen, vor allem, wenn es sich wie es hier
geschieht, nur um die kritische Betrachtung der sozialen Gerechtigkeit handelt.
XXVI.
Liberalismus
und seine Strömungen.
Das Bestreben nach Freiheit von
allem Zwang ist dem Menschen angeboren und war in den Jahrtausenden seiner
Entwicklung stets eine treibende Kraft. Dieser Drang hat allerdings nicht
verhindern können, daß man die Menschheit von ihrer frühesten Entwicklug an bis
zum Auslauf des Mittelalters grob genommen in zwei Gruppen einteilen konnte,
nämlich in Freie, und unfreie Sklaven und Leibeigene. Es war das Gedankengut
und die immer mehr sich verbreitende Strömung des Liberalismus, die diesem
Zustand letztlich ein Ende setzte.
In
seiner historischen Entwicklung als eine Idee ist der Liberalismus eng
verbunden mit dem Wunsch der Menschen nach Freiheit und Befreiung, da die
wesentliche Eigenschaft der liberalen Idee auf die Befreiung zielt und dabei
die Vollfüllung des menschlichen
Geistes in dem Individium zum Ausdruck bringt. Man kann die Idee zurückführen
auf den griechischen Philosophen Sokrates und sein gelassenes Bestehen auf und
Festhalten an der Wahrheit, selbst als es sein Leben kostete. Jedoch war es
die philosophische Richtung der
Stoiker, welche sie befähigte im
Zeitalter der Ausdehnung des Welthorizontes, sich geistig zu trennen von
dem falschen Ideal eines zusammenhängenden Stammes als Einheit oder
Stadt-Staat, und den Menschen als ein selbstständiges Individium
herauszustellen und zu betonen.
Diese
Neigung vom Ameisenstaat hinweg wurde nicht zuletzt unterstützt durch das
später aufkommende Christentum, welches
durch die religiöse Anerkennung der Würde des Menschen, seiner
Einzelpersönlichkeit und seiner Verantwortung vor Gott, der Bewegung die
Grundlage gab, sich leidenschaftlich für die Freiheit des Individiums
einzusetzen.
In
den frühen Entwicklungsstufen des 17. Jahrhunderts in Europa dienten die Denker
und Philosophen “Deskartes, Spinoza und Leibnitz " als das Sprachrohr,
durch welches der lang aufgestaute Strom freiheitlicher Gedanken bekannt wurde.
Alle
diese Ströme von Gedanken und Richtungen liefen zusammen in der großen explosiven
Bewegung im 18. Jahrhundert, die als das Zeitalter der “Aufklärung"
bekannt ist und die sich durch ganz West-Europa verbreitete, und weiter nach
Übersee in die amerikanischen Kolonien.
Ihre
hervorragenden Stimmen waren “Voltaire, Locke, Goethe und Thomas Jefferson, der
schon mehrmals erwähnte Rousseau, Hume und Kant, Diderot, Lessing, Adam Smith
und Berkeley, Montesquieu und Benjamin
Franklin", um nur einige der bekanntesten zu nennen. Ihr leidenschaftlicher
Einsatz für die Freiheit sollte mit der Zeit die Gebäude der feudal gebundenen
Gesellschaften, der monarchistischen und kirchlichen Autorität und der
aristokratischen und klerikalen Sonderrechte, zum Einsturz bringen.
Wir
befinden uns immer noch in der theoretischen Phase der Einführung einer
Demokratie und berichten nur von dem geistigen Kampf, der um diese Frage
entbrannte. Obschon manche der oben genannten Denker vor den Folgen einer
zügellosen Freiheit warnten, ist es
auch hier angebracht, einen Dämpfer auf den Enthusiasmus solcher Leser zu
setzen, auf die die Begeisterung ansteckend gewirkt hat. Bei ihnen mag die
Überzeugung genährt worden sein, daß mit der Einführung einer Demokratie und
die durch den Liberalismus erstrebten Freiheiten gleichzeitig das Zeitalter von
Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit für alle angebrochen sei.
Den Geschehnissen weit vorauseilend und nach mehreren hundert
Jahren praktischer Erfahrung mit Demokratien, sei hier nur gesagt, daß diese
Wunschträume nicht eingetroffen sind. Was die Kinder in der Schule lernen, ist
heute wie damals weit entfernt von den tatsächlichen Verhältnissen. Dieselben
Kräfte, die Jahrtausende lang das Zepter der Macht über die Völker geschwungen
hatten und die sich mit allen Mitteln gegen den Gedanken und die Idee einer
Mitsprache des gemeinen Volkes und seiner Mitregierung wehrten, suchten - und
fanden auch in diesem Falle - Mittel und Wege, das demokratische Prinzip und
Ideal zu unterlaufen und es für ihre eigennützigen Zwecke auszunutzen.
Und
weiterhin, dem Zeitgeschehen vorausgreifend, ist es angebracht festzustellen,
daß auch und gerade in einer Demokratie es sich nicht verhindern läßt, daß ein
grissener und agitatorisch begabter Redner, als Volksvertreter gewählt, sich
anstatt für seine Wähler einzusetzen
und ihre Rechte zu verteidigen, geschickt und skrupellos sein eignes Süppchen
kocht. Allerdings kann er, wenn die Spielregeln eingehalten werden und
funktionieren, von seinem ergaunerten Posten wieder abgewählt werden. Darum ist
von allen Regierungsformen die Demokratie noch die am ehesten annehmbare, nicht
weil sie die beste ist, sondern weil es keine bessere gibt; ist sie doch mit so
vielen Fehlern behaftet wie ein Hund Flöhe hat.
Der
erste ernsthafte und größere Versuch, eine verfassungsmäßige Demokratie einzuführen,
geschah als eine Folge des siegreichen nordamerikanischen
Unabhängigkeitskrieges von 1775 - 1783 in den Vereinigten Staaten Nordamerikas.
Bis
dahin und auch noch weiterhin in Europa, hatten sich unter dem Deckmantel der
Monarchie Regierungsformen gebildet, die Parlamente, manchmal so etwas wie eine
Verfassung, polizeilich kontrollierte Parteien und auch Wahlen erlaubten. Es
sei bemerkt,daß der Ausdruck freie und gleiche Wahlen bewußt ausgelassen
wurde). So hatte das Königreich Preußen am Ende des 19. Jahrhunderts ein Parlament, zensierte
Parteien, eine hart erkämpfte Verfassung und ein Dreiklassenwahlrecht. Das
heißt, die drei Klassen im Staate, Adel, bürgerlicher Mittelstand und das
gemeine Volk , hatten nicht die gleiche Stimmzahl. Es liegt auf der Hand, daß
ein Adeliger über mehr Stimmen verfügte als ein Bürgerlicher und dieser hatte
wieder mehr als der aus dem einfachen Volk, der nur eine Stimme besaß. - Ein
ganz raffiniert eingefädelter Schwindel der herrschenden Klassen, um nur ja
nicht die Macht mit dem Volk teilen zu müssen.
Die
Schweitz - keine Monarchie - praktizierte schon seit einiger Zeit als einzige
Ausnahme unter den Staaten in Europa eine besondere Art von Demokratie mit
Wahlen von Vertretern mit gesetzgebender Funktion und zur Bildung der
Regierung. Jeder Kanton hatte seine eigene gesetzgebende Versammlung und
zusammen bildeten sie die Helvetische Republik, jedoch war die
Regierungsform mehr eine Mischung aus
Oligarchie (Herrschaft der Wenigen) und Demokratie.
XXVII
Das
Wiederaufkommen der Demokraatie.
Nach diesem kurzen Abstecher
zurück zur neuen Welt, wo sich bekanntlich die Bevölkerung aus politischen und
religiösen Emigranten aus dem größeren Europa zusammensetzten und bei denen der
Wunsch nach Freiheit von jeder weltlichen und kirchlichen Unterdrückung die
größte Verbreitung hatte.
Nach langem Gerangel, und nachdem man sich zeitweilig auf einen gütlichen Vergleich zwischen
demokratischen und antidemokratischen Ideen geeinigt hatte, formte man die erste
Verfassung, die im Jahre 1789 rechtskräftig wurde.
Es
entwickelten sich zwei Hauptparteien, die Demokratische Partei, welche den
demokratischen Gedanken vertrat und die Federale Partei mit mehr
antidemokratischen Tendenzen. Ihre Furcht und ihr Argwohn richtete sich vor
allem gegen das gemeine, ungebildete und daher unkontrollierbare Volk mit dem
Argument, daß man politisches Neuland betrat und daher vorsichtig lavieren
müsse. Ohne aristokratische Historie in dem neuen Land, versuchten
eingewanderte Nobele und solche die es zu Reichtum, Ansehen und Einfluß
gebracht hatten, ihr Gedankengut, ihre Sonderrechte und Pfründe, wie schon in
alten Zeiten gehabt, erneut zu festigen und in das neu zu gründende
Gesellschaftssystem einzubauen und abzusichern.
Jedoch
fanden diese Gedankengänge keinen Anklang bei der Masse des Volkes - man war zu
gewitzt und gebrannte Kinder scheuen bekanntlich das Feuer -, und die Ideen des
Thomas Jefferson, mit seinem Vertrauen in die angeborene Gutheit und
Verantwortlichkeit des einfachen Mannes, gewannen die Oberhand. Sein Kom mentar
war: Ich kann mir keinen besseren Hüter vorstellen für die elementare Macht in
der Gesellschaft als das Volk, und wenn wir glauben, es ist nicht aufgeklärt
genug dazu, dann ist die Abhilfsmaßnahme nicht, die Macht von ihm wegzunehmen,
sondern es durch Informieren zu
belehren.
Damit
war um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, als Folge des erfolgreichen
nordamerikanischen Befreiungskrieges von der britischen Kolonialmacht - obschon
dies nicht der ursprüngliche Grund für diese Umwelzungsbewegung war -, die
erste verfassungsmäßige Demokratie der Neuzeit enstanden. Wohlgemerkt, es war
nicht die Demokratie, wie sie heute bekannt ist, denn in den frühen Tagen der
U.S.A. war nicht jeder Bürger gleich wahlberechtigt. Jeder Staat der U.S.A.
hatte seine eigene Verfassung und manche enthielten Bestimmungen, die es einem
armen Mann unmöglich machten, an einem Wahlgang teilzunehmen. Die
Beschränkungen, die sich hauptsächlich auf den Besitz von Eigentum bezogen, -
wer keinen festen Wohnsitz hatte und kein Eigentum nachweisen konnte, durfte
nicht wählen - wurde von allen Bundesstaaten nach und nach aufgehoben, und so
um 1845 hatten alle Männer das Wahlrecht.
Wohlgemerkt, es war noch eine hinkende Demokratie, denn
erstens waren die zahlreichen Negersklaven vom Wahlrecht ausgeschlossen und
zweitens ebenso alle Frauen. In der damaligen Zeit dachte niemand an sowas, und
die bereits bekannten Väter des Liberalismus und der Demokratie, welche diese
Gedanken in ihren Gehirnen ausgebrütet hatten, verschwendeten ebenfalls keine
Zeit damit. Die Frauen, die sich nicht viel später auf ihre Rechte besannen,
mußten nach über 50 jährigen schweren politischen Kämpfen und Demonstrationen
bis 1920 warten, ehe sie Gleichheit in bezug auf das Wahlrecht
erreichten.
Auf
andere Gleichheiten warten sie wie bekannt heute noch.
Und
erst nach Befreiung der Sklaven durch den Bürgerkrieg zwischen den
sklavenfreien Nord-Staaten und dem sklaven-haltenden Süden, den der Norden im
Jahre 1865 gewann, konnten sie, nachdem
die Verfassung mit dem entsprechenden Zusatz Nr. 14 unter starken Widerständen
geändert wurde, im Jahre 1868 ihr Bürgerrecht gleich den Weißen
wahrnehmen.
Trotz
dieser Schönheitsfehler sollten besonders die Vereinigten Staaten von Amerika,
neben anderen Kolonien und Völkern der neuen Welt, eine magnetische
Anziehungskraft auf die Bevölkerung der alten Welt ausüben, die nicht unter
einer solchen freiheitlichen Staatsform lebte. Insbesondere imponierte sie die
Tatsache, daß im Jahre 1791 mit der Festlegung der bereits erwähnten
Grundrechte in einer Demokratie, in 10 Zusatzartikeln zu der “Bill of Rights", der freiheitliche
und fortschrittliche Charakter der Staatsform manifestiert worden war.
Hatten
die Kolonisten der nordamerikanischen Länder nach abschüttelung der britischen
Kolonialherrschaft das Glück der Wahl einer Staatsform nach ihren Wünschen, -
wie schon gesagt, brauchten sie nicht darum zu kämpfen und wählten, nicht ohne
Risiko und politisches Gerangel, die in dieser Form und Größe unerprobte
verfassungsmäßige Demokratie, - so mußten die Europäer, denen nach Gleichem gelüstete, beim Durchsetzen
ihrer Ziele mit schweren blutigen Auseinandersetzungen rechnen mit den am
überlieferten Alten festhaltenden Mächten des Adels und des Klerus.
XXVIII.
Die
französische Revolution.
Dieses vorauszusehende Ereignis
sollte nicht viel später als der nordamerikanische Befreiungskrieg eintreten,
und zwar in Frankreich, und es wurde
historisch weltbekannt als die “Französische Revolution". Sie begann im
Jahre 1789, daurte 10 Jahre, und als sie geendet hatte, wurde ihre Wirkung in
allen Staaten Europas und der übrigen westlichen Welt gespürt.
Wie
bekannt, waren zu dieser Zeit alle Regierungen der Staaten von Europa von
Königen oder sonstigen Adeligen geformt außer
dem Bundesland Schweitz.
Die
erste europäische Revolution geschah in Frankreich, einmal wegen der geistigen
Konzentration von aufrührerischen Denkern wie Rousseau, und zum anderen, weil
hier die meisten gebildeten und fortschrittlichsten Menschen lebten, und
obschon die Bauern arm waren, lebten sie doch in besseren Verhältnissen als im
übrigen Europa. Das politische Klima war also für eine soziale Revolution gut
vorbereitet und hochexplosiv.
Der
Anlaß für die Revolution war, ähnlich wie in England im Jahre 1215, die Frage,
wer die enormen Steuerlasten zu tragen hatte, um die sich der Adel und Klerus
mit Pochen auf ihre Previlegien herumdrückten. Das gab den Anlaß für das
Bürgertum zu revoltieren, weil ihm die ganze Steuerlast auferlegt werden
sollte. Wie gesagt, das war nur der Anlaß und als der Damm brach, war der Flut
der blutigen Revolution Tür und Tor geöffnet und alle lang aufgestauten
sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spannungen drängten zu einer Entladung.
Nach
dem Vorbild der U.S.A. forderten Radikale einen neuen Staat; denn dort drüben
hatte es sich gezeigt, so argumentierten sie, daß es möglich war, einen Staat
ohne die gehassten Standesunterschiede und Standesvorrechte aufzubauen: ein
freies Volk ohne Adel, ohne regierende Geistlichkeit und König hatte dort sein Geschick in die eignen Hände genommen.
Anfangs
hatte die Revolution mit ihren Parolen von Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit für alle, nicht nur die bürgerlichen Schichten begeistert,
sondern auch die Masse des ungebildeten Volkes. Manche träumten sogar, das
Zeitalter eines Weltbürgertums sei angebrochen.
Es
soll hier nicht weiter auf das Hin und Her, sowie das Auf und Ab der
Französischen Revolution eingegangen werden, das läßt sich ausführlicher in
Geschichtsbüchern lesen. Nur soviel sei gesagt, als die Franzosen jedoch den
von ihnen im missionarisch revolutionären Schwung besiegten Völkern
Kontributionen auferlegten, als sie rücksichtslos ganz Europa ausplünderten,
wurde allen deutlich, daß alleine die französische Nation Nutznießer der
Revolution war. Wie bekannt, erhoben sich letztlich die Völker Europas gegen Napoleon, den die Franzosen
sich als Kaiser eingehandelt hatten. Nach blutigen Kämpfen führte dies zu
seiner Niederlage und später zuletzt zu seiner Abdankung.
Allerdings wurde das eigentliche Ziel der Revolution, wie es
Enthusiasten und Radikalen vorschwebte, und wofür so enorm viel Blut geflossen
war, nicht erreicht. Anstatt einer verfassungsmäßigen Demokratie nach dem
Beispiel von Nordamerika, hatte man
sich erneut eine Monarchie eingehandelt, jedoch diesmal mit weit mehr
Macht des Bürgertums als vorher. Die größere Menge des Volkes, welche die
Hauptlast der Revolution im Glauben an die Parolen von Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit so begeistert getragen hatte, ging leer aus und mußte noch
Jahrzehnte warten, bis ihre Zeit kam.
Selbstverständlich
blieb es nicht aus, daß die zündenden Parolen der Französischen Revolution bei
den Völkern Europas auf empfänglichen Boden fielen und zu Reaktionen führten
wie Studentenunruhen und Minirevolutionen, so daß die jeweils herrschenden
Mächte gezwungen waren, Konzessionen zu machen. Man gestattete oder verbesserte
Wahlrechte und die parlamentarische Vertretung, ja einige gingen soweit, eine
Verfassung zuzulassen unter Beibehaltung der monarchistischen Staatsstruktur.
Der Nutznießer all dieser Veränderungen war jedoch nicht das gemeine Volk
sondern das Besitzbürgertum.
Vom
Auf und Ab des politischen Fiebers dieser Zeit blieb auch die kleine
demokratische Schweitz nicht verschont. Nach der Wiedereinführung einer
aristrokatischen Regierungsform im Jahre 1813, wandelte sie sich später wieder
zu einem demokratischen Bundesland mit einer Verfassung angelehnt an die der
U.S.A.
Das
waren also Veränderungen im politischen Leben der Völker denen zwangsläufig
auch wirtschaftliche folgten, wobei die Frage offen bleibt, was von wem
inspiriert wurde. Soweit es die Masse der Völker betraf, war ein Fortschritt in
Richtung einer verbesserten Lebensqualität und ebenso in gleicher Hinsicht eine
Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit kaum meßbar. Daran änderte auch nichts
die Tatsache, daß es im Zuge der Zeit üblich geworden war, den allgemeinen
Volksschulzwang einzuführen - nicht weil man sein Herz für das ungebildete Kind
der Armen entdeckt hatte. Das letzte was ein Fürst oder König brauchte, war
eine kritische und aufsässige gebildete Volksschicht -. Jedoch die Zeiten
hatten sich so entwickelt, allerdings nicht ohne politisches Gerangel, daß die
Schulpflicht zum guten Ton eines fortschrittlichen modernen Staates gehörte.
Bisher
wurden in der Hauptsache die politischen Machtverhältnisse und ihre
Veränderungen und Entwicklungen im Hinblick auf ihren Einfluß auf soziale
Gerechtigkeit behandelt, während die wirtschaftlichen Machtverhältnisse,
obschon meist gleichbedeutend mit den politischen, nur am Rande erwähnt wurden.
Vor allem wurde die politische Entwicklung von alten, herkömmlichen
Regierungsformen zu einer ins Auge gefaßten, mit vorweg genommenen Erfahrungen
gespickten Demokratie, ausführlich behandelt.
Eine
gut funktionierende Demokratie setzt erst einmal voraus, daß alle Einwohner des
Staates demokratisch zu handeln verstehen oder dazu erzogen werden, was nicht
immer der Fall ist. Da war es in einer idealen Monarchie einfacher. Es brauchte
nur der Monarch in die richtige Bahn gelenkt zu werden - welche Bahn und von
wem? - um einen befriedigenden Stand
der Gesellschaft zu erreichen, so argumentierten ihre Befürwörter. Selbst eine
Diktatur findet bei ernst zu nehmenden politisch Denkenden eine gewisse
Anziehungskraft.
Der
Ruf nach einer Diktatur - oder besser nach einem Diktator - wird in
wirtschaftlich schlechten und meist dann auch politisch turbulenten Zeiten von
vielen geäußert, aus der einfachen Erkenntnis heraus, daß eine erzwungene
Gleichschaltung durch Einschränkung der persönlichen Freiheit aller, in kurzer
Frist größere Ergebnisse zeitigt als es in einer Demokratie möglich ist. Wie es
dagegen auf längere Zeit aussieht, haben wir
Deutsche in jüngster Vergangenheit bitter erfahren müssen. Zynische
Gegner der Demokratie, einige unter
ihren verständlich vielen Gegnern, konnten und können es sich nicht verkneifen,
voll Bosheit zu behaupten, daß Demokratie Luxus ist und nur eine
Anziehungskraft besitzt für naive und einfältige Gemüter.
Trotzdem
war ein verborgener politischer Drang zu demokratischen Regierungsformen in den
Völkern vorhanden, nicht nur getragen von Menschen aus dem Volk, sondern auch
in gleicher Weise von Intellektuellen, in der sicheren Erkenntnis, daß sich in
ihr am ehesten Ansätze für eine soziale Gerechtigkeit verwirklichen lassen -
zum Wohle des Einzelnen und damit auch der ganzen Gesellschaft.
Wie
schon angedeutet, waren die Gemüter der Westeuropäer, im Gegensatz zu
Osteuropa, mit demokratischem Gedankengut aufgewühlt und hatten Teilerfolge
erzielt, die aber nur dem Besitzbürgertum zugute kamen. Dabei waren die
größeren Mengen der Bevölkerungen nicht nur von der Beteiligung an der Macht
ausgeschlossen, sondern sie gerieten im Gegenteil in immer größere Abhängigkeit
von der wirtschaftlichen Macht des Besitzbürgertums.
XXIX
Der
Einfluß von Entdeckungen und Erfindungen.
Die Entdeckung fremder Länder, ihre
Besitznahme als Kolonien und schamlose Ausbeutung aufgrund des Kulturgefälles
durch seefahrende Nationen, häufte ungeheuere Reichtümer in die Hände von
Händlern und Handelshäusern, wobei die jeweiligen Regierungen durch
Konzessionen und militärischen Schutz kräftig mitmischten.
Zahlreiche
umwälzende Erfindungen wie die der Dampfmaschine durch James Watt, des
mechanischen Webstuhls, die Entdeckung der Elektrizität, um nur einige von
vielen zu nennen, leiteten einen enormen Aufschwung in der Produktion von
Gütern aller Art ein und brachten den Besitzern der Produktionsmittel riesige
Gewinne. Damit trat zu dem Vokabular der Ausbeuter von altersher ein neuer
Begriff hinzu, nämlich der des Kapitalisten.
So
erforderte die fortschreitende Entfaltung der Produktivität in der
Menschheitsgeschichte den Übergang zuerst von der fast produktionslosen
Urgesellschaft, - Jäger und Sammler - zur antiken Sklaverei, dann zum
Feudalismus mit Leibeigenschaft und von dort zur kapitalistischen Gesellschaft.
Alle diese Stufen waren zwangsläufige
Stadien der Entwicklung. Jede bedeutete einen Fortschritt gegenüber der
vorhergehenden, wobei aber keine Umwälzung statt fand sondern was oben war
blieb oben und umgekehrt. Also das Verhältnis des Nutznießers zum Ausgenutzten
blieb in allen Stufen das gleiche.
Oder
anders ausgedrückt: in allen waren die Produktionsverhältnisse so, daß die
Produktionsmittel, - Grund und Boden, Maschinen und Anlagen -, im Besitz von
Einzelnen, Gruppen, Klassen und Ständen der Gesellschaft waren, identisch mit
feudalem Adel, Grundbesitzern, reich gewordenen Händlern und den neu hinzu
gekommenen Fabrikanten. Allerdings erforderten die Fortschritte in den
Produktionsprozessen und Produktionsmitteln in Landwirtschaft, Handwerk und der
neu aufkommenden Industrie einen größeren Intelligenzgrad und machten ein
Interesse des Arbeitenden an der Produktion nötig. Die Ausbeutung war aber
darum nicht geringer.
In
der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die nicht gebunden ist an eine politische Ordnung wie Monarchie oder
Demokratie, hat der Produzent, wie gesagt, das Alleineigentum an den
materiellen Produktionsmitteln. Der Lohnarbeiter ist hier “frei" unter
fragwürdigen Umständen, also nicht gebunden wie der Sklave oder Leibeigene. Er
ist frei in dreifacher Hinsicht.
Ersten:s persönlich unabhängig ist er frei, sich seinen
Arbeitsplats, wo auch immer, auszusuchen.
Zweitens: bar jeder Produktionsmittel ist er frei, seine
Arbeitskraft gegen höchstmöglichem Lohn wie eine Ware zu verkaufen, um selbst
und mit seiner meist zahlreichen Familie leben zu können. Da das Angebot an
Arbeitskräften in den meisten Fällen
größer ist als der Bedarf, (Frauen -
und Kinderarbeit) hieß das, daß er für den niedrigsten Lohnarbeiten und am
Rande des Existenzminimums leben mußte. Nur in den wenigsten Fällen erfordete
die Entwicklung bestimmter Industriezweige einen Stamm von intelligenten Lohn-
oder besser Facharbeitern mit größerer Job-Sicherheit bei gleichbender Ausbeutung.
Und
drittens:
und das ist sarkastisch gemeint, ist er frei von allen Verpflichtungen seitens
seines Arbeitgebers und der Gesellschft in Bezug auf seine Gesundheit und die
seiner Familie, sowie die Erhaltung seiner Arbeitskraft bei Unfällen aller Art
und die Beibehaltung des Arbeitsplatzes im
Alter.
Es
bedarf keines großen Scharfsinns um zu
erkennen, daß die vorhin genannten Freiheiten den Arbeiter in fast die gleiche
Abhängigkeit von seinem kapitalistischen Arbeitgeber brachten wie die Sklaven
früherer Zeiten.
Daß
solche Zustände nicht von Dauer sein und bleiben konnten, liegt auf der Hand,
und es kam zu Streiks und Aufständen gegen die jeweiligen Machthaber in den
Staaten und deren Exekutive, wie Polizei und manchesmal Militär, oft mit
blutigen Ergebnissen. Alleine um das Recht, sich zu Berufs - und Interessenverbänden
zusammenschließen zu können - später als Gewerkschaften bekannt - bedurften sie
des politischen Kampfes. Diese Einrichtungen wurden damit die einzigen Mittel,
durch gemeinsames Eintreten füreinander und - wenn nötig - durch Streiks, bessere
Löhne und sozialere Bedingungen in der Gesellschaft zu erreichen.
Politisch
interessierte Arbeiter und andere Gleichgesinnte versuchten sich ebenfalls,
unter Machtkämpfen mit der Obrigkeit, zu Pareteien zusammen zu schließen, um in
den soweit vorhandenen politischen und parlamentarischen Einrichtungen des
jeweiligen Staates Einfluß auf die Machtverhältnisse nehmen zu können.
Obwohl
es schon zu allen Zeiten Kapitalisten gegeben hatte, wenn auch in geringerer
Zahl, und obwohl das Wort schon sehr früh geprägt und benutzt wurde, bekam es
zu der letztlich geschilderten Zeit seine anrüchige Bedeutung. Der abgeleitete
Begriff “Kapitalismus" wurde das rote Tuch der aufkommenden
Arbeiterbewegung, weil er für den sich entwickelten Zustand verantwortlich
gemacht wurde.
Nach
"Knauers Konversations Lexikon" ist der Kapitalismus oder das
kapitalistische Wirtschaftssystem eine Wirtschaftsordnung, bei der die
Produktion durch Interesse an dem Geldertrag bestimmt wird, und in der
Personen, die über Kapitalvermögen verfügen, Art, Richtung und Ausmaß der
Produktion festlegen.
Ähnlich
erging es dem Begriff "Sozialismus", der Anfang des 19. Jahrhunderts
als politisches Schlagwort geprägt wurde. Er hat eine mannigfaltige Auslegung
bei gleichbleibender Grundbedeutung: nicht der einzelne Mensch sondern die
Gemeinschaft ist das Maß der Dinge. Es ist offensichtlich, daß er in schroffem
Gegensatz zum Kapitalismus geriet, besonders, nachdem Karl Marx und seine
zahlreichen Anhänger den klassenkämpferischen Sozialismus propagierten, welcher
in dem “Kommunistischen Manifest” seinen schärfsten Ausdruck und Höhepunkt
fand. Soweit genug über die beiden heißen Themen, welche die politische
Landschaft von damals bis heute bestimmen sollten. In späteren Ausführungen
wird noch eingehender darauf eingegangen werden.
Im
Kapitalismus hat, wie bereits erwähnt, der Kapitalist das alleinige
Ausnutzungsrecht an den Mitteln der Produktion und seinem Gewinn. Dagegen
verlangt der extreme Sozialist ein Mitausnutzungsrecht an den Produktionsmitteln
und Teilnahme an dem Gewinn, bis hin zur völligen Übernahme der
Produktionsmittel durch den Staat als
Allgemeineigentum des Volkes.
Was
hier in wenigen Sätzen nur gestreift wird, löste selbstverständlich einen
geistigen Meinungskampf aus um das Für und Wider dieser Theorien und ihre
Berechtigung und allgemeingültige Wahrheit.
XXX
Sozialismus
kontra Kapitalismus.
Wie die Geschichte uns lehrt,
war das soziale Chaos in den aufkommenden westlichen Industrieländern im 19.
Jahrhundert die Ursache für den bekanntesten Verfechter der Lehre des radikalen
Sozialismus, der bereits erwähnte Karl Marx, die Grundlage zu legen für das,
was unter "Lenin" nach der erfolgreichen bolschewistischen Revolution
in Rußland, zum praktisch angewandten Kommunismus im Jahre 1917 führte.
Es
sei hier nochmals die kurze Erklärung eingeflochten, auch wenn es eine
Wiederholung ist, daß das kommunistische Gedankengut, die radikalste,
konsequenteste und vor Gewalt nicht zurückschreckende Fortführung des
sozialistischen Gedankengutes ist. Dieses wieder hat in seiner ethisch
akzeptablen Form seinen Ursprung im praktisch angewandten Christentum
(Urchristlicher Sozialismus), wenn man das religiöse Rankenwerk abstreift und
nur das Verhältnis vom Zusammenleben der Menschen im Diesseits in Betracht
zieht. Ein Beispiel dafür, wie ein an und für sich edler Grundgedanke, auf sich
selbst gesellt, im Laufe der Zeit und sich dauernd verändernden Einflüssen,
entarten kann.
Die
soziale Frage und ihre Herausforderung wurde im vergangenen Jahrhundert von den
Verantwortlichen nicht rechtzeitig in ihrem ganzen Umfang erkannt. Daß es sich
nicht um vereinzelte, hier und da aufflammende Proteste unbelehrbarer
Randalierer handelte, sondern um die Vorläufer einer sozialen Revolution, als
Folge der in Gang gekommenen industriellen Revolution, wurde nicht oder nur
spät begriffen. Inzwischen war es zum Problem erster Ordnug geworden.
Kein
Wunder also, daß ein Karl Marx für seine wissentschaftlich begründeten Ideen so
viele gläubige Anhänger fand, vor allem, als er zusammen mit Friedrich Engels
im Jahre 1848 mit dem "Kommunistischen Manifest", seine spezifische
Antwort gab auf die Fragen der Zeit.
Seine
Antwort war, neben den revolutionären, also auf Umsturz der Gesellschaft
ausgerichteten Thesen, auch antireligiös, weil vor allem der römisch
katholische Klerus wie schon im Mittelalter und, wie hier geschildert, zur Zeit
der französischen Revolution, mit den Machthabern zusammen hielt. Diese Tatsache
und die Haltung der Kirchenväter, die jede gewaltsame Veränderung des
"Status quo" verdammten und den Gläubigen rieten, alle Ungemach
geduldig zu ertragen, im Hinblick auf ein versprochenes besseres Jenseits, veranlasste Karl Marx zu
dem Ausspruch "Religion ist Opium fürs Volk".
Die
Kirchenväter nutzten dabei die Tatsache aus, daß vielen Menschen schon geholfen
ist, wenn sie Trost in ihrem religiösen Glauben finden können. Die menschliche
Natur ist zu begrenzt, als daß sie fähig wäre, jedes Schicksal rationell zu
erfassen.
Es
soll nicht vergessen werden zu erwähnen, daß trotzdem die caritative Tätigkeit
der Kirche viel Not linderte, ohne jedoch mit Erfolg das Übel an der Wurzel zu
bekämpfen.
Wo
es radikale Sozialisten gab wie die Kommunisten, die nebenbei gesagt den Ruf
des Sozialismus schädigten, gab es auch gemäßigte Sozialisten, die der Gewalt
widerstrebten und mit legalen parlamentarischen Mitteln den Arbeitern zu ihrem
Recht verhelfen wollten. Da waren soziale Demokraten oder die christlich
soziale Bewegung und andere Interessengruppen wie die Liberalen und
Konservativen, die als Parteien alle ihre Interessen verfochten, in einem
bunten und vielseitigen parlamentarischen System.
Erst
spät, und mehr unter dem Zwang des immer größer und sichtbarer werdenden Elends
als durch eigene Einsicht, griff die katholische Kirche in den Meinungsstreit
ein. So z.B. im Jahre 1864, wenn Papst Pius IX mit der “Quanta Cura", die
Enzyklika über die Zeitirrtümer herausgab, oder Papst Leo XIII im Jahre 1878 mit der Enzyklika gegen den
Sozialismus. Im Jahre 1891 folgte dann wieder von Papst Leo XIII die Enzyklika
“Rerum Novarum" zur Arbeiterfrage, in der er wieder, wie schon bekannt,
den Sozialismus ablehnte und eine staatliche Sozialpolitik befürwortete.
Durch
andauernde Proteste, Streiks und manchmal blutige Aufstände waren die
Machthaber der westlichen Industriestaaten in Zugzwang geraten und mußten wohl
oder übel Konzessionen machen. So wurde die Kinderarbeit, unterschiedlich je
nach den Ländern, auf verschiedene Altersstufen beschränkt, oder ganz verboten.
Das gleiche geschah mit Frauenarbeit unter Tage und schwangeren Frauen wurde
Schutz eingeräumt. Arbeitstage in der Woche wurden in der Regel auf 6 Tage
festgelegt und die Arbeitsstunden pro Tag
auf 12 und später auf 10 reduziert. Jedes Land führte seine eigene und
besondere Gewerbeordnung ein, die unter anderem Art und Weise der Lohnzahlung
und Gehälter regelte.
Allerdings
gab es auch sozial eingestellte Unternehmer wie den Gründer der optischen
Gerätefabrik Karl Zeiss, der schon Sozialleistungen aus eigenem Antrieb
einführte wie Krankengeld undUnfallschutz für seine Arbeiter mit angemessener
Entlohnung.
Dies
geschah, bevor Reichskanzler Bismark des Deutschen Reiches, als erster
Staatsmann der Industrieländer Europas und der Welt, mit Gesetzen von 1883 die
allgemeine und universelle Krankenversicherung, in 1884 die Unfallversicherung
und in 1889 die Invaliditäts - und Altersversicherung einführte.
Niemand soll glauben, daß der
Junker Bismark, ein Erzkonservativer und Angehöriger der Adelsklasse, plötzlich
sein Herz entdeckt hätte für die Arbeiterklasse. Es waren nüchterne und
politisch zweckdienliche Überlegungen, die ihn zu diesem Schritt zwangen, wobei
eine Verbesserung der sehr schlechten Gesundheit der Rekruten nicht nur eine
untergeordnete Rolle gespielt haben soll. Immerhin war damit ein gewaltiger
Schritt vorwärts getan, in Richtung auf eine Verbesserung der sozialen Lage
nicht nur der Arbeiterklasse, sondern aller unterprivilegierten Menschen
im Deutschen Reich.
Es
hat, wie wir gesehen haben, lange gedauert und Opfer an Gut und Blut, Verfemung
und Einkerkerung einzelner Mutiger gefordert, bis in den Industriestaaten für
alle Bevölkerungsschichten sich Verhältnisse herausschälten, die den Bürgern
ein menschenwürdiges Dasein
ermöglichten. Bismarks Sozialreformen waren ein denkwürdiger Anfang,
der von anderen Staaten nachgeahmt
werden sollte.
Wer
da denkt, daß in der hier geschilderten Periode des 19. Jahrhunderts das
politische Augenmerk nur auf den Kampf zwischen Liberalen, Konservativen,
Sozialisten, Christlich Soziale und
Kommunisten gerichtet war, abgesehen von nationalistischen Parteien, nur
um einige zu nennen, der irrt sich gewaltig. Man fand Zeit und auch die Mittel,
um frisch und fröhlich zahlreiche Kriege zu führen, meist aus
nationalpolitischen Gründen oder auch um wirtschaftlicher Vorteile willen.
Leider
hatte man sich nicht nur in Deutschland sondern auch sonstwo in Europa,
inzwischen dem üblen Zeitgeist des Nationalismus und der übertriebenen
Verehrung der jeweiligen Monarchien verschrieben.
Im
Glauben, die bedrohte Souveränität des geliebten Vaterlandes verteidigen zu müssen, schlitterten die
Völker Europas, sowie nach und nach die halbe Welt, in den großen Krieg, welcher
als “Der erste Weltkrieg" berüchtigt wurde. Alle politischen Ränke auf
beiden Seiten der Gegner waren vergessen und der sonst verachtete kleine Mann
durfte wie immer die größten Blutopfer bringen.
Am
Ende desselben gab es viele Monarchien nicht mehr; Lenin hatte, wie bereits
berichtet, in Rußland nach einem blutigen Bürgerkrieg dem Kommunismus zur Macht
verholfen und die Deutschen durften, nach dem Willen der Siegermächte, die
ersten zaghaften Schritte in einer Demokratie tun.
Das
erwies sich jedoch als eine Fehlkalkulation, denn die Deutschen waren nicht
genügend demokratisch geübt und es dauerte etwa 15 Jahre, bis sie nach schwerem
politischen Gerangel den Diktator
"Hitler" an die Macht brachten. Mit den Parolen, die Deutschen durch
einen nationalen Sozialismus aus der Weltwirtschaftskriese heraus zu holen und
mit Unterstützung nationalistischer und revanchistischer Kreise, gelang ihm der
Sprung an die Macht. Es wurden ohne Zweifel soziale Verbesserungen eingeführt,
die Volksgemeinschaft betont verstärkt mit der Parole: "Einer für alle,
alle für einen“ und das Volk war begeistert, wobei es die Gefahr einer Diktatur
und eines überspitzten Nationalismus
übersah.
Die Einführung der Demokratie in Deutschland war also ein
Fehlschlag und so auch das Kriegsziel der alliierten Mächte gegen die
Mittelmächte im ersten Weltkrieg, welches sie mit einem enormen
Propagandaaufwand ihren kriegsmüden Völkern eingetrichtert hatten, nämlich daß
der Krieg geführt und gewonnen werden
müsse, um weitere Kriege zu verhindern, sollte sich, dank ihrer
Nachkriegspolitik, recht bald als trügersiche Täuschung erweisen.
Obschon
das alles jüngste Vergangenheit ist und es eigentlich nicht zun Thema dieser
Abhandlung paßt, sei hier nur kurz erwähnt, daß Hitler nach anfänglich
krieglosen, politischen Erfolgen zu wagemutig wurde und Europa und die Welt in
einen zweiten Weltkrieg stürzte, mit dem Ergebnis der völligen Vernichtung
Deutschlands als Staat.
Damit
kommen wir zum Schluß des ersten Kapitels dieser Abhandlung "Soziale
Gerechtigkeit- gestern".
Daß
es gleichzeitig ein geschichtlicher Abriß politischer, religiöser und
wirtschaftlicher Entwicklungen wurde, war bedingt durch den engen Zusammenhang
zwischen sozialen Verhältnissen und der Einwirkung der Geschehnisse in
wechselseitiger Beeinflussung.
Wie
schon einmal betont wurde, liegt es im Wesen des ersten Kapitels dieser
Abhandlung, daß Geschehnisse nur zusammengedrängt auf wenige Zeilen berichtet
werden konnten, welche Entwicklungen von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden
duchgemacht haben. Auf nähere Einzelheiten einzugehen war nicht der Platz und
nicht der Zweck dieses Vorhabens.
Mit
Absicht nimmt es den Standpunkt der Unterlegenen und von der Natur mit weniger
geistigen Gaben versehenen ein, also den größeren Teil der Bevölkerung.
Weiterhin beschreibt es die Auseiandersetzung dieser Benachteiligten um eine
soziale Gleichberechtigung mit den Mächtigen der Gesellschaften, die von der
Natur bevorzugt wurden und deren Anschauungen in der Weltliteratur dominieren.
Das
führt zwangsläufig zu der Erkenntnis, daß man es entweder hat, oder man hat es
nicht.
Der
Mensch ist dem Gesetz unterworfen, welches jedes lebende Wesen regiert: dem
Gesetz zu nehmen, wozu er stark genug ist es zu nehmen, und zu behalten, wozu
er die Unerschrockenheit hat, es zu behalten; und was tut die Gesellschaft
anderes, als, in geheimer Abrede, die
Wahrheit zu verbergen.
Zweites
Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Heute!
Betrachten wir heute global die
Errungenschaften der Menschheit in Bezug auf soziale Gerechtigkeit
untereinander, so müssen wir leider feststellen, daß wir keinen Grund haben
stolz zu sein auf den Fortschritt, den unsere Zivilisation gemacht hat. Im
Gegenteil, wir haben allen Grund uns darüber zu wundern, daß wir überhaupt
soweit gekommen sind, trotz unseres triebhaften Verhaltens. Sieht man es über
die Zeitspanne von etwa 10 000 Jahren bekannter Menschheitsgeschichte, so ist
es ein mieser Erfolg und eine enttäuschende Bilanz.
Zu
verdanken haben wir den geringen Erfolg nicht etwa den konzentrierten
Anstrengungen der starken, mächtigen, aktiven und damit harten oberen Schichten
der Gesellschaften, - sie hatten nur
entgegengesetzte Interessen, - sondern dem geduldigen, leidgewohnten,
rücksichtsvollen, also weichen Teil der Bevölkerungen, welche nicht nachließen
in dem Glauben und der Hoffnung auf eine Verbesserung ihres Schicksals. Es ist
somit ein Beispiel für den Wahrheitsgehalt des chinesischen Sprichworts:"
Das Weiche ist auf die Dauer härter als das Harte ".
Wie ein Wetterleuchten zuckte hier und da, manchmal nur
schwach, manchmal stärker, der Wunsch und die Forderung nach einer besseren
Gesellschaftsordnung mit mehr sozialem Ausgleich auf, bis am Ende des 18. und
vor allem im 19. Jahrhundert diese Sehnsucht einen gewaltigen Aufschwung nahm.
Ohne nochmals auf das bereits im ersten Kapitel geschilderte Zeitgeschehen
einzugehen sei nur vermerkt, daß die vereinten Anstrengungen der vom Marxismus angehauchten Sozialisten sowie
andere sozialistisch ausgerichtete Parteien, wie die christlich soziale
Bewegung, den Erfolg verzeichnen konnten, das Los der arbeitenden Bevölkerung
entscheidend verbessert zu haben. Die Pionierleistung Bismarks wurde nach und nach von den meisten
Industriestaaten nachgeahmt, bis auf die Vereinigten Staaten.
Die
politische Landschaft hat sich nach dem zweiten Weltkrieg ebenfalls zu Gunsten
der Demokratien verändert und gibt Anlaß zur Hoffnung, daß sich soziale
Verbesserungen eher durchsetzen lassen.
Es
sei nochmals darauf hingewiesen, - wie bereits mehrmals geschehen, - daß eine
demokratische Gesellschaftsordnung ganz
gleich in welcher Staatsform, nicht identisch ist mit sozialer
Gerechtigkeit in dieser Gesellschft. Sie bietet nur die größte Chance oder eine
Chance überhaupt, sozial gerechte Reformen mit dem Stimmzettel durchzusetzen.
Das ist mit ein entscheidender Grund, warum heute soviel Wert auf demokratische
Regierungsformen in der Welt gelegt wird und sich die westliche Welt darum bemüht.
Man kann heute, nach bald 50 Jahren friedlicher Entwicklung
nach dem zweiten Weltkrieg, in der westlichen Welt von einem ansehnlichen
Fortschritt sprechen. Jetzt stehen die Länder der sogenannten “Dritten Welt"
an dieser Schwelle und möchten die mehr als hundertjährige Entwicklung mit
einem Satz überspringen.
Ob ihnen das gelingen wird ist
zweifelhaft, zumindest in der nahen
Zukunft.
Da
helfen auch großzügige Darlehen und Kredite nicht viel, weil sie nur durch
Ausbeutung der sowieso armen Völker zurückge zahlt werden können und sie durch
Währungsmanipulationen der Geldgeber am Gängelband gehalten werden. So erweisen
sich heute diese Darlehen als Klotz am Bein der Entwicklung der
Industrieländer, weil die meisten der Entwicklungsländer ihren Verpflichtungen
auf Rückzahlung nicht nachkommen können. Nur ein erheblicher Konsumverzicht in
den Industrieländern zugunsten der verarmten dritten Welt kann unter anderem
z.B. einen Andrang von Wirtschaftsflüchtlingen wirksam einschränken, als
Beitrag zur Solidarität und zum sozialen Ausgleich. Solange nur 10% der
Weltbevölkerung 80% der Weltproduktion verbrauchen, werden die Konflikte
unausbleiblich eskalieren.
Dem
ersten Kapitel dieser Abhandlung wurde eine dreiteilige Erklärung über soziale
Gerechtigkeit vorausgeschickt, und es ist nun an der Zeit, sich etwas näher
damit zu befassen. Eigentlich sagen
die ersten drei Thesen grundsätzlich alles aber in einem sehr weit gesteckten
Rahmen, der vielerlei Auslegungen zuläßt. Genaugenommen hat jeder Stand, jede
Gesellschaftsschicht, von der Aristokratie bis zur Arbeiterklasse, ihre eigene
Übersetzung, und wenn man genauer hinsieht, sogar jeder einzelne Mensch. Auf
all die Varianten einzugehen und sie zu erläutern, ist hier nicht der Platz und
auch nicht der Sinn dieser Abhandlung. Nur einige:
- Der Vorrang von menschlicher
Arbeitskraft über Profit und Maschine.
- Die Notwendigkeit, daß Kapital
und Technologie verstanden werden als
ein Mittel zum Zweck und nicht als der Zweck schlechthin, und daß sie gebraucht
werden zum Aufbau und nicht zur Zerstörung.
- Das Recht eines jeden Menschen
auf Selbstbestimmung seines örtlichen Gemeinwesens, dieses zu organisieren und
kontrollieren für eine bessere soziale und wirtschaftliche Entwicklung, um
seine eignen grundsätzlichen Bedürfnisse zu befriedigen.
- Die Notwendigkeit einer
verantwortlichen Verwaltung unserer natürlichen Bodenschätze.
- Das Prinzip der universalen
Solidarität - alle Menschen sind aufgerufen, in harmonischer gegenseitiger
Abhängigkeit zu leben.
Wie
die aufgeführten Prinzipien leicht erkennen lassen, hat sich der Schwerpunkt
der Frage nach sozialer Gerechtigkeit vom politischen und religiösen, weg zur
wirtschaftlichen Problematik gewendet, ohne die vorgenannten zu verdrängen.
Betrachten wir z.B. die ersten beiden Prinzipien vom ersten Kapitel, so müssen
wir feststellen, daß viele Menschen ein falsches Freiheitsverständnis haben.
Dieses Thema wurde nebenbei schon mehrmals im ersten Kapitel angeschnitten und
ist heute noch ein heiß umsrittener Gegenstand tiefschürfender Debatten von
Denkern und Philosophen, hauptsächlich angefacht durch den neu aufgekommenen
Liberalismus.
I.
Rechte
und Pflichten in einer Gesellschaft.
Zulange ist unsere Gesellschaft
in die Gewohnheit verfallen, von Menschenrechten zu sprechen, als ob sie in
einem Vacuum existieren würden. Das ist eine bedeutende Abkehr von dem lange
anerkannten philosophischen Prinzip, daß jedes Recht - mit sich - auch
gleichermaßen Pflichten trägt.
Der
artikel 29 von der "Universalen Erklärung von Menschenrechten" der
UNO sagt, daß nicht nur jederman Rechte hat sondern auch “jederman hat Pflichten gegenüber der
Gesellschaft."
Er sagt auch: “in der Ausübung
seiner Rechte und Freiheiten, ist jederman nur den Begrenzungen unterworfen,
welche durch Gesetze bestimmt sind, und zwar einzig zu dem Zweck, sicher zu
machen, daß die Anerkennung und der Respeckt für die Rechte und Freiheiten
anderer gesichert ist und übereinstimmt mit der gerechten Forderung nach
Moralität, öffentlicher Ordnung und der allgemeinen Wohlfahrt in einer
demokratischen Gesellschaft.“
An
das bereits Gesagte anlehnend, verstehen die meisten Menschen unter
“Freiheit" das Recht, sich ohne Rücksicht auf andere auszuleben, getreu
dem alten Urinstinkt "erst komme ich". Sie übersehen dabei die
elementare Tatsache, oder haben sie nicht gelernt, daß zum Leben in einer
gesunden und funktionierenden Gesellschaft zum Nutzen aller Glieder, mit
Freiheit unauflöslich Pflicht, Verantwortung und Solidarität verbunden sind.
Man
kann die Einschränkungen der persönlichen Freiheit eines Menschen in der
Gesellschaft nahezu treffend vergleichen mit den Einschränkungen, die der
moderne Straßenverkehr mit seinen Ge-
und Verboten uns Menschen auferlegt. Bekanntlich sind die Verkehrsregeln
keine Erfindung irgend eines Bürokraten vom grünen Tisch aus, sondern haben
sich zwangsläufig ergeben durch das physikalische Gesetz: “Wo ein Körper ist,
kann kein anderer sein in der gleichen Zeit."
Das
ist der dominierende Faktor, welcher die Verkehrsordnung bestimmt und zu
vergleichen ist mit der Ordnung unter den Menschen, die ihr Zusammenleben
bestimmen sollte. Das Chaos wäre unvorstellbar, würde jeder ohne Regeln so
fahren können, wie ihm beliebt. Gleichfalls wäre es eine chaotische
Gesellschaft, würde jeder sich nach seinen Einfällen benehmen, wie er lustig
ist.
Und
was wären Gebote und Vorschriften wert, wenn sie nicht durch die Staatsgewalt
übersehen und notfalls erzwungen würden?
So klar und übersichtlich wie mit den Verkehrsregeln im Straßenverkehr ist die Sache beim
menschlichen Zusammenleben selbstverständlich nicht; aber es gibt auch hier
Regeln und Gebote und die ältesten und bekanntesten sind die zusammengedrängten
10 Gebote des Moses. Und auch hier hat der Staat, solange er vom Volkswillen getragen
und keine Diktatur ist, das Recht und die Pflicht, gegen Verstöße angemessen
einzugreifen.
Im
Hinblick auf die Verkehrsregeln hat der freie Mensch in einer freien
Gesellschaft also das Recht:
Erstens- Den Zeitpunkt seiner Fahrt oder
Fahrten selbst zu bestimmen.
Zweitens- Das Ziel seiner Fahrt und den
Weg dorthin selbst festzulegen.
Drittens- Die Art der Fortbewegung, ob
eignes Fahrzeug oder öfffentliches Verkehrsmittel gleich welchen Typs, frei zu
wählen.
Soweit
das Beispiel vom Straßenverkehr. Auf ein gutes Zusammenleben in der
Gesellschaft im übertragenen Sinne gesprochen, ist der Mensch auch nur begrenzt
frei. Er ist also im Leben auch Regeln und Vorschriften unterworfen, denen zu
folgen ihm angeraten wird. Nur Diktaturen einschließlich der Kommunisten,
versuchen die dem Menschen zustehenden natürlichen Rechte einzuschränken oder
ganz zu nehmen.
Vieles
läßt sich noch als Vergleich und Beispiel wechselseitig anführen, was
blitzartig die Situation um diese Problematik erhellt. Doch soll es mit dem
bisher Gesagten genug sein.
Betrachten wir alles vorhin Gesagte zusammenhängend, so kann
gesagt werden; wer frei ist hat Pflichten, trägt Verantwortung und ist nur so
ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Daher die Forderung aller Kreise,
einschließlich der Kirchen, die auf das Wohlergehen des Menschen in der
Gesellschft und damit der Gesellschaft als Ganzes besorgt sind, die Erziehung
des Menschen in der Familie und Schule in den erwähnten Prinzipien zu
beeinflussen. Als Staatslenker bedarf es vor allem bedeutender Menschen mit
Weitsicht, Mut und dem untrüglichen Blick für das Machbare, ohne diktatorische
Allüren.
Jedoch trösten wir uns mit der Feststellung,
daß in modernen Demokratien die Besten eben nicht in der Politik, sondern in
der Wirtschaft zu finden sind; deshalb heißt es ja auch: “In der Politik sind
die Nullen gefährlich, die vorne stehen, im Gegensatz zu der Wirtschaft, wo sie
gefährlich sind, wenn sie hinten stehen.”
Der
Aristokrat glaubt zu Recht, daß es in jeder Gesellschaft und zu jeder Epoche
nur wenige wirklich bedeutende Menschen gibt, und er ist überzeugt, daß sie aus
seinen Kreisen kommen. Der überzeugte Demokrat hingegen hat im tieferen Sinne
recht, wenn er darauf beharrt, daß wir nicht voraussagen können, woher diese
wertvollen Menschen kommen, und uns deshalb nach allen Seiten offenhalten
müssen.
Zu
diesem Zweck wurden durch sozialen Druck in den westlichen Industrieländern
Schulsysteme eingeführt, die es auch dem Minderbemittelten erlauben, höhere
Institute und Universitäten mit staatlicher Unterstützung zu besuchen. Damit
wurde zumindest der Versuch gemacht, das jahrtausende alte Bildungsmonopol der
Reichen und Privilegierten zu brechen.
Jedoch
die Dinge stehen nicht günstig nach einigen Jahrzehnten freier Schulbildung und
einem halben Jahrhundert allgemeinen Gesundheitswesens und staatlicher sozialer
Leistungen.
Seit
einiger Zeit werden wir sachte durch die Medien darauf vorbereitet, daß das
System der universellen Krankenversicherung zu teuer ist und wir uns mit
starken Einschränkungen abfinden müssen. Nebenbei sind die U.S.A. das einzige
Industrieland, welches in seiner Verfassung jedem Bürger das tragen von Waffen
garantiert, aber nicht das Recht zu einer allgemeinen und generellen
medizinischen Versorgung. Zur Zeit dieses Schreibens sind nahezu 30 Millionen
Amerikaner, selbsverständlich die arme Bevölkerungsschicht, ohne jedwede
Krankenversicherung und das, obschon die
U.S.A. in ihrem Haushaltsplan den höchsten Betrag auslegen in der ganzen
Welt für ihr Gesundheitswesen.
II.
Kampf
um Vorrechte und Exklusivität.
Dem Bildungswesen geht es nicht
anders und es leidet ebenfalls. Da wird zwar mit schönen Worten immer wieder
betont, daß wir konkurrenzfähig bleiben und daher größere Anstrengungen auf dem
Gebiet der Ausbildung unternehmen müssen. In Wirklichkeit werden aber ständig
Mittel für Hochschulen und Universitäten gekürzt und die Einschreibegebühren
erhöht, so daß wir langsam aber sicher wieder dort ankommen, wo wir einmal zu
“besseren Zeiten" aufgebrochen sind; daß sich nämlich nur Kinder
privilegierter und reicher Leute ein Studium erlauben können. Auf der einen
Seite strebt man davon weg, eine "Elite" heranzubilden, - in
demokratisch korrekter Denkweise ist "elitär" fast ein Schimpfwort -
andererseits wird durch diesen Rückschritt eine Auswahl nach materieller Potenz statt geistiger
Fähigkeiten gefördert. Ein weiteres Beispiel davon, wie die Bevölkerung
beeinflußt wird, sei nachfolgend gegeben.
Führende
Geschäftsleute und Unternehmer scheuen sich nicht, für Jahre dem Volk zu
erzählen, daß wegen der Größe der jährlichen Defizite und der damit verbundenen
nationalen Verschuldung kein Geld da ist für Kinderfürsorge, Heime für
Wohnungslose, Hilfe für alleinstehende und arbeitslose Mütter mit Kindern, die
schon erwähnte Unterstützung des Schulwesens, Krankenfürsorge und vieles andere
mehr, also alles Soziallasten der Gesellschaft.
Um
dem abzuhelfen, die Wirtschaft leistunsfähiger zu machen und damit die
Staatseinnahmen zu erhöhen, um die Soziallasten besser aufbringen zu können,
fordern sie arrogant, daß sich der Staat nicht einmischt in dem freien Ablauf
der Marktwirtschaft, um regulierend einzugreifen.
Nichtsdestoweniger
haben dieselben Herren keine Gewissensbisse, zu dem selben Staat zu gehen mit
der Forderung nach einem Eingriff in die geheiligte Marktwirtschaft, wenn sie
sich in einer finanziellen Kriese befinden. Sollten die Finanzmanipulationen
des Staates eine Pleite nicht verhindern, dann darf der Vater Staat mit
Steurgeldern den Herren aushelfen. Mit denselben Steuergeldern die nicht da
sind, um den Stand der sozialen Ausgaben in gleicher Höhe zu erhalten, die aber
augenscheinlich ausreichend vorhanden sind, wenn es gilt, fehlgegangenen und
waghalsigen Unternehmen aus der Patsche zu helfen.
Wie
die vorhin beschriebenen Beispiele anzeigen, sind auch in den Demokratien
ständig Kräfte am Werk, sich das größere und bessere Stück des Kuchens
anzueignen. Wer da glaubt, daß die
Kräfte und Mächte, die während der ganzen Menschheitsgeschichte - wie im ersten Kapitel geschildert -
rücksichtlos als die führende Schicht ihre Völker ausbeuteten, nun als bekehrte
Demokraten ihre Fahnen gestrichen haben und brave und folgsame Mitglieder ihres
jeweiligen Volkes geworden sind, geduldig wartend, bis sie am Gabentisch der
Gesellschaft an der Reihe sind, hat sich gewaltig geirrt. Ganz im Gegenteil.
Nicht
zuletzt wegen der durch den Liberalismus geforderten Freiheiten - mit ein Grund
für das Aufkommen der Demokratien - verstärkt durch die Entwicklung im Bildungswesen,
können sich größere Kreise der Gesellschaft als bisher auf die Seite der Nutznießer schlagen. Das Gerangel da oben um
Vorteile und Vorrechte ist daher verschärft und grenzt manchesmal ans Groteske.
Exklusive
Schulen und Universitäten mit entsprechend hohen Gebühren, exklusive Klubs und
sonstige Vereinigungen, meist mit wirtschaftlichem Hintergrund, werden als
Mittel benutzt, sich von der Masse abzusondern um ihre Vorrangstellung in der
Gesellschaft zu behaupten und ihre Begierde nach Macht zu befriedigen.
Dabei
ist es nicht so, obschon das Thema als solches in grundsätzlicher Form und in
zahlreichen abgewandelten Beispielen bereits mehrfach behandelt wurde, daß die
Kreise um die internationalen Finanzmagnaten und erfolgreichen Spekulatoren
darauf bedacht sind, sich mit ihrer Weltanschauung ins geheimnisvollste
Stillchweigen zu hüllen. Der Mitteilungsdrang kitzelt sie auch manchmal und so
bekommt der aufmerksame Leser von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen
gelegentlich Offenbarungen zu lesen, die ihm die Sprache verschlagen.
III.
Beeinflussung politischer Entscheidungen.
Was
sie auf exklusiven Schulen in der Welt gelernt, und was sie mit Erfolg an
außerordentlichem Reichtum in den verschiedensten Währungen (meist in Dollar)
mit Geschick angehäuft haben, drängt sie zur Enthüllung ihrer wahren Motive.
Auch ein Multi-Billionär möchte manchmal nicht nur von Seinesgleichen sondern
auch von der Welt bewundert werden und dabei gleichzeitig sich als
Menschenfreund feiern lassen.
So
geschieht es dann manchmal, daß eine solche Koryphäe einem Korrespondenten ein
Interview gewährt und dabei einige seiner Weisheiten preisgibt. Unter dem
Deckmantel der Menschenfreundlichkeit (Philanthropy) kann man da von einem
mehrfachen Billionär lesen, der sein "sauer" verdientes Geld an arme
Länder und Organisationen in Osteuropa oder der dritten Welt verleiht oder in
Kapitalfonds anlegt.
Man
höre und staune: Er hat eine Abneigung gegen Nächstenliebe und Mildtätigkeit.
Menschenfreundlichkeit geht ihm gegen den Strich. Unsere Zivilisation ist
aufgebaut auf der Verfolgung von Selbstinteresse, nicht mit irgendeiner
Beschäftigung der Interessen anderer.
Daß
dies im Widerspruch steht zu allem, was unsere zweitausendjährige christliche
Kultur bis heute soweit gebracht hat, sei nur am Rande vermerkt. Wenn diese
Koryphähen mit ihrer Masse Geld nicht so einflußreich wären und die Geschicke
ganzer Völker in Frieden lenken und in Kriege stürzen könnten, würde es sich
nicht lohnen, weiter darüber zu berichten.
So
ist es gang und gäbe im amerikanischen Musterland der Demokratie - und es ist
nicht anzunehemen, daß es in anderen Demokratien anders wäre -, daß spezielle
mächtige Interessengruppen mit ihren Lobbisten enormen Einfluß ausüben
außerhalb des legalen politischen Systems von Kongreß und Weißem Haus. So
bleibt es nicht aus, daß politische Entscheidungen gefällt werden zum Schaden
des Wählervolkes, aufgrund von Bestechung und Korruption.
Die
von der amerikanischen Verfassung grundsätzlich geforderte Bestimmung, daß das
Volk den wichtigsten Teil in der Regierung bildet, ist in Gefahr verwässert zu
werden. Das jederzeit herbei zitierte Schlagwort "Die Regierung soll nur
gehandhabt und betrieben werden für das Volk und mit dem Volk", wird nach
und nach zur hohlen Phrase, an die nur noch Kinder glauben.
Leider
ist es eine Tatsache, daß Moral nicht zu erzwingen ist, und sich auch nicht
durch das schärfste Gesetz ersetzen läßt.
Ein
gerütteltes Maß von politischer Einsicht zeigte einst eine Abordnung von Bauern
eines Balkanstaates. Sie erschienen mit der Bitte bei ihrem Landesfürsten,
ihren unbotmäßigen Landesvogt wegen
ungerechtfertigter Übergriffe zu tadeln, um damit ihr Los zu erleichtern. Als
daraufhin der Landesfürst, per Zufall gnädig gestimmt, sagte, er werde ihn absetzen,
antworteten sie mit tiefem Erschrecken und widerstrebend: "Um Gottes
Willen, nein! Nur tadeln möge ihn der gnädige Herr. Er hat alles was er
braucht. Wenn Euer Gnaden einen anderen einsetzen, wird er erst sich von uns
alles beschaffen, wonach ihm der Sinn steht, und uns geht es schlechter als
vorher."
Welche
Sumpfblüten der ungehinderte Kapitalismus in solch einer stinkfeinen Demokratie
wie "Kanada " treiben kann, sei dem Beispiel des vor kurzem
gestorbenen Milliardärs " Kenneth Collin Irving, 93 Jahre alt"
entnommen. Er war bis jetzt der einzige Kanadische Milliardär, der jemals fast
eine ganze Provinz, in diesem Falle “Neubraunschweig", sein Eigen nennen
konnte, und er besaß alles, was Wert war festzunageln und einen Gewinn versprach.
So gehörten ihm, - und gehören noch seinen
Söhnen -, ganze Ländereien, darunter 3 Millionen Morgen mit Baumbestand,
Tausende von Gebäuden, Fabriken für Holzverarbeitung und Papiererzeugung, die
größte Ölraffinerie im Osten Kanadas, Supertanker, die Saint John Schiffswerft,
Busslinien, 3000 plus Tankstellen mit eigenem Benzinverteilernetz sowie
zahlreiche Restaurants und Gelegenheitsgeschäfte. Ferner gehören der Familie
alle Zeitungen im Lande und die Hauptfernseh - und Radiostationen.
Wieviele
von gewählten Politikern in seinem Sold gestanden haben, ist nicht bekannt;
dagegen ist bekannt, welchen enormen Einfluß er auf die Politik des Landes
ausübte, um seine Vorteile zu wahren. Unter anderem handelte er mit der
Regierung der Provinz für ihn günstige Steuerverträge aus, mit Laufzeiten von
20 und 30 Jahren.
Bemerkenswert
ist noch, daß alles in einer Generation und von kleinsten Anfängen an
zusammengerafft wurde.
Alles
in allem also ist dieser Zustand eine Schande für das demokratische Kanada.
Jedoch vom Standpunkt eines Kapitalisten ist es eine bewunderungswerte und Neid
erregende Leistung, derweil bestimmt nicht alles mit rechten und legalen Dingen
zugegangen ist. Es ist für den kleinen Mann eine Mahnung, wachsamer zu sein, um
die richtigen Personen und Parteien an
die Macht zu wählen.
IV
Streitfragen
über Arm und Reich.
Ein gängiges Thema bei
politichen Diskussionen ist, wie man die Unterschiede zwischen Arm umd Reich
mildern kann, um zukünftigen Unruhen mit eventuellen Straßenkämpfen
zuvorzukommen.
Ein
uraltes Motiv taucht dabei immer wieder auf, jedoch man hüte sich vor der
Sozialistenweißheit, von den Reichen zu nehmen und es den Armen zu geben! Das
wäre nur eine gleichmäßige Verteilung des Elends, wie es Winston Churchill
einmal ganz richtig sagte.
So
hat ein Staatsman den Vorschlag gemacht - und er ist auf den ersten Blick
garnicht so dumm -, man solle sich dafür einsetzen, daß sich auch die ärmere
Bevölkerung ein eignes Haus leisten könne. Der Hintergedanke dabei ist, daß
Besitzer von Eigentum nicht auf die Barrikaden gehen um zu zerstören. Man
könnte diese Ansicht eigentlich begrüßen, wenn sich nicht dahinter die zynisch
herablassende Anschauung verbergen würde, daß die Masse der Menschen zu dumm,
selbstgefällig und behaglich ist um mehr zu wünschen als einen vollen Magen und
ein Dach über dem Kopf.
Für
die oberen Klassen ist es äußerst entscheidend, daß das Verhältnis von
Bienenvater und Bienenvolk, Nutznießer und Ausgenutzten in dieser gegebenen
Form erhalten bleibt. Dann brauchen sie sich nicht um die Erhaltung und
Sicherheit ihrer Existenz zu sorgen. Das geringere Übel wäre dann nur die gute
Pflege der Bienen, denn das steigert den Ertrag.
Dieses
Beispiel zeigt deutlich, was Verfechter sozialer Gerechtigkeit anstreben und
wie es in Wirklichkeit zugeht. Es kommt ihnen nicht darauf an, daß gnädig und
nach Laune milde Gaben gewährt werden sondern um gleiche und solidarische
Parterschaft bei der Verteilung der
Früchte dieser Welt. Das ist es jedenfalls, was sie voll innerer Überzeugung
anstreben, jedoch in dieser Welt des harten Wettbewerbes, muß auch der
Sozialist lernen, wohl oder übel mit den Wölfen zu heulen, die Dinge
realistisch sehen und nicht Wunschträumen nachhängen. Nur so kann er seinem
Ideal einen wahren Dienst erweisen und soziale Fortschritte erkämpfen.
Der
Glaube, daß wir uns trotz beachtlicher Fortschritte in sozial gerechtem Ausgleich nun auf den
Lorbeeren ausruhen können und erwarten,
daß uns weitere Verbesserungen von selbst in den Schoß fallen, ist gelinde
gesagt ein Selbsbetrug. Es bedarf weiterhin großer mutiger Personen mit
politischem Fingerspitzengefühl, also mit dem Ideal im Herzen aber mit klarem,
realistisch denkendem Kopf, um die Sache der sozialen Gerechigkeit voranzutreiben.
Bismark's
Gesetzgebung zur Altersversorgung, Roosevelt's New Deal und in Kanada, Benett's
und King's Maßnahmen zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und
Kriegsschwierigkeiten des zweiten Weltkrieges, waren eingeführt worden nicht
bei den sozialistischen Horden sondern bei kapitalistischen Regierungen, um
soziale Unruhen zu verhindern und nicht in Revolutionen auswachsen zu lassen.
Es wurde bevorzugt, Geld auszugeben vom Steueraufkommen an unbeliebte
Programme, zum Schutze wesentlicher Kontrollgewalt in den Händen der
Kapitalisten, anstatt nichts zu tun und diese Kontrollgewalt vollständig zu
verlieren.
Damals
wie heute, Kapitalismus wie alle anderen Ideologien bewerten Stabilität über
alles. Zitiert sei “Allen Moscovitch": " Kapitalistische
Wirtschaftssysteme sind nicht fähig sich selbst zu regulieren. Sie benötigen
außerordentliche Stufen von staatlichen Eingriffen um Stabilität zu erreichen
".
Dominierend
in den Kulturen der westlichen Gesellschaften besteht die Neigung, in Wort und
Schrift, das Leben durch die Augen der Einflußreichen und vom Wohlstand
gesegneten zu sehen. Diese haben auch
den Einfluß und die Macht, das was Wirklichkeit sein soll, in ihrem Sinne zu
bestimmen. Zum Beispiel: Leute wie führende Geschäftsleute, Bankdirektoren, die
führenden Köpfe von internalen Korporationen und Medien - Direktoren bestimmen
in allem, wie der Rest von uns die
Wirklichkeit übersetzt und auslegt. Jedoch wie anders sieht das Leben aus,
betrachtet man es z.B. vom Standpunkt alleinstehender, arbeitsloser Eltern an
Wohlfahrt. Haben die Einen allen Grund, mit dem Status quo zufrieden zu sein,
wissen die Anderen, am Rande des Existenzminimums lebenden durch tägliche
Erfahrungen am eigenen Leibe, daß die gegenwärtige Ordnung viel zu wünschen
übrig läßt.
Es
wurde bereits im ersten Kapitel darüber gesprochen, daß der Wert der menschlichen Arbeit allein bestimmt wird von
Ange bot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeiter, die einen
Arbeitsplatz suchen, müssen darauf vorbereitet sein, sich unter ihren Wert
anzubieten und niedrigere Löhne zu akzeptieren, weil sie anderweitig leicht
durch Maschinen oder andere, in Reserve stehende Arbeitslose, ersetzt werden
können. Im Endeffekt werden die Arbeiter als eine unpersönliche Kraft
behandelt, welche wenig oder keine Bedeutung und Wichtigkeit hat außer ihrer
wirtschaftlichen Nützlichkeit. Oder anders ausgedrückt; menschliche Arbeit und
darum die menschliche Person des Arbeiters werden mehr oder weniger als eine
Ware betrachtet, die gekauft und verkauft werden kann, wie der Arbeitsmarkt es
erfordert. Die Kommunisten prägten daher nicht ganz zu Unrecht den Begriff des
“modernen weißen Sklaven".
Techno - Proleten sind gewerblich Machtlose und nicht mehr
oder überhaupt nicht zu beschäftigende Personen. Es sind die Männer und Frauen,
die durch Technologie in der Fabrikation, Grundstoffindustrie und
Landwirtschaft verdrängt wurden. Hinzu kommen die Jungen und Unerfahrenen sowie
geistig Behinderte, die nicht die Fertigkeit und Erfahrung entwickelt haben
oder erreichen können für die hohen technischen Ansprüche in den Industrien.
Für
viele von ihnen sind entweder die Arbeitlosenunterstützung oder soziale
Wohlfahrtsprogramme die einzige Hilfe, um einige der augenblicklichen
Bedrängnisse und Nöte zu mildern. Jedoch soziale Wohlfahrt und
Arbeitslosenunterstützung kann nicht die soziale, wirtschaftliche oder
politische Gleichheit und Mitwirkung unter den sozialen Partnern fördern.
Wir sehen statt dessen ein
Ansteigen in der Zahl der Verarmten und Machtlosen in unserer Gesellschaft.
Augenblicklich eingeführte wirtschaftliche Strategien sind bestimmt - oder
wirken sich aus - zur Vergrößerung des
Abstandes zwischen Arm und Reich, zwischen den Mächtigen und den Machtlosen.
Die erneut propagierte Abhängigkeit vom privaten Sektor und dem freien
Marktsystem bedeutet im Prinzip eine Rückkehr zu der Theorie der langsamen
Anpassung der Löhne zum niedrigsten Stand, als Mittel zur Verteilung des
Einkommens mit dem unvermeidlichen Ergebnis einer ungerechten und unbilligen
Beteiligung an den Einkünften.
Man
kann der Technologie nicht vorwerfen, Menschen zu lauter Objekten zu
reduzieren. Technologie alleine hat nur geringen Einfluß. Es ist die
Gesellschaft, welche die moderene Wissenschaft formt, ihr Bedeutung gibt und
damit echte Macht. Die Gesellschaft kann die Technologie so führen, daß sie
verantwortungsvolle und nützliche Ziele erreicht und als Vermittler gelten kann
von Gerechtigkeit, Frieden und Nächstenliebe.
V
Der
Einfluß der Komputer Technologie.
Wir müssen die Tatsache erkennen
und in Rechnung stellen, daß wir uns in einer Zeit von globalen Umwälzungen und
technologischen Veränderungen befinden, die nicht Übermorgen beendet sein
werden. Ob wir es begrüßen oder ablehnen, unser Planet ist heute ein globales
Dorf geworden. Die multinationalen Konzerne haben es soweit gebracht.
Es
liegt in der Natur der nationalen und multinationalen Konzerne, für ihre
Aktieninhaber möglichst hohe Erlöse zu erzielen. Darum wird allerorten teure
menschliche Arbeitskraft durch Maschinen, sprich Roboter und Computer, oder
durch billige Arbeitskräfte in Südostasien, China oder Mexiko ersetzt.
Das
heißt für die hochentwickelten westlichen Industrieländer jedoch, daß wer keine
Arbeit hat, kauft kein Auto. Wer keine gesicherte Stellung hat, geht keine
langfristige Verpflichtung für eine Hypothek zum Hauskauf ein. Der gesamte
wirtschaftliche Kreislauf kommt zum Stillstand. Das zu verhindern, ist Aufgabe
gegenwärtiger und zukünftiger Politiker. Möge es ihnen gelingen, die Weichen richtig
zu stellen.
Unsere
Gesellschaft kann die neugewonnene wissentschaftliche und industrielle Macht
gebrauchen, um die Menschen zu zwingen sich anzupassen, sich in die Umstände zu
fügen, sich nach den Verhältnissen zu richten durch Veränderung ihres Arbeitsplatzes,
örtlich, staatlich oder international und damit ihre Erwartungen herabdrücken,
sodaß sie sich dem unterwerfen, was das wirtschaftliche System diktiert.
High
- Tech kann tödliche Konsequenzen haben, weil die Leute, die sie kontrollieren,
tödliche Entscheidungen treffen können. Dies ist besonders akut in unserer “nach-Hiroschima"
Ära. Wissenschaft ist in der heutigen Zeit nicht mehr neutral; entweder sie
erniedrigt oder fördert die Menschlichkeit.
So
wie wir der nuklearen Vernichtug ausgesetzt sind, hängt unsere Zukunft auf
diesem Planeten von unserer bewußten moralischen Wahl ab. Sie liegt also in
menschlichen Händen und unser bloßes Überleben ist tatsächlich verkettet mit
dem, was wir unter Menschlichkeit verstehen.
In
unserer heutigen Kultur ist die menschliche Person unterbewertet und dem
untergeordnet, was wirtschaftliche Mächte und der Zwang der Produktion
diktieren.
Das
Micro - Chip droht mehr Arbeitslose und sozialen Wandel zu schaffen, als unsere
Gesellschaft über die letzten 200 Jahre erfahren hat. Es kann nur geringer
Zweifel darüber bestehen, daß die technologische Revolution die Gesellschaft
mehr verändert hat als die industrielle Revolution. Dabei ist es wahr in dem
Sinne, daß Technologie nichts Neues ist für uns Menschen. Anthropologisten,
(Menschenkundler, die das Verhalten von
Menschen studieren) bestimmen menschliche Wesen mit der Fähigkeit,
Werkzeuge zu schaffen und zu gebrauchen. Wie dem auch sei, unsere Werkzeuge
haben mehr Einfluß als je zuvor in unserer Kultur und unserem Leben, soviel
tatsächlich, daß wir als die Knechte unserer Werkzeuge beschrieben werden
können.
Für
Jahrhunderte war die einfache, ja primitive Technologie der Menschheit nur
geeignet, die grundsätzlichen Mittel zum Überleben bereit zu stellen. Jedoch im
Zeitalter der industriellen Revolution entwickelten und verbesserten wir unsere
Technologie, unsere Werkzeuge (sprich Maschinen) nach und nach, welche
Rohstoffe der Natur entnehmen und in viele Formen verwandeln, die zur
Verbesserung unseres Lebens dienen sollen.
Die
Geschichte lehrt uns dagegen, daß wissenschaftlicher Fortschritt nicht immer
gleichbedeutend ist mit menschlichem Fortschritt. Noch schlimmer, wir können
die Technologie zu unserem Herrn und Meister machen mit der menschlichen
Arbeitskraft als sein Diener, so daß wir die menschliche Geschichte als
technologisches Wachstum betrachten können, sozialen Wechsel als technologische
Ausdehnung und die menschliche Gemeinschaft als eine technologische Funktion.
Technologie
kann zum Gott erhoben werden, jedoch nur in unserer Einbildung, wie auch immer
bruchstückartig und je nach unserer Werteinstellung. Zeitgenössische
Wissenschaft hat sich über die letzten Jahrzehnte von menschlichen Werten
getrennt, während unsere Kultur danach strebt, wertfrei zu sein.
Soziale
Strukturen und Organisationen spiegeln gewöhnlich die Verhältnissen wieder,
denen sie unter dem Druck des Lebens in einer bestimmten Gesellschaft
ausgesetzt waren.
Die
Technologie, so widersprüchlich sie auch ist, gibt uns die Fähigkeit und stellt
uns vor der Herausforderung, die Zukunft nach unseren Wünschen zu formen, uns
mit den Mitteln zu versorgen, neue Materialien zu schaffen oder die vorhandenen
zu verbessern, dabei unsere Umwelt zu verändern und gleichzeitig die Richtung
unseres Lebens neu zu bestimmen.
Weil
es menschlich ist zu entdecken und zu entwickeln, versorgt uns die Wissenschaft
mit ungeträumten Möglichkeiten und Freiheiten, welches am besten symbolisiert
wird durch die Entdekkungen in der Raumfahrt.
Jedoch die Kehrseite der Medaille ist, daß unsere
wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften sich auswirken zur
Entmenschlichung, genau so wie unsere Wirtschaft, weil unsere Kultur sich
trennt von sittlichen, moralischen und menschlichen Werten.
Wenn
wir wollen, daß die menschliche Person im Mittelpunkt steht, wenn wir wollen,
daß Teilnahme und Erbarmen die Oberhand gewinnen über Mechanisierung und
Computerisation, dann müssen wir fortschreiten über unsere Technokultur hinaus
zu einer authentisch sozialen Kultur.
Die
sittliche und moralische Aufgabe welcher die Wissenchaft heute gegenüer steht
ist dieselbe wie die moralische Frage gerichtet an unsere Wirtschaft: Wo gehört
der Mensch hin?
Neue
Technologien, wie auch immer erstaunlich und unglaublich, werden kein Paradies
auf Erden schaffen. Die Tatsache dagegen ist, daß wir bereits die Erfahrung
machen mit der anfänglichen Etappe des eingebildeten "technologischen
Paradieses", nämlich, daß eine Minderheit hochbezahlter Arbeiter, unterstützt durch
hochentwickelte Werkzeuge, mehr wirtschaftliche Güter erzeugt, als ein
Land braucht. Dagegen können die meisten Arbeiter nur mit Mühe ein bescheidenes Einkommen erarbeiten, und ihre
Kaufkraft reicht nicht aus, das Nötigste des Lebens zu genießen.
Jedoch,
wie dem auch sei, die Technologie ist bei uns und wird mit uns bleiben. Die
Revolution ist nicht etwas für morgen, sondern sie ist mitten unter uns. Die
Frage ist: wem geben wir Vorrang, der Technologie oder dem Menschen?
Unsere
Wirtschaft ist zur Zeit noch nicht organisiert, den Menschen zu dienen; statt
dessen sind die Menschen organisiert, der Wirtschaft zu dienen. Dabei dürfen
wir nicht übersehen, daß wir Menschen nur Wandergefährten sind mit anderen
Kreaturen in der Odyssee der Entwicklung, und daß wir ein Bündel von
Mitverantwortung tragen für deren Wohlergehen.
Auf
der einen Seite wird unser Leben bestimmt von der Habsucht, der Gier nach
Profit und dem Machtstreben bevorzugter Menschen, die mit Hilfe der Technologie
die Wirtschaft und damit die Gesellschaft beherrschen, während wir auf der
anderen Seite, aufgrund traditioneller westlicher Philosophie, die ihre
Sittenlehre auf die Verantwortung für das Individium begründet, und in
Verbindung mit der christlichen Sittenlehre finden, daß sich fast alle
westlichen Demokratien zu Wohlfahrtsstaaten entwickelt haben.
Ohne Ausnahme stöhnen alle in der jetztigen Wirtschaftskriese
über die Höhe der Soziallasten, die einer stetigen Tendez zur Vergrößerung
unterliegen, vor allem in wirtschaftlich schlechten Zeiten. So tragisch es ist für die am Rande des Existenzminimums
lebenden, muß auch gesagt werden, daß das System der sozialen Hilfe jeglicher
Art berufsmäßige Wohlfahrtsempfänger zeugt. Dabei gibt es solche, die,
enttäuscht durch jahrelange vergebliche Arbeitssuche und Not jede Hoffnung
aufgegeben haben, und solche, die sowieso infolge ihres Dranges nach
Bequemlichkeit - siehe unsere Urahnen - nach dem Prinzip leben: "laß andere arbeiten!”
Überhaupt,
wenn man fasziniert das politische Spiel der Kräfte zwischen den
kapitalistischen und sozialen Machenschaften als leider Mitbeteiligter
betrachtet, hat sich seit dem Gerangel in den Anfängen der menschlichen
Gesellschaft nichts geändert. - Siehe
das erste Kapitel dieser Abhandlung. - Es spielt sich alles nur auf anderen und
höheren Ebenen ab.
VI.
Begriff
und Sinn der Menschenrechte.
Nachdem wir hinreichend die
Licht- und Schattenseiten, die Vor- und Nachteile der Technologie im Hinblick
auf unsere Wohlfahrt besprochen haben, obgleich manche Aussagen aus anderen
Gesichtspunkten gesehen, schon mal erwähnt wurden, wollen wir uns mit einem
anderen zeitgemäßen Gegenstand ernsthafter Diskussionen beschäftigen, nämlich die Beachtung und
Einhaltung der Menschenrechte durch die Machthaber der Völker.
Der
Begriff “Menschenrechte"
beschreibt ein Vorrecht,das von uns beansprucht und genossen werden kann aus
dem einfachen Grunde, daß wir Menschen sind.
Das
Konzept entwickelte sich verschwommen bereits im alten Rom von der Idee des
"natürlichen Rechtes" und wurde wieder aufgegriffen in dem
amerikanischen Manifest der Unabhängigkeit von (1776), nachdem es Jahrhunderte
in philosophischen Zirkeln herumgegeistert hatte. Es wurde weiter gefördert
durch die 20. Jahrhundert durch
liberale Kräfte akzeptierte Idee, daß uns Menschen ein gleiches Schicksal
verbindet in Bezug auf zivile, politische und wirtschaftliche Rechte.
Ins
Rampenlicht der Weltöffentlichkeit geriet der Begriff des Menschenrechtes vor
allem durch die bekannt gewordenen Kriegsgreuel des II Weltkrieges, was
instrumental wurde für die Siegermächte, nach der Gründung der “Vereinten
Nationen", durch ihre Mitglieder die "universal Declaration of Human
Rights" (1948) zu unterzeichnen.
Obschon
die Regeln zur Ahndung und Bestrafung von Menschenrechtsverletzungen von seiten
der UNO keine verbindlichen gesetzlichen Vorschriften sind, also keinen legalen
Wert haben und nur Empfehlungen
darstellen, deren Befolgung jedem Land selbst überlassen ist, kann es sich kein
Staat leisten, der etwas auf sich hält, von der Weltöffentlichkeit der
Menschenrechtsverletzung angeklagt zu werden.
So
haben denn die europäischen und viele andere Staaten entsprechend
durchgreifende Gesetze erlassen. Wo es hapert, ist in der sogenannten zweiten
und dritten Welt. Hier werden noch Menschen eingesperrt und gefoltert, weil sie
politisch, relgiös oder kulturell anders denken und handeln, als es den
Machthabern genehm ist.
Dabei
besteht von seiten der UNO keine direkte Organisation von Mitgliedern weltweit,
die über die Einhaltung der Menschenrechte wacht. Es sind Leute aus dem Volk,
wie es sich gerade ergibt, die sich der Sache angelegen sein lassen,
Schriftsteller, Journalisten, Lehrer, Priester, Rechtsanwälte oder Studenten,
die solche Verstöße der Weltöffentlichkeit und der UNO Kommission zur Kenntnis
bringen, manchmal - aber nicht immer - mit Erfolg, daß heißt mit Bestrafung der
Übeltäter.
Menschenrechtler
der UNO stellen neuerdings fest, daß sich die Vorkommnisse von
Menschenrechtsverletzungen - selbst in sonst folgsamen Ländern - häufen. Sie
schreiben das der größer werdenden
Verarmung und Verrohung durch die Weltwirtschaftskrise zu.
Oft geraten dabei die Menschenrechtler in den einzelnen
Ländern selbst in die Schußlinie derer, die sie anklagen und sie benötigen mehr
denn je den Schutz der UNO Kommission für Menschenrechte und der Aufmerksamkeit
und Anerkennung der Weltöffentlichkeit.
VII.
Die
soziale Fehlentwicklung des Kommunismus.
Wenden wir uns nun einem heute
sehr aktuell gewordenen Thema zu, welches, an verschiedenen Stellen bereits
erwähnt, weltweiten Widerhall gefunden hat und Anlass zu intensiven
Diskussionen geworden ist, nämlich der Zusammenbruch der mächtigen, sogenannten
sozialistischen “Sowjet Union".
An
die 75 Jahre waren die sowjetischen Völker unter einer allmächtigen
Einparteiendoktrin und einer ebenso allmächtigen und stets umfangreicher
werdenden Bürokratie zu leben gezwungen, einer Bürokratie, die so unbeweglich
war und jeden Unternehmungsgeist erstickte, daß in den letzten Jahren vor dem
Zusammenbruch die Bevölkerung selbst
mit dem Notwendigsten nicht mehr versorgt werden konnte.
Was
nützten gegen diesen Hintergrund die hochgepriesenen sozialen Ideale, wie
universelle freie Krankenversicherung, freie Schulbildung und Studium, das
grundsätzliche Recht eines jeden auf Arbeit und daher keine Arbeitslosigkeit
und noch vieles andere mehr, wenn sie mit dem Zwang der Aufgabe der
persönlichen Freiheit erkauft wurden und die Menschen nicht glücklich und
zufrieden machten!
Das
so verherrlichte Paradies der Arbeiter und Bauern war nichts anderes als ein
gigantisches Gefängnis und das alles unter dem Vorwand einer ewigen Beglückung
der Bürger dieses Staatengebildes, ganz nach den utopischen Vorstellungen der
Begründer und Verfechter der kommunistischen Idee, Marx und Lenin. Ein weiteres
Beispiel, wie fanatische menschheitsbeglückende Ideale in der Praxis zu unmenschlichen Systemen und
Diktaturen ausarten können.
So
ist auch im Endeffekt das liebevollste jedoch unnachsichtig angewandte
Gouvernantentum einem unerfahrenen Menschen gegenüber aufgezwungen, eine
Diktatur.
Wie
kein Zweiter hat Stalin Menschen verfolgt, sie ihrer Freiheit beraubt, sie
ermorden lassen, ihre Arbeitskraft ausgebeutet und sie zum Hungern verurteilt,
um weltweit durch Beseitigung des Privateigentums eine Gesellschaftsordnung zu
errichten, die überall Freiheit und Wohlstand bringen sollte.
Da
das Streben nach Privateigentum zu den Konstanten des menschlichen Verhaltens
gehört, ist das kommunistische Programm nur mit Gewalt durchzusetzen. Als
Stalins Nachfolger glaubten, auf Gewalt und Drohung mit Gewalt verzichten zu
können, um dadurch eine ernste Wirtschaftskrise in der Sowjet Union zu
überwinden, verloren sie ihre Herrschaft.
Damit
wurde ein weiters Mal bewiesen, daß auch mit noch so großem Aufwand nicht
verwirklicht werden kann, was mit der menschlichen Natur unvereinbar ist.
Das
Ergebnis der 70 Jahre langen Experimente war eine wachsende Gleichgültigkeit
und Interessenlosigkeit der Massen gegenüber den allgemeinen politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Verpflichtungen zum Vorteil aller. Faulheit,
Mißwirtschaft und Schlampigkeit grasierten unkontrolliert, denn der Vater Staat
sorgte ja für alles.
Auf
der anderen Seite ließ es sich nicht verhindern, daß durch den unvermeidbar
wachsenden Bildungsstand, nicht zuletzt durch den Einfluß westlicher
Zeitschriften, Radiosendungen und Fernsehprogramme, eine immer größere Zahl von
Menschen Kontakt mit dem kapitalistischen Westen pflegte und erkennen mußte,
wie jene im Überfluß lebten. Dieser krasse Widerspruch gab ihnen zu denken und
verursachte selbstverständlich soziale und intellektuelle Spannungen und der
Zusammenbruch des Systems war nur eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Ihn ohne
Blutvergießen ablaufen zu lassen, würde nur von der Qualität einer oder
mehrerer führender Persönlichkeiten abhängen.
Dieser
Glücksfall trat ein mit der Übernahme der Macht in der Sowjetunion durch
Michael Gorbatschow, der den maroden Zustand des Staates klar erkannte und sich
nicht scheute, entsprechende Schritte zur Abhilfe zu unternehmen.
Allerdings,
der Nachruf der Geschichte über Michael Gorbatschow mag eines Tages lauten :
Hier liegt ein guter Mensch und ein Idealist, welcher Unterdrückung und
Tyrannei in der Sowjet Union abschaffte und dabei nicht bedachte, daß gerade
sie der Leim waren, der den Vielvölkerstaat zusammen hielt.
Das
Ende des kommunistischen Experiments in der nun ehemaligen Sowjet Union ist,
zuerst und vornehmlich, eine Botschaft an die menschliche Rasse. Es ist eine
Botschaft, welche wir bis jetzt noch
nicht voll entziffert und begriffen haben.
Im
tieferen Sinne hat das Ende des Kommunismus einen hauptsächlichen Zeitabschnitt
in unserer menschlichen Geschichte zu Ende gebracht. Es hat nicht nur ein Ende
dem 19. und 20. Jahrhundert gebracht, sondern auch dem modernen Zeitalter als
Ganzes.
Das
moderne Zeitalter wurde dominiert von dem kulminatischen Glauben, ausgedrückt
in verschiedensten Formen, daß die Welt - und Dasein als solches ein völlig verständliches System sei,
beherrscht von einer unendlichen Anzahl
von universalen Gesetzen, welche die Menschen greifen und dirigieren können zu
ihrem eigenen Vorteil.
Dieses
Zeitalter beginnt mit der Renaissance und entwickelte sich weiter durch die
Aufklärung bis zum Sozialismus, vom Positivismus zur Wissenschaft, von der
industriellen Revolution zur Informationsrevolution, und es war gekennzeichnet
durch schnelles Vordringen in rationelles, erkenntnisreiches Denken. Dieses wiederum
ließ den stolzen Glauben aufkommen, daß der Mensch als der Gipfel von allem was
existiert also fähig ist, vorurteilslos zu beschreiben, erklären und
kontrollieren alles was vorhanden ist, und daß er die eine und einzige Wahrheit
besitzt über die Welt.
Es war ein Zeitalter, in welchem ein Kult herrschte mit
unpersönlicher Objektivität, ein Zeitalter, in welchem objektives Wissen
aufgehäuft und technologisch ausgebeutet wurde, ein Zeitalter vom Glauben an
automatischem Fortschritt, vermittelt durch wissenschaftliche Methoden.
Der
Kommunismus war das perverse Extrem von diesem Trend. Es war ein Versuch,
aufgrund von einigen Behauptungen - fälschlich als die einzige
wissenschaftliche Wahrheit proklamiert -, das
ganze Leben nach einem einzigen Model zu organisieren und es einer
zentralen Planung und Kontrolle zu unterwerfen, ohne Rücksicht darauf, was das
Leben wünschte.
Der
Fall des Kommunismus kann als ein Zeichen betrachtet werden, daß die modernen
Gedanken in einer entscheidenden Krise sind. Dieses Zeitalter hat die erste
globale oder planetarische und technische Zivilisation geschaffen, jedoch es
hat die Grenze seiner Möglichkeiten erreicht, der Punkt worüberhinaus der
Abgrund beginnt.
Auf
dem Gebiet geschichtlicher Systeme hat die Historie niemanden so genasführt wie
Karl Marx. Nie war sich ein Prophet seiner Prämissen so sicher, nie waren
Gläubige von einer Voraussage so
überzeugt, nie war eine Deutung der Geschichte so unumstößlich erschienen. Bei
seiner Analyse der industriellen Revolution stieß Marx auf den furchtbaren
Widerspruch des 19. Jahrhunderts: je
größer der materielle Fortschritt, desto verbreiteter und tiefer die
Armut. Er leitete daraus die Theorie von Verelendung und Zusammenbruch ab und
erklärte, weil das Selbstbewußtsein der Arbeiklasse mit dem Grad der
Industrialisierung wachse, werde es im
höchstindustrialisierten Land zuerst zur Revolution kommen.
Marxens Analyse war so zwingend, daß die Geschichte, so schien es, gar keinen andern Verlauf nehmen konnte. Seine Glaubenssätze wurden von seinen Anhängern damals wie heute aufgenommen, als wären sie auf den Gesetzestafeln von Sinai eingegraben.
Der Marxismus als geoffenbarte
Wahrheit der Geschichte war das wohl überzeugenste Dogma, das je verkündet
worden ist. Sein Einfluß war gewaltig, unvorhersehbar, anhaltend. Die Fakten,
auf die sich sein Begründer stützte, waren korrekt, seine Überlegungen logisch
und tief; er hatte in allem recht außer in seinen Schlußfolgerungen. Der Gang
der Ereignisse gab ihm nicht recht. Die Lage der Arbeiterklasse wurde nicht
noch schlechter, sondern besserte sich mit der Zeit. Der Kapitalismus brach
nicht zusammen.
Zur
Revolution kam es nicht in dem Land, das am höchsten, sondern am wenigsten
industrialisiert war. Der Staat starb unter dem Kollektivismus nicht ab,
sondern dehnte seine Macht aus und brachte die Gesellschaft noch fester in
seinen Griff.
Die Geschichte kümmerte sich
nicht um Marx; sie ging ihren eigenen Weg.
Das
Ende des Kommunismus ist eine ernste Warnung für die ganze Menschheit. Es ist
ein Signal, daß das Zeitalter von Arroganz und eigenmächtigen Begründungen zu
Ende geht und daß es höchste Zeit ist, aus dieser Tatsache die Konsequenzen zu
ziehen.
Der
Kommunismus wurde nicht durch militärische Gewalt besiegt, sondern durch das
Leben, durch den menschlichen Geist, durch das Gewissen und durch den
Widerstand menschlicher Wesen gegen Beeinflussung. Diese wichtige Nachricht für
die Menschheit kommt zu uns in der 11ten Stunde.
Bedauerlicherweise
ist damit für viele Millionen einfacher und gläubiger Menschen an den
Sozialismus als die ideale Lebensform in einer Gesellschaft ein Licht der
Hoffnung erloschen, ohne daß sie die
Ursache und Hintergründe mit ihrem Verstand erfassen können.
Die
zahlreichen selbständig gewordenen Nachfolgestaaten der einst so mächtigen
Sowjet-Union versuchen nun - nicht ohne innere politische Kämpfe - mit der
neuen Situation fertig zu werden, die freie Marktwirtschaft zu übernehmen und
vom Kapitalismus nur das, was die sozialen Errungenschaften nicht in Frage
stellt. Die Welt kann nur hoffen, daß es ihnen ohne Blutvergießen und mit Hilfe
des kapitalistischen Westens gelingt.
VIII
Rückblick
auf die dritte Welt.
Die bisher ausgiebige
Beschäftigung mit dem Zustand der sozialen Gerechtigkeit in der
hochentwickelten westlichen Welt, - um den gängigen Ausdruck zu gebrauchen -
sollte nicht so aufgefaßt werden, als ob es in der übrigen unterentwickelten
Welt ähnlich aussieht.
Ganz
im Gegenteil, wir treffen hier Zustände an, die im europäischen Westen vor
Hunderten von Jahren gang und gäbe waren, allerdings diesmal gemischt mit
modernem Gedankengut wie Liberalismus und Marxismus. Auf all die Länder einzeln
einzugehen, überschreitet den Zweck
dieser Abhandlung, ganz abgesehen davon, daß Dinge und Zustände beschrieben
werden müßten, die schon im ersten Teil dieser Abhandlung, über die Zeit des
15. und 16. Jahrhunderts, hinreichlich breit getreten wurden.
Besonders
hervorgehoben und vermerkt sei nur, welche zweifelhafte und halbherzige Rolle
die katholische Kirche im Kampf um soziale Gerechtigkeit vor allem in den
mittel - und südamerikanischen Ländern spielt. So sehr sie sich auch durch Wort
und Schrift für eine Verbesserung der Lebensverhälnisse der ärmsten Bevölkerung
einsetzt, ist sie im schärfsten Gegensatz vor allem mit der jungen
Priesterschaft geraten, die, durch den täglichen Kontakt mit der Bevölkerung und ihrer Not angeregt, ein
radikaleres Vorgehen der kirchlichen Hierarchie fordern.
Typisch
für ihr passives und den Zeitläufen nachhinkendes Verhalten, hat die
Kirchenleitung die führenden Feuerköpfe, die sogar mit Büchern über das Elend
und Vorschlägen zu deren Abschaffung mit marxistisch gefärbten Untertönen an
die Öffentlichkeit getreten waren, als vom Marxismus beeinflußte Idealisten abgekanzelt.
In
welchem Zwiespalt sich diese jungen Priester befunden haben müssen und noch
befinden, kann man nur schwer mitfühlen. Müssen sie doch Elend und
Ungerechtigkeit tagtäglich erleben und
haben nichts als leere Worte, ohne praktische und konkrete Substanz, und
Gebete für die Hoffnung auf Abhilfe anzubieten. Wen wundert es, daß manche jener Priester gemeinsame Sache machten
und sogar die Wortführer einiger Rebellengruppen wurden, um mit ihnen zusammen
gegen das korrupte Establischment mit der Waffe zu kämpfen?
In
letzter Zeit möchte sich die katholische Kirche - trotz ihrer unrühmlichen
Vergangenheit - gerne aus der Politik heraushalten und die Weltprobleme mit dem
bedingungslosen Glauben lösen in der Überzeugung, das Gott auf inbrünstige
Gebete hört. Theologen, die sich der Befreiungstheorie verschrieben haben -
meistens solche aus Südamerika - beanspruchen dagegen, das Recht in die eigenen Hände nehmen zu dürfen um damit
stillschweigend anzudeuten, daß, wenn Gott auf Gebete nicht hinreichend reagiert,
ihm nachgeholfen werden muß mit
rechtschaffenden Aktionen, nach dem Sprichwort: “Hilf dir selbst, dann hilft
dir Gott!”
Die
Länder der dritten Welt haben, wie man sieht, also noch einen weiten,
beschwerlichen und meist blutigen Weg zu gehen, bis sie annäherend dasjenige
erreichen, wessen sich die westliche
Welt erfreut, obschon dieses auch nicht das Ende der Straße ist, wie
ausführlich berichtet wurde.
Als
Folge der politischen Wirren und der wirtschaftlichen Unsicherheit und Not in
der dritten Welt, machen sich viele auf, um im Westen Schutz vor religiöser
oder politischer Verfolgung zu suchen, oder aber auch, und dies ist die
Mehrheit, erwarten als Wirtshaftsflüchtlinge ein besseres Leben für sich und
die meist zahlreiche Familie im goldenen Westen.
Begünstigt
durch liberale und großzügig gehandhabte Einwanderungsregeln oder auf dem Umweg
als Asylanten erscheinen sie an den Grenzen und Flughäfen der angestrebten
Gastländer, welche aus reiner Menschlichkeit gezwungen sind, sie aufzunehmen.
Was zu Anfang - in den 60ger und 70ger Jahren - nur ein Sickern war, hat sich
in den letzten Jahrzehnten zu einem millionenhaften Strom entwikkelt, der die
soziale Balance in den Gastländern ernsthaft gefährdet und sie bei manchen ins
Wanken bringt.
Dieser
Trend wurde vor allem verstärkt durch den Zusammenbruch der Sowjet-Union und
dem damit sichtbar gewordenen Unterschied zwischen östlichem und westlichem
Lebensstil. Über das, was zu geschehen hat, um die Flut zu stoppen, sind sich
unsere Politiker bis heute noch nicht einig.
IX
Allgemeines
über Religionen in der Gesellschaft.
Die Entwicklung der Familien zu
Sippschaften, Stämmen, Städten, Staaten und letzten Endes zu einem Weltbund wie
die UNO z.B., kann man vergleichen mit den Integrationen der Materie, Anhäufung
getrennter Teile zu Massen, Gruppen und Ganzheiten. Diese Integration, oder
Zusammenfassung, bringt selbstverständlich eine geringere Beweglichkeit der
Teile mit sich, wie ja auch die zunehmende Größe der Einheiten wie Sippschaften,
Stämme, Städte und Staaten notgedrungen die Freiheit des Einzelnen einschränken
muß. Gleichzeitig aber verleiht die Integration eine positive gegenseitige
Abhängigkeit, ein schützendes Geflecht von Beziehungen, welche ein Gefühl des
Zusammenhanges erzeugt und das Leben der
ganzen Gesellschaft fördert.
Sowie
man die Gesellschaft mit einem Organismus vergleichen kann, in dem die
allgemeinen Entwicklungsprinzipien gleicherweise wirken, trifft dies auch für
die Religionen zu. Auch hier sind aus primitivem Geisterglauben, nach dem
Gesetz der Integration, die religiösen Vorstellungen allmählich zu einem
einheitlichen, zentralen Gottesbegriff zusammengewachsen.
Die
Religion bildet allerdings nur so lange den Mittelpunkt im Leben des Einzelnen
und der Gesellschaft, wie die äußeren Bedingungen des Daseins in Unsicherheit
und ständiger Bedrohung bleiben. Mit dem allmählichen Wandel von der
primitiven, das heißt kriegerischen
Gesellschaft mit ihren militärischen Elementen, zu einer friedlichen
industriellen Gesellschaft hin, wendet sich das menschliche Interesse von der
Religion weg dem Diesseits zu.
Ein
weiterer Grund dafür, daß die Menschen abwandern von den christlichen Kirchen,
kann sein, daß die Sprache, welche in den Gottesdiensten gebraucht wird mit
ihrer Betonung auf Sünde, Verehrung, Anbetung und Bitten um Gnade die Idee
begünstigt, daß Gott ein entfernter,
selbstgefälliger Herrscher ist, welcher seinen Anhängern die Würde verneint.
Viele Christen fühlen, daß während die Worte von Christus eine große Meinung
haben, die Worte der Kirche dagegen in einer anderen Welt existieren.
Abgesehen
davon, daß das Erscheinungsbild übertrieben väterlich und männlich ist, scheint
es, daß die Kirche bestrebt ist, ein Verhältnis herzustellen zwischen dem
einzelnen Menschen und Gott, welches diesem jedoch widerstrebt und welches er
sich nicht zu entfalten wünscht zwischen ihm und irgend einem anderen Wesen auf
dieser Welt, zu allerletzt mit seinem Schöpfer. Dieses offenbart sich mit
solchen Worten wie "Sünder", “Armer", "bereuen", und
"Hilfe” , alles Negative und alle eine Haltung erfordernd auf Unterwerfung
und Unterordnung. Vor allem die Psalmen des alten Testaments, stets gesungen in
jeder Messe der katholischen Kirche, wimmeln nur so von Bitten um Gnade des
ewig gerechten Königs und Herrschers und suchen nach seiner Hilfe gegen innere
und äußere Feinde.
Das
entspricht genau der Haltung der Völker in den feudalen Königreichen längst
vergangener Zeiten. In den letzten Jahrtausenden haben wir uns mühsam und unter
schweren Kämpfen aufgeschwungen, um von einer solchen Abhängigkeit und
Würdelosigkeit loszukommen und für uns und unser Tun selbst verantwortlich zu
sein, die Konsequenzen tragend, ob gut oder schlecht.
Falls
die christlichen Kirchen, allen voran die katholische Kirche, glauben aus
prinzipiellen und konservativen Gründen an dieser Mensch-Gott Vorstellung
festhalten zu müssen, dann dürfen sie sich nicht über eine immer geringer
werdenden Gläubigenzahl wundern.
Wenn
man vor seinem geistigen Auge das bisher in beiden Teilen dieser Abhandlung
Beschriebene paradieren läßt, dann bleibt der Eindruck haften, daß es
eigentlich nur zwei sich gegenseitig ausschließende Aspekte gibt, die die
Menschheit zu bewältigen hat in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit. Da ist zunächst
einmal der notwendige Zwang, - zurückgreifend auf das bereits erwähnte
Gleichnis vom Straßenverkehr - sich als Verkehrsteilnehmer der
Straßenverkehrsordnung zu fügen und die Regeln zu beachten, oder aber wie mit
einem Panzerwagen nach Lust und Liebe und ohne Regeln querfeldein durchs
Gelände zu brausen, dabei unermeßlichen Schaden verursachend.
Einmal
anders ausgedrückt, schält sich die Erkenntnis heraus, daß soziale
Gerechtigkeit für jedermann und die altbekannte Hackordnung,
der wir alle auf immer unterworfen sind, im direkten feindlichen Gegensatz
zueinander stehen.
Auf
den verhängnisvollen Charakter der Hackordnung, mit ihren mehr schlechten als
guten Ausstrahlungen und Abwandlungen in den Gesellschaftsordnungen ist bereits
im ersten Teil dieser Abhandlung genügend hingewiesen worden, sodaß sich
weitere Erklärungen dazu erübrigen.
Von
diesem Gesichtspunkt betrachtet, bekommt die Wertbeurteilung von
"gut" und "böse" einen besonderen Akzent. Dieses Problem zu
lösen, oder zumindest dasjenige zu fördern, was als "gut" allgemein
betrachtet wurde, war von Urbeginn an die Aufgabe der Religionen oder besser
gesagt, die Religionen waren, neben
einer Erklärung für das Unbegreiliche und daher Übernatürliche des
Lebens, das Ergebnis der Sehnsucht und des Strebens der Menschen nach Frieden,
Geborgensein, Sicherheit und dem machtvollsten Trieb von allen, der Hoffnung.
Die Freiheit kam erst später dazu.
Da
sie nun einmal miteinander leben wollten und erkannten, daß bei Einhaltung
gewisser Regeln nur Vorteile für alle dabei heraussprangen, wie bereits
mehrmals erwähnt, kam es darauf an, diese Regeln und Pflichten auch dem
Dümmsten und Widerspenstigsten von Kindesbeinen an beizubringen. Da die Ängste
vor der unbegreiflichen Natur und ihr Geisterglaube noch größer waren als ihr
Mut, war es leicht für geschickte Agitatoren, die Religion für den guten Zeck
mit Androhung von Höllenqualen und Schrecklicherem nach dem Tode einzuspannen
und die Gläubigen in Reih und Glied zu halten.
So
mögen zumindest die Anfänge gewesen sein. Was sich später daraus entwickelte,
ist bisher zur Genüge geschildert worden. Dabei haben alle Religionen, von den
primitivsten Anfängen bis zu den heutigen Weltreligionen, ihre zweispurige
Tätigkeit beibehalten, nämlich einmal durch spirituale kirchliche Traditionen
und Versprechungen auf eine Aufnahme in ein, leider unbekanntes besseres
Jenseits vorzubereiten, dabei aber auf der anderen Seite, - ob gewollt oder ungewollt - die Menschen
zu einem zivilisierten Benehmen zu erziehen, welches die großen Völker von
heute erst ermöglichte.
Das Gleichnis des listigen Gärtner kommt einem in den Sinn,
der zu faul war seinen Garten umzugraben und darum unter seinen Nachbarn die
Nachricht verbreiten läßt, ein Schatz sei in seinem Garten vergraben. Nachdem,
wie zu erwarten, die habgierigen Nachbarn bei Nacht seinen Garten durchwühlt
aber keinen Schatz gefunden haben, hat der schlaue Gärtner seinen Zweck
erreicht: sein Garten ist umgegraben.
Sowie
unsere Triebe und Sehnsüchte uns anhalten, nach dem Schatz zu suchen, dabei
aber den Garten fruchtbar machen, wird im übertragenen geistigen Sinne unser
Zusammenleben gefördert
Neuerdings wird von Verhaltungsforschern ernsthaft die Frage
aufgeworfen, ob wir Menschen überhaupt für die heutigen Massengesellschaften
geschaffen sind? Anlaß dazu ist die in den letzten Jahrzehnten immer mehr auftretende krasse Manifestierung von
menschlicher Agression, Gewalt und Haß, verkörpert in etwa in politischem Extremismus,
Nationalismus, Rassismus und Kriminalität. Zur Begründung ihrer Fragestellung
weisen sie auf das Erbe aus der Steinzeit vor Zigtausenden von Jahren oder gar
aus der um ein Vielfaches früheren Zeit hin, in der die Vorfahren des Homo
sapiens auf Bäumen lebten.
So
hat der Evolutionstheoretiker Franz M. Wuketits in seinem Buch "Verdammt
zur Unmoral? Zur Naturgeschichte von Gut und Böse“ geschrieben, daß wir
Menschen Affen sind und uns auch danach verhalten. Die paar Jahrtausende
unserer Zivilisation vermochten daran nicht viel zu ändern. Statt vom
"neuen Menschen" zu träumen, hätte man sich lieber den
"Alten" besser ansehen sollen, der in jedermann steckt und der die
untilgbaren Spuren seiner Stammesgeschichte mit sich herumträgt.
Der
Autor schreibt weiter: "Wir haben unser Sozialsystem weitgehend ohne
Rücksicht auf die davon ausgehende Kraft organsisiert und müssen damit
naturgemäß scheitern ". Und er meint weiter: "Der Mensch ist nicht
für das Leben in einer anonymen Massengesellschaft geschaffen". Die
Vermassung durch Politik und Wirtschaft, welche immer größere Systeme
hervorbringt, wird nicht zur Kenntnis genommen und noch weniger Konsequenzen
daraus gezogen. Die immer größeren Systeme erdrücken den Einzelnen mehr und
mehr und werden immer stärker gefördert. Das Resultat ist Entfremdung,
Frustration, Verelendung und Gewalt - Verlust aller Werte. "Die
biologische Natur des Menschen läßt sich nicht beschwindeln".
Als
ein Indiz für das oft aggressive Verhalten des Homo sapiens kann darin gesehen
werden, daß dieser das wahre Menschsein noch nicht erreicht hat. Darum meinte
der Verhaltungsforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903 - 1989), daß
das fehlende Verbindungsstück zwischen Affen und Menschen wir selber sind.
Drittes
Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Morgen!
Es
ist nicht die Absicht dieser Abhandlung, Prinzipien aufzustellen, was zu
geschehen hat, um eine soziale Gerechtigkeit unter den Menschen letztlich zu
erreichen. Die Büchereien in der ganzen
Welt sind voll von weisen Schriften zu diesem seit altersher stets aktuellen
Thema. Das fing schon an mit den ersten Philosophen und Propheten der Frühzeit
und Antike bis hin zum Mittelalter, der Renaissance, Aufklärung und der
Neuzeit. Selbst die weltliche römisch katholische Kirche hat sich in dem
letzten Jahrhundert eines Besseren
besonnen mit Erlässen von Päpsten zu diesem brenzeligen aber ewig bedeutsamen
Problem.
Das
Thema ist demnach als verschwommene und nebelhafte Theorie reichlich
ausgeschöpft und ein weiterer Beitrag daher höchst überflüssig, vor allem - und
das ist eine Behauptung, die einem gläubigen Sozialisten vor den Kopf stoßen
wird - weil es auf dieser Welt, mit noch so schönen Leitfäden oder Anweisungen,
eine allumfassende soziale Gerechtigkeit nie geben wird. Daran zu glauben und dann noch dafür zu werben ist
unrealistisch und gelinde gesagt schöngeistige Dummheit.
Eine
allumfassende soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt, eine Welt voll Frieden, Eintracht und Sicherheit kann auch
die allerstärkste Macht des Glaubens und der Hoffnung nicht Wirklichkeit werden
lassen. Sie würde nur mit der Voraussetzung einer ebenso allumfassenden Bildung
und Erziehung jedes Individuums zu schaffen sein, und das ist eine Utopie.
Dafür sind wir Menschen zu verschieden; dazu sind die Kulturen zu verschieden
und - es wurde bereits an anderer
Stelle festgestellt - dazu ist die Vorstellung eines jeden Einzelnen von
sozialer Gerechtigkeit zu subjektiv.
Zur
wissenschaftlichen Begründung und besserem Verständnis für die oben angeführte
Behauptung, sei es erlaubt, hier einige Gedankengänge des erst kürzlich
verstorbenen Philosophen und Professor der Volkswirtschaft “Isaiah Berlin"
zu diesen aufgeworfenen Thema zu zitieren.
In
einer Zeit von Massenmord, verübt im Namen der Hoffnung, war er ein Verteidiger
des Individiums gegen Tyrannei von jeder Sorte und glaubte, daß die beste
Regierungsform diejenige ist, welche bei der Anerkennung ihrer Begrenzungen und
gleichfalls die von uns Menschen am meisten erzielt
Er
glaubte an die Achtung vor der Heiligkeit und Freiheit des Individiums, -
jedoch nicht auf Kosten von allen anderen sozialen Gütern. Er verstand, daß
beide, freiheitliche und gemeinschaftliche Anstöße natürlich sind und in einer
gerechten Gesellschaft beide zugegen sein müssen, - trotz der Tatsache, daß die
vollkommene Verwirklichung von beiden im Widerstreit mit der anderen steht.
Er
erkannte, was die großen Systemdenker und andere Philosophen nicht taten oder
erkennen konnten, daß eine Gesellschaft mit perfekter Gleichheit und perfeckter
Freiheit unmöglich ist. Man hat beide zu wählen, wobei keine ganz vollständig
gewählt werden darf. Er schlägt anstatt vor, sich durchzuwursteln mit irgend
einem vernünftigen und ehrlichen Kompromiß zwischen beiden.
Unsere
Generation lebt in einer Zeit, die brutale Systemdenker hervorgebracht hat -
Lenin, Stalin, Hitler, Mao, Pol Pot -
welche zuversichtlich an ihre Mitmenschen experimentierten, gedrängt von einer
allumfassenden, utopischen Schwärmerei. Genau wie altertümliche Doktoren,
verstärkt durch die Erkenntnisse der Wissenschaft, waren sie sicher, daß das
Vergießen von Blut, bevorzugt in großen und ununterbrochenen Mengen, dasjenige
heilen könnte, was uns Menschen
schmerzt. Die Wunden von ihren Operationen eitern noch heute.
Von
einer russischen Frau wird gesagt, daß sie antwortete, wenn ihr gesagt wurde,
daß Lenin ein Politiker war: “Kein Wunder daß wir so viel gelitten haben. Wäre
er ein Arzt gewesen, hätte er seine Theorien zuerst an Ratten ausprobiert.”
So
wie darüber gesprochen und ausführlich begründet wurde, daß es eine
Gesellschaft mit vollkommener sozialer Gerechtigkeit nie geben wird, trifft das
Gleiche konsequenterweise auch auf den Sozialismus zu mit denselben Argumenten.
Daß der extreme Sozialismus in Rußland für nahezu 75 Jahre die Regierungsform darstellen
konnte, ist kein Beweis gegen diese Behauptung sondern dafür, daß reiner
Sozialismus eine Gesellschaft zugrunde richtet. Überhaupt wird bei weiterer
Behandlung dieses Themas immer als selbstverständlich vorausgesetzt, daß
dasjenige, was über die soziale
Gerechtigkeit gesagt wird, sich in gleicher Weise auch auf den Sozialismus
bezieht und natürlich umgekehrt.
Die
Väter des Sozialismus hatten damals nicht in Betracht gezogen, und konnten es
auch in ihrem Eifer nicht erkennen, daß eine zwangsläufige Relation zwischen
beiden Systemen besteht. Daß der Sozialismus nur als eine Folge der Abwehr
gegen die ungehinderten exzessiven Ausschweifungen des kapitalistischen
Systems entstanden ist. Während sich
also der Sozialismus als leider notwendige Bremse im kapitalistischen System
erweist, wäre es für das Wohlergehen der Gesellschaft zum Schaden, den Motor,
den Kapitalismus abzuschaffen.
Kapitalismus
und Sozialismus müssen also eine Synthese eingehen, und je eher Kapitalisten
und Sozialisten diese prinzipielle Wahrheit erkennen und ihr handeln danach
ausrichten, um so besser für die ganze Menschheit.
Diese
fundamentale Einsicht sollte jedoch niemand davon abhalten, sich für eine
Verbesserung sozialer Gerechtigkeit einzusetzen, um die Fronten so nahe wie
möglich dem Ideal näherzubringen. Dazu gehört allerdings mehr realistische
Einsicht, Glaube an das Gute im Menschen und Mut, als törichten Idealen
anzuhängen. Dabei läßt sich darüber diskutieren, ob Menschen im Glauben an das
Gute im Menschen “an der Zeit vorbeileben und ein Brett vor dem Kopf haben”,
oder ihrer Zeit weit voraus sind und deshalb an die Bretter (Kreuz) genagelt
werden.
So
wie es paradox erscheint, auf der einen Seite einen gläubigen Idealisten an
allgemeine soziale Gerechtigkeit zu verdammen, auf der anderen Seite jedoch
einen gläubigen Idealismus zum stetigen Kampf für Verbesserung der sozialen
Gerechtigkeit zu fordern, so gilt das Gleiche für Techniker und Ingenieure in
der Industrie. Sie wissen, daß ein 100 prozentiger Energieaustausch wegen
physikalischer Hindernisse, vor allem wegen der Reibung, in ihren Motoren und
Maschinen nicht möglich ist. Trotzdem setzen
sie ohne Unterlaß alles daran - und dafür werden sie bezahlt - den
Wirkungsgrad ihrer Maschinen, und sei der Unterschied noch so gering, zu
verbessern. (Der Wirkungsgrad drückt das Verhältnis von zugeführter Energie
gegenüber der abgenommenen Energie einer Maschine aus und ist immer kleiner als
1).
Es
wird sich nicht vermeiden lassen, daß in beiden Fällen phantasiereiche Idealisten
mit heiligem Ernst - oder auch Kurpfuscher mit der Sucht nach Ruhm und Geld -
das Unmögliche anstreben, weil der Mensch nur ungern Grenzen anerkennt. Dabei
ist ihr Eifer nicht ganz umsonst, weil im Falle eines Ingenieurs, der ein
Perpetuum Mobile erfinden will, (eine Maschine, die Arbeit leisten soll, ohne
daß ihr stets neue Energie zugeführt wird), nur seine Arbeitskraft und sein
Geld - vielleich auch anderer - beteiligt ist. Dabei haben Seinesgleiche als
Nebenergebnis wertvolle Erkentnisse in der Mechanik geliefert, die der ganzen
Technik zugute kamen.
Ein
Eiferer aber als Sozialist oder in sozialer Gerechtigkeit kann größeren Schaden
anrichten an Leib und Gut, wenn er als guter Agitator einen Teil der
Gesellschaft gegen einen anderen
aufwiegelt.
Trotzdem oder gerade wegen des Widerspruchs, enthalten im vorhin Gesagten, hat es immer noch Sinn, sich für den Sozialismus, als Gegenpol des Kapitalimus, realistisch einzusetzen und genau wie bei dem bereits angeführten Beispiel der Sozialen Gerechtigkeit, nach seinem Erfolg zu streben. Die schlechten Erfahrungen, welche die Welt durch den Zusammenbruch des kommunistische Experimentes in der Sowjet-Union und der D.D.R. hat machen müssen, sollten nicht ernsthaft besorgte Menschen um das Wohlergehen des kleinen Mannes davon abhalten.
I.
Soziale
und Christliche Ethik.
Um
bereits früher Besprochenes nochmal aufzufrischen sei gesagt, daß vor langer
Zeit aus dem sozialen Kampf im 19. Jahrhundert der großartige Gedanke des
demokratischen Sozialismus geboren wurde. Das sozialistische Traumbild war
umfassend, idealistisch und großzügig. Seine Voraussetzung war die
unwahrscheinliche Vorstellung von menschlicher Vervollkommnungsfähigkeit mit
der zugrunde liegenden Idee, daß der Mensch trotz gegenteiliger Beweise von
Herzen gut sei. Obschon die Beweise für das Gegenteil überwältigend waren,
blieben die Nachfolger fest in ihrem Glauben an den Sozialismus, wie die
Kirchenväter der katholischen Kirche
stets an ihrem Glauben festhalten. Und Glaube war, was sie brauchten. Hier - und es sei nochmals
erwähnt - liegt der Berührungspunkt zwischen christlicher Ethik in Bezug auf
menschliches Leben und Wohlergehen auf dieser Welt und der sozialistischen
Weltvorstellung: beide folgen dem gleichen Gebot Moses: “Liebe deinen Nächsten!" (3. Mose 19.18.)
Genau
genommen und näher betrachtet kann man daher getrost feststellen, daß ein in
tiefster Seele überzeugter Christ, der mit beiden Beinen auch in dieser Welt
steht, auch ein Sozialist ist - siehe als Beispiel die schon erwähnten Priester
in Mittel- und Südamerika - während ein ehrlicher und überzeugter Sozialist
auch ein guter Christ sein kann. Beide schließen sich nicht gegenseitig aus,
sondern sie ergänzen sich fruchtbar.
Je
mehr Übel in der Welt, je mehr die Unmenschlichkeit von Menschen gegenüber
Menschen sichtbar war, um so dringender war das Bedürfnis, das als Ursache
erkannte kapitalistische System mit seiner unwürdigen Profitmotivierung und
Dschungelmentalität zu ersetzen.
Sozialisten
fühlten sich darum voll Sehnsucht hingezogen zu einer Welt, in der das
Menschengeschlecht angespornt wird durch nobele und nicht niedrige Instinkte.
Menschen vor Profit wurde ihr Wahlspruch.
Es
hat sich für die Idee des Sozialismus, wie bekannt, tragisch und nachteilig bis
zum Verruf erwiesen, daß Hitzköpfe und Fanatiker, mit dem durch den
Kapitalismus verursachten Elend vor Augen, radikale Lösungen forderten und, wie
in Rußland durch Lenin geschehen, mit Gewalt durchsetzten. Und diese durch
Gewalt heraufbeschworenen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung der persönlichen
Freiheiten des Einzelnen waren es letzten Endes, die das Experiment nach nahezu
75 Jahren kläglich enden ließen.
Obschon
das vorhin Gesagte bereits an anderer Stelle ausführlich besprochen wurde, war
es notwendig, das Thema an dieser Stelle aus anderen Perspektiven neu
anzufassen.
Vielleicht
wird da niemals eine Zeit kommen, wenn wir beides haben, die Hilfsquellen und
den Willen, eine humanere Gesellschaft aufzubauen, obgleich wir offenkundig
immer genug Geld haben, den nächsten Krieg zu finanzieren.
Nachdem
ausführlich darüber gesprochen wurde, wie die Bestrebungen nach einer
sozialistischen Gesellschaft und totale soziale Gerechtigkeit zum Versagen
verurteilt sind, drängt sich wie von selbst die Erkenntnis auf, immer mit der
Realität des Lebens im Auge, daß wir bereits mit der Einrichtung der Demokratie
in den westlichen Staaten gleichzeitig einen Zustand erreicht haben, in dem
sich soziale Verbesserungen für alle, ohne Terror und Gewalt, mit dem
Stimmzettel durchsetzen lassen.
Und
es mag wie ein Wortspiel aussehen, wenn gesagt wird, daß mit den gleichen
Argumenten, die benutzt wurden, um vor dem Sozialismus als alleinige politische
Macht in einer Gesellschaft zu warnen, eine sozialistische Demokratie ebenfalls
mit der Zeit zum Scheitern verurteilt ist.
Im
Gegensatz dazu, und das wäre zu begrüßen, hat eine von einer sozial und
demokratisch denkenden Mehrheitspartei regierte Gesellschaft die größte Chance,
sozial gerechte Maßnahmen einzuführen und durchzusetzen. Daß sie nicht dem
Extremismus verfällt und in die Gefahr
kommt, Menschenrechte zu verletzen, ist Sache der Opposition, welche dafür
sorgt und sie zwingt, an ihren sozialen Plänen Abstriche zu machen, um die Chancen
für eine Wiederwahl beim nächsten Wahlgang zu erhöhen.
Immer
mit einer funktionierenden Demokratie als Voraussetzung kommt es darauf an, im
Spiel der politischen Mächte in einer Gesellschaft die sozial eingestellten
Kräfte zu fördern, wobei jede Hilfe, sei sie von liberaler oder kirchlischer
Seite, willkommen sein sollte.
II.
Sicherheiten
und Möglichkeiten für alle.
Vier Sicherheiten sind
wesentlich für gesellschaftliche und politische Toleranz, welche die Politiker
beachten müssen, um ein ausgewogenes Leben für die Bürger zu schaffen.
Da
ist erstens die wirtschaftliche Sicherheit - Arbeitsplatz und Wohnung -, welche
den wichtigsten Platz einnimmt.
Ohne
ein ständiges Einkommen durch seine Arbeit und ohne sich mit diesem Einkommen
für sich und seine Familie die Dinge leisten zu können, die heute angeboten
werden, verzweifelt der Mensch an sich selbst, an der Gesellschaft und an dem
Staat.
Das
führt über zur zweiten, der psychischen Sicherheit, die von der ersten
Sicherheit wesentlich abhängt ebenso wie von geistiger und körperlicher
Gesundheit: "Wer mit sich und der Welt zufrieden ist, ist kein
Umstürzler".
Das
Bedürfnis nach der dritten, der kulturellen Sicherheit ist durch Bildung jeder
Art beeinflußbar wie durch Bücher,
Theater, Zeitschriften, Radio und Fernsehen.
Dann
gibt es die vierte, die territoriale und ebenfalls religiöse Sicherheit, die
sich darin ausdrückt, daß der Mensch mit seinesgleichen zusammen leben möchte.
Zum Beispiel ab einem Ausländeranteil von 10% in einem
Wohnviertel - so zeigen auch internationale Vergleiche - beginnen die Häuserpreise zu sinken. Schlußfolgerung: Um
ein Abrutschen von Randgruppen in den Extremismus zu verhindern, muß die
Politik bei der Stärkung der genannten Sicherheiten ansetzen. Bei völliger
Ungewißheit der persönlichen Zukunft, hat der Einzelne nichts mehr zu verlieren. Er hat daher bei
Gewalttätigkeiten kein Risiko mehr.
Wenn
die internationale Gemeinschaft nicht die Voraussicht und den Weitblick
entwickelt, dort wirtschaftliche Gelegenheiten zu schaffen, wo sie am meisten
gebraucht werden, dann wird die Welt Zeuge einer beispiellosen internationalen
Wanderung von Menschen werden, welche die Besiedlung von Amerika, Kanada und
Australien in den Schatten stellt. Über die Vorläufer dieser Wanderungswelle
wurde bereits gesprochen.
Dabei
sind die Reichtumsmöglichkeiten dieser Welt riesengroß. Wir könnten aus dieser
Erde ein Paradies machen. Was uns in diesen Möglichkeiten beschränkt, ist die
Unzulänglichkeit des menschlichen Verstandes oder, was vielleicht noch wichtiger
ist, die seelischen Gestaltungskräfte
der Menschen. Aber es handelt sich hier wie gesagt, nicht um materielle,
sondern um seelische Probleme der politischen Beziehungen der Völker
untereinander.
Die
Erde hat wirklich vom Standpunkt der Ernährung sowie vom Standpunkt der
Energieversorgung “Raum für alle". Aber mit den dunklen Kräften in unseren
eigenen Köpfen und unseren eigenen Herzen müssen wir, und damit die Völker,
fertig werden.
Langsam
aber unaufhaltsam verbreitet sich die Erkenntnis unter den führenden Köpfen der
Menschheit, daß der zügellose Kapitalismus als weltweites Sozialsystem
gescheitert ist, weil er in der Geschichte der Menschheit nicht nur für den
Fortschritt, sondern auch gleichzeitig für Rückständigkeit, Armut, Ungleichheit,
Unterentwicklung und Hunger verantwortlich ist.
Um
das Anwachsen des Sozialprodukts und die damit verbundenen wirtschaftlichen und
politischen Schwierigkeiten in der ganzen Welt in den Griff zu bekommen, müssen
die Restbestände kapitalistischer Anarchie vor allem zuerst in den westlichen
Industrieländern, besonders in den U.S.A., überwunden werden. Dazu ist es
unumgänglich notwendig, die Instrumente der Wirtschaftslenkung und Planung, wie
sie eine verantwortungbewußte, soziale Demokratie, oder besser noch der
demokratische Sozialismus generell vertritt, zu fördern und zu stärken.
Niemand
hat etwas dagegen, und es ist allseitig als notwendig anerkannt, daß staatlich
geprüfte Inspektoren nach festgelegten Regeln die Sicherheit von Anlagen in der
Industrie, im Baugewerbe allgemein oder vom gesundheitlichen Standpunkt
Lebensmittelherstellung, Vertrieb und Verteilung rigoros überprüfen, um Leben und Gesundheit der Bevölkerung vor
skrupellosen Geschäftemachern zu schützen. Warum sollte darum nicht der demokratische
Staat, also die gewählten Vertreter des Volkes, nicht nur das Recht sondern
auch die Pflicht haben, durch Wirtschaftsplanung und Lenkung in dem weitaus
wichtigeren Bereich der Volkswirtchaft, von der jeder in guter oder schlechter
Weise betroffen wird, den
kapitalistischen Freibeutern das Handwerk zu legen?
Das
ist heute um so wichtiger, weil in den Sitzungszimmern der Aufsichtsräte
internationaler Korporationen Entscheidungen getroffen werden, die große Teile
der Weltbevölkerung, wenn nicht die Menscheit als Ganzes, beeinflussen, ohne je
Rechenschaft gegenüber einer gewählten Volksversammlung ablegen zu müssen.
Wahrlich ist unser Planet heute ein globales Dorf, die multinationalen Konzerne
haben es soweit gebracht.
Überhaupt
stehen wir zu Beginn des 21sten Jahrhunderts am Anfang eines sozialen Kampfes,
der dem während der industriellen Revolution im 19ten Jahrhundert an Härte
nichts nachsteht. Im ersten Kapitel wurde darüber bereits ausführlich
berichtet.
Nebenbei werden die ersten Scharmützel schon heute
ausgefochten. Gemeint ist der technologische Fortschritt in der Produktion von
Gütern aller Art, dessen Vor- und Nachteile bereits im zweiten Kapitel
ausgiebig besprochen wurden. Immer mehr Arbeiter werden durch verbesserte
Maschinen um ihren Arbeitsplatz gebracht oder auch durch billigere ausländische
Konkurrenz ersetzt, ohne Aussicht, ihn jemals zurückzubekommen. Während der
Produzent den Gewinn einsteckt, fällt der Arbeiter mit seiner Familie der
allgemeinen Wohlfahrt zur Last. Die Sorgen und Nöte der Betroffenen sind in
ihrer Größe für den unfaßbar, der nie in eine solche Lage kam.
Es
liegt auf der Hand, daß ein solcher Zustand mit sozialer Gerechtigkeit nichts
gemein hat und untragbar und darum unhaltbar ist, einmal vom menschlichen
Standpunkt, und erst recht vom
Standpunkt der Gesellschaft her gesehen.
Eine
Lösung muß gefunden werden, die dem noch arbeitenden wie dem arbeitslosen Arbeiter gerecht wird, denn der erste muß ja
für den anderen mitarbeiten. Jeder Politiker in allen Staaten, vor allem wenn
er vor einer Wiederwahl steht, verspricht, sich für die Schaffung von
Arbeitsplätzen einzusetzen. Woher sie kommen sollen, kurzfristig oder von
Dauer, darüber schweigt er, oder er umgeht die Frage mit spitzfindigen oder
rhetorischen Scheinargumenten. Sie bieten nur abgedroschene Redensarten als
Lösung an, welche bisher keine Ergebnisse gezeigt haben und auch keine zeigen werden. Der einfache Grund dafür ist,
daß die ganze Arbeitslosenfrage falsch verstanden wird. Anstatt als Ergebnis
von schlechten, fehlgeleiteten wirtschaftlichen Maßnahmen der führenden Leute
in Politik und Wirtschaft zu reden, ist Arbeitslosigkeit paradoxerweise das
Zeichen von deren Erfolg. Im Effekt, wir haben es bewerkstelligt, mehr zu
produzieren mit weniger Menschen: darum Arbeitslosigkeit.
Ein zusätzlicher Grund in den fortgeschrittenen Industrieländern ist das ungehinderte Bestreben der internationalen Unternehmen, ständig eine Umsiedlung in Länder der dritten Welt in Betracht zu ziehen und auch durchzuführen, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen.
III.
Lösungsvorschläge.
Es sei erlaubt, die
hauptsächtlichsten Gründe zu besprechen und eine Lösung vorzuschlagen, wie es
der Professor der Volkswirtschaft Simon Valaskasis in einem Beitrag in einer Tageszeitung getan hat.
1 Technologisch bedingte Arbeitslosigkeit in einem geschlossenen,
auf einen bestimmten Staat begrenztes System, also im angestammten Land.
Es liegt in der Natur von
technologischem Fortschritt, Arbeitskräfte einzusparen. Die Einführung einer
Maschine, welche mehr Arbeitskräfte erfordert als bisher, ist einfach
undenkbar.
Wenn Technologie zu Beginn der
industriellen Revolution Arbeitskräfte verdrängte, war das nur auf einige
Sektoren beschränkt und die neugeschaffenen Industrien konnten dieselben
aufnehmen.
Zusätzlich zu diesen Veränderungen
trat auch ein Umdenken im sozialen Bereich ein und zur historischen Lösung des
Problems der Arbeitslosigkeit kam der einfache Gedanke: "Arbeite weniger
und verdiene mehr."
Nach schweren sozialen Kämpfen der
vereinten Arbeiterschaft sahen sich die sozialen Legislatoren in allen
fortgeschrittenen Industrieländern gezwungen, den Arbeitern allgemein eine
geringere Arbeitszeit, z.B. 1500 Stunden Arbeitszeit im Jahr heute - anstelle
von 3000 Stunden ein Jahrhundert früher - zu erlauben, bei wachsendem realen
Lohn. Die sozialistische und kommunistische Drohung hat dabei eine nicht nur
geringe Rolle gespielt.
Warum haben die Korporationen die
unvermeidliche Profitminderung hingenommen, welches dieser Wechsel z.B.
veranlasste? Erstens die bereits erwähnte Drohung einer sozialistischen,
kommunistischen Revolution im Hintergrund, hielt sie davon ab und machte sie
gefügig für eine Anpassung. Zweitens, bevor die globale Ausdehnug der Korporationen
einsetzte, war es die Tendenz der Unternehmen, im angestammten, durch
Schutzzölle abgeriegelten Land zu bleiben, worin sie der allgemeinen
Gerichtsbarkeit und sozialen Gesetzgebung ihrer nationalen Regierungen
unterworfen waren.
Eine gewählte Regierung kann
Vorschriften einführen, wie Verminderung der wöchentlichen Arbeitszeit,
Festlegung von Mindestlohn, soziale Einrichtungen, wie z.B. Arbeiter -
Unfallversicherung, Arbeitslosenversicherung und allgemeine Krankenkasse, wobei
in allen angeführten Fällen die Unternehmer wie auch die Arbeitnehmer Beiträge
in diese Institutionen, nach einem ausgehandelten System, zu entrichten
haben.
Es folgt von dem bisher Gesagten,
daß in einem geschlossenen System, befreit von der Drohung der Korporationen
ins billigere Ausland abzuwandern, die Lösung der strukturellen
Arbeitslosigkeit darin liegt, daß das, was an Arbeit vorhanden ist, unter allen
geteilt wird. Also kürzere jährliche Arbeitzzeit ohne Lohnverlust. Wenn wir
alles produzieren können mit nur 75% Ausnutzung der Arbeiterschaft, dann heißt
das entweder 25% Arbeitslosigkeit, oder um 25% weniger zu arbeiten, also
Vollbeschäftigung. Das Letztere ist
augenscheinlich mehr wünschenswert.
2
Technologische Arbeitslosigkeit in einem offenen System wie wir es heute
haben, also internationaler Austausch des Arbeitsvolumen.
Seit dem Einsetzen globaler
Weltwirtschaft werden die Produkte nur bis zu 60% einheimisch oder im Lande
erzeugt. Der Rest wird von staatenlosen Korporationen dort produziert, wo sie den
größten Profit erzielen, sind sie doch keinem Staat, sondern nur ihren
Aktionären verpflichtet.
Der verschärfte internationale
Wettbewerb und die große Beweglichkeit produktiver Faktoren über internationale
Grenzen hinweg, führt, wie Verschiedene festgestellt haben, zu einem
frenetischen Rennen nach den niedrigsten Lohnkosten. Die Länder, welche den
nachlässigsten Umweltschutz anbieten, die niedrigsten Löhne und das geringste
soziale Sicherheitsnetz, locken internationale Investoren an, besonders, wenn
sie noch ein gewisses kritisches Qualitätskriterium in der Produktion
garantieren können, was Vielen möglich ist.
Das hat also zur Folge, daß viele
Industrien nach dem Süden abwandern oder, wenn sie im Norden bleiben, ein
Zurückrollen von Löhnen fordern und ein stufenweises Abbauen sozialer
Einrichtungen oder freiwilliger sozialer Leistungen.
Soweit
Professor Simon Valaskasis.
Es
kann sich also heute kein Land oder Staat mehr erlauben, soziale Verbesserungen
zum Nutzen der Arbeiter einzuführen, ohne daß seine Industrien in Massen
abwandern. Der Versuch, das Los der Arbeiter zu verbesseren in einem offenen
System, wie wir es heute haben, kommt dem Versuch gleich, ein Haus im Winter zu
erwärmen mit allen Fenstern offen. Jedoch das Schließen der Fenster ist
gleichzusetzen mit der Einführung eines Schutzzollsystems, welches in heutiger
Zeit auch keine Lösung mehr ist.
Die einzige Alternative zu
diesem Dilemma ist, durch internationale Abmachungen und Verträge, in allen
Ländern Löhne und Sozialleistugen auszubalancieren und Umweltschutz zu
erzwingen, sodaß der Anreiz für den Standortwechsel von Korporationen wegfällt.
Eine Weltregierung ist leider noch keine realistische Möglichkeit, obgleich
ihre Einrichtung in der Zukunft in Betracht gezogen werden muß. So bleibt keine
andere Wahl, da es sonst keine Ausweichsmöglichkeiten gibt, durch bereits
erwähnte Abmachungen, ähnlich dem ausgehandelten Weltfreihandelsabkommen, ein
allgemeines Übereinkommen über Lohnarbeit und soziale Sicherheiten, gültig für alle Unterzeichner, auszuhandeln.
Es würde nicht nur den Weg für einen sozialen Ausgleich unter den Völkern
ebnen, sondern auch der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit einen großen
Dienst erweisen.
Der
Weg zu einem solchen Abkommen wird mühsam sein und bedarf weitsichtiger
Politiker, jedoch die Aussichten einer nahezu erreichten Vollbeschäftigung sind
für die Volkswirtschaften und damit für Arbeiter und auch Unternehmer, nur zu
begrüßen, da sich der Fortschritt der Technologie zum Nutzen beider auswirkt.
Es
soll hier nicht das Wort geredet werden, technologischen Fortschritt zu
stoppen, ganz im Gegenteil. Jedoch muß ein Weg gefunden werden, den Nutzen, den
dieser Fortschritt bringt, auf die ganze Gesellschaft gleichmäßig zu verteilen
und nicht den größten Gewinn in die Hände Weniger fallen zu lassen. Es wird
daher vornehmste Aufgabe aller Parteien sein, vornehmlich einer sozialistisch
ausgerichteten Partei, Lösungen anzustreben und sie mit Mehrheit in der Regierung durchzusetzen.
Ein weiterer Beitrag zur Lösung dieses Problems wäre die
Einrichtung eines Kapitalfonds, in dem alle Unternehmen, ob groß oder klein,
welche durch Einführung technologischer Verbesserungen gezwungen sind,
Arbeitsplätze zu beseitigen, den erzielten Mehrgewinn einzuzahlen haben. Von
diesem Fond können dann Gelder entnommen werden zur Unterztützung der
Arbeitslosen oder Teilzeitbeschäftigten.
Obgleich die Einrichtung eines solchen Fonds durchaus machbar
ist, also keine undurchführbare Utopie darstellt, würde die Durchsetzung desselben auf äußerst harten
Widerstand stoßen, trifft dies doch
mitten ins Herz des Ultrakapitalismus.
Es liegt auch im Interesse der Kapitalisten, daß der Arbeiter
genug verdient, um als Verbraucher die Güter kaufen zu können, die er mithilft
zu produzieren. In dieser Hinsicht gab Henry Ford, der Gründer der
weltbekannten Fordwerke in Detroit,
U.S.A., allen seinen Kollegen ein Beispiel als er sagte: "Es hat keinen
Sinn ein Produkt zu erzeugen, das sich der eigene Arbeiter nicht leisten
kann"! Darum setzte er alles daran, die Produktion seiner Autos zu
verbilligen und er führte das berühmte Fließband system bei der Montage ein.
Es
erhebt sich heute die Frage, ob man mit den modernen Robotern und
Komputeranlagen soviel Geld aufbringen kann, daß alle die, die keine Arbeit
finden, davon unterhalten werden können? Es kommt der Tag, und er ist garnicht
mehr sehr fern, an dem nicht nur die immer zahlreicher werdenden Rentner
unterhalten werden müssen, sondern auch das ständig wachsende Heer der
Arbeitslosen. Siehe vorhin Gesagtes über die Einrichtung eines Kapitalfonds.
Wir
klagen heute bereits über 10 Prozent Arbeitslosigkeit und das aus gutem Grund,
denn unser System betrachtet diese Art von Müßiggang immer noch als einen
Makel, und der Arbeitslose betrachtet sich selbst, von der finanziellen Einbuße
ganz abgesehen, als überflüssig, nutzlos und ausrangiert. In kommenden Jahren
werden wir uns aber mit 20 bis 30 Prozent Arbeitslosigkeit abfinden müssen,
wenn der Trend so weitergeht und ein Atomkrieg nicht alles auf den Kopf stellt.
Nur wird man dann nicht mehr von Arbeitslosen sprechen sondern von “beruflichen
Reservekräften, Angestellten in Wartezeit" oder ähnliches. Man wird ein
Schlagwort für diesen Zustand erfinden, das dem Nichtbeschäftigten den Makel
nimmt, weil das für die Mehrheit der Normalzustand sein wird.
Diesen
Zustand ohne soziale Kämpfe zu erreichen, wird das Kunststück sein, das unsere
Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten fertig bringen muß. Jedenfalls
verspricht der Kampf sehr hart und für den späteren Geschichtsschreiber
ebenfalls interessant zu werden.
Die industrielle Organisation der Arbeit,
Wissenschaft und Wirtschaft wird jedenfalls die bestimmende Macht in der
Gesellschaft der Zukunft sein. So ist z.B. der Grund des deutschen Wirtschaftswunders in einer besonderen
Zusammenarbeit zwischen den Sozialpartnern zu suchen. Bekanntlich haben die
Gewerkschaften es erreicht, daß in allen größeren Betrieben Vertreter der Belegschaften in den Aufsichtsräten sitzen.
Der Schlüssel kann gefunden werden in
dem vom Sozial und Rechtsstaat
geregelten Kapitalismus, den ein Fachmann zutreffend als den “Rheinischen
Kapitalismus" bezeichnete.
Es wurde das Wort
“Sozialpartner" vorhin gebraucht und zu Recht so: denn sind wir nicht alle
Partner in dieser komplexen Situation, die, und das ist wichtig, als gleichberechtigte
Partner an einem Tisch sitzen sollten? Jedoch bis das eine allgemein
akzeptierte Einrichtung geworden ist, wird noch geraume Zeit vergehen.
Um
das zu erreichen, ist ein grundsätzliches Umdenken der Kontrahenten im Sinne
einer Zusammenarbeit und nicht Konfrontation erforderlich.
Die
alten Klischees vom "Kapitalisten", als herzlosen Ausbeuter, und
"Sozialisten", als fanatischer Privateigentumsvernichter, müssen von
beiden Parteien überwunden werden zum Zweck einer besseren Zusammenarbeit der
Partner und damit zum Wohle der ganzen Gesellschaft.
Ob die Erkenntnis soweit gedeiht und sie
erkennen, daß jede wirtschaftliche Tätigkeit ein wesentlicher Bestandteil der
größeren Gesellschaft ist, in der sie operieren und für die sie verantwortlich
sind, und daß die Bürger durch ihre Regierung ein Recht haben mitzubestimmen, wie die Megaunternehmen geführt
werden, bleibt abzuwarten.
Nur
durch intensive und fortwährende Schulung aller Bevölkerungsschichten und
stetige demokratische Wachsamkeit kann entweder ein Fortschritt erziehlt, oder
verhindert werden, daß sich erneut
wirtschaftliche Systeme durch Ausbeutung, streben nach religiöser
Vorherrschaft, unter dem Vorwand von nationaler Reinigung oder ganz allgemein
durch Habgier breitmachen und positive Systeme verdrängen.
Es
bleibt nur zu hoffen, daß vor allem die Religionen, vorweg die katholische
Kirche, - obschon sie und die anderen in dieser Abhandlung nicht gut davon
gekommen sind, - ihr erzieherisches Werk auf ihrer Glaubensgrundlage mit
gleichem Eifer wie bisher, als ethische
und moralische Orientierungshilfe der Menschen voll einsetzen.
Weiter
ist zu wünschen, daß die Idee der sozialen Gerechtigkeit mit Hilfe dieser
Abhandlung einen Auftrieb und weiteste Verbreitung findet. Daß sich aufrichtige
Personen mit Weitsicht und Mut einsetzen für dieses noble Ziel und die Idee
vorantreiben, obgleich ein Spötter einmal sagte:”Für eine Idee ist der Mensch
zu allem bereit; vorausgesetzt, daß er sie nicht richtig verstanden hat."
Und damit kommen wir zum Ende dieser dreiteiligen Abhandlung,
nicht weil nichts mehr zu sagen ist, sondern weil alles Wesentliche gesagt
wurde und jedes Breittreten der einzelnen Themen nur die Langeweile des Lesers,
nicht aber sein Wissen fördern würde.
Nachschrift!
Zwichen der Erstellung der
Urschrift und dieser Ausgabe sind einige Jahre vergangen und wegen der rasanten
Veränderung in der Technologie, Ökonomie und sozialen Struktur, ist eine
Nachschrift als Ergänzung der aufgeworfenen Themen unumgänglich.
Die
schon früh in den menschlichen Zivilisationen aufgekommene Unterscheidung in
"Arm" und "Reich" - die Ursachen dafür sind im ersten Teil
des Buches hinreichend erklärt - ist historisch gewachsen und haftet allen
Nationen an.
Zugegeben, in den Anfängen war der Unterschied noch nicht so
tragisch - wenn man von der Sklaverei absieht - und sie wurde erst ein die
Gesellschaften erschütterndes Problem mit dem Aufkommen der industriellen
Entwicklung und der dabei hervorgerufenen Ausbeutung der Arbeiter und dann der
Arbeitslosigkeit.
Sind
die Zustände auch generell nicht abzuschaffen, heißt das nicht, daß man sie, so
wie sie heute sind, kritiklos und ohne Willen zu einer Verbesserung der
Gesellschaft belassen soll. (Siehe das Beispiel vom Wirkungsgrad in der
Mechanik.)
Inzwischen
hat aber die Arbeitslosigkeit, und damit das Abrutchen von millionen Arbeitern
in die Armut, weltweit skandalöse Zustände angenommen und drückt auf das
Sozialgefüge der betroffenen Staaten. Als Folge davon treten soziale Übel aller
Art in Massen auf, wie sie bisher unbekannt waren und die staatlichen Organe
der Ordnung stehen ihnen macht- und
ratlos gegenüber.
Es
besteht kein Zweifel, daß die Machenschaften der Globalisierung der
Volkswirtschaften und die laut gepriesenen Freihandelsabkommen, verbunden mit
der durch Komputer erzielten Rationalisierung der industriellen Fertigung, am
Zustandekommen dieser Umstände maßgeblich verantwortlich sind, und die dabei im
Zusammenhang gepriesene zügellose freie Marktwirtschaft das Schicksal ganzer
Nationen und deren gesunde Entwicklung zerstört.
Die
Polarisierung in die feindlichen Begriffe "Kapitalist" und
"Sozialist" ist eigentlich im letzten Jahrhundert aufgekommen und
kennzeichnet den Machtkampf zwischen "reich" und "arm". Was
dabei geflissentlich von beiden Parteien übersehen und nicht erwähnt wird, ist
die Tatsache, daß der Armut in vielen Fällen ein Selbstverschulden zugrunde
liegt und dem Reichtum der Reichen durch Betrügereien aller Art nachgeholfen
wurde.
Was
so gerne von den Gegnern im Wortkampf über die Begriffe
"Kapitalismus" und "Sozialismus" angeführt wird, trifft
auch nur eine propagandistisch verhärtete Schale und nicht den Kern des Problems.
Es
besteht in der größeren Mehrheit der Fälle kein direkter Zusammenhang zwischen
einem kleinen erwerbslosen und verzweifelten Arbeiter, der sich
"Sozialist" nennt und dem durch die bürgerliche Propaganda geächteten
Begriff "Sozialismus".
Ersterer
denkt und hofft doch nur auf ein besseres Auskommen für sich und seine Familie,
wie das sozialistische Gedankengut als Ideal es ihm als wünschenswert
erscheinen läßt. Ihm fehlt die Bildung, die Intelligenz und damit der Überblick
über die Problematik und Hintergründe dieser Einstellung.
Darum
gibt es immer noch so viele gläubige Sozialisten - selbst Kommunisten - in den
Ostländern und auch anderswo, nicht weil sie nichts dazu gelernt haben aus dem
Untergang des sogenannten sozialistischen Arbeiterparadieses - der UDSSR -
sondern weil sie immer noch nach ihrem Gefühl an eine soziale Gerechtigkeit
glauben.
Das
kapitalistische System - vorausgesetzt in einer gut funktionierenden Demokratie
- hat trotz vieler Nachteile den entscheidenden Vorteil, einer sich stets
erneuernden Entwicklung und Anpassung an den Veränderungen, welche an die
Gesellschaft herantreten. Ja es ruft die Veränderungen hervor durch die stets
wach gehaltene Habgier (negative) und Strebsamkeit (positive).
Auch
der Kapitalismus hat seinen schlechten Ruf nicht nur durch Verleumdung seitens
seiner Gegner, der Arbeiter, erhalten sondern muß sich den Vorwurf von nicht
sozial gerechtem Verständnis und Habgier gefallen lassen.
Überhaupt,
wenn man das Buch "The next Left - the History of a Future" liest,
geschrieben von Michael Harrington, bekommt man den Eindruck, daß man heute mit
dem Wust von Schriften über das brennende Problem von - Arm und Reich, hier
Sozialismus und da Kapitalismus - leeres Stroh drischt denn jedes Argument, dafür
und dagegen, ist in den Jahren der Jahrhundertwende und danach bereits
tiefschürfend und ausführlich behandelt und versucht worden, in die Tat
umzusetzen. (Siehe Lenin in Rußland)
Vor allem erhitzten sich die Gemüter in der
großen Depression nach 1929, bei der Suche nach Lösungen in dieser Misere. Hier
war es, wo der in den zwanziger Jahren aufgekommene "Fordismus"
äußerst populäre Streitfragen auslöste vor allem, weil Henry Ford darauf bestand, trotz der
wirtschaftlich schlechten Zeiten, seinen Arbeitern einen angemessenen Lohn zu
bezahlen. Er gab damit ein Beispiel das Schule machen sollte. Jedoch ohne
Erfolg, denn es ist, um es milde zu sagen, äußerst schwierig eine Einigung in
einer Klasse zu erzielen, wo jeder mit jedem im Wettbewerb steht.
Hinzu
kommt, daß der technologische Fotschritt durch fast totale Automatisierung und
Komputerisierung wesentlicher Industriezweige heute global soweit
fortgeschritten ist, daß sich kein Land und kein Wirtschaftszweig als
Einzelgänger aus dem Teufelskreis ausschließen kann, ohne Schaden an seiner
Volkswirtschaft oder Existenz zu erleiden.
Es
ist an der Zeit, grundsätzlich festzustellen, daß das soviel gepriesene
kommunistische Ideal, welches die von Millionen in ihm voll ehrlicher
Überzeugung gesetzte Hoffnung nicht erfüllt hat, nicht erfüllen konnte.
Enttäucht, ratlos und ohne zündende neue Ideen, sieht sich der Arbeiter erneut
den Ausbeutern ohne Schutz ausgeliefert. Mühsam erkämpfte Rechte werden im Zuge
der Umstellung auf Kosten des immer größer werdenden Heeres der Arbeitslosen
abgebaut. Obschon Volkswirte und Professoren der Ökonomie in Büchern
weitschweifig die Problematik und Tendenz beschreiben, fehlt es an einer
Parole, um die sich die Geister sammeln und wonach sich der kleine Mann
vertrauensvoll richten kann, so wie es "Kommunismus" und
"Sozialismus" einmal waren.
Wie
das Logo einer Firma auf Schildern und Briefköpfen werben und die
Aufmerksamkeit möglicher Kunden auf sich ziehen soll und anspricht, muß dieses
politische Logo die Bevölkerung als Wahlvolk auf sich aufmerksam machen, und
warum sollte nicht die Parole: "Soziale Gerechtigkeit" sich dafür
hervorragend eignen?
Was
sich also am Horizont abzeichet, um das Übel in den kommenden Jahrzehnten zu
beheben, ist ein Zusammenraufen und Aushandeln von Politik und Wirtschaft im
Hinblick auf "Soziale Gerechtigkeit".
Die
folgenden aufgestellten Thesen stellen weder in ihrer Reihenfolge noch in
ihrem Inhalt in Stein gemeißelte Gebote dar. Sie sind nur als
Denkanreiz gedacht, bei dem Abstriche
odre Zusaetze durchaus moeglich sind.
1) Um der grasierenden Arbeitslosigkeit in den entwickelten und auch unterentwickelten Ländern - also Global zu steuern, muß eine generelle Minderung der wöchentlichen Arbeitszeit in den betroffenen Industriezweigen ausgehandelt und eingeführt werden. Mit anderen Worten, der geringere Anfall von Arbeit muß auf eine grösere Menge von Arbeitern gerecht verteilt werden. Ausnahmen dürfen nur nach allgemeiner Absprache und Übereinstimmung gemacht werden.
2)
Die
geringere Arbeitszeit darf nicht zu
einem Lohnausfall für den betreffenden
Arbeiter oder Angestellten führen. Notfalls muß das
ganze Lohn-Preißgefüge neu erstellt
werden
3) Das Ablegen von Arbeitern und Angestellten,
mit der Absicht auf Wiedereinstellung auf Zeit mit gleichem Lohn aber ohne
Lohnnebenkosten muß wie
Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Urlaubs- und Rentenanspruch, muß
verboten werden. Auch hier dürfen Ausnahmen nur nach den Gesichtspunkten der
"Sozialen Gerechtigkeit" gewährt werden.
4) Bei Auflõsung eines Arbeitsverhältnisses
wegen Müßiggang, Diebstahl, Streitsucht
oderer mangelnder Einordnung in das Betriebsklima, haben Vertreter der
Betriebsleitung und der zuständigen Gewerkschaft gemeinsam die letzte Entscheidung
nach sozial gerechten Prinzipien. Langjährige Zugehörigkeit zur Firma kann, muß
aber nicht mildernd sein.
5) Frauen sind den Männern im Lohn gleich
gestellt bei gleicher Arbeit. Auch sonst sind die Sozialleistungen der Firma
die gleichen, zusätzlich typisch weiblicher Bedürfnisse wie
Schwangerschaftsurlaub usw.
6) Lohnarbeit aller Art für Jugendliche unter
16 Jahren muß global verboten werden. Wo eine solche in unterentwikelten
Ländern zum sozialen Gefüge gehört und notwendig erscheint, ist es Aufgabe der
UNO Abhilfe zu schaffen. Überhaupt,
jede Art von Ausbeutungsbetriebe dürfen nirgendwo und unter keinen Umständen
erlaubt sein.
7) Jedes Unternehmen und jede Korporation hat
die Absicht zur Einführung lohneinsparender
Maßnahmen durch technologischen Fortschritt, welcher die Enlassung von Arbeitern und Angestellten
zur Folge hat, mit einer besonders eingerichteten Kommis- sion
zu verhandeln. Ihr gehõren Vertreter der Firma, der zuständigen Gewekschaften
und der Ministerien der
Regierung an. Diese Kommission ist beauftragt:
a) den zu erwartenden Mehrgewinn als Abgabe an einen Fond zu errechnen und
b) den Schock, der durch die Umstellung auf dem Arbeitsmarkt entsteht abzufangen und zu mildern..
8) Jedes Unternehmen, jede Korporation und ueberhaupt die gesammte gesamte globale Wirtschaft ist aufgefordert, Productivitaetsgewinne, die duch den technologischen Fortschritt der dritten industriellen Revolutin erzielt wurden, zur gleichmaessigen Verteilung in Zusammenarbeit mit einer Koalition von gemischten kulturellen und politischen Bewegungen, im Sinne sozialer Gerechtigkeit bereit zu stellen. Diese Koalition kann bestehen aus Gemeinschaften mit gleichgesinnten Interessen wie Gewerkschaften, Bürgerrechtsorganisationen, Frauengruppen, Umweltschutzgruppen, religiöse Vereinigungen usw, um nur einige zu nennen.
9) Es
wird vorausgesetzt, daß die Soziallasten wie Krankenkassen, Pensionskassen,
Arbeitslosen- und Unfallversichereungen von beiden Sozialpartnen proportional
wie bisher getragen werden. In einem Härtefall hat jedoch nur der ein Recht auf
Versorgung durch die Gemeinschaft, der vorher getreu seinen Pflichten
nachgekommen ist. Es müssen Maßnahmen eingeführt werden, die Betrug und
Mißbrauch von Hilfe aller Art strikt unterbinden.
10) So wie der Besuch der Volksschule frei ist,
muß die Gesellhaft auch die Kosten für eine höhere Schulbildung aufbringen,
einschließlich Universität, und mit zinslosen Darlehen nachhelfen, wo die
Schulgelder nicht aufgebracht werden können. Die Heranbildung einer
Geldbeutelelite muß unter allen Umständen verhindert werden.
Gleiches gilt für besondere
berufsbedingte Schulungen und Kurse. Wer jedoch sich durch fehlenden Ansporn,
Interesselosigkeit und Faulheit auszeichnet, hat im Sinne der sozialen
Gerechtigkeit, keinen Anspruch auf freie Schulung. Strenge Prüfungen nach jedem
Semester, die nicht nur die Noten betrachten sondern auch die Anwesenheit und kameradschaftliches Verhalten, sind zu
begutachten als Pflicht der Schulbehörden.
Damit
sind nur einige der wichtigsten Punkte erwähnt, die zu beachten und nach denen
zu handeln es so wichtig ist, um das
Übel der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen und eine Verminderung des
Abstandes zwischen Arm und Reich zu erreichen.
Die
Frage ist, wann wird die Menschheit beginnen sich vorzubereiten für eine
Zukunft, in welcher die meiste normale Arbeit der Menschen von Maschinen
übernommen worden ist?
Wie
schon vorher einmal erwähnt, hat eine Durchführung dieser Thesen nur dann eine
Möglichkeit von Erfolg, wenn die Maßnahmen für alle Mitglieder der globalen
Wirtschaftsgemeinschaft vertraglich verbindlich
sind und auch durchgeführt werden, um ein Ausweichen einzelner
nicht schmackhaft zu machen.
Verringerung der Löhne, ständig wachsende Arbeitslosigkeit
und die zunehmende Polarisation von “arm“ und “reich” treibt einen Teil der
Bevölkerung in eine verfehmte zivile Haltung. Während die meisten Menschen
Arbeitslosigkeit und Kriminalität als die am stärksten drückenden Probleme
betrachten, welche die Gesellschaft bedrohen, sind weit weniger bereit
anzuerkennen, daß ein nicht directes trennbares Verhältnis zwischen beiden
besteht. Seit die dritte industrielle Revolution sich durch die globalen
Volkswirtschaften verbreitet, mehr und mehr die Herstallungs- und
Dienstleistungsindustrie automatisiert und Millionen
von Arbeitern und Angestellten aus ihrer Stellung verdrängt, ist Kriminalität
und besonders gewalttätige Kriminalität in zunehmender Tendenz.
Es ist zu erwarten, daß die Einführung der bisher besprochenen Maßnahmen selbstverständlich auf den härtesten Widerstand der Funktionäre der Wirtschaft stößt. Vor allem das Argument "Eingriff in die so viel gepriesene freie Marktwirtschaft" wird hemmungslos herhalten müssen mit der Schwarzmalerei einer noch grösseren Arbeitslosigkeit. Damit sind die politischen Organe der betroffenen Völker aufgrufen, ihren Einfluß auf die Regierungen anzuwenden um durch entsprechende Gesetzgebung den Widerstand
aufzulösen.
Zugegeben,
die Maßnahmen stellen das ganze bisherige und von den Wirtschaftsführern so
lieb gewonnene Wirtschaftssystem auf den Kopf, jedoch das Wohlergehen der
Menschen hat Vorrang gegenüber Profitgier und egoistischen Interessen.
Jedes
Unterfangen gleich welcher Art, das die Menschheit je unternommen hat, zeigte
seinen Januskopf, und es bedurfte stets weiser Männer, das Richtige zu tun und
das Falsche zu unterdrükken, jenachdem, wie es sich ergab. Daß die Begriffe
“falsch” und “richtig” dabei relative sind und zu Streitfragen ausarteten,
versteht sich von selbst. Zur Korrektur ergriffene Maßnahmen kann man, wenn man
will, auch als Eingriffe in dem freien Ablauf des Wirtschaftszweiges betrachten.
Warum sollte nicht in den weit größeren globalen Wirtschaftsystemen Richtlinien
aufgestellt werden, die vorschreiben, was getan und was nicht getan werden
soll, denn die Vergrößerung der Armut durch Arbeitslosigkeit mit allen ihren
negativen Folgen ist wie ein Krebsgeschwür am Körper der Völker.
Der Übergang von einer Gesellschaft begründet in
Massenbeschäftigung im privaten Sektor zu einer begründet in massenhaft freier
Zeit für Beschäftigte und vor allem für die zwangsweise Unbeschäftigten, stellt
große Anforderungen an die soziale Organisation der Gesellschaft.
Die
Menschheit steht nun einer Herausforderung gegenüber, welche nicht zu
vergleichen ist mit irgend einer anderen in unserer Geschichte: nämlich eine
neue Balance mit der Natur zu erreichen, während weiterhin die Wirtschaft sich
ausdehnt um günstige Gelegenheiten für Millionen von Menschen zu schaffen, die
immer noch nach einem annehmbaren Lebensstandard trachten. Und so wie wir uns
einer entmutigenden Aufgabe gegenübersehen, mag Hoffnung die einzige wertvolle
Eigenschaft sein, von allem was wir besitzen.
Dabei
ist die größte Herausforderung von allen diejenige, die bei uns selbst liegt.
Der dramatische wirtschaftliche Fortschritt in dem vergangenen Jahrhundert ist
angetrieben worden zum Teil von einer materialistischen Kultur und
beschleunigtes Wachstum erscheint als ein universal anerkanntes Ziel. Jedoch
was Umwelt Aktivist “Edward Abbey" einst sagte: Wachstum um des Wachstums
willen ist die Ideologie von Krebszellen. Unaufhörliche und wahllose
materialistische Ausdehnung zerstört die Umwelt genau wie bösartige Krebszellen
einen menschlichen Körper zerstören.
Wir
werden in der Zukunft mehr Wert legen müssen auf die Qualität von Wachstum und
nicht auf die Menge. Das Ziel ist, das Wachstum wirtschaftlicher Gelegenheiten
und damit Arbeit zu erhalten - besonders in den Entwicklungsländern - jedoch
den zügellosen Gebrauch von Material, Energie und Verschmutzung, welche mit dem
Wachstum zusammenhängt, zu verringern.
Das
neue Zeitalter fordert, was der umweltaktive Schriftsteller Allan Durning
beschreibt als eine “Kultur der Beständigkeit" das heißt, Befriedigung der
Bedürfnisse der augenblicklichen Generation, ohne die Aussichten für die
Bedürfnisse kommender Generationen zu gefährden. Vor allem, Überleben benöigt
ein erneutes würdigen der Natur.
Unsere
Vorfahren konnten ihre Abhängigkeit von der natürlichen Welt täglich erkennen
und sehen. Sie betrachteten Bäume und Tiere als heilig und behandelten sie mit
Achtung. Was wir heute benötigen ist ein zurückkehren auf diese Ehrfurcht. Wie
Havard Biologist Stephen Jay Gould es ausdrückte: Wir können
nicht die Schlacht gewinnen, einmal die Spezies und die Umwelt zu erhalten,
ohne ein starkes gefühlsmäßiges Band zu erstellen zwischen uns und die Natur.
Entweder wir folgen diesem Rat oder wir werden nicht fähig sein uns selbst zu
retten.
Wenn
der Selbstwert von Menschen und Nationalstaaten auf dem Spiele steht, sollte
nicht gezögert werden, der heiligen Kuh, freie Marktwirtschaft, Zügel anzulegen
und auch zu gebrauchen.
Der
Geist der Menschlichkeit muß über nackten Materialimus triumphieren.
Der
Verfasser!
Quellenverzeichnis.
1 Encyclopædia Britannica
2
Knaurs Konversations Lexikon
3
Hellwig/Linne - "Daten der
Weltgeschichte"
4
Karl Marx - "Eine Auswahl aus seinem Werk"
5
Helmut von Glasenapp - "Die fünf Weltreligionen"
6
Hans Joachim Störig - "Kleine
Weltgeschichte der Philosophie"
7
Ernst Samhaber - "Geschichte Europas"
8
Fritz Baade - "Der Wettlauf zum Jahre 2000”
9
Jeremy Rifkin - "The end of Work “
- (Das Ende der Arbeit)
10
Michael Harrington - "The next Left” - (Die nächste Linke)
11
Berichte und Artikel aus Tageszeitungen und Zeitschriften
Fünftes
Kapitel: Gedankensplitter
(Aphorismen )
Eine
Auswahl von Gedanken über die Gefahr der
"High
Tech Globalisation."
Die
folgende Abhandlung ist eine Zusammenstellung von Auszügen und Artikeln von
verschiedenen Autoren und Kommentatoren, Vom Autor diesem Buch hinzugefügt. Sie
bestätigt und unterstreicht die Dringlichkeit für verantwortliche und
weitsichtige Planung von all denen, die Entscheidungen treffen und auch die
Macht dazu haben, sowie uns allen, die diese Leute in ihre Positionen
verhalfen.
***
Um
erfolgreich zu sein in der amerikanischen Gesellschaft, braucht man das
wichtigste amerikanische Element: "Glück".
***
Was
unsere Technokraten Kollegen getan haben ist, die Welt über das menschliche
Denkensvermögen hinaus zu beschleunigen.
***
Es
wird die Ansicht verbreitet, daß Technologie weder "gut noch
schlecht" ist, sie geschieht nur.
Das mag die Ansicht der Gesellschaft sein, jedoch wir Menschen sind immer noch
einfältig genug um uns Helden zu suchen. Wir wollen, daß die Experten uns davon
überzeugen, daß die weise Nutzung dieser Technologie einer der Wendepunkte in
der menschlichen Evolution bedeuten kann. Druckerpresse, Radio und Fernsehen,
sie alle kommen einem als Vorläufer dieser Entwicklung in den Sinn.
***
Auf
der einem Seite der Skala ist die Kapazität des Komputers. Auf der anderen
Seite ist die Menschheit und der menschliche Verstand. Es muß befürchtet
werden, daß wir eventuel eine Gesellschaft von Leuten schaffen, welche die
Werkzeuge fertigen, die bei anderen das selbstständige Denken und ihre
Vorstellungskraft unterdrücken. Wir
müssen einen Schritt zurücktreten und uns fragen: "Was um
Himmelswillen tun wir?" Wozu nutzt uns Wissenschaft und Technologie, wenn
sie nur zum materiellen Fortschritt des Menschen beitragen?
***
Das
"Internet" hat die Erde in ein globales Dorf verwandelt. Wenn man
jedoch den Rat eines erfolgreichen Geschäftsmannes mit dem "Lernen von
Gott" vergleicht, wie ein Student es ausdrückt, zeigt sich, wie pervers
wir sind. Maschinen und deren Lehrlinge sind unsere modernen Götter, während
echte moralische Werte und deren Ikone wie Gandhy, Martin Luther King Jr. and
Mother Theresa verblassen und dahinschwinden. Was eine großartige Welt!
***
Das "Microship" hat
die Welt verändert, jedoch wissen wir auch, was die langfristigen Konsequenzen
sein werden? So wie z.B. die Programmänderungen, welche nötig sind um die
Komputer für das Jahr 2000 anzupassen, liegen unerwartete Schwierigkeiten vor
uns! Menschenkundler haben bereits hervorgehoben, daß die Werkzeuge, die wir
gebrauchen um die Welt zu formen, uns ebenfalls wechselseitig formen.
Komputerprogrammer haben dies bisher noch nicht berücksichtigt. Das Ergebnis
wird ein moderner "Turm zu Babilon" sein, eine Lawine von
misverstandenen Informationen, die ernsthafte und sich vermehrende Irrtümer
erzeugen, dazu verwirrte Gemüter und
möglichreweise eine wirtschaftlichen Katastrophe.
***
Die
Schuld für das Unheil, welches die asiatischen Völker [1997] getroffen hat,
liegt unzweideutig bei ihren herrschenden Oberschichten und nicht allein, weil
sie die armen Schichten vernachlässigten. Ihr Verbrechen ist weniger Habgier
als einfache Dummheit. Wie alle ihre Gegenstücke in ganz Indonesien, glaubten
die Reichen, ihre Hochkonjunktur würde einer industriellen Geschichte von 200
Jahren trotzen und es würde für immer so bleiben. Darum borgten und bauten und
bauten und borgten sie, ohne Rücksicht
auf die Folgen. Nun bricht alles zusammen, und wer wird seine Arbeit verlieren,
wenn die Firmen bankrott gehen? Wer wird für die Narrheit und Blindheit der
indonesischen Reichen geradestehen?
***
Die
sehr Reichen, die im hohen Rang stehenden Präsidenten von Körperschaften und
deren abhängige Betriebsdirektoren würden es sehr gerne sehen, daß wir ihre
Maßnahmen gutheißen. Sie trösten sich selbst und uns mit der Täuschung, daß wir
eine harte Zeit durchmachen, die einfach zufällig geschieht und daß jeder - sie
natürlich ausgenommen - sich einschränken und mehr anstrengen muß. In Wirklichkeit
sind die wenigen Mächtigen planmäßig darauf aus, den Mittelstand zu zerstören.
Wie anders kann man die riesigen Profite von Firmen erklären, die tausende von
Arbeitern und Angestellten ablegen und in den verfrühten Ruhestand zwingen,
alles im Namen der rationellen Einschränkung? Die Leiter der Unternehmen
erzählen ihren Arbeitern und Angestellten, daß dies notwendig ist um
wettbewerbsfähig zu bleiben. Und was versteht man unter wettbewerbsfähig
heutzutage? Es bedeutet den Hoechstwert für die Gesellschafts-Aktien zu
erreichen ohne Rücksicht auf die sozialen Kosten. Dieses übertrifft die Habgier
der Kohlen- und Stahlbarone des 19ten. Jahrhunderts, welche zumindest noch
Arbeitsplätze schafften.
***
Wer
immer Arbeit hat ist dankbar und bescheiden, daß er zu den glücklichen
Zeitgenossen gehört, arbeiten zu dürfen. Die Unternehmer nutzen diese Demut aus
als einen psycologischen Hebelarm, um medizinische und andere mühsam erkämpfte
Vergünstigungen zu kürzen, bei gleichzeitiger Forderung nach mehr Produktion
von denen, die bereits ein Höchstmaß an Produktion leisten. Vollbeschäftigung
heißt dabei nicht eine Beschränkung auf
37 1/2 Stunden, sondern die Zahl der Stunden, in denen der Arbeiter produktiv
ist und gleichzeitig, das Neueste an hochentwickelter Komputertechnik nutzbar
zu machen, um die Zahl der Beschäftigten weiter zu reduzieren. Das Ergebnis ist
die Schaffung einer Schicht von mehr als willigen, bereits ausgebildeten,
Teilzeitbeschäftigten, die auf den Wink des Unternehmerfingers gelaufen kommen.
***
Wem
dieses eine kalte Dusche ist von wirtschaftlicher Realität, der kann sich damit
trösten, daß die wenigen Privilegierten unvermeidlich am Ende zahlen müssen für
ihre gewollte Blindheit. Firmen und Regierungen, welche diese schützen, werden
zugrunde gehen, wenn Verbraucherschaft und Steuerzahler zunehmend verschwinden.
Menschen, die weniger Stunden arbeiten für weniger realen Lohn (was sie
empfindlich macht für Erschöpfung von übermäßigem Stress), kaufen weniger Ware,
zahlen weniger Steuern und belasten die medizinischen Institutionen.
***
Und
man erwarte nicht, daß die Reichen die Flaute mit ihrem Geld beheben würden.
Sie investieren davon das meiste in steuerfreien Kapitalanlagen im Namen ihrer
Kinder. Der Rest wird an Steuerberater ausgegeben um das Zahlen von Steuern zu
vermeiden. Was sie in teuren Wagen oder Modellkleidung anlegen hilft sowieso
nicht, die Räder der Industrie in Bewegung zu halten. Die bis dahin der
Gesellschaft zugefügte Not und das Elend wird schrecklich sein, und die Genugtuung
über die Panik und den Ruin unter den Reichen und Mächtigen ist nur eine
kläglicher Trost..
***
Das
oberste Gebot ist dasselbe, was es bisher immer war “die Kosten niedrig und die
Arbeiterschaft machtlos halten”. Doch wäre das nicht möglich gewesen, ohne das
Aufkommen der "Micro-Electronic ".
***
Unter
dem industriellen System in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts herrschte
Wohlstand für fast ein viertel Jahrhundert. Es war genug Wachstum in den
industrialisierten Ländern vorhanden, um Arbeitsplätze für den sich ausdehnenden
Arbeitermarkt bereitzustellen, trotz des gelegentlichen Aufkommens von
kurzlebigen, aber verhältnismäßig milden Konjunkturrückgängen. Jedoch brachte
wissenschaftliche Geschäftsführung dramatische Änderungen in der Art und Weise,
wie Betriebe und Büros gehandhabt wurden. Arbeitsvorgänge wurden in kleinere
Bestandteile zerlegt und an angelernte oder ungelernte Arbeiter übertragen,
denen man weniger Lohn zu bezahlen hatte. Durch diese zweite Welle der
Rationalisierung wurde der Facharbeiter nach bitteren Kämpfen hinausgedrängt
und blieb auf der Strecke. Es war billiger auf lange Sicht, die ungelernten,
nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeiter einzustellen, welche vom Lande
kommend die Arbeitsmärkte überfluteten, als die gewerkschaftlich wohl
organisierten Facharbeiter.
***
Das
enorme Wachstum der Wirtschaft, welches wir in den letzten Jahrzehnten
erlebten, bereitete den Weg für die Komputer-Revolution, und die Arbeitgeber
suchten ihre Kosten weiter zu senken, indem sie Menschen durch Maschinen
ersetzen.
***
Die
Beweise in Bezug auf die Fähigkeit der neuen Technologie, Arbeitsstellen zu
schaffen, ist bisher gemischt, jedoch die ständig hohen Zahlen von Arbeitslosen
erwecken Forderungen an die Regierungen, Pläne vorzubereiten, um mit der
Dauerarbeitslosigkeit fertig zu werden. Die Gefahr ist, daß wir Beschäftigung
haben werden für Arbeiter mit hoch entwickelten Kenntnissen, und davon
letztlich nicht genügend, während den Leuten, die bisher in der Wirtschaft gute
Löhne verdienten, nur wenige und schlecht bezahlte Arbeitstellen in der
Dienstleistungsindustrie übrig bleiben.
Es erscheint widersprüchlich, daß,
trotz der Investierung all des Kapitals, des Wissen und der Bemühungen der letzten Jahrzehnte, die die
Menschen von der Plackerei der Arbeit befreien sollten, während Erfolg sich
aufbaute auf Erfolg türmte, wir keine Idee haben, wie diese “Befreiung”
gehandhabt werden soll.
***
Der
im 18. Jahrhundert lebende Irische Politiker "John Philpot Curran"
sagte vor 200 Jahren: “Die Bedingung für die Freiheit, die Gott dem Menschen
bei seiner Erschaffung gab, ist dauernde Wachsamkeit.
Diese
Aussage sollte mit Vorsicht verstanden werden. Wie wahr sie auch ist im
Hinblick auf die Wachsamkeit, sie sollte jedoch nicht ausgelegt werden als
Freibrief für unverantwortliches Benehmen gegenüber seinen Mitmenschen.
Tatsache
ist, wir tun es doch! Im Zukunftsbild
kann man Tausende und Abertausende sehen, die sich vom Rhythmus der Welt
entfernen und sich nicht mehr sicher sind, wie sie ihren Beitragt leisten
könnten.
***
"Wirtschaftliche
Polarisation und soziale Unrast" so geht das Argument "wird der
anhaltenden Arbeitslosigkeit folgen als Ergebnis der weit verbreiteten Informationstechnologie. Das macht einige Leute
sehr nervös. Die Saat ist gesät für ein teufliches Hexengebräu von sozialem
Aufruhr."
***
Die Technologie ersetzt Menschen. Das ist die gute Seite. Die
schlechte Seite ist, daß wir nicht wissen, wie wir mit dem Erfolg dieses
Systems fertig werden sollen.
***
In
all den Argumenten für die Abschaffung des Mindestlohn Konzeptes wird als
Hauptgrund angeführt, daß durch niedrigere Löhne Arbeitsstellen geschafft
würden, und daß die Kosten der Produkte, die gefertigt werden oder die
Dienstleistungen die angeboten werden, sich so verbilligen, daß wir fähig sein
werden, mit Ländern wie Malaya und Thailand zu konkurrieren. Was scheinbar
niemand berücksichtigt oder bisher erwähnt hat, ist, daß das selbe Argument
wahr ist am anderen End der Skala. Anstatt den "Mindestlohn" abzuschaffen
um die Kosten zu senken, sollte man das Gegenteil tun und eine
Spitzenlohnbegrenzung einführen.
Die
Spitzenlohnverdiener in unserer Gesellschft - die Konzern Präsidenten, ihre
Rechtsanwälte, die Aktienmakler und die Präsidenten der Banken - verdienen weit
mehr, als sie augeben können, und mit ihren Gehältern und sonstigen
Vergünstigungen könnten sie in den meisten Fällen gut zehn andreren Leuten ein
Einkommen von etwa $75 000,- im Jahr zukomme lassen. Zur Zeit legen Leute mit
mehr als eine Million Jahreseinkommen ihr überschüssiges Geld an für teure
Häuser an der Riviera oder in Spanien, oder für teure Spielzeuge wie Jachts,
luxuriöse Automobile, im Ausland produziert, und leisten damit der eigenen
Wirtschaft keinen Dienst. Über Steuermanipulationen wurde bereits gesprochen.
Mit
der Einführung eines begrenzten Spitzenleinkommens kann das übrige Kapital dazu
verwendet werden, die Kosten der Produkte oder Dienstleistungen zu senken, was
dazu beiträgt, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die gesetzliche Einführung
einer solchen Begrenzung ist natürlich nur möglich mit einer sozial bewußten,
entschlossenen und starken Regierung, denn es besteht keine Ursache anzunehmen,
daß diese Schicht der betroffenen Leute mit einer solchen Maßnahme freiwillig
einverstanden wären. Sie werden mit allen ihnen zur Verfügung stehenden
Mitteln und Argumenten Widerstand
leisten.
Solch
ein Schritt würde gleichfalls das Problem der Kluft zwischen Arm und Reich von
dem Forum endloser und fruchtloser Diskussionen in eine praktische und
vernünftige Lösung transformieren. Es würde auch den heimtückischen Vorwurf
entkräften und widerlegen, den Sozialismus als den Befürworter von
Besitz-Enteignung und Verteilung, und dadurch einer Ausbreitung der
Armseligkeit, zu brandmarken, wie Winston Churchill es einmal ausdrückte.
Außerdem
haben Arbeitgeber, die mit einem Mindestlohn-Gesetz und anderen einschränkenden
Vorschriften in ihrer Praxis unzufrieden sind, nur sich selbst etwas
vorzuwerfen. Wenn man ihnen Gelegenheit gab, ihre Arbeitnehmer ehrlich und
redlich zu behandeln, hat eine beunruhigende Anzahl das bisher verweigert.
Darum brauchen wir Gewerkschaften und die Arbeiterschutz-Gesetze, außerdem ist
die Absicht des Mindestlohngesetzes, Menschen davor zu schützen, in abhängige
Arbeitsverhältnisse zu geraten, die aufgrund von Arbeitsmarktpraktiken in
Sklaverei oder ähnliche Verhältnisse ausarten.
***
Der
wenig bekannte Römisch Katholische Priester und Aktivist "Dom Helder
Camara", welcher sein Leben widmete, den Notleidenden von Sao Paulo zu
helfen, machte, kurz bevor er von den Händen der brasilianischen Militärjunta
ermordet wurde, die folgende Beobachtung: "Bringe ich Lebensmittel zu den
Armen als ein Werk von Wohltätigkeit, nennen sie mich einen Heiligen. Frage ich
jedoch, warum die Menschen, denen ich helfe, arm sind, nennen sie mich einen
Kommunisten.”
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Man
mag sich wundern, wie man die Königin von England betitelt, wenn sie in ihrer
Weihnachtsbotschaft an die Völker der Welt von "Fürsorge und
Mitleid" spricht als ein Mittel,
die menschlichen Beziehungen untereinander zu verbessern. Vielleicht kommt es
ihr nicht in den Sinn zu fragen, warum es Meschen gibt die der Fürsorge und des
Mitleides bedürfen.
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In
Nord-Amerika - und im geringeren Masse in Europa - werden wir von Politikern
regiert, von Journalisten beeinflußt und von den führenden Magnaten
manipuliert, mit dem Ziel, die Wohlfahrtseinrichtungen, für die die Arbeiter
Jahrzehnte lang hart gekämpft haben, abzubauen und unsere Gesellschaft wieder
zum Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zurückzuversetzen.
Fragt irgend jemand danach, was das Ergebnis
sein wird, wenn man der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts den Kapitalismus des
19.Jahrhundert aufbürdet?
Fragt
irgend jemand danach, was aus all den Menschen werden soll, die wir erst um
ihre Arbeit und dann auch noch um ihre Wohlfahrtsuntersttzung bringen? Oder aus
all den Menschen, die wir zu Hilfsarbeitern erniedrigen, bis die Technik soweit
fortgeschritten ist, und auch angewendet wird, daß sie vollkommen aus der formalen
Wirtschaft verdrängt werden?
Fragt
irgend jemand danach, wie wir mit all den Problemem fertig werden, welche diese
Menschen verursachen und mit der Belastung, die sie unserem Gesundheitswesen
und Rechtswesen aufrelegen? Oder was wir mit ihrenn verdrehten und verarmten
Kindern tun? Es gibt Leute, die die Theorie vertreten, daß Armut eine Sache der
freien Wahl sei. Sie glauben, daß, wenn das soziale Sicherheitsnetz entfernt
wird, die Menschen auf ihre Füße fallen würden. Das mag vielleicht auf eine kleine
Minderheit zutreffen, jedoch nicht auf die größere Mehrheit der Betroffenen.
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Wegen
des amerikanischen Glaubens an individuelle Verantwortung, unter Ausschluß von
allen anderen Einflüssen, sind ie Vereigten Staaten führend im Zurückrollen der
sozialen Fortschritte, obgleich die soziale Wohlfahrt in Amerika bei weitem
weniger entwickelt ist als anderswo.
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Ein
Mr. Thurow hat gesagt, während einer Debatte in Washington über Reformen im
Wohlfahrtssystem, daß die USA zu einer früheren 19. Jahrhundert Variante des
Kapitalismus zurückgehen muß. Damals formulierte der Philosoph und Volkswirt
"Herbert Spencer" (1820-1903) den Begriff: "Überleben des
Tüchtigsten Kapitalismus". Er war einer der umstrittensten Denker der
Victorianischen Era. In seinem Buch "Prinzipien der Biologie" sagte
er unter anderem : "Es ist die Pflicht des wirtschaftlich Starken, den
wirtschaftlich Schwachen auszumertzen", womit er seine außerordentliche
Befürwortung des "Eugenics Movement”
kuntgab.
Er
argumentierte, daß die Funktion des Staates auf die Ausführung von
Polizeipflichten zu Hause und Schutz gegen Angriffe von außen begrenzt sein
solle. Erziehungs- und Schulwesen, Armen
Gesetze (Wohlfahrt),, Aufsicht über das Gesundheitswesen u.s.w. sei
verdammenswert.
Mr.
Thurow sagte, keiner habe bisher versucht, "Überleben des Tüchstigsten
Kapitalismus" für eine längere Periode in der modernen Zeit anzuwenden. Es
würde ein interessantes Experiment werden für den sozialen Wissenschaftler. Es
würde mit Leiden verbunden sein für die, welche das Experiment ertragen müssen,
und das Risiko für soziale Stabilität wäre für die, die daran interessiert
sind, sehr hoch.
Gott
sei Dank hat niemand bisher versucht, oder wird jemals versuchen, solch
diabolischen Unsinn anzuwenden. Zeiten sind knapp heute, jedoch gibt es nicht
eine Regierung in der westlichen Welt, die den Bedürftigen ausreichende
Nahrung, Wohnung und medizinische Hilfe versagen würde. Der Begriff
"ausreichend" kann debattiert werden, jedoch bezeichnet er sicherlich
ein Minimum, welches für Gesundheit und Sicherheit notwendig ist.
Es
gibt in der Tat Gewinner und Verlierer
in der Entwicklung unserer Gesellschaft, doch hat das nichts mit
Verschwörung oder Klassenkampf zu tun. Derartige Definitionen verbergen die
wahre Streitfrage. Die Verteilung von Gewinnern und Verlierern ist natürlich
keine gleichmäßige. Die Situation ist nur so, daß man mehr Gewinner unter den
wenigen am oberen Ende der Skala
findet, während die Verlierer unter den Massen am unteren Ende der Skala zu
finden sind.
Es
gibt in der Tat Kreise oder Gedankensrichtungen in den oberen Klassen der
Gesellschaft, welche mit dem Gedanken spielen, die Uhr zurückzudrehen. Sie
sehnen sich nach mehr Freiheit von den Einschränkungen der Regierung, zum
Nachteil der niedrigen Klassen, und ihr stärkstes, jedoch heuchleriches
Argument ist, daß sie dabei nur die Wohlfahrt der niedrigen Klassen im Sinne
haben. Warum verlangen sie sonst "Freien Handel", unbeschränktes
Investieren, weniger Regierungsbeeinschränkungen u.s.w., und gleichezeitig
weniger Arbeitslosigkeit, mehr wirtschaftliches Wachstum und Verbesserungen für
alle.
Selbstveständlich
fallen alle Politiker darauf herein und können kaum widerstehen, diesen Leuten
ihre Aufmersamkeit zu widmen. Man sagt nicht umsonst: Politik ist die noble
Kunst, die Wahlstimmen von den Armen und die Wahlkampfgelder von den Reichen zu
sichern, indem man beiden Seiten verspricht, sie vor den anderen zu beschützen.
Spricht
man von Wahlkampfgeldern und Finanzen, führt das unweigerlich zu der leider zutreffenden
Feststellung, daß die Finanzmogule, die Spekulanten und ihresgleichen durch
Entstabilisierung ausländischer Währungen in der Menschheit, mehr Elend und Not angerichtet und
verbreitet haben als die schlimmsten Tyrannen. In diesem Zusammenhang sollte
die Frage gestellt werden: wollen wir wirklich eine Regierung der Banken für
die Banken, anstelle einer Regierung durch das Volk und für das Volk?
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Man
kann sich über Ausschweifungen der Gewerkschaften beschweren, oder über Betrug
in Wohlfahrt, Arbeitslosenunterstützung oder auch über Regierungs-Vorschriften.
Jedoch sollte man berücksichtigen, daß überall Menschen daran beteiligt sind,
die mehr oder weniger zum Übermaß neigen und Fehler machen können. Das heißt
jedoch nicht, daß die genannten Einrichtungen im Prinzip bis in den Kern
schlecht sind und abgeschafft werden sollten.
Spielt
das vorhin Gesagte hauptsächlich auf die allgemeine Bevölkerung an, so trifft
dasselbe auch für die Leiter von Konzernen zu. Jedoch könnten in einer echten
demokratischen Gesellschaft all aufkommenden Probleme vernünftig überwunden und
berichtigt werden, solange eine Uebereinstimmung erzielt werden kann.
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Über
das Rätsel der steigenden Kosten des Gesundheitswesens für jedermann kann nur
gesagt werden: "Keine Gesellschaft hat die ausreichenden Mittel, um all
die Gesundheitsdienste zu befriedigen, die zu beanspruchen eine Bevölkerung
fähig ist.” Nur durch außerordentliche Wachsamkeit und Einschränkung bei allen,
kann ein Überfluten der Kosten in Schranken gehalten werden.
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Das
Verfolgen von privaten Interessen durch die multinationalen Firmen heutzutage
hat dasselbe zerstörende Potenzial wie das Verfolgen von bevorzugten nationalen
Interessen in früheren Zeiten. Wenn nicht effektive internationale Bestimmungen
in der globalen Wirtschaft herrschen, wird eine Katastrophe, wie sie die Welt
um 1930 überkam, wahrscheinlich unvermeidbar sein.
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Ein Weiser glaubt, er hat die
Fähigkeit sich vorzustellen, wie die Welt sich entfalten könnte, und ein
Revolutionär glaubt, er hat die
Fähigkeit, diese Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Der Masse der Ungläubigen
bleibt nur übrig, mit ihrem Leben dafür zu bezahlen.
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...Wie
schon erwähnt wurde, sollte das eigentliche Ziel eine gerechte Verteilung sein.
Wir sollten unsere Produktionsmethoden bestmöglich rationalisieren (wodurch
umfangreicher Wettbewerb geschaffen wird), um unsere sozialen Ziele durch die
Verteilerseite zu erreichen, jedoch auf eine Art und Weise welche nicht den
Anreiz herabmindert und präzise regelt, wer welchen Anteil von allen anderen
bekommt.
Dies
soll nicht die Rechtsverbände, Gewerkschaften oder andere Gruppen mit
speziellen Interessen, die Vorteile für ihre Klienten suchen, verurteilen. Sie
alle haben haben einen nützlichen Zweck und dazu die nötige Fachkenntnis.
Jedoch soll es ausdrücken, daß diese nicht das Mandat besitzen, um soziale
Regelungen eizuführen.
Damit
verbleibt die große Debatte über die Art der Verteilung des Reichtums. Sollten
alle ein garantiertes Minimum an Lebensstandart haben? Wie hoch sollte es sein?
Sollte der Einkommensbereicht zwischen den Reichsten und Ärmsten unter uns
durch weiter verschärfte “Robin Hood” Methoden veringert werden, oder sind die Kosten für Initiativen zu
hoch? Wenn wir vor die Wahl gestellt
werden, unsere begrenzten Hilfsmittel in das Wohlbefinden unserer älteren
Generation zu investieren oder in begünstigende Möglichkeiten für unsere
Kinder - und wählen müssen wir! - zu
welcher Seite sollten wir neigen? Was sind unsere Pflichten - wenn überhaupt -
den zukünftigen Generationen gegenüber, die noch keine Wahl und keine Stimme
haben?
Dies
sind realistische Gesichtspunkte, welche schwierige Entscheidungen erfordern.
Politiker und Koryphäen vermeiden solche Debatten mit allen Mitteln, gerade weil
sie schmerzhafte öffentliche Entscheidungen verlangen.
Es
fragt sich, wie man den Anreiz (die Aussicht auf Profit) für die Kapitalisten
aufrecht erhält, um mit Hilfe von neuem Kapital und neuer Technologie im
Fertigungsprozeß - damit die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt - eine
effektive und rationale Produktion von Gütern durchzuführen, damit etwas zum
Verteilen übrig bleibt? Wenn die Taschen der Wirtschaft leer sind, können
selbst die mitleidigsten Politiker und sozialen Institutionen nichts verteilen.
Und
es ist unbedingt erforderlich, daß die Regeln und Vorschriften zur Verteilung
des Reichtums von einer demokratisch gewählten Regierung im Geiste von
“sozialer Gerechtigkeit” ausgeführt wird, selbst wenn das eine Vergrößerung der
Regierungsbürokratie verlangt, entgegen allen Argumenten die Macht und das
Ausmaß der Regierung zu beschränken.
Ohne
Regeln und Vorschriften für diese Verteilung, und ohne diese gesetzlich zu
überwachen, wie die Verkehrsregeln, ist keine Garantie gegeben, daß soziale
Gerechtigkeit sich durchsetzen wird zum Vorteil der algemeinen Gesellschaft.
Es
ist nicht die Absicht dieser Ausführungen, einen unbegrenzten Wohlfahrtsstaat
zu verfechten oder eine politich spekulative Einrichtung eines "Big
Government" zu vertreten, wie es George Orwells Buch,
“Neunzehnhundertvierundachtzig", beschreibt mit all der Überspanntheit
eines sogenannten "Sozialistischen Staates", wie man es
boshafterweise ausdrücken könnte.
Das vornehmste
Motiv aller mit der Aufsicht der “sozialen Gerechtigkeit” Beauftragten muß die
Wohlfahrt der gesammten Gesellschaft sein, um Betrug und Mißbrauch von allen
Beteiligten zu verhindern. Äußerste Vorsicht ist angebracht, um nicht die Gans zu töten, welche die goldenen
Eier legt, und daß Ansporn, Verantwortlichkeit und Selbständigkeit gefördert
werden in der allgemeinen Bevölkerung und - besonders - bei den Nutznießern.
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Offensichtlich
stellt sich die Frage, ob die Ausführung dieser Vorschläge politisch möglich
ist, wenn man den Würgegriff, den Konzerne und "BIG MONEY" auf
unseren politischen Prozeß ausüben, in Betracht zieht. Jedoch kann man
dieselben Argumente anführen, um zu dem Schluß zu kommen, daß das Überleben der
menschlichen Rasse ebensowenig politisch möglich ist.
(Dr. David C. Korten, Genf, 23.
- 25. März, 1998)
E
N D E
Rudolf
Rickes wurde geboren 1920 als der zweite Sohn eines Industriearbeiters im
industriellen Zentrum von West Deutschland.
Nach Absolvierung der achtklassigen Volksschule arbeitete
und
studierte er weiterhin als Lehrling, Geselle unde
später als Meister im Maschinenbau.
Mit
Abendkursen bildete er sich nach dem Kriege weiter in “Arbeitsvorbereitung”,
“REFA Zeitstudien” und “Konstrukteur” im
“Allgemeinen Maschinenbau”. In diesen Funktionen kam
er in Berührung mit den heute üblichen rasanten technischen Entwick- lungen und
deren Einfluß auf den einfachen Mann von der Straße.
In
seiner Jugend selbst durch große Armut gegangen, machte ihn dies aufnahmefähig
für die Ideen des “Sozialismus”. Er opferte die meiste freie Zeit um dieses
Sujekt zu studieren, welches nach seinem Eintritt in den Ruhestand, die
Veranlassung wurde, dieses Buch “Soziale Gerechtigkeit – Gestern – Heute –
Morgen” zu schreiben.
Wenn
ich als ein unerfahrener Schriftsteller mich entschloß über “Soziale
Gerechtigkeit” ein Buch zu schreiben, ein Thema, welches für Jahre von meinem
Wesen Besitz ergriffen hatte und meine Freizeit mit lesen voll und ganz
beschäftigte, war es in der Hauptsache der Grund, meine Gedanken über das Thema
mit einem grõßeren Publikum zu teilen.
Da
meine Muttersprache Deutsch ist und meine Kenntnisse der englischen Sprache
begrenzt sind, war es natürlich einfacher für mich, für die originale
Herstellung des Buches die deutsche Sprache zu wählen. Es sollte mir aber
trotzdem nicht leicht fallen und ohne die Hilfe von besonderen Personen wäre es
nicht fertig geworden.
Zuerst
und vor allem ist meine Frau Hermine zu nennen, eine professionale Sekretärin
während ihrer Zeit in Deutschland, welche sich als eine unschätzbare Hilfe und
Unterstützung erwies bei der Anwendung von Grammatik, Rechtschreibung und
Lektoring
Seite um Seite. Ich bin außerordentlich dankbar für
ihre Geduld, mit der sie meine Besessenheit ertrug, das Buch fertigzustellen.
Zu
nennen ist noch mein Sohn “Ralph”, ein professioneller Komputerfachmann und als
solcher beruflich tätig, welcher mir einen verbesserten Komputer besorgte, als
mein alter nicht mehr ausreichte.
Und
als letzter aber nicht als der geringste, ist da mein ehemaliger Nachbar Fred
Schneider zu nennen, welcher mit seiner praktischen Komputererfahrung mir half,
die ersten Schritte in der Komputertechnik zu tun, bis ich es einigermaßen
beherrschte und selbständig arbeiten konnte. Er opferte also zahlreiche Stunden
in Lekturing das Manuskript.
Rudolf Rickes