Soziale Gerechtigkeit

 

Gestern – Heute - Morgen

 

 

 

 

Eine kritische Betrachtung

 

von

 

Rudolf Rickes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rudolf Rickes

2179 Wedgewood Rd.

Mississauga – Ontario

CANADA   L4Y-1V9

Phone: (905) 279 2987

 

 

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Übersicht

 

        Ein Gründlich untersuchter Bericht von “Sozialer Gerechtigkeit”, das Vorhandensein als solches und ihre Entwicklung oder der Mangel daran, durch die ganze menschliche  Geschichte, und eine ausgereifte Vorhersage für unsere Wahl in der Zukunft.

 

Angefangen mit dem frühen Aufkommen der Menschheit als Sammler und Jäger, setzt der Bericht sich fort durch die “Antike”,  das “Mittelalter” und die “Neuzeit”,  mit einer tiefgründigen Untersuchung für die Zukunft.

 

Die menschlichen Übel wie “Sklaverei”, “Leibeigenschaft” und die “Ausbeutung der Menschen durch die Menschen” werden ausgiebig bis ins einzelne erõrtert.        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsübersicht

 

Vorwort                                                                            Seite   4

 

Erstes Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Gestern               Seite    5

 

Zweites Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Heute              Seite  62

 

Drittes Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Morgen             Seite  82

 

Viertes Kapitel:  Nachschrift                                      Seite  93

 

 Quellenverzeichnis                                                      Seite  99

 

Fünftes Kapitel:  Anhang - Gedankensplitter                  Seite  100

 

Biography                                                                     Seite  108

 

Anerkennung                                                                 Seite  109

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Vorwort!

 

            Diese dreiteilige Abhandlung über "Soziale Gerechtigkeit - Gestern - Heute - Morgen" ist gedacht als eine gedrängte Zusammenfassung von wichtigen Ereignissen der Geschichte der Menschheit mit der ständigen  Betonung auf die soziale Gerechtgkeit als Lesestoff für den gebildeten Staatsbürger, der zwar wissensdurstig ist, aber nicht die Gelegenheit hatte und sich auch nicht die Zeit nehmen kann, tiefer in die Materie einzudringen.

 

            Vor allem gibt die gedrängte Zeitraffung dem geneigten Leser einen besseren Überblick, weil alles mehr   oder  weniger Unwesentliche gewollt in den Hintergrund gedrängt wird.

 

            Im anderen Falle hätte eine tiefschürfende, literatisch ausgeschmückte und weitläufig erklärende Abhandlung den Umfang von mehreren dickleibigen Bänden erreicht, womit dem einfachen Leser nicht geholfen  wäre, heißt doch ein Sprichwort: In der Kürze liegt die Würze.

 

            Vieles mag dem geneigten Leser neu, ungewohnt, vielleicht sogar unbequem sein, je nach dem in welchen Bahnen religiöser, gesellschaftlicher oder politischer Art sein Denken verläuft.

 

            In der ersten Abhandlung "Soziale Gerechtigkeit-Gestern", wird mehrmals der Anspruch erhoben, daß die Betrachtungen und Feststellungen für die ganze bekannte Welt und ihre verschiedenen Kulturen und Zivilisationen gelten. Davon mußte später mehr und mehr Abstand genommen werden, einmal, weil dem Autor entsprechende Unterlagen fehlten und zweitens, weil die westliche Kultur so rasche Fortschritte  machte, daß sie  automatisch bevorzugt behandelt werden mußte. So sind  die  Probleme der sozialen Gerechtigkeit in der zweiten und dritten Abhandlung hauptsächlich die Probleme der westlichen Kultur.

 

            Wieweit diese auch Probleme der dritten Welt - in Abwandlungen natürlich - werden, muß die Zukunft lehren.

 

            Kommentare, Berichte und Aussagen zu den gestellten Themen sind vom Autor selbst erstellt oder sinngemäß aus Büchern,  Zeitungen und Zeitschriften übernommen.     

 

                                                                                                Der Verfasser.


 

Erstes Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Gestern!

 

            Bevor wir uns nachfolgend mit dem gestellten Thema befassen, ist es angebracht festzustellen, was unter dem Begriff  “Soziale Gerechtigkeit" verstanden werden soll.   Ohne ausführlich zu werden, was später erfolgen wird, seien hier vorweg einmal die drei wichtigsten Thesen zum Vergleich mit den geschilderten Ereignissen aufgestellt.

 

Erstens: jeder Mensch ist frei geboren und niemand hat das Recht, ihm diese Freiheit zu nehmen oder             einzuschränken.                    

 

Zweitens: jeder Mensch hat das Recht auf freie Entfaltung seiner  Persönlichkeit.

 

Drittens: jeder Mensch hat das gleiche Anrecht auf die Früchte dieser Erde und die seiner Hände Arbeit.

 

            Soweit die Erklährung zum Thema "Soziale Gerechtigkeit ".

 

            Es ist wohl natürlich und selbstverständlich, daß eine Betrachtung über "Soziale Gerechtigkeit Gestern” sich bereits mit der Frühzeit der Menschheit beschäftigt und untersucht, soweit das aus heutiger Sicht und vom Wissen über diese Zeit möglich ist, wie das soziale Gefüge damals war.

 

            Im Grunde sollte das Unterfangen nicht zu schwer sein, gibt es doch genug Beispiele von noch urzeitlich lebenden Volksstämmen in heutiger Zeit.

 

            Weiterhin läßt sich durch vergleichendes Auswerten von gewonnenen Erfahrungen in der Gegenwart,  ohne  weiteres ein Hinweis auf Zustände der Vergangenheit finden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Urmenschen sich schon in Rassen, wie wir sie heute  kennen, unterschieden, gleich Weisse, Gelbe, Rote oder Schwarze und uns zu dem, was wir heute sind entwickelten. Die Betrachtungen sind universal und betreffen alle mehr oder weniger gleich.

 

            Wie unzählige   Gattungen  gleich  ihnen,  waren die ersten  Menschen gesellige Lebewesen, die in kleinen Gruppen, Sippen oder  Jagdbanden mehr oder weniger harmonisch zusammen lebten. Sie bedurften zur Erhaltung und Vervollkommnung ihres Lebens der Gemeinschaft ihresgleichen

 

             Ebenso waren sie, wie alle anderen Lebewesen auf dieser Welt, dem  Selbsterhaltungstrieb  unterworfen,  wovon  die vier wichtigsten fundamentalen Bedürfnisse wie Nahrung, Bekleidung, Behausung und Erhaltung der Art zuerst genannt werden sollen, weil sie, damals wie heute, den Vorrang hatten (und noch heute haben) gegenüber anderen Trieben. Die klare Abstufung nach ihrer Wichtigkeit wurde jedoch den jeweiligen Verhältnissen  und Umständen, je nach Bedarf  angepaßt, und sollte im Laufe der weiteren  Entwicklung nur zu oft verwischt werden.

 

            So einfach wie der soziale Aufbau ihrer Lebensordnung auch war, gab es bei ihnen doch schon Ungleichheiten, die ihre Ursache hatten in körperlichen und geistigen Unterschieden untereinander, wobei die sogenannte "Hackordnung" über die Rangordnung des Einzelnen in der Gruppe oder Bande entschied.

 

            "Der Begriff - Hackordnung - wurde von Verhaltungsforschern geprägt und bringt die mit Gewalt erzwungene Rangordnung unter den Lebewesen - siehe Hühner - zum Ausdruck."

 

            Man kann die Hackordnung (im Grunde heute noch praktiziert) von heutiger Sicht nicht als ein  Ausdruck von  Willkür und Mißbrauch der Macht des Stärkeren - körperlich oder geistig - bezeichnen, weil wir  in  der  heutigen  westlichen  Welt den liberalen Begriff der Gleichheit aller bei Geburt proklamieren.  

 

            Obschon sich daraus eine schreiende Ungerechtigkeit in späteren Jahrhunderten entwickeln sollte, war es damals für die Mitglieder einer Bande eine akzeptierte Selbstverständlichkeit und wurde eher natürlich als ungerecht empfunden.

 

            Das Durchsetzen einer Rangordnung, so willkürlich sie auch durch die den einzelnen Bandenmitgliedern  von  der  Natur  mitgegebenen  Vorteile,  -  wie  geistige  oder  körperliche Überlegenheit -  zustande kam, war in einer Gruppe von Menschen auch  eine Notwendigkeit der  Selbsterhaltung.  Nur  einer wohlgeordneten Bande, in der ohne Zweifel  jeder  wußte ob er befehlen konnte oder zu gehorchen hatte,  war es möglich, die Gefahren der Jagd zum Beispiel erfolgreich zu bestehen und die ersehnte Beute glücklich zum gemeinsamen Lagerplatz zu bringen, auch zum Wohle der  nicht jagenden Angehörigen der Bande.

 

            Wie schon gesagt, waren die ersten Menschen bereits soziale Lebewesen und das aus elementarer Notwendigkeit, weil die sie umgebende Natur für ihren Bedarf zum Überleben, zu überwältigend gefährlich war. Sie waren gezwungen, sich mit anderen gleicher Art zusammen zu schließen, um in Zusammenarbeit und Zusammenhalt, den Kampf ums Überleben besser zu bestehen.

 

            Das hieß aber nichts anderes, als daß der natürlich nach seinem eignen Glück und Wohlergehen strebende Mensch einsehen mußte, daß diesen Wünschen am besten gedient war, wenn er sein eignes Streben dem allgemeinen  Ziel  der  Gemeinschaft unterordnete.  Fügte er sich in die Ordnung  (siehe Hackordnung) und blieb  er  dabei,  konnten  er  und  seine  Familie  in der Gemeinschaft gedeihen. Tat er es nicht, drohte die Gefahr des Ausschlusses.

 

            Selbstverständlich trat diese Problematik nicht jederzeit plötzlich oder  tagtäglich erneut an ihn heran und verlangte jedesmal eine Vernunfstentscheidung. Es wurde mehr ein Teil seines Gesamtwesens, mehr oder weniger erzwungen durch die Umstände, in denen er lebte und durch die feindliche Umwelt, die sein Zuhause war.

 

            Hier haben wir, wie in einem Samenkorn verborgen, bereits den Beginn der Problematik, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Menschheitsgeschichte  -  die heutige Zeit mit eingeschlossen  -  zieht.

 

            Dieser geschilderte Zustand galt und gilt für alle Menschen ,unabhängig davon, wann und wo sie lebten oder leben.  Ob in den  Tropen oder in gemäßigten Zonen oder welchen Stämmen und Rassen sie angehörten.

 

I.

Einführung  der Arbeitsteilung.

                

            Zusätzlich zu der mehr oder weniger erzwungenen Rangordnung herschte auch, wie so vieles andere, auf das noch im Verlauf der weiteren Abhandlung verwiesen wird, schon der Beginn einer  Arbeitsteilung in der Urgemeinschaft.

 

            Wegen ihrer natürlichen körperlichen Überlegenheit, fiel den Männern die Aufgabe der Nahrungsbeschaffung durch die Jagd zu und die schwere Arbeit beim Hüttenbau, falls das anlag, während den Frauen die Aufzucht der Kinder, die Bewachung des Feuers, die Pflege der Alten, Kranken und Verwundenten, sowie das Sammeln von Wurzeln und Früchten zufiel.

 

            Also wieder eine durch natürliche Notwendigkeit erzwungene Ordnung, durch die beide Geschlechter noch zu gleichen Teilen profitierten.

 

            Noch waren die Banden der ersten Menschen nicht allzuweit entfernt von den auf gleicher Weise jagenden Raubtiere. Jedoch zeignete sie ein wesentlicher Unterschied aus, der sich für ihren Erfolg als Jäger, und damit auch ihrer Gemeinschaft, entscheidend auswirken sollte.

 

            Sie  lernten,  wenn  auch  anfangs  noch  primitiv,  sich zu verständigen und da denken und sprechen  sich  gegenseitig  ergänzen, konnten sie durch ihr denken Vorteile erkennen, und sie lernten einmal erkannte Fehler nicht zu wiederholen.         

 

            Sie erfanden Waffen, die ihre Benachteiligung gegenüber ihrer Beute bei weitem ausglichen, wenn nicht sogar übertrafen und die sie im Endeffekt zum gefährlichsten Raubtier auf dieser Erde machten.                                    

            Die ihnen von der Natur mitgegebene Intelligenz fleißig benutzend, war ihr Weg in eine grosse Zukunft vorgezeignet. 

                 

            Der Mensch war und ist nicht das einzige Lebewesen, dem von der Natur angeboten  oder anheim gelegt wurde, durch Aufgabe seiner persönlichen Freiheit und Aufgehen in einer sozialen Gemeinschaft, sein  persönliches Los und das seiner Art zu verbessern.

 

            Machen wir einen Abstecher in das Reich der Insekten  z.B., die den Menschen schon damals millionen von Jahren an Entwicklung voraus hatten. Ob Ameise, Termite oder Biene, um nur einige der bekanntesten zu  nennen, sie haben sich als Gattung bis heute erfolgreich erhalten können, durch vollkommene Aufgabe der  Individualität des Einzelnen und  eine totale Anpassung  an die Aufgaben  der Gemeinschaft als Arbeiter, Krieger, Drone oder Königin.

  

            Das einzelne Insekt ist alleine nicht mehr überlebensfähig,  ein  Beispiel  -  auf  uns  Menschen  bezogen  -  für soziale Übermäßigkeit.

           

            Wie bereits  angedeutet, besteht kein Zweifel, daß wir Mwenschen  für  eine solche Entwicklung ebenfalls von der Natur eine Art von Vorbestimmung mitbekommen haben, und das in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte Versuche in dieser Richtung stattfanden.   Man  denke  nur an die uns heute  bekannten  Hochkulturen der Sumerer, Babylonier oder Ägypter im mittleren Osten, oder die Inkas, Mayas und Azteken in Mittel und Südamerika, um nur einige der uns bekannten zu nennen. Ihre uns verbliebenen staunenswerten Ruinen und Kunsterzeugnisse zeugen von dem hohen Grad des Zusammenhalts dieser Völker. Daß keine von diesen alten Kulturen in ihrer ehemaligen Form bis heute bestehen konnten, deutet auf eine ewig fortschreitende Entwicklung hin, eine Folge der Neugier und des Forschungsdranges des Menschen. Im Grunde liegt uns kein starres und unbeugsames System, vor allem nicht für Jahrhunderte. Wie weit wir es also kommen lassen, hängt ab von der Wechselwirkung zwischen Betonung des Wertes der Einzelpersönlichkeit, im Gegensatz zur Betonung der Anpassung an die Forderungen der Gemeinschaft.

 

II.

Weitere Entwicklung der Urgesellschaft.

 

            Doch kehren wir zurück zu unserer Urgesellschaft. 

 

            Der körperlich Stärkere und/oder geistig Wendigere war der Anführer der Bande. Er bestimmte das Wann, Wie und Wo der Jagd - meist noch nach Beratung mit seinen Genossen - und ebenfalls die nachfolgende Verteilung der Beute.

 

            Er war gleichfalls die Respektsperson im gemeinsamen Lager und der Richter bei Streitigkeiten.

 

            Daß es unter den Frauen der Bande nicht anders sein konnte, wenn auch untergeordnet gegenüber den Männern, liegt auf der Hand.

 

            War die entsprechend herausragende Frau noch die bevorzugte Geliebte des Anführers und Mutter seiner Kinder, haben wir hier bereits den Beginn einer Dynastie.

 

            Solange wie die Gemeinschaft - Bande - Sippe - noch von jedem einzelnen überschaubar war und solange wie sich die Ziele der Gemeinschaft mit den Wünschen und dem Streben der Mehrheit der Einzelnen deckte, herrschte trotz unterschiedlicher Rangordnungen und Machtverhältnisse sozialer Friede, und das bedeutete auch eine hinlängliche soziale Gerechtigkeit.

 

            Jedoch heißt dies nicht, daß sozialer Friede immer mit sozialer Gerechtigkeit gleichgesetzt werden kann, liegt doch die Betonung auf  "Überschaubarkeit", was gleichzeitig auch eine gewisse Kontrollfunktion der Bandenmitglieder gegenüber ihrer Führung ermöglichte.

 

            Es ist heute schwer festzustellen und zu bestimmen, in welchen Zeiträumen diese Periode ablief und wie lange sie dauerte. Sie war bestimmt zu verschiedenen Zeiten und von verschiedener Dauer auf den einzelnen Kontinenten. Jedoch war und blieb sie die einzige Periode in der langen Menschheitsgeschichte bis heute, wo wir Menschen dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit am nächsten kamen.

 

            Mit Sicherheit war diese Periode das verlorene Paradies, von dem die alten Überlieferungen von fast allen Völkern schwärmen, und aus dem wir vertrieben wurden, weil wir es nicht unterlassen konnten, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Das heißt, wir wollten mehr wissen, als für uns zu wissen gut war.                     

Das sollte sich jedoch im Laufe der weiteren  Entwicklung  gewaltig ändern.
III

Verbesserung der Lebensverhältnisse.

 

            Betrachten wir die folgenden Zeitspannen von Jahrtausenden, so sehen wir, daß die Banden zu Sippen und diese wiederum zu Volksgruppen herangewachsen waren, die durch die gleiche Sprache und Gewohnheit gekennzeichnet und dadurch zusammengehalten wurden.

 

            Der soziale Aufbau oder die Rangordnung sowie die Machtverhältnisse wurden immer komplizierter, gefördert von einer immer mehr umsichgreifenden Arbeitsteilung, die durch das Zusammenleben notwendig wurde.

 

            Man hatte anstelle der Steinmaterialien für Werkzeuge und Waffen die Metalle entdeckt und gelernt, sie zu gewinnen und für den Gebrauch, welchen auch immer, zu verarbeiten.

 

            Man hatte gelernt, die bisher nur gesammelten Früchte der Erde, Sträucher und Bäume, bewußt anzubauen und damit eine gewisse Unabhängigkeit von der Ungewißheit erfolgreicher Jagd erreicht.

 

            Man hatte gelernt, wild lebende Tiere allmählich umzuwandeln in Haustiere, was alsbald die Jagd zum Lebensbedarf erübrigte und später nur noch als Zeitvertreib und gefährlichen Sport betrieben wurde.

 

            Die Basis der Ernährung war damit sicherer und die Palette des Angebots größer, was ursächlich eine Vergrößerung der Sippen und Volksgruppen förderte.

 

            Man lebte schon lange nicht mehr im natürlichen Schutz von Höhlen oder Reisighütten, sondern konnte aus Lehm und Holz, später sogar mit getrockneten oder gebrannten Lehmziegeln, Häuser und  Paläste bauen.

 

            Es war dem Menschen also gelungen, durch gemeinschaftliches Handeln Ansätze zu schaffen, welche die äußere und ihnen widrige Natur zu verändern in der Lage waren.

 

            Jedoch der anfängliche soziale Friede und die nur mühsam erreichte soziale Gerechtigkeit blieben dabei auf der Strecke.

 

            Schon der Urmensch hatte einen Hang zum Müßiggang und zur Bequemlichkeit, von denen die Letztere an sich keine schlechte Eigenschaft ist, sollte sie doch der Motor werden, der uns Menschen von den Höhlen zu den Wolkenkratzern antreiben sollte.

           

            Er entdeckte ebenfalls schon damals das heute noch moderne Prinzip, mit dem geringsten Einsatz den möglichst großen Nutzen zu erzielen.

 

            Als geborener und eigenwilliger Opportunist, ergriff er die Gelegenheiten zur Erfüllung seiner Triebe und Bedürfnisse beim Schopf, wenn sie sich boten. Ausgestattet mit einer konstanten und im Endeffekt lebensnotwendigen Neugier, mußte er sich jedoch des Zweckes und der Umstände wegen, wie bereits mehrmal begründet, einer Gemeinschaft anschliessen, deren Ziele sich nicht immer mit seinen eignen deckten. Es blieb daher nicht aus, daß vor allem der Stärkere oder Gerissenere auf Kosten der Gemeinschaft versuchte, für sich und - wenn es hoch kam - seine Sippschaft, das Beste an Lebensqualität herauszuschlagen. Ihm gelang damit, was nur wenigen seiner Mitmenschen gelingen sollte, nämlich die Umkehrung der Abhängigkeit in der Gruppe zu einer dominierenden Position,        

 

            Während die Vorgänge bei der bereits geschilderten Hackordnung nicht unähnlich verliefen, weil alle noch in der Gemeinschaft auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen waren, bezieht sich das oben Gesagte auf eine bereits weiter entwickelte Gesellschaft, bei der dieser früher allgegenwärtige Zwang schon abgemildert war.

 

            Sehr warscheinlich war er schon Häuptling oder sogar der Stammesfürst, ließ sich von allen bedienen, verlangte Respekt und wurde der Begründer des Feudalismus als Herrschaftsform der Menschen für tausende von Jahren.

 

            Damit war aber der sozialen Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet und sie bestimmt das weitere Thema dieser Abhandlung durch alle Kapitel.

                                                                                 

IV

Verfvollständigung der Rangordnung.

 

      Durch die bereits geschilderte Fortentwicklung von Banden zu Stämmen und Völkern, sollte die Hackordnung - der Kampf um die Rangordnung innerhalb der größer und verwickelter gewordenen Gesellschaft - in andere, brutalere und skrupellosere Bahnen gelenkt werden.

 

            Im Widerstreit zwischen den Kräften, die für eine friedliche Ordnung waren, also stets bereit sich anzupassen und denen, die immer ihre Eigenständigkeit suchten, sollte sich das Prinzip "Der Erfolg des Tüchtigeren" durchsetzen.

 

            Wie alles,  hat der Begriff  "tüchtig" seine guten und auch schlechten Seiten und er wurde aufgrund der unterschiedlichen  Veranlagung des Einzelnen und seiner Rangordnug, auch unterschiedlich zum Vorteil aller oder einzelner mit Anhang, benutzt.   

 

            Für die besonders Tüchtigen, die mit extremen Lernfähigkeiten ausgerüsteten Fürsten, später Könige und wie sie sonst in ihren Kulturkreisen genannt wurden, war es äußerst wichtig, die einmal erreichte Spitze in der Rangordnung für sich und ihre Nachkommen, solange wie möglich, wenn nicht für immer, zu erhalten und abzusichern.

 

            Selbstverständlich galt das eben Gesagte auch für alle anderen in der Skala der Rangordnung, in der sie sich befanden.

 

            Man erfand den Dreh der Erbfolge und die Gleichsetzung der Absichten und Ziele der Herrscher mit denen des von ihnen  regiertem Volkes. Ja manche schafften es sogar, die Einfalt und Unbefangenheit ihrer nichts böses ahnenden Untertanen ausnutzend, sich als Nachkommen verehrter Götter oder sagar als Götter selbst verehren zu lassen.

 

            Damit war für diese Sorte von Menschen der einzigartige Erfolg in der Menschheitsgeschichte erreicht, für sich und ihre Nachkommen einen Platz an der Sonne gesichert zu haben, solange es die Verhältnissse erlaubten. Königs- und Adelsgaschlechter wurden eine gängige und überall anerkannte Einrichtung und an ihrer überragenden Stellung gegenüber dem gemeinen Volk wagte niemand zu rütteln.

 

            Obschon dieses schreiende Unrecht und dieser grobe Verstoß gegen die soziale Gerechtigkeit, über viele Jahrtausende bis heute, selbtherrliches Recht wurde, muß man doch annehmen, ja vielleicht als unumgängliche Notwendigkeit anerkennen, daß es wohl so hat sein müssen. Und daß es eine Übergangsperiode war, die wir Menschen durchschreiten mußten, um zivilisiertere Gesellschaftsformen zu finden, Gesellschaftsformen, die das Wohl des Einzelnen in der Gemeinschaft mit anderen mehr anstreben als das Wohlergehen einer fragliche Elite.

 

            Auf die Frage, wie die ungleichen Verhältnisse und die Ungerechtigkeiten unter den ersten Menschen entstanden sind, gibt der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau folgende Antwort:

 

Der erste Mensch, dem es in den Sinn kam, ein Grundstück einzuhegen und zu behaupten: “das gehört mir.”,  und der Menschen fand, einfältig genug ihm zu glauben, war der eigentliche Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Sobald der verfügbare Boden einmal aufgeteilt war, konnte der eine sich nur noch auf Kosten des anderen vergrößern. Herrschaft und Knechtschaft, Gewalttätigkeit und Räubereien kamen auf und die Menschen wurden habgierig, ehrgeizig und boshaft.

 

            Wir sehen dann auch, daß trotz der schon beschriebenen Verbesserungen im Leben der Menschen und die damit verbundene Vergrößerung ihrer Kopfzahl, sie ihre ganze Energie daran verschwendeten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man bekommt, wenn man die Weltgeschichte bis in die jüngste Zeit verfolgt.

 

V

Anfang der Religionen.

 

            Wenn von Menschen gesprochen wird in damaliger Zeit, ist immer nur der Mann gemeint. Die Frau wurde nicht für ihr Sein als Mensch geachtet, sondern von der  männlich dominierten Umwelt nur als beweglicher Besitz betrachtet. Bis auf einige Ausnahmen, traf das, mehr oder weniger ausgeprägt, auf alle Völker und Kulturkreise zu und ist noch heute eine bittere Auseinandersetzung unter den Geschlechtern, selbst in der aufgeklärten und fortschritlichen westlichen Welt. Ja, es hat Zeiten gegeben, und das in nicht allzu ferner Vergangenheit in unseren christlich orientierten Gesellschaften, in denen den Frauen, Negern und den Eingeborenen von Amerika, die Eigenschaft als Menschen in heißen Diskusssionen zum Teil abgesprochen wurde.

 

            Es blieb nicht aus, daß die ersten Menschen begannen sich darüber Gedanken zu machen, woher sie kamen, was der Zweck ihres Daseins sei und wohin sie gehen würden nach ihrem Tode, hatten sie dch Geburt, Krankheit und Tod, Tage und Nächte, sowie den  Wechsel der Jahreszeiten als tägliche Begleiter in ihrem Leben.

 

            Das gab den Anlass für die Anfänge von Religionen, in denen die Menschen nicht nur Orientierung und Sicherheit finden sollten sondern auch, im Laufe der Zeit, die schlimmsten nur denkbaren Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen.   

                  

            Meist waren bestimmte religiöse Verehrungen von Sonne, Vulkanen oder Gewittern üblich, weil man für diese Erscheinungen keine  plausible Erklärung fand und sie dem Übernatürlichen zuschrieb.

 

            Der Übergang von der Verehrung natürlicher, dem Verstand unbegreifbarer Mächte als Götter, zu der Verehrung abstrakter geistiger Götter, vollzog sich erst im Laufe weiterer Jahrtausende.

 

            Wie nicht anders zu erwarten, nutzten beredetere und gerissenere Zeitgenossen die Gutgläubigkeit und Vertrauensseligkeit naiver und geistig nicht so wendiger Kollegen aus, um einen Vorteil für sich herauszuschlagen, ein Umstand, der den überzeugten Atheisten und Philosophen  “Dietrich von Hoffbach” zu der Bemerkung veranlasste: “Der erste Schurke, der dem ersten Narren begegnete, war ein Priester." Sicherlich ist das ein krasser und übertriebener Ausdruck, der wohl ein Symptom herausstellen soll, aber nicht die volle Wahrheit trifft. Ganz sicher hat es schon damals Menschen gegeben, auch solche, die man schon “Priester" nannte, welche ehrlich und voll eifriger Überzeugung an das glaubten was sie vertraten.

 

            Ein Umstand, der der Festigung der Macht des Königstums und auch des Priestertums, in vielen Fällen ein und dasselbe, förderlich war ist die Tatsache, daß wir Menschen eine naive Bewunderung für die Entfaltung von glitzerndem Prunk und Pomp in der Demonstration von Macht haben.

 

VI.

Über die Sklaverei.

 

            Nicht unerwähnt bleiben darf eine menschliche Tragödie für die Betroffenen, die ihren Anfang schon in der frühesten  Menschheitsgeschichte hatte und sich über die Jahrtausende bis ins 18te Jahrhundert nach Christus fortsetzte. Offiziell und selbst von christlich dominierten Ländern sanktioniert, war das die Sklaverei und zu späteren Zeiten die etwas mildere Form der Leibeigenschaft.

 

            Waren es zuerst nur die Gefangenen anderer Stämme, die bei den zahlreichen und nicht abreißenden Fehden einem Stamm in die Hände fielen und für niedrige Arbeiten, Arbeiten für die man sich selbt zu schade war, herangezogen wurden, veranstaltete man später und noch bis in die jüngste Zeit, regelrechte Jagden auf weniger entwickelte Stämme, besonders die Neger, und es entstand ein schwunghafter und würdeloser Menschenhandel. Sklaven wurden von allen Kulturen schon damals in Mengen gebraucht, zur Bemannung der Galeeren, zu schwerer Feldarbeit, in den Steinbrüchen, oder für die wahnwitzigen Tempelbauten überspannter Herrscher.

 

            Sie waren durch Gefangennahme oder Kauf, persönlicher Besitz ihres Eigentümers, vom jeweiligen Herrscher bis zu den Angehörigen der herrschenden Klasse, und gehörten ihnen mit Leib und Leben, was Entscheidungen über Leben und Tod bedeutete. In wenigen Fällen wurden sie gut versorgt und verpflegt, ohne Bezahlung natürlich, während die Meisten in Not und Elend ihr Leben fristen  mußten.          

 

            Die Tragödie für die Sklaven lag darin, daß sie, einmal als Sklaven benutzt und abgestempelt, für immer nebst ihren Kindern und Kindeskinder, als solche zu bleiben hatten. Als Sklaven geboren starben sie als Sklaven und nur ganz wenigen gelang es durch glückhafte Umstände, freie Mitbürger zu werden.

 

            Betrachtet man heute die Überreste solcher Tempel und Paläste, von deren Kulturen wir nur als Zeuge diese Überreste haben und sonst nichts, dann sollte man nicht in Ehrfurcht versinken vor der Erhabenheit und Größe einer untergegangenen Kultur, sondern mit Ehrfurcht derer gedenken, welche die grandiosen Monumente mit Entbehrung, Schweiss, Blut und Tod, ruhmlos in Fronarbeit ge schaffen haben.

 

VII.

Das indische Kastensystem.

 

            Nicht immer waren die herrschenden Könige und ihre Trabanten vom Volksstamm der Beherrschten. So war es auf dem indischen Kontinent z.B.so, daß die Indoarier eine Herrenschicht bildeten über anders rassische, primitivere Völker, was zu dem so berüchtigten Kastensystem führte, unter dem das hinduistische Indien noch heute leidet.

 

            Anlass zur Ausbildung des Kastensystems war natürlich die Notwendigkeit, die der Urbevölkerung zahlenmäßig unterlegene arische Herren - und Erobererschicht scharf abzugrenzen, um dadurch sich rein zu erhalten und nicht durch Vermischung mit jenen unterzugehen.

 

            Von einer sozialen Gerechtigkeit kann man natürlich unter keinen Umständen in diesem System reden.

 

            Bezeichnenderweise waren in der Rangordnung der Kasten, innerhalb der arischen Herrenschicht, die Priester an der Spitze, gefolgt von Königen, Fürsten und Kriegern, während freie Bürger und Kaufleute den Rest bildeten.

           

            Aus der anfänglichen Kastenscheidung wurde im Laufe der Zeit eine immer weiter gehende Unterteilung in zahlreiche - und das ist wichtig - erbliche Unterkasten, die jede für sich streng abgeschlossen waren und für jedes Kastenmitglied unüberwindliche Grenzen darstellten

 

            Ein weiteres himmelschreiendes Beispiel für den teuflichen Trieb des Menschen, wie schon an anderer Stelle erwähnt, eine einmal erreichte hohe Stellung in der Sozialordnung, mit allen Mitteln abzusichern und zu verteidigen; es dem Schwächeren überlassend, seinen eignen Platz zu finden, oder in Not und Armut sein karges Leben zu fristen.

 

            Selbst die europäische Technik mit Eisenbahn und Fabrikarbeit, konnte dieses System wohl erschüttern, aber bis heute nicht abschaffen, weil es zu fest in der Religion und Kultur verankert ist.

 

            Es ist mehr als nur ein Hohn, wenn man heute in der Zeitung liest, daß Angehörige der Adelskaste, die durch Umstände außerhalb ihrer Kontrolle arm geworden sind, vom Staat, das heißt von Steuergeldern derer, die sie sonst verachten, Mittel zur Verfügung gestellt werden, die es ihnen erlauben, ein ihrer Stellung angemessenes Leben zu führen.

 

            Bezeichnenderweise geschah dies nicht nur in Indien, sondern kam auch im kastenfreien Europa - Deutschland mit eingeschlossen -  nach dem zweiten Weltkrieg vor.

 

            So erwarteten und bekamen auch aus dem Osten mittellos vertriebene Adelige Zuwendungen vom westdeutschen Staat, die in ihrer Höhe ihrem Lebensstandard angepasst waren, obschon sie keinen Pfennig vorher jemals zu den Mitteln beigetragen hatten.

 

VIII

Fürsten und ihre Berater.

 

            Die letzten geschilderten Zustände beziehen sich schon auf Zeiten zwischen - 4000 bis 600 v.Chr. - von denen wir einigermaßen verlässliche Unterlagen haben.

 

            Die Zeiten waren längst vergangen, in denen die Ältesten am Lagerfeuer ihrem Häuptling oder Fürsten mit Ratschlägen dienten, um seine Entscheidungen zu beeinflussen, falls er sie überhaupt hören wollte. Die Bevölkerung war zu zahlreich geworden, wie schon  gesagt, daß er die Nöte und Beschwerden Aller übersehen und Abhilfe schaffen konnte. Vor allem aber hatte die Erhaltung und Festigung seiner Position, die Ausdehnung seines Machtbereiches wenn möglich und die Anhebung seines Prestiges, Vorrang gegenüber anderen Entscheidungen. Lakaien,Adelige und Händler benutzten ihren Einfluß mit Beredsamkeit, um mit List und spitzfindigen  Scheinargumenten Vorteile zu ihren Gunsten herauszuschlagen, nicht immer mit dem Wohl der Allgemeinheit im Auge und besonders nicht zum Wohle der Schwächeren.

                   

            Zusätzlich zu den Bauern, Viehzüchtern und Handwerkern - die Sklaven zählten sowieso nicht - hatte der Stand der Kaufleute und Händler weit mehr Ansehen und Einfluß erworben, als ihnen zahlenmäßig zustand, was ihren Stand dem der Krieger gleichstellte. Weil hierzu nicht nur unternehmerischer Mut, Fleiß und Weitsicht gehörten sondern auch List, betrügeriche Absicht, geistige Wendigkeit und Skrupellosigkeit, war es kein Wunder, daß diejenigen mit einigen oder allen diesen Eigenschaften wie Fliegen zu einer offenen Wunde hinschwärmten. Besonders Völker mit angeborenen Eigenschaften dafür sollten in ihren Kulturkreisen darin führend werden.

 

            Im Verein, den der Wohlstand mit dem Handel einbrachte, wuchs auch der Einfluß der Händler und sie wurden eine Bedrohung für den  Besitzadel. Aber auch die Stände wie Bauern, Viehzüchter und Handwerker gerieten in eine von ihnen nicht gewollte, von den  Händlern jedoch oft schamlos ausgenutzte Abhängigkeit.

 

            Man spricht dann heute von einer Zeit des blühenden Handels.

 

            Parallel zu diesen Entwicklungen, die in keiner Weise einer Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit dienlich waren, setzten diese Errungenschaften auch eine Verfeinerung des sprachlichen Ausdrucks und ihre Festhaltung in eine Art von Schrift voraus, - das gleiche mit Zahlen, - wobei beides noch von den Priestern zu Anfang wie eine Magie behandelt und geheim gehalten wurde.

 

            Es hatten sich wegen oder trotz zahlloser Fehden und Kriege etwa drei Kulturkreise herausgebildet. Da war einmal der chinesische Kulturkreis, der aber wegen der Abgeschlossenheit von der übrigen Welt durch Ozeane, Gebirge und Wüsten, eigene Wege ging. Dann war da der indische Kulturkreis und der mit dem Mittelmeer als Zentrum.

 

            Es ist nicht der Zweck dieser Abhandlung, auf Unterschiede der Kulturkreise und ihre Eigenschaften einzugehen. Das Thema ist und bleibt beschränkt auf die Erforschung und Anprangerung sozialer Ungerechtigkeiten und darin waren sie alle gleich.

 

            Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wurde in allen Kulturkreisen fleißig betrieben und mit unbegrenzter Geschicklichkeit gehandhabt.

 

            Begünstigt durch die vielen Kriegszüge und vor allem durch den immer reger werdenden Handel der Völker untereinander in ihrem Kulturkreis, sowie dem Handel mit anderen Kulturkreisen, wenn auch weniger intensiv, zeigte sich eine allmähliche Loslösung von den geistlichen Einsichten der traditionellen und überlieferten Religionen, teilweise unter lebhafter Kritik, hin zum selbstständigen und vernunftsmäßigen Denken.

 

            Das begünstigte selbstverständlich nicht nur die Lichtseitenunserer menschlichen Natur sondern auch die Schattenseiten und es kam wie es kommen mußte; das Gerangel und Geraufe um einen Platz an der Sonne von der Spitze abwärts, nahm zu. Es wurde der Beginn der Einteilung der Menschen in solche die haben, gleich wie erreicht, und solche die nichts haben.

 

            Weil es bisher noch nicht deutlich genug gesagt worden ist, sei hiermit besonders vermerkt, daß der Kampf um eine Rangordnung nicht das Schlechte an sich ist. Es ist, wie wir wissen und eingestehen müssen, eine natürliche und vom Zusammenleben hergesehen notwendige, die Entwicklung der Menschen und auch aller anderen Lebewesen auf dieser Erde, fördende Auslese. Das Übel aber, dessen nur wir Menschen uns schuldig machen, liegt darin, daß wir nicht für jede Generation neu um unseren Platz kämpfen können. Denn diejenigen, die es geschafft haben oben zu sein, bei ihrem Bestreben oben zu bleiben, es den Unteren in der Rangordnung unmöglich machen, sich frei zu entfalten, um keine Gefahr für sie zu werden. Mit welchen Maßnahmen und Methoden diese sich überall bildenden Eliten aufwarteten, wird in späteren Paragraphen noch ausführlich behandelt.

IX.

Philosophen und die Ungerechtgkeiten.

 

            Merkwürdigerweise trat diese Entwicklung in allen 3 Kulturkreisen fast um die gleiche Zeit auf, und zwar zwischen 600 bis 500 v.Chr., sollte aber in dem Kulturkreis des Mittelmeeres die größten Fortschritte machen.

 

            Die uns von damals überlieferten und bekannt gewordenen Denker, heute Philosophen genannt, befaßten sich unter vielem anderen auch mit Wesen und Zweck des Einzelmenschen, dem Wesen und Zweck der Gesellschaft, sowie dem Verhältnis des Einzelmenschen zur Gesellschaft und insbesondere der jeweiligen Religion.

 

            Die herrschenden sozialen Ungerechtigkeiten waren ihnen allen bekannt und eine Ursache tiefschürfenden Denkens mit teils praktich durchführbaren, meist gutgemeinten utopischen Lösungen, eine Eigentümlichkeit, die typisch werden sollte für sie und alle  die ihnen folgten bis heute. Es ist eben einfacher, einen Zustand richtig zu analysieren, als die richtigen Wege zu seiner Lösung vorzuschlagen, die dann auch von Erfolg sind.  

 

            Was soll man davon halten, wenn der altchinesische Philosoph "Lao Tse" (um 600 v.Chr.) sagt: "Je mehr Verbote es gibt im Reiche, desto ärmer wird das Volk. Je mehr Mittel zum Gewinn das Volk hat, desto mehr geraten Staaten und Familien in Verwirrung. Je erfindungsreicher und schlauer die Menschen sind, desto mehr listige Dinge kommen auf.  Je mehr Gesetze und Erlasse verkündet werden, um so mehr Räuber und Diebe gibt es."

 

            Soweit so gut. Wir haben hier eine Analyse von Wirkung und Gegenwirkung gesellschaftlichen Verhaltens der Menschen und gleichzeitig einen Anreiz zum Vergleich mit den Zuständen in unseren heutigen Gesellschaften. Doch sehen wir, was er weiter zur Verbesserung der Verhältnisse zu sagen hat. "Darum sagt der vollkommene Mensch: Ich wirke nicht, und das Volk wandelt sich von selbst; ich liebe die Stille, und das Volk wird von selber recht; ich habe keine Geschäfte, und das Volk wird von selber reich; ich habe keine Wünsche, und das Volk wird von selber  ursprünglch einfach."

 

            Ist der erste Teil in etwa noch akzeptierbar als ein Zeichen von logischen Erkenntnissen der realen Verhältnisse, so ist der zweite Teil, die Vorschläge zur Lösung der Probleme, gelinde gesagt gut gemeintes utopisches Wunschträumen ohne jeden Bezug zur Realität.

 

            Wiederum gab es welche die sagten: "Der Mensch ist gut; er trägt in sich ein angeborenes Wissen, dessen Schätze nur gehoben zu werden brauchen, um ihm den rechten Weg finden zu lassen. Wenn er sich in der Wirklichkeit des Lebens nicht immer nach diesem Wissen verhält, kann das nicht in seiner Natur liegen, sondern in der Unvollkommenheit der Gesellschaftsordnung in der er lebt und in den Fehlern der Regierenden."

 

            Zu diesen klugen Erkenntnissen kann man nur fragen: Wer hat die fraglichen Gesellschaftsordnungen geschaffen? Doch nur von Natur gute Menschen, und sind nicht auch die Regierenden solche guten Menschen? Woher ist dann also die Unvollkommenheit der Gesellschaftsordnung gekommen?         

 

            Wir sind immer noch bei den altchinesischen Philosophen v. Chr., und da waren wiederum andere die sagten: "Der Mensch ist von Natur aus böse. Das Gute ist nur künstlich und muß ihm anerzogen werden. Schon von der Geburt her hat er das Begehren nach Nutzen, die Begierde von Auge und Ohr."

 

            Auch hier sei die Frage erlaubt: Wer von den von Natur bösen Menschen soll den von Natur bösen Menschen Gutes und Edles,  Sitte und Recht beibringen?

 

            Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn man die Mitte zwischen beiden Extremen heranzieht, wie mit fast allem im Leben.

 

     Wir Menschen sind beides; wir haben die Fähigkeiten zum  Erhabenen und Hehren, aber auch zum Niedrigen und Gemeinen  mitbekommen. Selbstverständlich sind diese Eigenschaften nicht gleichmäßig verteilt. Einige neigen mehr zum Guten und sind leicht dazu zu beeinflussen, während bei der Mehrheit dagegen genau das  Gegenteil zutrifft.

 

            Was der Einzelne letztlich ist, und wie er sich in der Gesellschaft verhält, zum Guten oder zum Bösen, hängt allerdings von seiner Erziehung innerhalb der gerade angängigen Gesellschaftsordnung ab und von seinen Vorbildern, die sein junges Leben begleiten.

 

            Daß wir Menschen fast ohne die Leitung von ererbten Instinkten ausskommen müssen, weil wir im Gegensatz zu anderen Lebewesen uns selbst bewußt wurden, erklärt unseren stetigen Kampf zwischen den Mächten, die uns einerseits das Ausleben unserer Leidenschaften empfehlen, also den rein persönlichen Vorteil mit direktem Genuß, und andererseits unsere Unterordnung unter die überindividuellen gesellschaftlichen Verpflichtungen verlangen, dies jedoch mittelbar zum nicht immer klar ersichtlichen Vorteil.

 

            Schon damals entwickelte sich die Tendenz für Manche, die  Vorteile, die ein gutes Zusammenleben in einer wohlorganisierten Gemeinschaft bietet, als selbstverständlich für sie geschaffen anzunehmen und davon Nutzen zu ziehen, ohne selbst einen Beitrag zu leisten.

 

X.

Freiheiten kontra Pflichten.

 

            Im Hinblick auf  eine soziale Gerechtigkeit unter den Menschen erkennen wir  nach dem vorhin Gesagten die Wichtigkeit, die eine positive Gesellschaftsordnung auf die Erziehung der Menschen ausübt; denn ohne Erziehung geht es nicht, ob in einer Ehe, Familie, Sippe, Stamm  oder Volk.

 

            Selbstverständlich ist der Ruf nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit für den Einzelnen und die Forderung nach Unterordnung unter die Pflichten einer Gemeinschaft ein Widerspruch,  mit dem wir uns jeweils so oder so auseinandersetzen müssen. Daß hier die Wurzel liegt für alles Große und Erhabene, das Menschen geschaffen haben, aber gleichzeitig auch für die Übel dieser Welt, sei nur am Rande vermerkt.

 

            Obgleich das vorhin Gesagte von dem einzelnen Individium als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit und damit als Übel empfunden wird, ist eine solche Neigung solange kein Übel, wie bei der Ausübung desselben Achtung und Respekt vor dem Mitmenschen geübt und seine Rechte nicht beschnitten werden.

 

            Und es ist ebenfalls nicht vom Übel, in der Rangordnung der Gesellschaft einen höheren Rang durch Energie, Wagemut, Weitsicht und Fleiß zu erstreben, solange auch Rücksichtnahme entsprechend geübt wird.

 

            Das heißt also, daß eine reiche und hochgestellte Persönlichkeit (meist ein und dasselbe) nicht unbedingt der sozialen Ungerechtigkeit für seine erreichte Stellung verdächtigt werden muß, obschon eine Wahrscheinlichkeit nicht abzuleugnen ist. Wie sagt doch der Volksmund - und das nicht ohne Grund: Jeder große Reichtum ist durch eine ebenso große Gaunerei zustande gekommen.

           

         Wie schon gesagt, war der menschliche Geist in Bewegung geraten. Er zweifelte ererbte und überlieferte Zustände an und machte Vorschläge sie zu verbessern. Zwar besangen noch die jüdischen Propheten voll Sehnsucht und religiösem Eifer in ihren Psalmen einen gütigen, barmherzigen, den Armen und Schwachen zugewandten König, den sie sehnlichst herbeiwünschten. Als ob ein solcher König jemals an die Macht gekommen wäre! oder sie für längere Zeit behalten hätte  mit solchen Eigenschaften. Dazu gehörten auch damals schon wie heute ganz andere Fähigkeiten.

 

            Doch der rein militärische, nur auf  Eroberung ausgerichtete Aufbau ihrer Gesellschaftsordnung war bei vielen Völkern gemildert, was Raum erlaubte für Kunst und Wissenschaft,nebst Intensivierung der Religion, dank friedlicheren Zeiten, welche auch vorkamen.        

 

XI.

Handel und Gewerbe.

 

     Bevor wir uns mit dem Zeitraum der griechischen und der darauf folgenden römischen Zivilisation und Kultur näher befassen - wegen der enormen Bedeutung , den diese uns hinterließen - sei es angebracht, einen Blick in die soziale Ordnung jener Zeit im größeren Mittelmeerraum zu werfen, soweit es uns überlieferte Berichte erlauben und soweit nicht wieder einige der zahlreichen, meist unnützen, von Machtgier diktierten Kriege herrschten.    

 

            Die Kriegsaristokratie mit Landgut und Stadthaus hatte sich zu einer Bürgeraristokratie gewandelt, je mehr das Schwergewicht von der Landwirtschaft weg zu Handel und Gewerbe überwechselte.

 

            Mit dem Handel entwickelte sich die Kaufmannschaft und daneben das Gewerbe. Damit stieg diese Schicht zu wirtschaftlicher Macht empor, obwohl sie zunächst weder die entsprechende politische noch die gesellschaftliche Stellung errang.

 

            Mit dem Handel, vor allem mit dem Außenhandel, setzte sich das Geldwesen durch. An Stelle des Naturaltausches trat die Zahlung in Münzen. Vermögen bildeten sich durch den Verkauf von Produkten, meist im Zwischenhandel, und durch den Kauf von Waren, die nicht an Sachwerte, an Grund und Boden oder Naturalvorräte gebunden waren.

 

            Das führte zu Geldverleih, Zinsen und Geldforderung, und neben dem Grundbesitzer erschien der  "Kapitalist”.

 

            So sammelte sich der Reichtum in wenige Hände, die aufgrund von Abgaben, Bodenrente und Kapitalzinsen enorme Gewinne zogen, ohne selbst den Boden zu bebauen, oder das Wagnis des Handels zu laufen. Der kleine Mann, der natürlich dabei leer ausging, geriet wiederum in den Sog, der von der billigen Arbeitskraft der Sklaven ausging, deren Zahl nun ständig wuchs.

 

            Überall hatten sich, meist an den günstigen Küsten des Mittelmeers, Städte gebildet, die durch den regen Handel, den der Seetransport bequemer bot als der Landweg, zu unermeßlichem Reichttum kamen. Dank diesen Reichtums entstanden großartige Paläste,welche die regierenden Fürsten und die durch sie bevorrechteten Händler, errichten ließen.

 

            Diese ausgedehnten Prachtbauten waren nur möglich in einem Land, das sozial so gegliedert war, daß größere Mengen von Arbeitern an Bauten solchen Ausmaßes für mehrere Jahre arbeiten konnen. Sie waren abhängig vom Willen eines Bauherrn und der Bereitschaft einer größeren Volksmenge, sich diesem Willen zu beugen, entweder als freie, entlohnte Handwerker oder, was eher warscheinlich ist, als unterworfene Sklaven. Ferner war eine soziale Organisation die Voraussetzung, welche es vermochte, die am Bau beschäftigten für längere Zeit mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft zu versorgen, so kümmerlich diese Versorgung auch war.          

            Solche sozialen Ordnungen waren seit langem im Mittelmeerraum, Mesopotamien und Ägypten bekannt.

 

            Nach der vom Orient übernommenen städtischen Siedlungsform wohnten die Handwerker um den Palast des Königs. Ihre Nahrung erhielten sie durch Kauf - oder richtiger - durch Tausch gefertigter Gegenstände von den Landleuten. Überhaupt war schon damals die Zahl derer, die nicht direkt an der Produktion von Nahrungsmitteln teilnahmen, aber genau so der Nahrung bedurften, größer als die der Produzenten.

 

            Auch im Ackerbau hatte die bereits früher erfundene Arbeitsteilung Fortschritte gemacht und man war nicht mehr darauf angewiesen, die Ernährung bis zur nächsten Ernte zu decken. Überschüsse wurden von den Produzenten durch Tausch oder Geld, das schon bekannt war, mit den nichtproduzierenden Handwerkern oder den Bürgern der Städte gehandelt.

 

            Alles in allem läßt sich feststellen, daß die Arbeitsteilung  die Leistungen des Einzelnen aller Stände erhöhte; sie setzte sich - wenn auch nur langsam - durch, je mehr die soziale Ordnung die Zusammenarbeit einer größeren Zahl von Menschen erlaubte.

 

            Wenn hier von Nahrungsmittelproduzenten gesprochen wird, dann mit Absicht, denn die wenigsten waren selbständige Bauern auf eigner Scholle oder Besitzer der Viehherden. Die Güter und Ländereien gehörten dem Adel, der sie verpachtete oder sie durch Sklaven bearbeiten ließ.

 

            Dieser durch nichts zu rechtfertigende Besitzanspruch des Adels auf Land- und Waldrechte, - einziger dauerhafter Wert gegenüber dem Geld und in allen Kulturen gehandhabt - sollte sich über die Jahrtausende bis heute erhalten. So finden wir, daß Sklaven und danach Leibeigene, trotz später christlich inspirierter Zivilisation, bis ins 19te Jarhundert hinein für deren Reichtum und Wohlstand sorgten. Daß man unter diesen Umständen nicht von einer sozialen Gerechtigkeit sprechen kann, dürfte wohl klar sein.

           

     Die Summe aller geschilderten Errungenschaften, sowie die zahllosen hier nicht erwähnten, hatte zur Folge, daß der Zwang, die fundamentalsten Bedürfnisse zu befriedigen, unter dem noch  ihre Vorfahren gestanden hatten, zumindest für einen Teil der Bevölkerung gemildert war. Die Aristokratie hatte diesen Drang schon seit Jahrtausenden nicht mehr. Man konnte sein Interesse anderen Dingen zuwenden und die Skala der Wichtigkeit der Bedürfnisse verschob sich, wie zum Teil bereits an anderer Stelle erwähnt. Diese Bevölkerungsschichten waren vornehmlich in den Städten zu finden, während die Landbevölkerung, sowie die  Schwachen, Erfolgslosen, Glücklosen und Unfreien weiterhin ihr schweres Los zu tragen hatten.

 

            Was in dem Urdorf noch mehr oder weniger von der Natur erzwungen worden war, für alle gleich, und dem man sich unterworfen hatte ob mit oder ohne Einsicht, zum eigenen Vorteil und damit auch ungewollt zum Vorteil aller, geriet durch die beschriebenen verbesserten Lebensumstände in ein Zwielicht.

 

            Den Genuß persönlicher Vorteile, den die Gemeinschaft bot, wurde, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, meist ohne entsprechende Gegenleistung an die Gesellschaft als selbstverständliches Recht betrachtet.

 

            Dafür, daß diese Gegenleistung jedoch erfolgte, hatten schon sehr früh die Priester und Fürsten durch von ihnen erlassene Gebote und Gesetze versucht, die Einhaltung zu erzwingen. Entweder waren es Gebote, die an die Religion des Volkes gebunden waren und durch sie begründet wurden, oder die Gesetze entsprangen je nach dem aus der Weitsicht und Fürsorge oder der Willkür und dem Eigennutz des jeweiligen Machthabers.

 

            Am geläufigsten sind uns heute die 10 Gebote des Moses an sein jüdisches Volk, die den religiös gebundenen Versuch darstellten, eine zeitlose Gültigkeit für alle Stämme der Juden zu erzwingen und das Zusammenleben und den Zusammenhalt in einer stets feindlichen Umwelt zu begünstigen.

 

XII

Die politischen Ordnungen (Demokratie).

 

            Im Zuge der weiteren Entwicklung hatten manche fortgeschrittene Völker, z.B. die Griechen, zum gleichen Zweck schon eine Art von Verfassung, die Rechte und Pflichten des selbstverständlich freien Bürgers,- die Anderen und Sklaven waren davon nicht be- troffen -, in ihrem Staat zu regeln beabsichigten.                        

 

            Selbstverständlich waren die ersten Verfassungen noch sehr einfach und unkompliziert und nicht ausgefeilt und ausgeklügelt wie heute. Es war aber ein Beginn, denn wir Menschen mussten wie ein Kind erst kriechen lernen, bevor wir zu laufen versuchten.

 

            Was wir heute unter dem Begriff “Griechenland" verstehen, waren in alter Zeit eine Vielzahl von selbständigen und unabhängigen Stadtstaaten mit nicht immer gleicher sozialer Ordnung, aber alle mit einer eignen Armee. Sie bildeten keine zusammenhängende Nation nach heutigen Begriffen, sondern schlugen und bekämpften sich manchmal recht herzhaft gegenseitig.

           

            Diese Stadtstaaten, welche um 450 v.Chr. ihre Blütezeit erlebten unter dem Herrscher Perikles, hatten noch eine innere Ordnung, die sich im wesentlichen aus der aus grauer Vorzeit geübten individuellen Abstimmung der Mitglieder eines Stammes stützte, um die Organe der Macht und die Richtung der Politik zu bestimmen.

 

            Sie nannten das "Demokratie" nach dem griechischen Wort "Demos = Volk" und "Kratos = Herrschaft"..

 

            In seiner originalen Bedeutung ist es also eine Form von Regierung, in der das Recht, politische Entschlüsse zu fassen, direkt von den versammelten Bürgern ausgeübt wird. Nach unserer  heutigen Begriffsbestimmung nennt man sie daher eine “direkte Demokratie" im Gegensatz zu anderen, welche später zu gegebener Zeit erwähnt und erklärt werden.

 

            Fehlerhaft und unvollkommen wie diese eigenartige politische Einrichtung war, worüber noch gesprochen wird, sollte sie sich im  politischen  Machtkampf mit Königen und Diktatoren nicht lange halten. Jedoch wurde sie in der geistigen Auseinandersetzung für  die ganze folgende Menschheitsgeschichte ein Lichtblick und zeigte den Weg zu einer gerechteren sozialen Ordnung der Machtverhältnisse.

 

            Besonders bekannt und zeitweilig der erfolgreichste von allen Stadtstaaten war Athen, welches immer der Mittelpunkt war und mit Griechentum schlechthin identifiziert wurde. Durch siegreiche Kriege, gut eingefädelte Bündnisse, die Gründung von Ablegerstädte rund um den Mittelmeerraum und begünstigt durch einen regen Seehandel, erlangten die Griechen zeitweilig einen für damalige Verhältnisse beträchtlichen Machtraum. Selbstverständlich hatten die Griechen auch eine Adelsschicht, der es zeitweilig gelang, die Macht an sich zu reißen und die Demokratie abzuschaffen.

 

            Neben dem Adel stellten die Vollbürger, also diejenigen die wahlberechtigt waren, alles in allem nur einen Teil, selten mehr als zwei drittel der Bevölkerung. Der Rest waren Fremde und die Mehrzahl rechtlose Sklaven. Auch die Frauen der Vollbürger waren entrechtet und konnten nicht an Wahlen teilnehmen, um vielleicht ihr Los zu verbessern.

 

            Sklaverei war nicht nur vereinbar mit dieser Art von Demokratie, sie setzte Sklaverei voraus, weil sie allein es dem Vollbürger erlaubte, sich die nötige Freizeit zu nehmen, an dem Geschwätz auf der Agora - dem Marktplatz - teilzunehmen oder sonstige öffentliche Verpflichtungen nachzukommen. Sie proklamierte und verteidigte die Gleichheit der Bürger im Staat und vor dem Gesetz, versäumte aber, die allgemeine Auffassung von Gleichheit der Menschheit zu entwickeln.

 

            Weitgehend bekannt wurde der bereits erwähnte Perikles, 499-429 v.Chr., der als grösster Staatsmann des alten Athen gilt, welches er 15 Jahre - alljählich wieder gewählt - als erster Mann des Volkes regierte.

 

            Er vertrat die Richtung einer vollen Demokratie mit Feindschaft gegen Sparta, welches mehr unter dem Einfluß der Reichen stand, und strebte danach, für Athen und seine verbündeten Stadtstaaten die Weltherrschaft zu erringen.

 

            Sein Anspruch war, dass die von Athen praktizierte Demokratie ein Modell sei für andere Stadtstaaten oder Völker, weil sie seinen Einwohnern Gleichheit und Freiheit der Rede, vor dem Gesetz, in der Politik und in der Bildung garantiere.

 

            Weiterhin war er der Überzeugung, sie garantiere volle Beschäftigung für alle, gute wirtschaftliche Verhältnisse und auch, man staune, eine menschliche Behandlung von im Lande lebenden Fremden und Sklaven.

 

            Unter ihm erzeugte die Demokratie eine glühende Loyalität, in welcher zeitweilig idealistische und materialistische  Interessen übereinstimmten oder sich zumindest vertrugen.

 

            Soweit die ideale Seite. Jedoch wie die Zeit verging, brachen die freiwilligen Methoden der Zusammenarbeit gegenseitiger Interessen zusammen. Was als Demokratie ihre Stärke war, nämlich freie Rede und Gedankenaustausch, sollte auch ihre Schwäche werden gegenüber den totalitär regierten Feinden ringsum, sowie den ehrgeizig und unehrlich handelden Kräften innerhalb.

 

            Meinungsaustausch und Gedankenstreit über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen, alles Reden über philosophische und religiöse Probleme, trugen in sich den gefährlichen Geist der Zersetzung. Sie untergruben die großen Werte der Vergangenheit.

 

            Der Versuch einer Weltherrschaft mit Hilfe der direkten Demokratie sollte sich wegen vorhin genannter Gründe und in der weiteren Entwicklung als zu beschwerlich und hemmend erweisen. Das Experiment endete mit dem Sieg Spartas über Athen.

 

            Obgleich die griechische Demokratie den Fall von Athen überlebte, erholte sie sich nicht mehr zu ihrer vorherigen Blüte. Nach einer langen Periode des Niedergangs verschwand sie vollends mit dem Triumpf von Rom.

 

            Damit war, um es nochmals zu sagen, ein schwacher Lichtblick von Freiheit, der die jahrhundertelange Unterdrückung durch Tyrannen und Diktatoren ablöste, wieder erloschen. Aber der Gedanke eines Mitspracherechts des gemeinen Volkes, wie der Staat und sie selbst zu regieren seien, war ins Rollen gekommen und sollte  nicht mehr zum Schweigen zu bringen sein.

 

XIII.

Griechische Staatsphilosophie.

 

            Um die erwähnte Zeit taten sich in Griechenland große und tiefschürfende Denker hervor, die vor allem auf dem Gebiet der Gesellschaftsphilosophie Entwicklungen einleiteten, von denen wir heute noch in der westlichen Welt profitieren. Auch sie erkannten  die Unvollkommenheiten der herrschenden Staatswesen und die damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten gegenüber den neu aufgekommenen gebildeten Gesellschaftsschichten.

 

            Es wurde die Frage heiß diskutiert, wer die besten Fähigkeiten habe, solch einen Staat von freien Bürgern zu regieren.

 

            Wie war es zu verhindern, daß Willkür und Eigennutz die Handlungen der Führer bestimmten, oder daß sie die Meinung des Volkes manipulierten zum eigenen Vorteil und nicht auf die wahre Meinung und Nöte des Volkes hörten?  

 

            Besonders der Philosoph  “Plato" sei genannt, welcher sich hervortat mit der Begründung eines idealen Staates, in dem die Besten, schon früh ausgewählt (von wem?) und hart erzogen, ohne Eigentum oder Haus und selbst ohne Ehefrau, führen sollen als  Krieger und künftige Herrscher.

 

            Wir sehen hier die philosophische Begründung eines Staatswesens, welches einem Ameisenstaat sehr nahe kommt. Es fehlte nur noch die Übertragung allen Eigentums an den Staat und wir hätten schon damals ein kommunistisches Staatswesen, a la Rußland, vom  Entwurf her haben können.

 

            Selbstverständlich gab es auch Kritiker, die auf die Fehler seines Staatsentwurfes hinwiesen mittels der Kenntniss größerer Lebensnähe und es blieb dann auch nur bei einem utopischen Entwurf. Das hinderte aber nicht spätere Generationen von Denkern, immer wieder solche und ähnliche, verbesserte Gedanken Platos, aufzugreifen und solche als die einzig richtigen Wege zur Verbesserung der menschlichen Gesellschaft zu propagieren.  

 

            Zurückgreifend auf schon vorher Gesagtes über die  zahlreichen griechischen Denker z.B. oder auch andere, die keinen Stein ungewendet ließen in ihrem Streben, plausible Lösungen zu finden für die allerseits anerkannten sozialen Ungerechtigkeiten, sei  nur erwähnt, daß damals sich schon die Geister schieden. Die einen wollten den Staat und die Rechte der Staatsmacht über die Rechte des Individiums stellen. Mit anderen Worten, die Summe der Einzelnen ist für den Staat da. Dagegen stritten andere dafür, daß die Rechte des Individiums über die Rechte des Staates stehen, der Staat also für seine Untergebenen da ist.

 

            Diese interessante Streitfrage macht, diesesmal mit anderen Worten und in anderer Spielart, das uralte und breits hier oft erwähnte Problem der Unterordnung unter die Erfordernisse der Gemeinschaft,im Gegensatz zur Betonung der individuellen Rechte  klar.

 

            Das waren und sind auch heute noch zwei vorgebrachte extreme Thesen, nach denen - entweder in reiner Form, wie vorhin gebraucht, oder in abgeschwächten Abwandlungen zwischen beiden, im Laufe der Jahrhunderte Staatsformen gegründet wurden, wobei die Tendenz immer mehr zur absoluten Staatsform neigte als umgekehrt.   

 

     Es ist wohl offensichtlich, dass in der absoluten Staatsform, und sei sie auch etwas abgeschwächt, der Mißbrauch persönlicher Freiheiten der Bürger und damit das soziale Unrecht größer war als im entgegengesetzten Extrem, welches eher eine soziale  Gerechtigkeit förderte.

 

            Damit ist das Thema bei weitem noch nicht erschöpft, was wir in späteren Abhandlungen noch sehen werden.

XIV

Die Zeitspanne des römischen Reiches.

 

            Kurz ein Wort zu einer allgemeinen Erklärung. Es läßt sich nicht vermeiden, daß in der weiteren Behandlung des zentralen Themas dieser Abhandlung in allen drei Kapiteln, immer wieder die gleichen Züge des Verhaltens von uns Menschen miteinander, so oder so gebrandmarkt werden, mit fast sinnvoll gleichen Worten, wie sie bereits in früheren Bemerkungen herausgestellt wurden. Der Unterschied liegt nicht im Grundsätzlichen, das bleibt sich immer gleich, sondern in den verwickelten und neu hinzu kommenden Varianten durch die stetigen Weiterentwicklungen und komplizierter werdenden Zivilisationen. Mit anderen Worten, das Problem ist grundsätzlich das gleiche, nur ist es durch andere Symptome und    Nuancen schwerer zu erkennen.

 

            Wenn wir uns eingehend mit dem römischen Weltreich befassen, so hat das seinen Grund in dem Erbe, den dieses Reich uns, in Verbindung mit dem übernommenen ererbten Hochstand der Griechischen Errungenschaften in Geistes - und Naturwissenschaften, hinterlassen hat und welches unsere heutige Kultur und Entwicklung beeinflusste.

 

            Die soziale Ordnung des römischen Reiches entsprach noch militärischen Gesichtspunkten. Von der Gründerzeit, 753 bis etwa 500 v.Chr. herrschten noch Könige. Mit ihren Königen nicht zufrieden, entfernten die Büger diese und gründeten eine Republik. Jedoch war sie nicht so, wie wir heute Republiken kennen; denn nicht alle Bürger hatten die gleichen Rechte.           

 

            Das Volk stimmte auf dem Marsfeld nach Zenturien gegliedert solange ab, bis Stimmenmehrheit erreicht war. Da jedoch die oberen Zenturien mehr Stimmen hatten als der Zahl ihrer Mitglieder entsprach, und da sie zuerst stimmten, genügte es, wenn die ersten Zenturien sich einig waren. Somit beherrschten die oberen Zenturien die Volksversammlung - ein ganz schön eingefädelter Betrug.

 

            Trotz dieser Fassade lag die eigentliche Macht beim Senat, dem nur Mitglieder der adeligen Geschlechter und frühere hohe Beamte angehörten.  “Man war wieder unter Gleichen". Die wichtigsten Entscheidungen fielen innerhalb der führenden Geschlechter, nicht in der Öffentlichkeit. Der Charakter des Staates war jeder Diskussion abhold im Gegensatz zum vormaligen griechischen Staat.

 

            Die staatliche Ordnung war eine Ordnung der Befehlsgewalt, der zu folgen war. Die Manneszucht, die Disziplin, war die Seele des Staates. Sie wurde notfalls mit Gewalt erzwungen, sowohl gegenüber dem einzelnen Schuldigen als auch gegenüber einer frevelnden Gruppe, sei es eine Stadt oder ein unterworfenes Volk. Die Stärke des Staates - siehe vorherige Bemerkungen - ruhte auf der inneren Bereitschaft des Einzelnen, sich der sozialen Gemeinschaft einzuordnen. Selbst innere Kämpfe konnten nicht die Ordnung in Frage stellen, auf der das römische Staatswesen ruhte.

            Obschon im römischen Staat abgestimmt wurde, wie bereits erwähnt, war er doch keine Demokratie griechischer Prägung wie bekannt, noch konnte ein Einzelner nach belieben diktieren. Der Gemeinschaftsbegriff, die Gemeinschaft war wichtiger als die einzelnen Glieder. Sie bestimmte die Haltung des römischen Bürgers, und sein Verhältnis zur Obrigkeit, zum Senat, zu den Beamten, zum Gesetz.

 

            Dabei war nicht jeder Einwohner des römischen Reiches auch gleichzeitig römischer Bürger und nicht jeder Bürger hatte den gleichen politischen Einfluß. Der Machtanspruch des römischen Staates beruhte nicht nur auf seinen staatlichen Gesetzen, die für alle bindend waren, sondern auch auf den religiösen Anschauungen. Aus dem Glauben an die Macht, aus der Überzeugung, Rom sei berufen die Welt zu regieren, schöpften sie die Kraft für ihren politischen Erfolg. Sie schafften es, die ganze damalige Welt um das Mittelmeer zu erobern und die Völker zu tributpflichtige Untertanen zu machen.

 

             Mit der Gründung des römischen Imperiums, eine höhere  Staatsform als das Reich, etwa um 27 v.Chr. durch Caesar  Augustus, begann die Periode einer strengen römischen Herrschaft über die zu dieser Zeit bekannte und in etwa zivilisierte Welt. Die     Römer unterhielten große Armeen in allen Gebieten und es herrschte unter Augustus eine lange Zeit Frieden. Der Handel zu Land und zur See war unbehindert und man nannte diesen Zustand  "Pax Romana" -  Römischer Friede.  

 

            Selbstverständlich übernahmen die Römer nicht nur fast alles von der großen griechischen Kultur und verarbeiteten es auf ihre Weise, sie hatten auch den gleichen wirtschaftlichen und sozialen Aufbau wie diese mit massenhaft vielen rechtlosen Sklaven, viele unfreie gewerbetreibende Bürger, wenigen reichen Händlern und Kaufleuten und noch wenigerem Besitzadel. Das führte zwangsläufig zu zahlreichen inneren Reibereien und blutigen Aufständen zwischen den armen oder auch reich gewordenen Plebejer - niedrige Leute oder Pöbel -, welche ausgeschlossen waren von der Teilnahme an der Macht und dem Kreis der machtvollen Patriziern - des Besitzadels.

 

            Nach anfänglichen Erfolgen der Plebejer und Zugeständnissen für ihre Forderungen, blieb doch letzten Endes alles beim Alten.

 

            Was jedoch zu Beginn die Stärke des römischen Reiches und Imperiums war und zu den beschriebenen Erfolgen führte, wurde auch die Ursache für den späteren Verfall. Rom lebte von der Kriegsbeute und nur römische Bürger hatten das Recht, die Früchte der Siege zu ernten. Das Bürgerrecht wurde eine Pfründe.

 

            Die anfänglich noch sehr idealistische Haltung von Adel und Bürgerschaft in der Handhabung der Staatsmacht, die fest auf das Beamtentum ruhte, verwandelte sich im Laufe der Vergrößerung des Reiches mehr und mehr in einen krassen Materialismus der Stände. Die sozialen Machtverhältnisse änderten sich unter dem Druck der stetigen kriegerischen Verwicklungen und Eroberungen. Der durch Cäsar Augustus begründete Frieden, die “Pax Romana", für die Ewigkeit gedacht, blieb nur eine Episode.

 

            Nach all dem bisher Beschriebenen ist es klar, daß trotz großer Anstrengungen und gut gemeinten Absichten von vielen Seiten, auch von gerecht denkenden Staatsmännern sowie ehrlich überzeugten Philosophen, in dem riesigen Reich nicht die Spur einer sozialen Gerechtigkeit für alle Einwohner aufkommen konnte.

 

            Immerhin sollte das Beispiel des römischen Reiches mit seinen positiven Errungenschaften durch seine Ausstrahlung auf die umgebenden Völker bestimmend sein für deren weitere Entwicklung und die Entwicklung des nachfolgenden europäischen Abendlandes.

 

XV.

Das Christentum und sein Einfluß.

 

            Dies war aber nur ein Abschnitt in der Entfaltung unserer heutigen westlichen Kultur. Den anderen sollte die Entstehung und die später weltweite Ausbreitung des Christentums bilden, die zur Hochzeit des römischen Reiches, im besetzten Judäa, erfolgte.

 

            Ein Prediger, den seine Gefolgsleute “Jesus Christus den Erlöser" nennen sollten, verkündigte ein neues Evangelium. Es war geboren aus den Wurzeln der jahrhunderte alten jüdischen Religion, die anstelle der Vielgötterei der Griechen und Römer, nur einen einzelnen übernatürlichen Gott anerkannte.

 

            In jüdisch historischer Zeit, hatten Könige, und Propheten genannte Denker, ihr Wissen als Eingebung von ihrem Gott in Schriften - Tora genannt - niedergelegt, welche mit zu den ältesten Schriften gehören, die wir Menschen kennen und besitzen. Wie bereits berichtet, waren diese Schriften angefüllt mit den Sehnsüchten und Hoffnungen des Volkes nach einem gerechten und den Armen und Schwachen zugeneigten König und Erlöser, also dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

 

            Selbst aus dem Volke kommend , kannte “Jesus Christus” die Nöte der unteren Schichten wie auch die alten Schriften und die Willkür der Herrscher aus eignem Erlebnis. 

 

            Auf die religiösen Aspekte seines verkündeten Evangeliums soll hier nicht länger eingegangen werden, das gehört nicht zur Aufgabe dieser Abhandlung. Falls sich durch die neuen religiösen Gesichtspunkte, gepflegt und akzeptiert von einer großen Menge von Gläubigen, Rückwirkungen auf den Fortschritt hin zu einer besseren sozialen Gerechtigkeit ergeben sollten, werden sie erwähnt.

 

            Dem bis dahin gängigen Gesetz - Auge um Auge, Zahn für Zahn - stellte er das Gebot auf : “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst...”  - “... tue Gutes denen die dich  hassen”.

 

            Jedoch war er mit dieser revolutionären Forderung für die damalige Zeit nicht der Erste. Schon 400 Jahre vorher hatte der chinesische Philosoph “Mao Tse" sein berühmtes Prinzip der allgemeinen Menschenliebe aufgestellt, ohne jedoch den großen und nachhaltigen Anklang und die weite Verbreitung seiner Lehre, wie Christus und seine Anhänger, zu erreichen.

 

            Desgleichen waren nicht alle Lehren und Glaubenssätze die er verkündete, ohne selbst je ein geschriebenes Wort hinterlassen zu haben, völlig neu. So waren die hohen ethischen und moralischen Anforderungen, die sie an die Menschen stellten, nicht anderes  als der Versuch eines sozialen Ausgleichs und waren zum Teil schon in anderen Religionen und bei den antiken Philosophen  bekannt.

 

            Der Mithras Kult, seit Mitte des 5. Jh. v. Chr. in Ostasian entstanden und später über ganz Persien verbreitet,  kannte z.B. die Taufe, Konfirmation, das Abendmahl, die Dreieinigkeitslehre und feierten um unseren heutigen 25. Dezember herum den Gebutstag des Lichtgottes.

 

            Was die verhältnismäßig schnelle Verbreitung der neuen Religion begünstigte, waren mehrere sich zum Vorteil auswirkende Faktoren.

 

            Vorher sei nur noch kurz erwähnt, daß, obschon Christus          Jude war wie seine Apostel, und obschon sich vieles auf die alte jüdische Religion stützte, die jüdische Bevölkerung nur geringfügig sich zur neuen Religion bekannte. Sie erwarteten einen Erlöser von der Unterdrückung durch das allmächtige Rom und keinen, der Nachsicht und Duldsamkeit predigte.

 

            Wenn hier also von einer entsprechend schnellen Verbreitung gesprochen wird, so waren das zuerst die Völker rund um das Mittelmeer und im Machtbereich des römischen Weltreiches. Weiterhin wurde durch die Lehre Christie gefördert, daß alle Menschen, gleich welchen Standes, Volkes oder Rasse vor Gott gleich seien und zu seiner von ihm gegründeten Kirche gehören.

 

            Ferner war der Boden für die Aufnahme einer neuen Religion, wie sie Christus mit seinen Aposteln und Jüngern verbreitete, gut vorbereitet durch die Müdigkeit der Völker mit dem Wirrwarr ihrer alt hergebrachten Götterverehrungen und Vergötterung der jeweiligen Herrscher. Je mehr die Politk enttäuschte und den Einzelnen in seinem Wohlergehen gefährdete, desto mehr wandte sich die Bevölkerung jenseitigen Fragen zu.

 

            In dem Maße in dem das Unbehagen am Staatlichen Leben wuchs, - Grund genug war dafür in Überfülle vorhanden - und in dem die Unsicherheit des Einzelnen in dieser Welt der Kriege und Krisen zunahm, gewannen die Erlösung verheißenden Religionen fruchtbaren Boden.

 

            Daß sich der unermeßlich starke und mächtige, jedoch ebenso gerechte und milde Gott der Armen und Schwachen annahm, der Sklaven und Kranken, und daß er sie mit Liebe und Nachsicht gegen ihre Sünden behandelte, war eine Labsal für ihre armen, über Jahrtausende geschundenen Seelen. Kein Wunder also, daß das Christentum nach mehreren hundert Jahren schwerer Leiden und Verfolgungen, im römischen Weltreich gegen andere Religionen obsiegte. Nicht zuletzt hatte das auch seinen Grund in der vom Judentum übernommenen Ausschließlichkeit. Genau wie diese fühlten sich die Christen als das von ihrem Gott auserwählte Volk.

 

            Dieses Bewußtsein der Ausschließlichkeit ihrer Mission verhinderte, trotz mancher gefährlicher Ansätze in dieser Richtung, die Vermischung des Christentums mit anderen Kulten und sein Aufgehen in dem allgemeinen Religionsgemisch jener Zeit.

 

            Weil die ersten Anhänger der neuen Religion aus den unteren, ungebildeten Schichten der städtischen und ländlichen Bevölkerung kamen, stellten sie auch, wegen ihrer Masse, für die herrschende Schicht eine soziale Gefahr dar. Sie predigten zwar keine gesellschaftliche Revolution - darüber konnten sie beruhigt sein - sondern, als Blutzeugen eines neuen Glaubens mit sittlicher Unbedingtheit alles Weltliche verwerfend, den nahen Untergang der  Welt und die bevorstehende Herabkunft des Gottesreiches.       

 

            Die dadurch eingehandelte Feindschaft der gebildeten und herrschenden Schichten neben der Weigerung, dem jeweiligen Kaisergott den verlangten Tribut zu spenden, brachte ihnen grausame und blutige Verfolgungen ein.

 

            Wie jede neue Idee, hatte auch die christliche Kirche nicht nur mit äußeren Feinden zu kämpfen sondern auch mit Meinungsverschiedenheiten in den eigenen Reihen, bis im Konziel von "Nikäa", um 325 n. Chr., die Kirche, so wie wir sie heute im großen und ganzen kennen, durchgesetzt wurde.

 

            Der Untergang der Welt ließ auf sich warten. Die Zahl der Anhänger wuchs und die ablehnend eingestellten Kräfte erkannten,   daß die extrem hohe sittliche, moralische und damit zivilisationsfördernde Haltung der Christen sie zu leicht zu gebrauchende und folgsame Bürger machte, die man am besten mit ihrem Glauben in Ruhe ließ und nicht zwang, an den alten Kulten 00teilzunehmen.

 

            So um die 300 Jahre n.Chr. ließ der römische Kaiser Konstantin die christliche Religion in seinem Reich den anderen Religionen gleichstellen und im Jahre 391 wurde sie unter Kaiser Theodosius zur alleinigen Staatsreligion erhoben.

 

XVI

Der Erfolg des Christentums.

 

            Damit hatten die Christen, - es ist nun angebracht von einer Kirche zu sprechen - also die römische Kirche, gegen alle äußeren Widerstände und inneren Gefährdungen, sich in wenigen Jahrhunderten von einer kleinen elitären Sekte im fernen Judäa, zu einer ständig wachsenden, äußerlich machtvollen und innerlich gefestigten Religion entwickelt.

 

            Sie verdankte dies in erster Linie den beiden Grundpfeilern, auf denen sie ruhte: Der strengen äußeren Ordnung in der sich festigenden priesterlichen Rang - und Herrschaftsordnung und mit der geradezu grandiosen Folgerichtigkeit und Härte, mit der sie ihr Glaubensdogma als absolute Wahrheit gegen allen Widerspruch bekämpfte. Sie war in der Tat eine universelle, eine katholische  Kirche geworden und genoß Ansehen und Autorität.

 

            Ihr innerer organisatorischer Aufbau war nach dem elitären   Prinzip, in Anlehnung an die bekannten Lehren und Vorschläge des griechischen Philosophen “Plato", ausgerichtet, mit dem Papst als Oberhaupt. Er residierte in Rom, der Hauptstadt des römischen, und auch später, nach der Teilung des Reiches, des weströmischen Reiches.                              

 

            Es herrschte demnach keine Demokratie in der römisch katholischen Kirche: Die Masse der Anhänger war von jeder Anteilnahme an die Geschicke der weltlichen Aspekte der Kirche ausgeschlossen und das sollte sich bis heute nicht ändern.

 

            Sie verfügte über Anhänger, die bereit waren, ohne zu fragen und ohne gefragt zu werden, Opfer zu bringen und sie besaß eine Organisation, die über die Verfolgungen hinweg intakt geblieben war. So kam es, daß der Kirche die staatstragende Rolle zugewiesen wurde, eine Zumutung, von der sie sich durch ihre religiöse  Jenseitseinstellung auf das Stärkste hätte abwenden sollen.     

 

            Weiterhin wurde sie mit recht fraglichen weltlichen Gütern durch kaiserliche Erlasse gesegnet wie Erbfähigkeit der Kirche, Erlassung der Staatslasten für die Priester - es lohnte sich Priester zu sein - und Übernahme der magistralen Funktionen. Sie war eine öffentliche staatliche Einrichtung geworden, und der Keim war gelegt für ihr Wachstum über das bekannte, jedoch dem Untergang geweihten römischen Weltreich hinaus. Aber auch der Keim für eine weltliche Entartung, mit ihren verheerenden Folgen für die soziale Gerechtigkeit in den von ihr beeinflußten  Völkern.

 

            Die Einheit der Kirche war aber nicht homogen und daher nur scheinbar. Da waren diejenigen, und es war die Mehrheit der Armen und Ungebildeten mit einigen Intellektuellen, die weiterhin die Welt ablehnten und die Nachfolge Christi in der Entsagung, im Mönchwesen und in der Askese suchten. Ihnen wurde vordergründig   anheim gestellt, das Heil nicht im sammeln von irdischen Gütern,  dem Mammon zu suchen, sondern auch das Letzte noch herzugeben für die ewige Seligkeit der unsterblichen Seele.

 

            Diese mit Nachdruck gepredigten Phrasen führten dazu, daß neben der wirtschaftlichen Armseligkeit, die gezielt geförderte geistige Armseligkeit trat, die wiederum die wirtschaftliche Armseligkeit verstärkte.

 

            Da waren andere, die bereit waren im Dienst an dieser Welt eine echte christliche Aufgabe zu sehen wie Krankenplege, Waisenfürsorge und andere Wohltätigkeiten, um ebenfalls für ihr Seelenheil zu sorgen. Sie kamen damit der Befürwortung einer sozialen Gerechtigkeit am nächsten, wenn auch alles nur geschah mit ihrem  Blick auf das Jenseits.

 

            Und dann waren da diejenigen, die mit beiden Beinen in dieser Welt standen, sich von Macht und Pracht angezogen fühlten und lieber nach Heil und Wohlstand auf Erden strebten als nach einem ungewissen Jenseits.

 

            Vor allem die bisherigen führenden Kreise erkannten ihre Chance und nutzten sie geschickt, indem sie die christliche Hierarchie unterliefen. Sie stellten die Bischhöfe und sonstige Kirchenfürsten. Söhne und Töchter des Adels, die man nirgendwo anders unterbringen konnte, wurden, ohne Rücksicht auf ihre meist fraglichen Fähigkeiten, in lukratieve Posten der Kirche bugsiert.

 

            Das sollte in den späteren Jahrhunderten, vor allem in den Nachfolgestaaten des zerbrochenen römischen Weltreiches, zu einem Pomp und Luxus der Machtentfaltung führen, der den größten Kaiserreichen der Antike um nichts nachstand.

 

            Merkwürdigerweise schwächten diese widerstreitigen Kräfte innerhalb der Kirche weder ihre Schlagkraft nach außen, den heidnischen Völkern gegenüber, noch die Überzeugungskraft und Glaubenswütigkeit ihrer Anhänger. Es ist daher leicht zu verstehen, daß ein Wechsel in dem sozialen Aufbau der vom Christentum beeinflußten Völker nicht stattfinden konnte. Dazu waren alle, auch die Intellektellen, mit wenigen Ausnahmen, zu sehr dem Zeitgeist verfallen, der die Zustände so sah wie sie waren, als von Gott so gewollt. Es kam kaum ein Gedanke auf, sie zu ändern und wenn es doch einer wagte, solche Gedanken zu äußern, wurde er als Ketzer verschrien und, handelte es sich um religiöse Fragen, in späteren Jahrhunderten mit Feuer und Schwert ausgemerzt.                    

           

     Sklaverei und Leibeigenschaft sollten noch für Jahrhunderte so bleiben wie sie waren, im krassesten Gegensatz zum christlilichen Dogma von der Gleichheit der Menschen vor Gott, während die Reichen und der Adel weiterhin schwelgten wie eh und je. Man war wieder unter sich, die Welt war für sie in Ordnung und sollte es noch lange bleiben.

 

XVII

Recht und Ordnung in Rom.

 

            Es hatte sich viel verändert, seit hier vom Kulturkreis des Mittelmeerraums zum ersten Male gesprochen wurde. Den Zeiten der reinen Machtgier und Willkür einzelner Herrscher folgten solche, die mit Gewissen, Verantwortungsgefühl und einem, wenn auch manchmal hinkenden Gerechtigkeitssinn angefüllt waren. Hinzu kamen die Veränderungen, wie zum Teil bereits erwähnt, in der Landwirtschaft, im Handel und Gewerbe und der Verbesserung des Warentausches gegen Münzen: das Geldwesen.

 

            Der menschliche Geist war auch sonst sehr regsam geworden und hatte, nicht zuletzt angeregt durch Entdeckungen der griechischen Philosophen in Physik und Mathematik, Fortschritte gemacht in Technik und vielen anderen Wissenschaften.

 

            Man kann also getrost von zivilisierten Völkern reden zu dieser Zeit, weil sie die Welt um sich herum verändert hatten mittels ihrer Fähigkeit, sie zu kontrollieren und die Stoffe zu gebrauchen, welche ihnen die Natur so reichhaltig bot.

 

            So war z.B. Ost Rom ein Rechtsstaat, in dem Kaiser Justinian der Erste die Gesetze sammeln und sichten ließ. Sein “Corpus iuris civilis", herausgegeben etwa um 529 n.Chr., bildet noch bis heute die Grundlage des römischen Rechts, auf dem die später nachfolgenden Staaten ihre nationalen Rechte aufbauten.

 

            Juristisch geschulte Richter handhabten das Recht, auf dem die öffentliche Ordnung beruhte. Auch die Beamten und sonstige Staatsdiener waren an das Recht gebunden und obschon Willkür vorkam, hatte der Untertan das Recht der Beschwerde beim Kaiser.

 

            Wo geschriebene Gesetze und geschulte Richter existierten, mußte es selbsverständlich auch Schulen geben.

 

            Es wurde bereits erwähnt, daß die Priester der älteren Kulturen diejenigen waren, die in ihrer jeweiligen Kultur eine Schrift und Zahlen aus Bildzeichen entwickelten, um sie als  machtvolles und magisches Wissen gegen ihre Mitmenschen zu gebrauchen. Sie waren folgerichtig damit auch die ersten Lehrer in  Priesterschulen, die ihr Wissen an besonders ausgewählte Schüler weitergaben.

 

            Erst in Griechenland, das man auch als die Wiege der Schulbildung bezeichnen kann, wurde aus dem streng geheimgehaltenen Wissen  der Priesterschulen ein Schulsystem aufgebaut, welches zwar nicht wie in dem Sinne “für Jedermann" gedacht war, wohl aber für jene, die entsprechende Beziehungen hatten und es sich leisten konnten. Verständlicherweise fand das natürlich nur in den Städten statt, und diese Entwicklung ist mit der Grund für das Geschenk der griechischen Denker und Philosophen an uns heute.

 

            In Rom waren es zuerst die Griechen, die als Lehrer Schulen  gründeten, um reiche Schüler im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Daraus entwickelten sich später spezielle Schulen, sofern der Geldbeutel reichte, über Rhetorik, Philosophy und Rechte mit dem Hinblick auf eine Berufslaufbahn im öffentlichen Leben oder im Dienste des Staates.

 

            So wunderten sich Fremde in Konstantinopel, daß selbst die Handwerker des Lesens und Schreibens kundig waren und über schwerverständliche theologische Lehrsätze diskutierten wie, die Unterscheidung von “Gottähnlich" und "Gottgleich".

 

            Der Wechsel und die Veränderungen im Leben der Völker waren also enorm, und man kann getrost von einem gewaltigen Fortschritt sprechen, wogegen eine Verbesserung im Hinblick auf den sozialen Ausgleich innerhalb der Gesellschaften und die soziale Stellung der Armen, Kranken, Frauen, Sklaven und Leibeigenen auf sich warten ließ oder so gering war, daß sie sich über Zeiträume entwikkelten, die nur in Jahrtausenden zu messen waren.

 

            Überhaupt waren die Frauen der Tradition gemäß, wie in allen alten Kulturen, auch in der weltlichen römisch katholichen Kirche  rechtlos. Sie konnten keine Ämter bekleiden; denn der Glauben und daher die Organsisation waren ganz auf den Mann ausgerichtet. So wie Gott als Gottvater und Christus Männer waren, konnten alle ihre Helfer auch nur Männer sein. Als geringfügigen Ausgleich dafür erlaubte man eine Marienverehrung, die je nach dem Sentiment mancher Völker stark ausgeprägt war und dem allgemeinen Glauben keinen Abbruch tat.

 

            Den eben geschilderten Zustand in der Vergangenheit zu berichten ist eigentlich paradox, sind doch die gleichen Verhältnisse in der katholischen Kirche heute jedem Gebildeten bekannt.

 

            Für die nächsten 1000 Jahre, etwa von 500 bis 1500 n.Chr., verstrich ein Zeitraum, wo nur wenig Fortschritt in bezug auf eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Völker um das Mittelmeer und in Europa zu berichten ist. Das soll allerdings nicht heißen, daß in dieser Zeit Ruhe und Frieden herrschte. Ganz im Gegenteil, man bekämpfte sich wie immer, Reiche wurden zerstört und andere neu gegründet. In diese Zeit fällt auch die große Völkerwanderung, veranlasst durch den Einbruch und das Vordringen der Hunnen aus dem fernen Osten um 375 n.Chr. Dies verursachte eine Verschiebung meist germanischer Stämme aus ihren Siedlungsgebieten im Südosten Europas nach Westen, bis nach Italien, Spanien und Britannien. Als Folge dieser hin und her wogenden jahrhundertelangen Kämpfe, trat eine Auflösung und Umwandlung der meisten Reiche im 6. bis 8.Jh. in neue Formen ein. Diese sollten die Grundlage bilden für die Reiche in Europa, wie wir sie heute kennen.

 

            Trotz dieser wirren Zeiten war die weltliche römisch katholische Kirche - der Ausdruck wurde mit Absicht so gewählt, um die Differenz zwischen den weltlichen und religiösen Aspekten des Glaubens herauszustellen - die einzige öffentliche Einrichtung, die in dem ganzen römischen Reich und seine Nachfolgestaaten in Europa wirkte und eine Art von Stabilität darstellte.

 

            Während die Könige und führenden Schichten der neuen Völker sich zum Christentum bekannten, waren die unterworfenen Landbevölkerungen - manchmal nicht vom gleichen Stamm und gleicher  Sprache - noch Heiden.

 

            Einmal um sie zu bekehren, aber auch um Unterkünfte für die sich zahlreich bildenden Orden zu finden, ließen die Fürsten an wichtigen Stellen in ihren Landen Klöster bauen, die sie mit großem Grundbesitz und sonstigen Privilegien ausstatteten.

 

            Die Klöster wuchsen und breiteten sich sehr schnell aus und manche wurden wie kleine Städte. Sie betrieben selbstständig ihre Landwirtschaft und machten ihre eigenen Geschäfte mit der Umwelt.

Manche wurden berühmt durch ihre Produkte wie Wein, Weinbrände  und Biere, andere durch ihre Gelehrsamkeit und Klosterschulen.

 

            Die Bildung und das Wissen der Mönche, die mit Sorgfalt und viel Zeitaufwand alte Bücher und Manuskripte mit der Hand  abschrieben oder übersetzten, sicherten viele Werke der Antike vor dem sicheren Untergang. Zum Vorteil wirkte sich aus, daß die Umgangssprache der Gebildeten aller Völker im europäischen Raum die Sprache der Kirche war, also Latein, im Gegensatz zu dem Wirrwarr  der vielen Landessprachen und Dialekte.

 

            Dieser Umstand, bis heute nicht mehr oder nur zum Teil durch die englische Sprache erreicht, sollte sich für lange Zeit zum Nutzen für die geistige und wissenschaftliche Entwicklung des Kontinentes auswirken.

 

            An die Spitze eines Klosters berufen zu werden, wurde aber nicht nur eine Frage der religiösen Einstellung oder des Wissens, sondern es wurde auch ein Sonderrecht des Adels, weil unbestritten ein Machteinfluß mit einem solchen Posten verbunden war.

 

     Obschon nicht die  Regel, gab es genau so zu Bischöfen ernannte Adelige, die kaum Lesen und Schreiben konnten und lieber an der Spitze einer reisigen Schar, mit Brüdern und Vettern in den Krieg zogen, anstatt sich der Seelsorge zu widmen. Vor allem, wenn es mal wieder darum ging, den ständig auftauchenden Heidenvölkern aus dem Osten das Christentum mit dem Schwert näherzubringen, denn einen ungläubigen Heiden in die Hölle zu schicken war ein gottgefälliges Werk. Oder man kämpfte auch mal gegen einen anderen christlichen Bruder, darin war man selbst als Christ nicht so zimperlich.

 

            Verköstigung und Bewaffnung wurden aus dem Kirchengut aufgebracht und meist durfte die Kirchengemeinde den größten Teil der Streitmacht stellen. Verständlicherweise sah der Adel im Kirchenfürsten mehr den Standesgenossen als den Geistlichen. 

 

            Das gesamte Kirchengut wurde von den Verwandten als Eigentum ihres Geschlechtes betrachtet, und sie achteten darauf, daß stets ein Mitglied ihrer Familie das Bistum oder Kloster erhielt. Gegen diese Verweltlichung, die das Kirchengut und nicht die Kirchenwürde zum Vorrang erhob, wehrten sich jene Geistliche, die von der Würde und der Aufgabe eines Priesters durchdrungen waren, nur  mit geringem Erfolg.

 

            Wie schon festgestellt, hatte die weltliche römisch katholische Kirche versagt, eines der Prinzipien ihrer Religion, die Gleichheit aller vor Gott, in die Gleichheit aller in den Gesellschaften dieser Welt zu übertragen und sich dafür einzusetzen.  Die Gründe dafür wurden schon erwähnt und es sei hier nochmals mit anderen Worten wiederholt: ihre übereifrige Jenseitseinstellung und die Jenseitserwartungen, die sie ihren Anhängern salbungsvoll predigte, hinderte sie daran, die wahre christliche Verpflichtung zu sehen. Kein Wunder, daß kritische Philosophen späterer Jahrhunderte in Europa dieses Versagen umdeuteten und als abgefeimte Heuchelei und bewußte Verdummung der einfachen Volksmassen durch den Klerus erklärten.               

 

            Dessen ungeachtet hatten die Lehren Christi, sein Leben und Sterben sowie die ganze übrige christliche Thematik einen ungeheuren Einfluß auf den Geist und die Schaffenskraft von Künstlern aller Art in allen Völkern.                                       

            Noch heute betrachten wir ergriffen die Kunstwerke in Stein, von Figuren zu den prachtvollsten Bauten von Domen und Kirchen, können uns nicht satt sehen an Gemälde mit religiösen Motiven oder lauschen erschüttert den Kompositionen großer Komponisten. Die Zahl der die Gefühle aufrührenden Kirchenlieder und Chorale ist Legion. Alles zeugt von der Sehnsucht und dem Drang nach Freiheit, Gerechtigkeit und Erlösung von den Übeln dieser Welt, der allen Menschen innewohnt, besonders aber den unteren Volksschichten.

 

            Wie wir sehen, hatte sich das Christentum fest eingefügt in die soziale Ordnung der Länder jener Zeit und war die einzig anerkannte und geachtete Religion, worüber sie eifersüchtig und manchmal recht unchristlich wachte. Nichts ging im öffentlichen Leben ohne den Segen der Kirche.

 

            Das Christentum, die römisch katholische Kirche war auf dem Zenit ihrer Macht und nicht zuletzt wegen der vorhin geschilderten Zustände wird diese Zeitspanne heute als das dunkle Mittelalter bezeichnet. Wagte jemand anderer Meinung zu sein als die Kirche erlaubte, wurde er mit dem Kichenbann belegt, was das Ende einer Karriere und der Existenz bedeutete. In den meisten Fällen kam dies einem Todesurteil gleich. Oder jemand wurde Exkommuniziert mit ähnlich harschen Folgen und er war mit einem Stigma behaftet, welches ihm sein Leben lang verfolgen sollte. Hexenverfolgungen und Verbrennungen waren Gang und Gäbe, und über Inquisitionsgerichte und ihre Ergebnisse ist schon genug aus andern  Quellen bekannt.

 

            Die Priesterherrschaft der Kirche war wesentlich für das  Vorhandensein und die Existenz der Monarchien; beide konnten nur Überleben, weil sie sich glänzend ergänzten und unterstützten.

 

            Die politische und gesellschaftswissenschaftliche Seite  ihres Anspruches wurde, neben ihrem religiösen Anspruch, erhärtet durch Philosophen wie "Albertus Magnus (1207 - 1280)" oder auch  "Thomas von Aquin”  (1225 - 1274), wobei Thomas von Aquin auf die Gedanken von Albertus Magnus aufbaute. Der Mensch ist für Thomas, wie es auch für Aristoteles war, ein "zoon politkon", ein soziales Lebewesen. Das alleine macht schon eine staatliche Ordnung notwendig.

 

             Mit seinen Worten:”Wenn es nun auf diese Weise dem Menschen natürlich ist, in Gemeinschft mit vielen zu leben, dann muß es auch unter den Menschen etwas geben, wodurch die Vielheit regiert wird. Bei der so großen Zahl von Menschen und bei dem Bestreben des Einzelnen, egoistisch für sein Privatinteresse tätig zu sein, würde die menschliche Gesellschaft nach den entgegengesetzten Richtungen aus den Fugen gehen, wenn niemand da wäre, dem die Sorge für das Gemeinwohl der Gesellschaft obliegt. Gerade so wie der Leib des Menschen und überhaupt jedes lebendige Wesen sich auflösen müßte, wenn nicht eine gemeinsame leitende Kraft im Körper vorhanden wäre, welche auf das gemeinsame Wohl aller Glieder sich richtet."                                                       

 

            Damit begründet Thomas die Notwendigkeit einer sozialen Autorität und da die menschliche Natur, die den Staat notwendig macht, von Gott so geschaffen ist, ist Gott, wie auch die Schrift lehrt, der Urheber der Obrigkeit. Mit diesen von Idealen inspirierten, schöngeistigen Gedanken macht er sich mit zum Fürsprecher der kombinierten kirchlichen und weltlichen Macht in von Gott gesegneten Händen. Als ob das Königstum, also die Monarchien, nicht schon seit zigtausende von Jahren genug Gelegenheit gehabt hätten, ihre positiven Qualitäten zu beweisen mit der Schaffung besserer sozialer Verhältnisse in den von ihnen regierten Völkern; leiteten doch fast all ihren Herrscheranspruch von ihrem jeweiligen Gott her, wer immer es auch war. Oder sollte bei ihm der Gedanke eine Rolle gespielt haben,  wenn schon erzogen werden muß zum Guten, dann ist es einfacher, einen gebildeten Monarchen zu erziehen als eine Masse ungbildeten Volkes, das wie Schafe regiert werden muß?

 

            Falls die Sache mal schief gehen sollte und sich aus dem edlen König ein Tyran entwickelt, empfiehlt Thomas dem Volk mit typisch christlichem Dünkel, Geduld zu haben und für eine Verbesserung zu beten, da eine gewaltsame Veränderung nur noch größeres Übel bringe.

 

            Immerhin bezeichnet er es als eine sittliche Aufgabe des Staates, die Bürger zu einem gerechten und tugendhaftem Leben zu leiten und gönnt ihnen auch äußeren Wohlstand. Da dies jedoch nicht der letzte Zweck des menschlichen Lebens sei, sondern die Erlangung der ewigen Seligkeit, müssen die Priester und voran der Papst in Rom, deren Aufgabe höher sei als die der weltlichen Macht, über diese stehen.                   

 

            Thomas lehrte also eine eindeutige Unterordnung der  weltlichen Gewalt unter der geistlichen und es hat zu dieser Zeit - und auch später noch - zahlreiche Versuche von Päpsten gegeben, genau das - aber erfoglos - zu erreichen. Der Anspruch, daß hohe Würdenträger der Kirche gegen die Versuchungen dieser Welt eher gefeit seien als andere Sterbliche, erwies sich schon damals als eine  Anmaßung, die jeder praktischen Erfahrung entbehrte.             

 

            Die gleiche Anmaßung finden wir im Klerus der Kirche, der da glaubt, soziale Gerechtigkeit werde die Oberhand gewinnen, wenn sozialer Frieden herrsche, das heißt, daß die Sklaven und die  Massen des ungebildeten Volkes, angeleitet durch Frömmigkeit, nicht aufmucken gegen die Willkür und die Verschwendung der herrschenden Schichten, einschließlich der Kirche.

 

XVIII.

Rückblick auf andere Kulturen.

 

            Bevor wir uns weiter mit den Zuständen und der Entwicklung im christlichen Abendland, also Europa, befassen, im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, ist ein kurzer Streifzug durch die beiden anderen, bereits früher erwähnten Kulturkreise, dem indischen und dem chinesischen Kulturkreis, angebracht.

 

            Vorweg kann ganz allgemein gesagt werden, daß trotz der verflossenen Jahrtausende von der Zeit, da sie hier erwähnt wurden, trotz zahlloser Kriege im Innern und am Rande ihrer Berührung mit anderen Kulturkreisen einschließlich des nun christlichen Kulturkreises, und trotz verschiedener neu gegründeter Religionen wie der Mohamedanismus oder Islam im vorderen Orient, des Buddhismus in Indien, des Konfuzianismus - Taoismus in China, sich nichts an der sozialen Ordnung und dem Lebensstandard der Volksmassen geändert hatte. Es gab Blütezeiten und solche des Niederganges im hin und her wogenden Kampf der Interessen, weltlicher wie geistiger. Obschon die neuen Religionsgründer genau wie die vorhandenen alten Religionen und vergleichsweise das Christentum versuchten, durch Glaubenslehren das Edle und Gute in den Menschen anzusprechen im Hinblick auf ein besseres Leben miteinander und ein glorreiches Jensseits.

 

            Was falsch war, und wie es sein sollte, erkannten und predigten sie alle, auch neutrale Philosophen, jedoch entbehrten ihre Vorschläge der Abschaffung dieser Zustände jeder realen Vernunft und Menschenkenntnis. An den feudalen Rangordnungen innerhalb der Gesellschaften wurde nicht gerüttelt.

 

            Besondere Gestalt fand über Jahrtausende das religiöse Denken in China mit den drei Konfessionen Buddhismus,Taoismus und Konfuzianismus. In vielen Punkten voneinander wesentlich verschieden, haben sie im Verlauf der Geschichte oft miteinander gerungen und versucht, sich gegenseitig aus der Gunst der Mächtigen und der Massen zu verdrängen. Es ist aber bisher niemals der einen Glaubenslehre gelungen, die Alleinherrschaft zu gewinnen und sich an die Stelle der beiden anderen zu setzen.

 

            Im Gegensatz dazu gelang es dem Islam sehr schnell, die gesamte arabische und persische Welt bis nach Indien zu ihren Anhängern zu machen und durch eifrige Missionsarbeit große Teile Afrikas, Ägyptens und Völker des Mittelmeerraumes zu gewinnen.    

            Der Expansionsdrang war so stark, daß sie bis nach Spanien vordrangen (711 n.Chr.) und dort nahezu 800 Jahre die Herrschaft   innehatten, bis sie von den Christen verdrängt wurden. Am anderen Ende des Mittelmeerraumes eroberten die islamischen Türken im Jahre 1435 die Stadt Konstantinopel und zerstörten damit das letzte Bollwerk des oströmischen Reiches.                        Sie sollten noch für Jahrhunderte eine Gefahr für Europa und die Christenheit darstellen, eroberten sie doch nach und nach den ganzen Balkan. Sie wurden erst im Jahre 1716, nach erfolgloser  Belagerung von Wien, durch den österreichischen Feldherrn Prinz Eugen, vernichtend zurückgeschlagen und waren von da an keine Bedrohung mehr.

 

XIX.

Die Übel der menschlichen Gesellschaftsordnung.

 

            Damit genug und wir wenden uns wieder dem Abendland zu, welches, im Hinblick auf Geistes - und Naturwissenschaften gegenüber den vorhin genannten Kulturkreisen um einiges voraus war. Diese Vorrangstellung sollte sich im weitern Verlauf von Jahrhunderten zu einer fundamentalen Überlegenheit auswachsen.                                                      

            Ehe wir uns jedoch damit befassen, sei nochmal ein Blick auf das größte Übel der Menschheit und aller Zivilisationen geworfen ohne Ausklammerung, nämlich der Sklaverei und der damit verbundenen und nicht viel besseren Leibeigenschaft.

 

            Wenn man die Skala der menschlichen Gesellschaftsordnungen über die Jahrtausende vergleicht, ergibt sich keine wesentliche Veränderung oder Verschiebung, weder in grauer Vorzeit,der Antike oder der Neuzeit bis ins 19.Jahrhundert hinein in allen Kulturen. Unrecht blieb Unrecht trotz allgemein verbesserter Lebensbedingungen der Masse der Menschen.

 

            Sklaverei und Leibeigenschaft ist die soziale Gutheißung von unfreiwilliger Dienstbarkeit, aufgezwungen durch eine Person oder einer Gruppe von Personen über andere, oder auch, anders ausgedrückt, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die Betonung liegt hier auf  “sozialer Gutheißung". also einer feststehenden und von allen akzeptierten Einrichtung, genau wie das bereits erwähnte und kritisierte erbliche Recht der Könige und der Aristokratie. Daß beides nicht rechtens ist, wurde von der großen Mehrheit der Zeitgenossen nicht erkannt und so kam es zu dem traurigsten Kapitel unserer Menschheitsgeschichte.

 

            Vorhin wurde von einer unfreiwilligen Dienstbarkeit gesprochen; das trifft aber nicht die ganze Härte des Problems. Ein Sklave war persönliches Eigentum seines Herrn, der nach Belieben und Gutdünken über Leben und Tod entscheiden konnte.

 

            Sklave werden konnte man, wie bereits erwähnt, als Kriegsgefangener, oder zahlungsunfähige Schuldner wurden von ihren Gläubigern in die Sklavrei verkauft. Sklaven wurden gehandelt wie jede andere Ware, und Kinder von Sklaven waren selbsverständlich auch zur Sklaverei verurteilt. Eltern verkauften ihre Kinder um Schulden zu bezahlen und Stammeshäuptlinge ihre Untertanen.          

            Besonders schwer hatten Frauen und Mädchen in der Sklaverei zu leiden, aus verständlichen Gründen, die nicht näher beschrieben werden müssen.

 

            Obgleich Sklaverei in ihren vielseitigen Formen eine fast universelle Einrichtung war, oder besser gerade darum, wurde wenig oder so gut wie keine Opposition von namhafter Stelle gegen sie erhoben.

 

            Da waren hier und da natürlich Verurteilungen von Ausschweifungen und Versuche zur Abhilfe des Mißbrauches, jedoch die Existenz ihrer Einrichtung wurde nicht angetastet, bis zu Beginn der

Antisklavereibewegungen am Ende des 16. und dem Anfang des 17.  Jahrhunderts.

 

            Auch die offizielle weltliche römisch katholische Kirche glänzte mit Abwesenheit von Streitschriften und Predigten gegen das Übel der Sklaverei; sagte doch St. Anselm im 11. Jahrhundert, daß es natürlich sei, daß Kinder, geboren von Sklaven, dem gegenwärtigen Zustand der Eltern zu folgen hätten und der bereits genannte Thomas von Aquin (1225 - 74), der große Kirchenlehrer sagte, das Sklaverei eine von den unvermeidbaren Folgen von Adams originaler Sünde sei.        

 

            Und als später durch Spanien, in der neu entdeckten Welt, die Sklaverei eingeführt wurde, anerkannte die römisch katholische Kirche ausdrücklich die Rechtsgültigkeit dieser Maßnahmen, obschon einige ihrer eignen Missionare große Anstrengungen machten, die schwersten Folgen zu mildern.

 

     Das Verhalten anderer christlicher Kirchen war nicht verschieden von dem der römisch katholischen Kirche. In den späteren Jahrhunderten war bei den meisten der sogenannten Ketzer - oder abtrünnigen Kirchen christlicher Prägung die Sklaverei anerkannt und ebenfalls die Ostkirche, oder die griechische Kirche, die sich nach andauernden Streitigkeiten von der römischen Kirche trennte, übernahm ohne Widerspruch die Sklaverei. Selbst die Reformation brachte keine Änderung in der Haltung zur Sklaverei. Ob Lutheraner, Anglikaner oder Presbyterianer, sie alle akzeptierten sie als eine Tatsache aus purer Gewohnheit.

 

            Jedoch, wie später noch berichtet wird, waren von religiösen Gefühlen inspirierte reformatorische Sekten, wie die “Quäker", tonangebend im Kampf gegen die Sklaverei und in der Antisklavenbewegung.

 

            Hier und da, schon in grauer Vorzeit und auch im griechischen und später römischen Altertum, kam es zu Sklavenaufständen, die aber aus Mangel an Führung und Organisation begrenzte Revolten blieben, brutal niedergeschlagen und ohne das soziale Gefüge der Umwelt zu erschüttern, ganz zu schweigen zu ändern.

 

            Es ist unverkennbar unmöglich, die Stellung des Sklaven in den einzelnen Gesellschaften und zu den verschiedensten Jahrhunderten zu verallgemeinern. Die Tatsache, daß Sklaverei allgemein anerkannt war als eine normale Einrichtung, machte, so absurd es auch klingt, die Beziehung zwischen Sklaven und ihren Herren einfach.

 

            Sklave zu sein wurde als ein Mißgeschick betrachtet und  nicht als eine Ungerechtigkeit und ein Sklave fühlte keinen Groll gegen seinen Herrn, solange er menschlich behandelt wurde.                                                     

            Obgleich Sklaverei merkbar im Niedergang begriffen war am Ende des weströmischen Reiches, verschwand sie nicht vollständig in West- und Zentraleuropa, und obgleich sie nicht mehr die Wichtigkeit erreichte wie in Rom zur klassischen Zeit, gab es Zeiten, wo die Einrichtung wieder auflebte, vor allem in den Wirren der Völkerwanderung. Die Bekehrung der zahlreichen Könige zum Christentum machte keinen Unterschied in dieser Hinsicht, da, wie wir wissen, die weltliche römisch  katholische Kirche die Sklaverei nicht verurteilte.

 

            Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert war nochmal ein Ansteigen von Sklaverei zu verzeichnen, wobei reiche und gottesfürchtige Leute den Kirchen und Klöstern Sklaven vermachten. Nur auf das kontinentale Europa bezogen sank die Bedeutung der Sklaverei ständig und obschon man keine genaue Zeit angeben kann, war sie im 13. Jahrhundert fast vollends verschwunden und abgelöst durch die Leibeigenschaft in den feudalen Systemen. Wenn sie auch verschwunden war, offiziell verboten war sie nicht, was die Eingeborenen der von den europäischen Staaten vereinnahmten Kolonien später zu fühlen bekamen.

                                                  

            Jedoch war die Situation im Osten und Süden des Mittelmeeres anders als in Europa, wurde doch die Sklaverei im  oströmischen Reich bis zum Fall von Konstantinopel durch die Türken (1453) gehandhabt wie eh und je und sollte auch danach nicht ihr Ende finden. Irgendwie gab das Aufkommen des Islam eine neue Triebkraft zu der Einrichtung der Sklaverei durch die nachfolgenden islamischen Eroberungskriege in Asien, Arabien, Nord-Afrika und östliches sowie südliches Europa.

 

            Mohammed fand die Sklaverei als eine feste Einrichtung vor, als er seine Lehren predigte in den ersten Jahren des 7. Jahrhunderts n.Chr., und seine Ansicht über sie war gleich der der christlichen Kirche; ohne sie zu verdammen lehrte er, daß Sklaven  menschlich behandelt werden sollten und daß die Freilassung eines Sklaven ein gottgefälliges Werk sei.

            Es ist jedoch wert festzustellen, daß Sklaverei in muselmannischen Ländern, mehr aus Gewohnheit als mit Absicht, immer unterschiedlich war gegenüber solcher in Rom oder später in den durch die Europäer entdeckten und kolonisierten Ländern Nord- und Südamerikas.

 

            Große Gruppen von Sklaven, welche auf Baumwollfeldern oder Zuckerplantagen arbeiteten, desgleichen in Industrien und im Bergbau, gab es nicht in der islamischen Welt. Dafür waren sie gehalten, in den Haushalten der Reichen zu arbeiten und wurden meist gut behandelt nach dem Gebot des Koran. Allseitig bekannt und beschrieben ist das Schicksal von weiblichen Sklaven, die im Harem gehalten wurden als Konkubinen für ihre Herren.

 

            Nachdem die Portugiesen etwa um 1442 als Erste begannen, Negersklaven von ihren Entdeckungsfahrten entlang der westafriknischen Küste heimzubringen und vor allem, nach der Entdeckung der neuen Welt durch Kolumbus im Auftrage Spaniens (1492), und der Kolonialisierung derselben, stieg der Bedarf an Sklaven enorm. Nicht nur wurden die Eingeborenen versklavt, sondern als Folge davon entstand ein weit ausgedehnter Handel von Negerklaven und er blühte für mehr als 3 Jahrhunderte, hauptsächlich beherrscht abwechselnd von Portugal, Spanien, Holland, Frankreich und England. Wie bekannt, wurden die Sklaven in Afrika  aufgebracht, um dann in der neuen Welt verkauft zu werden; sie wurden nicht in den europäischen Ländern gehandelt.

 

            Trotz der Härte und der Unmenschlichkeit des Sklavenhandels dauerte es bis zum 18. Jahrhundert, ehe in Europa, als Folge der einsetzenden Aufklärung, vernünftige und sich der Sache annehmende Denker und Philosophen die Sklaverei kritisierten wegen ihrer Verletzung der Menschenrechte. Ehrfürchtige und zumeist evangelisch religiöse Gruppen verurteilten sie ebenfalls für ihre unchristlichen und brutalen Eigenschaften. Besonders taten sich in Großbritannien und Nordamerika die bereits erwähnten Quäker hervor, als Vorkämpfer gegen die Sklaverei.                                    

 

            Ohne auf das für und wider des ganzen Gerangels näher einzugehen sei festgestellt, daß am Ende des 18. Jahrhunderts die moralische Verwerflichkeit der Sklaverei weit verbreitet war und als Folge davon, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach und nach die verschiedensten Länder, den Handel und die Haltung verboten.

 

            So verbot Großbritannien die Sklaverei in seinen Kolonien im Jahre 1807,die Franzosen im Jahre 1816, Spanien im Jahre 1817, die Portugiesen im Jahre 1823 und schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1863. Weiter folgten Kuba zwischen 1880 - 1886 und Brasilien im Jahre 1888.

 

            Diese Jahreszahlen bedeuten selbstverständlich nicht, daß  die Sklaverei damit schlagartig verschwand. Sie sollte sich noch in den verschiedenen Ländern und vor allem deren Kolonien für Jahrzehnte hinziehen, bis sie beendet war. Vor allem wegen der Entschädigung der Sklaveneigentümer entbrannten heiße parlamentarische Kämpfe.

 

            “Die Rechte zur Entschädgung der Sklaven standen nie zur Debatte."

 

            Damit war der Sklaverei so gut wie ein Ende gesetzt in dem Einflußbereich der  europäischen Länder und deren Kolonien, zuzüglich der Vereinigten Staaten. Jedoch blühte sie weiterhin in der arabischen Welt, Iran, Türkei und andere östlichen Ländern.

 

            Dem Mangel an Kriegsgefangenen wurde abgeholfen durch regelrechte Sklavenjagden unter den Negern in Afrika, in den Becken von Nil und Kongo.

 

            Der Welt wurde bekannt, daß hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern regelrecht gejagt wurden wie Tiere. Nur die Gesunden wurden gefangen genommen, während man die Verletzten und Kranken zurückließ, jeder Überlebenschance beraubt. Weitere tausende der Gefangenen verendeten elendig auf dem Transport durch die afrikanische Wildernis oder während des Seetransportes.

 

            Diesmal war es die britische Regierung, welche sich offiziell dafür einsetzte, diesen unwürdigen Zustand abzuschaffen, obschon sie selbst nicht ganz saubere Hände hatte. Als Weltmacht, die sie zu dieser Zeit war, ergriff sie die Initiative zu Verhandlungen mit den in Frage kommenden Ländern, oder übte auch, mittels ihres großen Einflusses den sie besaß, Druck aus auf dieselben mit dem Ergebnis, daß in den verschiedensten Tagungen Verträge erarbeitet wurden, die den Sklavenhandel und die Sklaverei in dieser Zone der Welt abschafften.

 

            Eines der letzten Länder war Äthiopien, welches im Jahre 1942 die Sklaverei verbot und das Gleiche wurde beschlossen in der Genfer Konvention der Vereinigten Nationen im Jahre 1956, welche über den Begriff der Sklaverei hinaus alle zwangsartige Dienstverhältnisse einschloß.

 

XX.

Über die Leibeigenschaft.

 

            Und damit kommen wir zu einer bereits erwähnten Abart der Sklaverei, der Leibeigenschaft. Sie existierte zum Teil parallel mit der Sklaverei oder als Nachfolge derselben und bot sich als ein willkommener Ersatz den Reichen und Mächtigen an. Genau wie die Sklaverei eine in den Sozialordnungen der Zivilisationen gesetzlich festgefügte Einrichtung war und nicht nur der Willkür einzelner Personen, Gruppen oder Klassen entsprang, war auch die Leibeigenschaft mit allen ihren verschiedenen Erscheinungsformen gesetzlich verankert.

 

             Im Gegensatz zum Sklaven, der nur ein Werkzeug seines Eigentümers war zur Produktion von Gütern und Schaffung seines Reichtums, und der von ihm mit Nahrung, Bekleidung und Wohnung versorgt wurde, wie dürftig auch immer, versteht man unter einem Leibeignen hauptsächlich einen Landarbeiter, der, zwar unfrei und seinem Eigentümer verpflichtet, für seinen eignen Unterhalt  sorgt.

 

            Er war, wie gesagt, von seinem Eigentümer abhängig, was  meint, daß der wesentliche Ertrag seiner Erzeugung kostenlos an den Lehnsherren ging. Wechselweise oder zusätzlich war er gezwungen, für seinen Herrn Land zu bearbeiten, welches dieser nicht  verpachtet hatte an freie Bauern.

 

            Die Bezahlung von Miete mit Geld, Naturalien oder Arbeit war nicht das wesentliche Zeichen der Abhängigkeit des Leibeignen; denn Pacht oder Miete bezahlte auch der freie Mann. Das wahre Kennzeichen war der Mangel an Freiheit, den Ort seiner Arbeit für sich und seine Familie selbst nach Gutdünken zu bestimmen und der Bedingung, über das von ihm bearbeitete Land nicht frei durch Verkauf verfügen zu können.

 

            Eine andere Art von Leibeigenschaft, wenn man sie so nennen will, war die Kreditabhängigkeit des Landarbeiters von seinem Landbesitzer oder, wenn auch weniger verbreitet, die des Handwerkers von einem skrupellosen Händler. Die Abhängigkeit bestand im wesentlichen darin, daß der Betroffene aus Armut und Not gezwungen war, ein Darlehen aufzunehmen, welches er durch Verdingung seiner Arbeitskraft oder durch Verkauf seiner Erzeugnisse abzubezahlen suchte. Da er aber weiterhin Auslagen hatte um zu existieren mit seiner meist großen Familie, mußte er notgedrungen weiter Schulden machen und kam so nie in den Genuß, seine Schuld ganz abzutragen.

 

            Außer in Europa, wurde diese beschriebene Abhängigkeit sehr stark in Mittel - und Südamerika gehandhabt und im Süden der Vereinigten Staaten, als Ersatz für die Aufhebung der Sklaverei.

 

            Leibeigenschaft, genau wie die Sklaverei, war eine schon in alter Zeit weit verbreitete Einrichtung, doch läßt sich schwer eine Entwicklung von der einen Form zur anderen oder umgekehrt geschichtlich verfolgen. Die Chinesen kannten sie wie die alten  Ägypter und sie war ebenso im antiken Griechenland bekannt wie später im römischen Weltreich.

 

            Genau wie die Sklaverei, war sie erblich und konnte nur durch die Gnade des Herrn gesetzlich aufgehoben werden und genau wie diese, war sie eine gesetzlich verankerte, von allen führenden Schichten anerkannte Einrichtung, die nur durch Gesetze wieder aufgehoben werden konnte.

 

            Die Leibeigenschaft im mittelalterlichen und auch moderenen Europa war eine komplizierte soziale Ordnung, welche in ihrer  Form wechselte je nach den verschiedenen Umständen. Sie erfuhr ihre größte Verbreitung unter den feudalen Systemen, die nach dem Untergang des weströmischen Reiches überall in Europa aufkamen und löste, wie schon erwähnt, in manchen Fällen die Sklaverei ab.

 

            Langsam machte sich jedoch auch hier ein Wandel zum Besseren für den Leibeigenen bemerkbar. Vor allem im westlichen Europa waren die wirtschaftlichen Bedingungen im 14.Jahrhundert vorteilhaft, um die Leibeigenschaft durch verbesserte Verträge zwischen Grundbesitzer und Bauern zu mildern. Es reichte allerdings nicht aus und es kam zu Aufständen im 14. und 15. Jahrhundert in England, Frankreich, Italien und Spanien und sie erreichten ihren Höhepunkt mit den Bauerkriegen in Deutschland zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Als direkte Folge davon waren die gesetzgebenden Gewalten gezwungen, weitere vorteilhaftere Besitztitel dem leibeigenen Bauern zuzugestehen und es wurde mehr eine private Abmachung zwischen Landbesitzer und Leibeigenen als eine allgemeine soziale Einrichtung.

 

            Was immer für gesetzliche Vorrechte Grundeigentümer gehabt haben mögen über ihre Pächter oder Landarbeiter innerhalb ihres Bereiches von Zuständigkeit, praktisch genommen waren die meisten keine Leibeigenen mehr und besaßen das Recht, den Ort ihrer Arbeit nach Gutdünken zu wechseln und die Bedingungen eines neuen  Pachtverhältnisses vertraglich frei auszuhandeln, anstatt an Gewohnheitsgesetze gebunden zu sein.   

           

     Sie waren nicht nötigerweise wirtschaftlich besser gestellt  als in der Zeit der Leibeigenschaft, jedoch ihr Rang in der Gesellschaft richtete sich eher nach ihrer wirtschaftlichen Stellung als nach der legalen Einordnung ihrer Besitzungen oder ihrer Person.

 

            Das war in Europa. Dagegen war es in Rußland wesentlich anders. Ein herausgegebener Zarenerlaß - UKAS - im Jahre 1597, befahl die Rückschaffung aller geflüchteten Bauern auf die adeligen Güter. Dies war das Signal für den tatsächlichen Beginn der bäuerlichen Leibeigenschaft in Rußland, die erst im Jahre 1861 wieder aufgehoben werden sollte. So um 1721 gegründete Manufakturen auf dem Lande wurden ebenfalls mit Leibeigene betrieben. Wegen sozialer Spannungen kam es mehrfach zu Bauernaufständen, die aber  blutig niedergeschlagen wurden.

 

            Mit dem Auslaufen des 18., und zu Beginn des 19. Jahrhunderts war auch die moralische Verwerflichkeit der Leibeigenschaft  in all ihren Formen, allgemein in allen Kreisen der Bevölkerung anerkannt, genau wie die Sklaverei, und sie verschwandt teilweise von selbst, ohne staatliche Eingriffe, in den meisten Ländern Europas wie geschildert, oder sie wurde durch Gesetz aufgehoben.

 

            Wie nicht anders zu erwarten, war es auch diesmal wie sonst immer; fortschrittlich und weitsichtig eingestellte Kräfte, welche die Unhaltbarkeit der Zustände und ihr soziales Unrecht erkannten und sie zu ändern oder abzuschaffen suchten, rangen mit den Konservativen, die am liebsten alles so belassen wollten, wie es war.

 

            Und unter welcher Gesellschaftsschicht diese Kräfte zu suchen waren, die sich mit allen Mitteln gegen eine Veränderung der Verhältnisse sträubten, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung.

 

            So wurde in den habsburgischen Landen die Leibeigenschaft im Jahre 1781 aufgehoben, während als erster deutscher Fürst, der Markgraf Karl Friedrich von Baden, im Jahre 1783 nachzog.

 

            Gleichzeitig mit den Reformen in Preußen zur Überwindung der napoleonischen Herrschaft, wurde auch die Leibeigenschaft durch Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein und Karl August Freiherr von Hardenberg abgeschafft.

 

            Auch hier, genau wie mit der Sklaverei, war eine formelle Aufhebung der Leibeigenschaft nicht gleichbedeutend mit ihrem Ende, vor allem wenn man den Kreis weiter zieht als nur die bäuerliche Leibeigenschaft, die nur einen Teil der möglichen Varianten der ausbeuterischen Abhängigkeit des Menschen von Menschen war. Man denke nur an die Verwerflichkeit des Mädchenhandels für die Prostutitiom in Bordellen. Daß somit beide Probleme nicht ihr Ende gefunden hatten, beweist die Tatsache, daß der Völkerbund im Jahre 1926 die Beschlüsse der internationalen Konferenz gegen die Sklaverei für alle ihre Mitglieder annahm und sich auch die UNO noch im Jahre 1956 wie erwähnt, damit befassen mußte.  

 

            Was für eine traurige Bilanz und wahrhaftig kein Ruhmesblatt in der jahrtausende langen Menschheitsgeschichte!  Wenn gesagt  wird, daß der Wert und die Würde einer Gesellschaft danach beurteilt wird, wie sie ihre schwächsten Glieder behandelt, können wir nur mit Scham auf diese Zeit blicken.

 

            Ob der Glanz und die Glorie der sogenannten Großen und Helden der Geschichte, die einzigen die in Geschichtsbüchern erwähnt und gepriesen werden, deren Wirken als große Persönlichkeiten, als “die bewegenden Kräfte der Weltgeschichte" dargestellt werden, und von dem wir uns heute leichtgläubig staunend und oberflächlich denkend blenden lassen, all das Elend und Leid von millionen und abermillionen Rechtlosen aufwiegt, kann mit Recht bezweifelt werden.

 

            Und daß diese Ausbeutung offiziell bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dauern konnte und in Abwandlungen hier und da noch heute andauert, ist eine Schande für alle Kulturen und Zivilisationen dieser Welt.  

XXI.

Christliche Vefehlungen.

 

            Wenn man von dem bereits erwähnten “dunklen Mittelalter" spricht, kommt man nicht umhin, von der Inquisation zu berichten, die im 12. Jahrhundert unter Papst Innozenz III ihren Anfang nahm. Sie war ein geistliches Gericht, zur Verfolgung und Unterdrückung der vom sogenannten "Wahren Glauben" abgefallenen Gläubigen, die Ketzer genannt wurden. Allen voran war es die Sekte der Waldenser und dann die nach der französischen Stadt Albi benannten Albigenser Sekte der Katharer, die vor allem in den oberen Schichten ihre Anhänger fand.

 

            Aus dem Orient kommend, faßte sie Fuß auf dem Balkan, in Oberitalien, in Frankreich und am Niederrhein. Ihre Verbreitung erreichte für die römische Kirche ein gefährliches Maß, waren ihr doch ein großer Teil der  Geistlichkeit und selbst Bischöfe verfallen. Nachdem Verdammungen durch das Laterankonzil von 1179 und belehrende Predigten erfolglos blieben, und nachdem ein päpstlicher Legat ermordet wurde, rief Innozenz III zum Kreuzzug gegen

sie auf.

 

            Nach blutigen, wechselweise erfolgreichen Kämpfen, gelang es der von Innozenz III geschaffenen Inquisation, die Ketzerei auzurotten. In dem Ort Montpellier wurden im Jahre 1245 alleine 200 der Katharer verbrannt. Bis auf kleine Zirkel, hinter denen aber keine großen Herren oder gar hohe Geistliche standen sondern nur einfaches Volk, hatte die Ketzerei ihre Bedeutung verloren. Was blieb war die Inquisation, die unter der Leitung der Dominikaner, zeitweilig auch der Franziskaner, den Geist der Unduldsamkeit in Europa, besonders in Spanien, in den folgenden Jahrhunderten zum Fürchten verbreitete. Bei einem Inquisationsverfahren traten die Vertreter der Kirche nur als Richter auf, die Henkersarbeit wurde den weltlichen Behörden überlassen, was meist das Verbrennen der Verurteilten bedeutete.      

 

            Es waren nicht nur Glaubensgegner oder Zweifler, die der Bannfluch traf sondern auch Vertreter der Intelligenz und Wissenschaft, die Thesen aufstellten, welche der Kirche nicht genehm waren. So entging der große Gelehrte Galileo Galilei nur knapp dem Feurtod durch Abschwörung vor seinen Inquisatoren. Er hatte die These des Nikolaus Kopernikus unterstützt, welcher als erster erkannte, daß die Erde nur ein Planet unter vielen ist und sich bei gleichzeitigem Drehen auch um die Sonne bewegt.

 

            Bekannt und berüchtigt sind auch die vielen Hexenprozesse, deren Opfer meist alte und junge Frauen waren. Man warf ihnen vor, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und, nach den abergläubigen Vorstellungen jener Zeit (?), über gefährliche Zauberkräfte zu verfügen.

 

            Keine Statistik hat je festgehalten, wieviele Frauen geopfert wurden und überhaupt, wieviele Unschuldige insgesamt diesen gräßlichen Tod sterben mußten.

 

XII.

Kriege und Friedenszeiten.

 

            Verlassen wir dieses unerfreuliche Thema und wenden wir uns wieder dem allgemeinen Geschehen zu. 

            So wie das Zustandekommen einer Rangordnung innerhalb einer Gruppe von Menschen bis hin zu zivilisierten Völkern mit der Hackordnung erklärt werden kann, die unaufhörlich in Aktion ist, Schwaches unterdrückt und Starkes mit Macht und Reichtum belohnt, so haben auch die einzelnen Völker als Einheiten seit Urzeiten einen ständigen Machtkampf geführt. Meist ging es um die Vorherrschaft in ihrem von der Natur zugewiesenen Lebensraum, manchmal durch Kampf, sich anderswo bessere Verhältnisse suchend. Siehe die Völkerwanderungen im 4. und 5. Jahrhundert n.Chr.

 

            Zu der jetzt zur Debatte stehenden Zeit, so um das 13. und 14. Jahrhundert, waren die Völker in Europa - Ost und West -, sowie in Vorderasien so angesiedelt, wie wir es heute kennen. Dagegen waren die Landes - und Staatsgrenzen einem stetigen Wandel durch Fehden und ausgewachsene Kriege um die Vorherrschaft unterworfen, wobei die weltliche römisch katholische Kirche ganz schön mitmischte.

 

            Ab und zu gab es auch verhältnismäßig friedvolle Zeiten. die zum Aufblühen von Handel und Gewerbe führten. Am schlimmsten waren die Zeiten von Unruhe und Zerstörung für das Landvolk, die sehen mußten wie sie sich selbst halfen; denn keiner linderte ihre Not. Immer und wie eh und jeh, hatte der kleine Mann zu leiden unter der Last der Verwüstungen, wenn die feindlichen Heere durchs Land zogen, gleich ob die Könige gegeneinander Krieg führten, deren Söhne gegen den Vater, die Brüder untereinander, die unzufriedenen Grafen gegen ihren Herrscher, die Ritter gegen einen Nachbarn, die Bischhöfe gegen weltliche Herren oder gegen einen unbotmäßigen Abt. Wie man sieht, hat es auch damals an Gründen nicht gefehlt, sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen.

 

            Wegen verwüsteter Äcker, der Lebensgrundlage der Landbevölkerung und der Gefahr, sinnlos erschlagen zu werden, flüchtete diese in die Wälder oder die Männer verließen Haus und Hof, um bei den kampfentschlossenen Großen Kriegsdienste anzunehmen.

 

            Die Kirche stand zwischen dem herrschenden Adel und der breiten Bevölkerung, sofern sie nicht mitmischte. Obschon sie in den bisherigen Ausführungen nicht gut weggekommen ist, muß der Gerechtigkeit wegen zugegeben werden, daß die große Mehrheit ihrer Führung und vor allem der Anhänger, nach den Geboten und Lehren Christi, so wie sie diese verstanden, zu leben und zu handeln versuchten.

 

            So lasteten auf ihr nicht unerhebliche Pflichten, hatte sie doch außer den seelsorgerischen auch eine Reihe von weltlichen Aufgaben. So wurden fromme Pilger, die um Vergebung ihrer Sünden zu Wallfahrtsorten strömten, von den Klöstern beköstigt und beherbergt. Kinder wurden unterrichtet, weniger im Lesen und Schreiben als in handwerklichen und landwirtschaftlichen Fertigkeiten. Soweit ihr Vermögen ging, sorgte die Kirche für Alte und Kranke und der Altar bot sogar dem Verfolgten vor seinen gewalttätigen Feinden Schutz.

 

            Die geistigen Kräfte waren in der vergangenen Zeit auch nicht untätig geblieben. Es regten sich die Spannungen zwischen Glauben und Wissenschaft, die das Band zwischen beiden zerschneiden sollte, gleichzeitig aber die Voraussetzung schaffte für das Freiwerden und Wirken unerhört neuer Kräfte, sowohl im Glauben wie in Wissenschaft und Philosophie. Die Forderung nach einer Wissenschaft und Philosophie, die sich unter Zurückweisung jeder anderen Autorität allein auf unmittelbare Erfahrung und Beobachtung der Natur gründete, war der Fanfahrenstoß, der das gewaltige Drama der Entfaltung moderner abendländischer Naturwissenschaft einleitete.

 

            So haben wir hier keimartig schon die meisten der Charakterzüge vor uns, deren Hervortreten das Wesen dieser Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit ausmachte und die alles folgende europäische Denken beeinflussen sollten wie: Individualismus oder hohe Wertschätzung der freien Einzelpersönlichkeit, eine Wissenschaft, die sich alleine auf Vernunft und Erfahrung aufbaut, Weltlichkeit und nicht geistlicher Charakter des Denkens.

 

            Drei große Erfindungen, die im 15. und 16. Jahrhundert gemacht wurden, sollten sich als erfolgreichste Ereignisse dieser Zeit auswirken und das Antlitz Europas radikal verändern.

           

     Da war zunächst die Erfindung des Kompasses, der das Befahren der Weltmeere ermöglichte und damit das Zeitalter der Entdekkungen einleitete.

 

            Bezeichnend ist die Wiederentdeckung und Einführung des  Schießpulvers, den Chinesen schon seit Jahrhunderten bekannt und nur zur Volksbelustigung verwendet, welches die erfindungsreichen Europäer sofort für kriegerische Zwecke einsetzten. Es sollte die beherrschende Stellung des Rittertums in der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung bis ins Mark erschüttern und eine durchgreifende soziale Umgestaltung einleiten.

 

            Und dann war da als Drittes die Erfindung der auswechselbaren Buchstaben beim Buchdruck, welches das mühselige Schnitzen ganzer Buchseiten aus Holz erübrigte.

 

            Zusammen mit der Verbreitung des billigen Papiers, durch die Kreuzzüge in Europa bekannt geworden, war die Voraussetzung geschaffen für die bis dahin unbekannte Breitenwirkung der nun einsetzenden neuen Geistesbewegungen.

 

            Die nun schlagartig einsetzenden Entdeckungen auf geographischem Gebiet, sollten sich ebenfalls folgenreich auswirken. Auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien, entdeckte Christoph  Kolumbus ungewollt die neue Welt im Jahre 1492 jenseits des Atlantik. Der Seefahrer Vasco de Gama fand später im Jahre 1497 den richtigen Seeweg nach Indien und der Portugiese Fernäode Magalhäes vollbrachte die erste Umseglung der Erde, bei der er auf den Philippinen, bei Kämpfen mit den Eingeborenen, im Jahre 1521 den Tod fand.

 

            Durch diese Entdeckungen wurde die europäische Expansion über den größten Teil der Erdoberfläche eingeleitet und sie führten dazu, daß sich die Zentren des wirtschaftlichen Reichtums, der politischen Macht und auch der geistigen Kultur, immer mehr in die westeuropäischen Anliegerstaaten des Atlantischen Ozeans verlagern sollten.

 

XXIII.

Über die Reformation.

 

            All die vorhin genannten Ereignisse verursachten auch ein neues Überdenken der alten, überlieferten religiösen Dogmen. Die weltliche gelehrte Welt und selbst aufrichtige christliche Theologen, besonders die Deutschen, erkannten die Reformbedürfigkeit der katholischen Kirche mit einer Kritik, die oft die Form einer Satire annahm. Sie hofften, daß es gelingen werde, die Kirche ohne Bruch mit der Tradition, von innen heraus zu reformieren. Jedoch wurde dadurch nur eine gelehrte Minderheit erfaßt; das gewaltige religiöse Bedürfnis der Massen, welche in der öffentlich geübten Praxis der Kirche ebensowenig Genüge fanden wie in der gelehrten Theologie, wurde keineswegs befriedigt.

 

            Im Jahre 1571 schlug Martin Luther, ein Augustinermönch und Theologieprofessor, an der erst wenige Jahre zuvor gegründeten Universität Wittenberg seine berühmten 95 Thesen an die Kirchentür derselben Stadt. Er war kein Philosoph, überhaupt kein Wissenschaftler und systematischer Kopf, sondern ein von inbrünstiger Religiösität erfüllter und nach den Impulsen dieser Gefühle handelnder Mensch. Durch den Anschlag der Thesen und sein standhaftes und unerschütterliches Eintreten für seine Überzeugung,  löste er eine Bewegung aus, die mit der Spaltung der abendländischen Christenheit endete. Blutige Auseinandersetzungen und ein 30 Jahre währender Krieg auf dem Boden Deutschlands waren die Folgen.

 

            Daß sich ein Einzelner gegen die beiden Gewalten des Mittelalters, Papst und Kaiser, zu behaupten vermochte, war nur möglich, weil sich die geistigen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse zu Beginn des 16. Jahrhunderts verändert hatten. Wann  “das Mittelalter" aufgehört hat, ist unwesentlich. Die Reformation gewann so rasch an Boden, weil der Geist des Mittelalters bereits zerbrochen war.  

 

            Überhaupt hatte der christliche Glaube, erschüttert durch immer mehr umsichgreifende Verweltlichung, verbitterte Zwietracht und Uneinigkeit, sich im 17. Jahrhundert mit der Tatsache abzufinden, daß in den neu entdeckten Ländern jensseits der Ozeane Menschen in Unbescholtenheit, Sittlichkeit, Frömmigkeit und Ehrfurcht lebten, ohne die Segnungen der christlichen Religion zu kennen.

 

            Das Bildungsmonopol der Kleriker war längst gebrochen und  als Folge der geistigen Unruhe sollte auch in den folgenden  Jahrhunderten die weltliche Macht der Kirche und ihr Einfluß mehr und mehr zurückgedrängt werden, bis es inn neuester Zeit zur völligen Trennung von Kirche und Staat in den meisten Ländern kommen sollte.

 

XXIV.

Üer den Begriff Gesellschaft, Staat und Nation.

 

            In die erwähnte Zeit fallen auch die ersten Versuche der zu Reichtum und Ansehen gekommenen Städte und Nobele, ihren Landesfürsten oder Königen die alleinige absolute Macht streitig zu machen. Es bildete sich unter dem gebildeten Mittelstand sowas wie eine Staatsidee, gefördert durch die Schriften aufrührerischer Philosophen. Der Glaube an ein göttliches Recht zur Macht im Staate - am eifrigsten von allen Religionen vertreten und mit die Grundlage des Feudalismus - wurde angezweifelt. Zwei Begriffe wurden unterschieden bei dem Ausdruck "Staat", nämlich "Gessellschaft"  und  "Nation".

 

            Die freie Vereinigung von Menschen in Familien sowie in sozialen und kulturellen Gruppierungen kennzeichnen eine Gesellschaft - Society -; diese Gruppen liegen großenteils außerhalb politischer Kontrolle.

 

            Die Nation dagegen ist genau genommen eine Einheit der Gesellschaft mit gemeinsamer Sprache, Kultur und Tradition, welche manchmal, aber nicht immer, mit der Staatsgrenze zusammenfällt.

 

     Ein Staat ist ein freiwilliger oder erzwungener Zusammenschluß von mehreren Gesellschaften und Nationen, oder Teile davon, je nach den politischen Verhältnissen. Wer die  Staatshoheit, das heißt, die Gesamtheit der dem Staat zustehenden Rechte ausübt, darüber stritten sich die Geister. Man wollte nicht mehr regiert werden sondern mitregieren. Dazu wurde aber eine Institution benötigt, und man fand sie in dem, was wir heute als “Das Parlament" kennen.

 

            Ihren Ursprung hatte diese Einrichtung in der aus alter Zeit übernommenen Tradition der Könige oder Herrscher. Zeitweilig abhängige Fürsten und kirchliche Würdenträger wurden zur Hofhaltung einberufen, um mit ihnen Fragen der Regierung oder feudale Angelegenheiten zu besprechen. Meist fanden solche Versammlungen statt, wenn sich besondere festliche Gelegenheiten boten von kirchlicher oder weltlicher Art.

 

            Die Versammlungen wuchsen in ihrer Wichtigkeit, gewannen an Bedeutung und der Kreis der teilnehmenden Magnaten nahm ebenfals zu, sodaß festangestellte Berater am königlichen Hof benötigt wurden, um die immer wieder auftauchenden Rechtsfragen im Sinne des Königs zu lösen.

 

            Selbstverständlich waren die Teilnehmer dieser Parlamente nicht von irgendjemand gewählt als Interessenvertreter, sondern  nur berufen durch die Gnade des Herrschers. Es sollten noch mehrere Jahrhunderte vergehen und blutige Auseinandersetzungen ausgefochten werden, ehe man von Parlamenten, wie sie heute in den  meisten Staaten üblich sind, sprechen kann.

 

            Sehr früh in der Zeit und als Erster überhaupt, benuzte diese Plattform im Jahre 1215 der Erzbischof von Canterbury mit  zeitgenössigen Nobeln, durch einen erzwungenen Kompromiß mit dem allgemein unpopulären König John, ihm die "Magna Charta Libertatum" abzuringen. Wie gesagt, es waren die Kirchenfürsten und Barone, denen die Burgen, Ländereien und,  für offensichtlich praktische Zwecke, auch die Arbeiter gehörten, die den Erfolg errangen. Sie forderten und bekamen unter Androhung eines Bürgerkrieges die Rechte zur freien Wahl der Kirchenämter und Mitbestimmung bei der Gesetzgebung und Steuererhebung im Königreich. 

 

            Die Magna Charta Liberatum oder “großer Freiheitsbrief ",  erlangte eine enorme Bedeutung für die Engländer, weil sie dem  König Rechte nahm, welche die anderen Könige auf dem Kontinent und anderswo immer noch voll in Anspruch nahmen, und die sie für weiter Jahrhunderte nicht abzugeben gedachten.   

 

            Selbstverständlich waren die durch die Magna Charta gewonnenen Rechte nicht für die breite Masse der Bevölkerung gedacht, oder gar die Leibeigenen, sondern galten nur für Nobele und sogenannte freie Bürger, die ihr eigenes Land und Haus besaßen. Wenn auch nur schwach und der Zeit entsprechend begrenzt, war sie doch eines der ersten Lüftchen der Freiheit, welches später den Kontinent und darüber hinaus die Welt wie ein Sturm erschüttern sollte. So bestimmte sie, daß jeder freie Mann das Recht auf ein Gerichtsverfahren hat, bevor er eingesperrt oder hingerichtet wird; daß Eigentum nicht abgenommen oder zerstört werden kann ohne gerichtliches Verfahren; daß Gerechtigkeit nicht veräußert, verweigert oder verzögert werden darf. Vor allem machte die Magna Charta klar, daß das Gesetz und das Recht höher steht als eine einzelne Person, und sei es der König.

 

            Das war für die damalige Zeit unerhört revolutionär, und das Bemerkenswerte ist, daß ein solches Dokument überhaupt einem absoluten Monarchen abgetrotzt werden konnte. Es zeugt nicht nur von dem Beginn der Loslösung gewohnter Machtverhältnisse, sondern auch von der Macht, die inzwischen der Klerus, die niedrigere Aristokratie mit dem Besitzbürgertum und den Städten erreicht hatten.

 

            Obschon in späteren Jahren noch weitere Charter mit Zusätzen und Auslassungen von anderen Königen erlassen wurden, sollte die Magna Charta ein Modell abgeben für die weitere politische Entwicklung in Europa und der später von der britischen Herrschaft befreiten Kolonien Nordamerikas.

 

            Damit haben wir zu der wachsenden Bedeutung der parlamentarichen Einrichtung, das Instrument der Verfassung, die zusammen mit dem Parlamentarismus in den neu aufkommenden Demokratien in Europa die entscheidende Rolle spielen und das politische Geschehen radikal revolutionieren sollten. Ja man kann mit Bestimmheit heute sagen, daß eine wahre Demokratie ohne Parlament und Verfassung nicht auskommt - sie im Grunde eigentlich voraussetzt.

 

            Es wäre allerdings zu optimistisch gedacht und entspräche mehr dem Wunschdenken als der harten Realität, anzunehmen, daß nun, nach dem Auftreten der beiden Begriffe “Parlament und Verfassung", auf der politischen Bühne Europas dieselben wie Pilze nach einem warmen Mairegen aus dem Boden schießen würden.

 

            Das hieße, die überall vorhandenen und an der Macht befindlichen konservativen, am althergebrachten und gewohnten festhaltenden Kräfte, sowie das ebenso allgemein uns Menschen innewohnende Beharrungsvermögen, zu unterschätzen. Was bisher darüber angeführt wurde, waren nur ihre Anfänge in dem überall mehr und mehr entbrennenden Kampf um die Macht im Staat.   

 

            Sollten die Parlamente die Plattform werden, wo man mit geistigen Waffen in freier Rede die Argumente von Für und Wider diskutierte, wurden die Verfassungen in genau festgelegten Artikeln rechtskräftige, bindende und gesetzliche Dokumente. Sie waren jeweils abhängig von historischen Entwicklungen und politischen Machtverhältnissen in den einzelnen Staaten und fielen demnach verschieden aus. Trotzdem kann man bei allen viele Gemeinsamkeiten finden. So stellten sie in gleichen oder ähnlichen Worten sinngemäß die Forderung auf die volle Realisierung der Unferfügbarkeit über die menschliche Person, der unveräußerlichen Freiheit, der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen und der notwendigen Solidarität aller Menschen miteinander. Dieses waren somit die ersten klar ausgedrückten Forderungen einer sozialen Gerechtigkeit in der Geschichte der Menschheit.

 

            Eine wahre Verfassung ist ein Gesetzeswerk mit fundamentalen Satzungen, mehr grundlegend denn irgendeine andere Ansammlung von Gesetzen, weil sie zum Teil etwas darüber aussagt, wer die allgemeinen Vorschriften erstellt und wie sie zur Durchführung erzwungen werden. Weiterhin begrenzt sie die Macht des Staates über das Individium. Der fundamentale Mechanismus um dies zu erreichen, ist das Einsetzen von Prüf und Kontrollorganen, die zwischen dem Ehrgeiz von Politikern und dem Tempo des Wechsels der gesetzlichen Umwelt vermitteln. Das Ziel ist nicht, festzulegen was eine Regierung tun soll, sondern was sie nicht tun darf. Vor allen Dingen ist es die Aufgabe der Verfassung in einer Demokratie, die politische Minderheit vor Übergriffen der Mehrheit zu schützen, etwas, was allen politischen Parteien zugute kommt im Auf und Ab des politischen Klimas.

 

            Es ist ein Fehler, auch in einer gut funktionierenden Demokratie, sich keine Sorgen zu machen über die Möglichkeit des  Mißbrauchs von Macht durch die Mächtigen. Die meisten Regierungen können den Versuchungen nicht widerstehen und bedrohen die Freiheit ihrer Bürger. Es muß jedoch anerkannt werden, daß Umstände eintreten können die es notwendig machen, daß der Staat gegen die Interessen einer großen Zahl seiner Bürger handeln muß, um Schaden für die Allgemeinheit abzuwenden. Um demnach Mißbrauch soweit wie möglich auszuschalten, gibt es nur das Mittel der erhöhten Wachsamkeit eines jeden einzelnen Bürgers.

 

            Erwähnt werden und hervorgehoben muß hier noch, daß die Bürger eines echten demokratischen Staates mit entsprechender Verfassung die volle Redefreiheit genießen, weiter das Recht durch Druck zu veröffentlichen, was ihnen beliebt, solange es nicht gegen sittliche und moralische Regeln verstößt, die Freiheit von willkürlichem Arrest, die Freiheit in der Ausübung ihrer Religion und der Vereinigung, z.B. zu politischen Parteien oder Interessengemeinschaften wie Gewerkschaften und sonstigen Organisationen je nach Wunsch.

 

            Kein Wunder, daß manche Demokratien ihre Verfassung wie ein  verehrungswürdiges und gehütetes Dokument behandeln, wurde sie doch meist nach harten politischen Kämpfen regelrecht erstritten. Zumindest von der theoretischen Seite her sind in einer solchen wie eben erwähnten Demokratie, mit anderen, später noch  erwähnten Rechten der Bürger, alle Voraussetzungen für eine soziale Gerechtigkeit für jederman gegeben. Warum es, wie die Wirklichkeit uns heute zeigt, bei der Theorie geblieben ist, wird später in weiteren Kapiteln behandelt.

 

            Mit den Abhandlungen über Parlament und Verfassung wurde das Wiederaufleben der Demokratie vorweggenommen, als eine bessere, oder wohl die beste Alternative unter den möglichen Regierungsformen. Es ist nicht übereinstimmend mit der Absicht dieser Abhandlung, das Wesen und die Merkmale der Demokratie im Vergleich   zu anderen Regierungsformen herauszustellen und zu erklären, sondern es soll nur untersucht werden, inwieweit sie fördernd ist im Hinblick auf eine soziale Gerechtigkeit unter den Menschen.

 

XXV.

Rück- und Überblick

 

            Doch wenden wir uns wieder dem Zeitgeschehen zu und verfolgen in kurzer Wiederholung und gedrängter Zusammenfassung den Verlauf der geschichtlichen und politischen Entwicklung in alter, mittlerer und neuerer Zeit.              

 

            Vom Niedergang der griechischen demokratischen Stadt-Staaten  bis zum Aufkommen der modernen verfassungsmäßigen Regierungsformen, ist eine Lücke von mehr als 2000 Jahren in der Theorie und praktischen Anwendung einer Demokratie. Rom war bekanntlich eine Republik, die von der reichen Oberschicht geführt wurde und entwickelte sich nach und nach in ein autokratisches Kaiserreich, also eine Staatsform, in der das Staatsoberhaupt die gesetzgebende und vollziehende Gewalt in sich vereinigt.

 

            Die Nachfolgestaaten waren feudale und adelige Königreiche, welche im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts sich großteils in absolute Monarchien umwandelten. Eine Ausnahme bildete England, wie bereits berichtet. Das Mittelalter sah auch die Entstehung einer Anzahl von unabhängigen Republiken; jedoch wurden sie nicht demokratisch, sondern von einer reichen Oberschicht regiert.

 

            Obgleich mittelalterliche und frühe moderne Schriftsteller und Philosophen, in Ehrerbietung vor der Autorität eines Aristoteles, weiterhin die Demokratie als eine der drei grundsätzlichen Regierungsformen anführten, hatte sie schon lange aufgehört, nur theoretisches oder altertümliches Interesse zu wecken. Der Gedanke einer Regierung durch das Volk und für das Volk, wobei der Hohe wie der Niedrige gleichgestellt sind, hatte seit dem Ende der demokratischen Stadt-Staaten in Griechenland, wie nach einem  Waldbrand im Unterholz weiter geschwelt, um bei günstigen Umständen neu zu entflammen.

 

            Es war um die Zeit der amerikanischen Befreiungskriege und der französischen Revolution, als in Frankreich der Philosoph  Jean Jacques Rousseau, neben vielen anderen sozial kritischen Schriften, sein wohl bekanntetes Werk  “Der Gesellschaftsvertrag”  - ein grundlegendes staatsphilosophisches Werk für die modernen Demokratien -, im Jahre 1762 veröffentlichte und propagierte.

           

     Während das institutionalisierte Christentum lehrt, daß wir Menschen von Geburt böse sind - ein Problem, mit dem sich, wie bekannt, die alten chinesischen Philosophen bereits herumgestritten haben - und uns mit Hilfe der Kirche zum Guten erziehen lassen müssen, zieht sich durch alle Werke Rousseau's der Grundgedanke, daß wir Menschen gut aus den Händen der Natur kommen und erst durch die Gesellschaft verdorben werden.                               

            Über den Wahrheitsgehalt dieser gegensätzlichen Aussagen wurde schon sehr früh, wie vorhin erwähnt, ergebnislos gestritten und es wurde in dieser Abhandlung an anderer Stelle ein entsprechender Kommentar darüber gegeben.

 

            "Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten", war sein Kernspruch. "Es muß aber möglich sein,  einen Zustand herzustellen, in dem die natürliche und unveräußerliche Freiheit des Einzelnen in Einklang gebracht ist mit dem Maß an Gewalt, das vom Wesen einer staatlichen Ordnung nun einmal nicht wegzudenken ist."

 

            Gemäß dem Gesellschaftsvertrag ist kein Gesetz rechtmäßig, welches nicht den gemeinsamen Willen des Volkes ausdrückt. Es benötigt eine allseitige Zustimmung der ganzen Gemeinschaft. Macht allein kann kein Recht bilden.   

 

            Der Mensch kann nur dann volle moralische Verantwortung genießen und somit ein echter Bürger sein, wenn er teilnimmt an der Bildung der übereinstimmenden Meinung durch Ausübung seines Wahlrechts, zu dem er gesetzlich berechtigt ist. Die so geschaffene Regierung muß daher völlig dem allgemeinen Willen untergeordnet sein, wie es ausgedrückt wurde in der Volksversammlung.

 

            Soweit einige freie Auszüge aus seinen Schriften. Damit hatte Rousseau im Wesentlichen und im Verein mit anderen gleich ihm das grundlegende Gebäude einer Demokratie entworfen, welches nur noch der Gelegenheit bedurfte, bei günstigen Umständen in irgend einem Land eingeführt zu werden.

 

            War die griechische Demokratie, wie bereits beschrieben, eine sogenannte "direkte Demokratie", wobei der Wähler persönlich durch Stimmabgabe direkt über politische Entscheidungen der Regierung entschied, wurde jetzt eine Form propagiert, wobei der Wähler sich für einen ihm geeigneten Vertreter oder Repräsentanten entscheidet, der seine Interessen in der Regierung vertritt.  Diese Methode erlaubte eine unbegrenzte Zahl von Wählern an dem demokratischen Prozess teilzunehmen, während die Zahl der an den Entscheidungen der Regierung teilnehmenden begrenzt blieb. Man nennt sie daher eine "repräsentative Demokratie".

 

            Damit war das Hindernis, welches die erste griechische direkte Demokratie so begrenzte, hinweg geräumt. Mit den inzwischen aufgekommenen und hier und da schon angewandten Parlamenten war auch die Plattform geschaffen für die Tätigkeit der Repräsentanten, auch Politiker genannt.

 

            Ein weiterer Umstand wirkte sich zur gleichen Zeit fördernd aus auf das positive Wirken einer repräsentativen Demokratie und zwar die Bildung von Parteien - auf freier Werbung beruhende Vereinigungen für den Kampf um die Macht im Staat. Sie vertraten bestimmte und meist begrenzte Interessen und stellten die Kandidaten oder Volksvertreter für die Wähler.

 

            Ein Widerspruch in den zeitlichen Abläufen der hier geschilderten Entstehung der Demokratie in bezug auf theoretische Planung und praktisch durchgeführte Zeiten liegt darin, daß das Wiederauftauchen der Idee einer demokratischen Regierungsform bis zu einer, wenn auch nur teilweise praktischen Anwendung, nicht das Werk eines Mannes oder einer politischen Gruppe war.

 

            Erstens hatte das Kind viele Väter, welche alle mit mehr oder weniger Eifer und Erfolg zu seiner Geburt und darum Gestaltgebung beitrugen, manche sich dessen unbewußt oder gegen besseren Wissens. So war z.B. der Liberalismus als Weltanschauung, eine aus der Aufklärung hervorgegangene individualistische Staats, Wirtschafts-, und Lebensauffassung gerichtete politische Strömung, ebenso ein beisteuernder Faktor in der Schaffung der Demokratie.

 

            Zweitens ist es nicht so einfach, Zeitabläufe, die sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erstrecken, in einer kurzen Abhandlung in chronologischer Reihenfolge unter einen Hut zu bringen, vor allem, wenn es sich wie es hier geschieht, nur um die kritische Betrachtung der sozialen Gerechtigkeit handelt.

 

XXVI.

Liberalismus und seine Strömungen.

 

            Das Bestreben nach Freiheit von allem Zwang ist dem Menschen angeboren und war in den Jahrtausenden seiner Entwicklung stets eine treibende Kraft. Dieser Drang hat allerdings nicht verhindern können, daß man die Menschheit von ihrer frühesten Entwicklug an bis zum Auslauf des Mittelalters grob genommen in zwei Gruppen einteilen konnte, nämlich in Freie, und unfreie Sklaven und Leibeigene. Es war das Gedankengut und die immer mehr sich verbreitende Strömung des Liberalismus, die diesem Zustand letztlich ein Ende setzte.

 

            In seiner historischen Entwicklung als eine Idee ist der Liberalismus eng verbunden mit dem Wunsch der Menschen nach Freiheit und Befreiung, da die wesentliche Eigenschaft der liberalen Idee auf die Befreiung zielt und dabei die Vollfüllung des  menschlichen Geistes in dem Individium zum Ausdruck bringt. Man kann die Idee zurückführen auf den griechischen Philosophen Sokrates und sein gelassenes Bestehen auf und Festhalten an der Wahrheit, selbst als es sein Leben kostete. Jedoch war es die  philosophische Richtung der Stoiker, welche sie befähigte im  Zeitalter der Ausdehnung des Welthorizontes, sich geistig zu trennen von dem falschen Ideal eines zusammenhängenden Stammes als Einheit oder Stadt-Staat, und den Menschen als ein selbstständiges Individium herauszustellen und zu betonen. 

 

            Diese Neigung vom Ameisenstaat hinweg wurde nicht zuletzt unterstützt durch das später aufkommende Christentum, welches  durch die religiöse Anerkennung der Würde des Menschen, seiner Einzelpersönlichkeit und seiner Verantwortung vor Gott, der Bewegung die Grundlage gab, sich leidenschaftlich für die Freiheit des Individiums einzusetzen.

 

            In den frühen Entwicklungsstufen des 17. Jahrhunderts in Europa dienten die Denker und Philosophen “Deskartes, Spinoza und Leibnitz " als das Sprachrohr, durch welches der lang aufgestaute Strom freiheitlicher Gedanken bekannt wurde.

 

            Alle diese Ströme von Gedanken und Richtungen liefen zusammen in der großen explosiven Bewegung im 18. Jahrhundert, die als das Zeitalter der “Aufklärung" bekannt ist und die sich durch ganz West-Europa verbreitete, und weiter nach Übersee in die amerikanischen Kolonien.

 

            Ihre hervorragenden Stimmen waren “Voltaire, Locke, Goethe und Thomas Jefferson, der schon mehrmals erwähnte Rousseau, Hume und Kant, Diderot, Lessing, Adam Smith und Berkeley, Montesquieu  und Benjamin Franklin", um nur einige der bekanntesten zu nennen. Ihr leidenschaftlicher Einsatz für die Freiheit sollte mit der Zeit die Gebäude der feudal gebundenen Gesellschaften, der monarchistischen und kirchlichen Autorität und der aristokratischen und klerikalen Sonderrechte, zum Einsturz bringen.  

 

            Wir befinden uns immer noch in der theoretischen Phase der Einführung einer Demokratie und berichten nur von dem geistigen Kampf, der um diese Frage entbrannte. Obschon manche der oben genannten Denker vor den Folgen einer zügellosen Freiheit warnten,   ist es auch hier angebracht, einen Dämpfer auf den Enthusiasmus solcher Leser zu setzen, auf die die Begeisterung ansteckend gewirkt hat. Bei ihnen mag die Überzeugung genährt worden sein, daß mit der Einführung einer Demokratie und die durch den Liberalismus erstrebten Freiheiten gleichzeitig das Zeitalter von Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit für alle angebrochen sei.

 

     Den Geschehnissen weit vorauseilend und nach mehreren hundert Jahren praktischer Erfahrung mit Demokratien, sei hier nur gesagt, daß diese Wunschträume nicht eingetroffen sind. Was die Kinder in der Schule lernen, ist heute wie damals weit entfernt von den tatsächlichen Verhältnissen. Dieselben Kräfte, die Jahrtausende lang das Zepter der Macht über die Völker geschwungen hatten und die sich mit allen Mitteln gegen den Gedanken und die Idee einer Mitsprache des gemeinen Volkes und seiner Mitregierung wehrten, suchten - und fanden auch in diesem Falle - Mittel und Wege, das demokratische Prinzip und Ideal zu unterlaufen und es für ihre eigennützigen Zwecke auszunutzen.

 

            Und weiterhin, dem Zeitgeschehen vorausgreifend, ist es angebracht festzustellen, daß auch und gerade in einer Demokratie es sich nicht verhindern läßt, daß ein grissener und agitatorisch begabter Redner, als Volksvertreter gewählt, sich anstatt für  seine Wähler einzusetzen und ihre Rechte zu verteidigen, geschickt und skrupellos sein eignes Süppchen kocht. Allerdings kann er, wenn die Spielregeln eingehalten werden und funktionieren, von seinem ergaunerten Posten wieder abgewählt werden. Darum ist von allen Regierungsformen die Demokratie noch die am ehesten annehmbare, nicht weil sie die beste ist, sondern weil es keine bessere gibt; ist sie doch mit so vielen Fehlern behaftet wie ein Hund Flöhe hat.

           

            Der erste ernsthafte und größere Versuch, eine verfassungsmäßige Demokratie einzuführen, geschah als eine Folge des siegreichen nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges von 1775 - 1783 in den Vereinigten Staaten Nordamerikas.

 

            Bis dahin und auch noch weiterhin in Europa, hatten sich unter dem Deckmantel der Monarchie Regierungsformen gebildet, die Parlamente, manchmal so etwas wie eine Verfassung, polizeilich kontrollierte Parteien und auch Wahlen erlaubten. Es sei bemerkt,daß der Ausdruck freie und gleiche Wahlen bewußt ausgelassen wurde). So hatte das Königreich Preußen am Ende des 19.  Jahrhunderts ein Parlament, zensierte Parteien, eine hart erkämpfte Verfassung und ein Dreiklassenwahlrecht. Das heißt, die drei Klassen im Staate, Adel, bürgerlicher Mittelstand und das gemeine Volk , hatten nicht die gleiche Stimmzahl. Es liegt auf der Hand, daß ein Adeliger über mehr Stimmen verfügte als ein Bürgerlicher und dieser hatte wieder mehr als der aus dem einfachen Volk, der nur eine Stimme besaß. - Ein ganz raffiniert eingefädelter Schwindel der herrschenden Klassen, um nur ja nicht die Macht mit dem Volk teilen zu müssen.

 

            Die Schweitz - keine Monarchie - praktizierte schon seit einiger Zeit als einzige Ausnahme unter den Staaten in Europa eine besondere Art von Demokratie mit Wahlen von Vertretern mit gesetzgebender Funktion und zur Bildung der Regierung. Jeder Kanton hatte seine eigene gesetzgebende Versammlung und zusammen bildeten sie die Helvetische Republik, jedoch war die Regierungsform  mehr eine Mischung aus Oligarchie (Herrschaft der Wenigen) und Demokratie.

 

XXVII

Das Wiederaufkommen der Demokraatie.

 

            Nach diesem kurzen Abstecher zurück zur neuen Welt, wo sich bekanntlich die Bevölkerung aus politischen und religiösen Emigranten aus dem größeren Europa zusammensetzten und bei denen der Wunsch nach Freiheit von jeder weltlichen und kirchlichen Unterdrückung die größte Verbreitung hatte.

           

     Nach langem Gerangel, und nachdem man sich zeitweilig auf  einen gütlichen Vergleich zwischen demokratischen und antidemokratischen Ideen geeinigt hatte, formte man die erste Verfassung, die im Jahre 1789 rechtskräftig wurde.  

 

            Es entwickelten sich zwei Hauptparteien, die Demokratische Partei, welche den demokratischen Gedanken vertrat und die Federale Partei mit mehr antidemokratischen Tendenzen. Ihre Furcht und ihr Argwohn richtete sich vor allem gegen das gemeine, ungebildete und daher unkontrollierbare Volk mit dem Argument, daß man politisches Neuland betrat und daher vorsichtig lavieren müsse. Ohne aristokratische Historie in dem neuen Land, versuchten eingewanderte Nobele und solche die es zu Reichtum, Ansehen und Einfluß gebracht hatten, ihr Gedankengut, ihre Sonderrechte und Pfründe, wie schon in alten Zeiten gehabt, erneut zu festigen und in das neu zu gründende Gesellschaftssystem einzubauen und abzusichern.

 

            Jedoch fanden diese Gedankengänge keinen Anklang bei der Masse des Volkes - man war zu gewitzt und gebrannte Kinder scheuen bekanntlich das Feuer -, und die Ideen des Thomas Jefferson, mit seinem Vertrauen in die angeborene Gutheit und Verantwortlichkeit des einfachen Mannes, gewannen die Oberhand. Sein Kom mentar war: Ich kann mir keinen besseren Hüter vorstellen für die elementare Macht in der Gesellschaft als das Volk, und wenn wir glauben, es ist nicht aufgeklärt genug dazu, dann ist die Abhilfsmaßnahme nicht, die Macht von ihm wegzunehmen, sondern es  durch Informieren zu belehren.

 

            Damit war um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, als Folge des erfolgreichen nordamerikanischen Befreiungskrieges von der britischen Kolonialmacht - obschon dies nicht der ursprüngliche Grund für diese Umwelzungsbewegung war -, die erste verfassungsmäßige Demokratie der Neuzeit enstanden. Wohlgemerkt, es war nicht die Demokratie, wie sie heute bekannt ist, denn in den frühen Tagen der U.S.A. war nicht jeder Bürger gleich wahlberechtigt. Jeder Staat der U.S.A. hatte seine eigene Verfassung und manche enthielten Bestimmungen, die es einem armen Mann unmöglich machten, an einem Wahlgang teilzunehmen. Die Beschränkungen, die sich hauptsächlich auf den Besitz von Eigentum bezogen, - wer keinen festen Wohnsitz hatte und kein Eigentum nachweisen konnte, durfte nicht wählen - wurde von allen Bundesstaaten nach und nach aufgehoben, und so um 1845 hatten alle Männer das Wahlrecht.          

           

     Wohlgemerkt, es war noch eine hinkende Demokratie, denn erstens waren die zahlreichen Negersklaven vom Wahlrecht ausgeschlossen und zweitens ebenso alle Frauen. In der damaligen Zeit dachte niemand an sowas, und die bereits bekannten Väter des Liberalismus und der Demokratie, welche diese Gedanken in ihren Gehirnen ausgebrütet hatten, verschwendeten ebenfalls keine Zeit damit. Die Frauen, die sich nicht viel später auf ihre Rechte besannen, mußten nach über 50 jährigen schweren politischen Kämpfen und Demonstrationen bis 1920 warten, ehe sie Gleichheit in bezug auf das Wahlrecht erreichten.

 

            Auf andere Gleichheiten warten sie wie bekannt heute noch.

 

            Und erst nach Befreiung der Sklaven durch den Bürgerkrieg zwischen den sklavenfreien Nord-Staaten und dem sklaven-haltenden Süden, den der Norden im Jahre 1865 gewann, konnten sie,  nachdem die Verfassung mit dem entsprechenden Zusatz Nr. 14 unter starken Widerständen geändert wurde, im Jahre 1868 ihr Bürgerrecht gleich den Weißen wahrnehmen. 

 

            Trotz dieser Schönheitsfehler sollten besonders die Vereinigten Staaten von Amerika, neben anderen Kolonien und Völkern der neuen Welt, eine magnetische Anziehungskraft auf die Bevölkerung der alten Welt ausüben, die nicht unter einer solchen freiheitlichen Staatsform lebte. Insbesondere imponierte sie die Tatsache, daß im Jahre 1791 mit der Festlegung der bereits erwähnten Grundrechte in einer Demokratie, in 10 Zusatzartikeln zu der   “Bill of Rights", der freiheitliche und fortschrittliche Charakter der Staatsform manifestiert worden war.

 

            Hatten die Kolonisten der nordamerikanischen Länder nach abschüttelung der britischen Kolonialherrschaft das Glück der Wahl einer Staatsform nach ihren Wünschen, - wie schon gesagt, brauchten sie nicht darum zu kämpfen und wählten, nicht ohne Risiko und politisches Gerangel, die in dieser Form und Größe unerprobte verfassungsmäßige Demokratie, - so mußten die Europäer, denen  nach Gleichem gelüstete, beim Durchsetzen ihrer Ziele mit schweren blutigen Auseinandersetzungen rechnen mit den am überlieferten Alten festhaltenden Mächten des Adels und des Klerus.

 

XXVIII.

Die französische Revolution.

 

            Dieses vorauszusehende Ereignis sollte nicht viel später als der nordamerikanische Befreiungskrieg eintreten, und zwar in  Frankreich, und es wurde historisch weltbekannt als die “Französische Revolution". Sie begann im Jahre 1789, daurte 10 Jahre, und als sie geendet hatte, wurde ihre Wirkung in allen Staaten Europas und der übrigen westlichen Welt gespürt.

 

            Wie bekannt, waren zu dieser Zeit alle Regierungen der Staaten von Europa von Königen oder sonstigen Adeligen geformt außer  dem Bundesland Schweitz.  

 

            Die erste europäische Revolution geschah in Frankreich, einmal wegen der geistigen Konzentration von aufrührerischen Denkern wie Rousseau, und zum anderen, weil hier die meisten gebildeten und fortschrittlichsten Menschen lebten, und obschon die Bauern arm waren, lebten sie doch in besseren Verhältnissen als im übrigen Europa. Das politische Klima war also für eine soziale Revolution gut vorbereitet und hochexplosiv.

 

            Der Anlaß für die Revolution war, ähnlich wie in England im Jahre 1215, die Frage, wer die enormen Steuerlasten zu tragen hatte, um die sich der Adel und Klerus mit Pochen auf ihre Previlegien herumdrückten. Das gab den Anlaß für das Bürgertum zu revoltieren, weil ihm die ganze Steuerlast auferlegt werden sollte. Wie gesagt, das war nur der Anlaß und als der Damm brach, war der Flut der blutigen Revolution Tür und Tor geöffnet und alle lang aufgestauten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spannungen drängten zu einer Entladung.            

 

            Nach dem Vorbild der U.S.A. forderten Radikale einen neuen Staat; denn dort drüben hatte es sich gezeigt, so argumentierten sie, daß es möglich war, einen Staat ohne die gehassten Standesunterschiede und Standesvorrechte aufzubauen: ein freies Volk ohne Adel, ohne regierende Geistlichkeit und König hatte dort  sein Geschick in die eignen Hände genommen.         

 

            Anfangs hatte die Revolution mit ihren Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle, nicht nur die bürgerlichen Schichten begeistert, sondern auch die Masse des ungebildeten Volkes. Manche träumten sogar, das Zeitalter eines Weltbürgertums sei angebrochen.

 

            Es soll hier nicht weiter auf das Hin und Her, sowie das Auf und Ab der Französischen Revolution eingegangen werden, das läßt sich ausführlicher in Geschichtsbüchern lesen. Nur soviel sei gesagt, als die Franzosen jedoch den von ihnen im missionarisch revolutionären Schwung besiegten Völkern Kontributionen auferlegten, als sie rücksichtslos ganz Europa ausplünderten, wurde allen deutlich, daß alleine die französische Nation Nutznießer der Revolution war. Wie bekannt, erhoben sich letztlich die Völker  Europas gegen Napoleon, den die Franzosen sich als Kaiser eingehandelt hatten. Nach blutigen Kämpfen führte dies zu seiner Niederlage und später zuletzt zu seiner Abdankung. 

    

     Allerdings wurde das eigentliche Ziel der Revolution, wie es Enthusiasten und Radikalen vorschwebte, und wofür so enorm viel Blut geflossen war, nicht erreicht. Anstatt einer verfassungsmäßigen Demokratie nach dem Beispiel von Nordamerika, hatte man  sich erneut eine Monarchie eingehandelt, jedoch diesmal mit weit mehr Macht des Bürgertums als vorher. Die größere Menge des Volkes, welche die Hauptlast der Revolution im Glauben an die Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit so begeistert getragen hatte, ging leer aus und mußte noch Jahrzehnte warten, bis ihre Zeit kam.

 

            Selbstverständlich blieb es nicht aus, daß die zündenden Parolen der Französischen Revolution bei den Völkern Europas auf empfänglichen Boden fielen und zu Reaktionen führten wie Studentenunruhen und Minirevolutionen, so daß die jeweils herrschenden Mächte gezwungen waren, Konzessionen zu machen. Man gestattete oder verbesserte Wahlrechte und die parlamentarische Vertretung, ja einige gingen soweit, eine Verfassung zuzulassen unter Beibehaltung der monarchistischen Staatsstruktur. Der Nutznießer all dieser Veränderungen war jedoch nicht das gemeine Volk sondern das Besitzbürgertum.

 

            Vom Auf und Ab des politischen Fiebers dieser Zeit blieb auch die kleine demokratische Schweitz nicht verschont. Nach der Wiedereinführung einer aristrokatischen Regierungsform im Jahre 1813, wandelte sie sich später wieder zu einem demokratischen Bundesland mit einer Verfassung angelehnt an die der U.S.A.

 

            Das waren also Veränderungen im politischen Leben der Völker denen zwangsläufig auch wirtschaftliche folgten, wobei die Frage offen bleibt, was von wem inspiriert wurde. Soweit es die Masse der Völker betraf, war ein Fortschritt in Richtung einer verbesserten Lebensqualität und ebenso in gleicher Hinsicht eine Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit kaum meßbar. Daran änderte auch nichts die Tatsache, daß es im Zuge der Zeit üblich geworden war, den allgemeinen Volksschulzwang einzuführen - nicht weil man sein Herz für das ungebildete Kind der Armen entdeckt hatte. Das letzte was ein Fürst oder König brauchte, war eine kritische und aufsässige gebildete Volksschicht -. Jedoch die Zeiten hatten sich so entwickelt, allerdings nicht ohne politisches Gerangel, daß die Schulpflicht zum guten Ton eines fortschrittlichen modernen Staates gehörte.

 

            Bisher wurden in der Hauptsache die politischen Machtverhältnisse und ihre Veränderungen und Entwicklungen im Hinblick auf ihren Einfluß auf soziale Gerechtigkeit behandelt, während die wirtschaftlichen Machtverhältnisse, obschon meist gleichbedeutend mit den politischen, nur am Rande erwähnt wurden. Vor allem wurde die politische Entwicklung von alten, herkömmlichen Regierungsformen zu einer ins Auge gefaßten, mit vorweg genommenen Erfahrungen gespickten Demokratie, ausführlich behandelt.

 

            Eine gut funktionierende Demokratie setzt erst einmal voraus, daß alle Einwohner des Staates demokratisch zu handeln verstehen oder dazu erzogen werden, was nicht immer der Fall ist. Da war es in einer idealen Monarchie einfacher. Es brauchte nur der Monarch in die richtige Bahn gelenkt zu werden - welche Bahn und von wem? -  um einen befriedigenden Stand der Gesellschaft zu erreichen, so argumentierten ihre Befürwörter. Selbst eine Diktatur findet bei ernst zu nehmenden politisch Denkenden eine gewisse Anziehungskraft.

 

            Der Ruf nach einer Diktatur - oder besser nach einem Diktator - wird in wirtschaftlich schlechten und meist dann auch politisch turbulenten Zeiten von vielen geäußert, aus der einfachen Erkenntnis heraus, daß eine erzwungene Gleichschaltung durch Einschränkung der persönlichen Freiheit aller, in kurzer Frist größere Ergebnisse zeitigt als es in einer Demokratie möglich ist. Wie es dagegen auf längere Zeit aussieht, haben wir  Deutsche in jüngster Vergangenheit bitter erfahren müssen. Zynische Gegner der  Demokratie, einige unter ihren verständlich vielen Gegnern, konnten und können es sich nicht verkneifen, voll Bosheit zu behaupten, daß Demokratie Luxus ist und nur eine Anziehungskraft besitzt für naive und einfältige Gemüter.                                             

            Trotzdem war ein verborgener politischer Drang zu demokratischen Regierungsformen in den Völkern vorhanden, nicht nur getragen von Menschen aus dem Volk, sondern auch in gleicher Weise von Intellektuellen, in der sicheren Erkenntnis, daß sich in ihr am ehesten Ansätze für eine soziale Gerechtigkeit verwirklichen lassen - zum Wohle des Einzelnen und damit auch der ganzen Gesellschaft.

 

            Wie schon angedeutet, waren die Gemüter der Westeuropäer, im Gegensatz zu Osteuropa, mit demokratischem Gedankengut aufgewühlt und hatten Teilerfolge erzielt, die aber nur dem Besitzbürgertum zugute kamen. Dabei waren die größeren Mengen der Bevölkerungen nicht nur von der Beteiligung an der Macht ausgeschlossen, sondern sie gerieten im Gegenteil in immer größere Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Macht des Besitzbürgertums.

 

 

 

 

XXIX

Der Einfluß von Entdeckungen und Erfindungen.

 

            Die Entdeckung fremder Länder, ihre Besitznahme als Kolonien und schamlose Ausbeutung aufgrund des Kulturgefälles durch seefahrende Nationen, häufte ungeheuere Reichtümer in die Hände von Händlern und Handelshäusern, wobei die jeweiligen Regierungen durch Konzessionen und militärischen Schutz kräftig mitmischten. 

            Zahlreiche umwälzende Erfindungen wie die der Dampfmaschine durch James Watt, des mechanischen Webstuhls, die Entdeckung der Elektrizität, um nur einige von vielen zu nennen, leiteten einen enormen Aufschwung in der Produktion von Gütern aller Art ein und brachten den Besitzern der Produktionsmittel riesige Gewinne. Damit trat zu dem Vokabular der Ausbeuter von altersher ein neuer Begriff hinzu, nämlich der des Kapitalisten.

 

            So erforderte die fortschreitende Entfaltung der Produktivität in der Menschheitsgeschichte den Übergang zuerst von der fast produktionslosen Urgesellschaft, - Jäger und Sammler - zur antiken Sklaverei, dann zum Feudalismus mit Leibeigenschaft und von dort zur kapitalistischen Gesellschaft. Alle diese Stufen waren  zwangsläufige Stadien der Entwicklung. Jede bedeutete einen Fortschritt gegenüber der vorhergehenden, wobei aber keine Umwälzung statt fand sondern was oben war blieb oben und umgekehrt. Also das Verhältnis des Nutznießers zum Ausgenutzten blieb in allen Stufen das gleiche.

 

            Oder anders ausgedrückt: in allen waren die Produktionsverhältnisse so, daß die Produktionsmittel, - Grund und Boden, Maschinen und Anlagen -, im Besitz von Einzelnen, Gruppen, Klassen und Ständen der Gesellschaft waren, identisch mit feudalem Adel, Grundbesitzern, reich gewordenen Händlern und den neu hinzu gekommenen Fabrikanten. Allerdings erforderten die Fortschritte in den Produktionsprozessen und Produktionsmitteln in Landwirtschaft, Handwerk und der neu aufkommenden Industrie einen größeren Intelligenzgrad und machten ein Interesse des Arbeitenden an der Produktion nötig. Die Ausbeutung war aber darum nicht geringer.

 

            In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die nicht  gebunden ist an eine politische Ordnung wie Monarchie oder Demokratie, hat der Produzent, wie gesagt, das Alleineigentum an den materiellen Produktionsmitteln. Der Lohnarbeiter ist hier “frei" unter fragwürdigen Umständen, also nicht gebunden wie der Sklave oder Leibeigene. Er ist frei in dreifacher Hinsicht.

 

Ersten:s persönlich unabhängig ist er frei, sich seinen Arbeitsplats, wo auch immer, auszusuchen.  

 

Zweitens: bar jeder Produktionsmittel ist er frei, seine Arbeitskraft gegen höchstmöglichem Lohn wie eine Ware zu verkaufen, um selbst und mit seiner meist zahlreichen Familie leben zu können. Da das Angebot an Arbeitskräften in den  meisten Fällen größer ist als der Bedarf,  (Frauen - und Kinderarbeit) hieß das, daß er für den niedrigsten Lohnarbeiten und am Rande des Existenzminimums leben mußte. Nur in den wenigsten Fällen erfordete die Entwicklung bestimmter Industriezweige einen Stamm von intelligenten Lohn- oder besser Facharbeitern mit größerer Job-Sicherheit bei  gleichbender Ausbeutung.

 

Und drittens: und das ist sarkastisch gemeint, ist er frei von allen Verpflichtungen seitens seines Arbeitgebers und der Gesellschft in Bezug auf seine Gesundheit und die seiner Familie, sowie die Erhaltung seiner Arbeitskraft bei Unfällen aller Art und die Beibehaltung des Arbeitsplatzes im  Alter.

 

            Es bedarf  keines großen Scharfsinns um zu erkennen, daß die vorhin genannten Freiheiten den Arbeiter in fast die gleiche Abhängigkeit von seinem kapitalistischen Arbeitgeber brachten wie die Sklaven früherer Zeiten.

 

            Daß solche Zustände nicht von Dauer sein und bleiben konnten, liegt auf der Hand, und es kam zu Streiks und Aufständen gegen die jeweiligen Machthaber in den Staaten und deren Exekutive, wie Polizei und manchesmal Militär, oft mit blutigen Ergebnissen. Alleine um das Recht, sich zu Berufs - und Interessenverbänden zusammenschließen zu können - später als Gewerkschaften bekannt - bedurften sie des politischen Kampfes. Diese Einrichtungen wurden damit die einzigen Mittel, durch gemeinsames Eintreten füreinander und - wenn nötig - durch Streiks, bessere Löhne und sozialere Bedingungen in der Gesellschaft zu erreichen.

 

            Politisch interessierte Arbeiter und andere Gleichgesinnte versuchten sich ebenfalls, unter Machtkämpfen mit der Obrigkeit, zu Pareteien zusammen zu schließen, um in den soweit vorhandenen politischen und parlamentarischen Einrichtungen des jeweiligen Staates Einfluß auf die Machtverhältnisse nehmen zu können.

 

            Obwohl es schon zu allen Zeiten Kapitalisten gegeben hatte, wenn auch in geringerer Zahl, und obwohl das Wort schon sehr früh geprägt und benutzt wurde, bekam es zu der letztlich geschilderten Zeit seine anrüchige Bedeutung. Der abgeleitete Begriff “Kapitalismus" wurde das rote Tuch der aufkommenden Arbeiterbewegung, weil er für den sich entwickelten Zustand verantwortlich gemacht wurde.

 

            Nach "Knauers Konversations Lexikon" ist der Kapitalismus oder das kapitalistische Wirtschaftssystem eine Wirtschaftsordnung, bei der die Produktion durch Interesse an dem Geldertrag bestimmt wird, und in der Personen, die über Kapitalvermögen verfügen, Art, Richtung und Ausmaß der Produktion festlegen.

 

            Ähnlich erging es dem Begriff "Sozialismus", der Anfang des 19. Jahrhunderts als politisches Schlagwort geprägt wurde. Er hat eine mannigfaltige Auslegung bei gleichbleibender Grundbedeutung: nicht der einzelne Mensch sondern die Gemeinschaft ist das Maß der Dinge. Es ist offensichtlich, daß er in schroffem Gegensatz zum Kapitalismus geriet, besonders, nachdem Karl Marx und seine zahlreichen Anhänger den klassenkämpferischen Sozialismus propagierten, welcher in dem “Kommunistischen Manifest” seinen schärfsten Ausdruck und Höhepunkt fand. Soweit genug über die beiden heißen Themen, welche die politische Landschaft von damals bis heute bestimmen sollten. In späteren Ausführungen wird noch eingehender darauf eingegangen werden.

 

            Im Kapitalismus hat, wie bereits erwähnt, der Kapitalist das alleinige Ausnutzungsrecht an den Mitteln der Produktion und seinem Gewinn. Dagegen verlangt der extreme Sozialist ein Mitausnutzungsrecht an den Produktionsmitteln und Teilnahme an dem Gewinn, bis hin zur völligen Übernahme der Produktionsmittel durch den  Staat als Allgemeineigentum des Volkes.

 

            Was hier in wenigen Sätzen nur gestreift wird, löste selbstverständlich einen geistigen Meinungskampf aus um das Für und Wider dieser Theorien und ihre Berechtigung und allgemeingültige Wahrheit.                                                   

XXX

Sozialismus kontra Kapitalismus.

            Wie die Geschichte uns lehrt, war das soziale Chaos in den aufkommenden westlichen Industrieländern im 19. Jahrhundert die Ursache für den bekanntesten Verfechter der Lehre des radikalen Sozialismus, der bereits erwähnte Karl Marx, die Grundlage zu legen für das, was unter "Lenin" nach der erfolgreichen bolschewistischen Revolution in Rußland, zum praktisch angewandten Kommunismus im Jahre 1917 führte.

 

            Es sei hier nochmals die kurze Erklärung eingeflochten, auch wenn es eine Wiederholung ist, daß das kommunistische Gedankengut, die radikalste, konsequenteste und vor Gewalt nicht zurückschreckende Fortführung des sozialistischen Gedankengutes ist. Dieses wieder hat in seiner ethisch akzeptablen Form seinen Ursprung im praktisch angewandten Christentum (Urchristlicher Sozialismus), wenn man das religiöse Rankenwerk abstreift und nur das Verhältnis vom Zusammenleben der Menschen im Diesseits in Betracht zieht. Ein Beispiel dafür, wie ein an und für sich edler Grundgedanke, auf sich selbst gesellt, im Laufe der Zeit und sich dauernd verändernden Einflüssen, entarten kann.

 

            Die soziale Frage und ihre Herausforderung wurde im vergangenen Jahrhundert von den Verantwortlichen nicht rechtzeitig in ihrem ganzen Umfang erkannt. Daß es sich nicht um vereinzelte, hier und da aufflammende Proteste unbelehrbarer Randalierer handelte, sondern um die Vorläufer einer sozialen Revolution, als Folge der in Gang gekommenen industriellen Revolution, wurde nicht oder nur spät begriffen. Inzwischen war es zum Problem erster Ordnug geworden.

 

            Kein Wunder also, daß ein Karl Marx für seine wissentschaftlich begründeten Ideen so viele gläubige Anhänger fand, vor allem, als er zusammen mit Friedrich Engels im Jahre 1848 mit dem "Kommunistischen Manifest", seine spezifische Antwort gab auf die Fragen der Zeit.          

 

            Seine Antwort war, neben den revolutionären, also auf Umsturz der Gesellschaft ausgerichteten Thesen, auch antireligiös, weil vor allem der römisch katholische Klerus wie schon im Mittelalter und, wie hier geschildert, zur Zeit der französischen Revolution, mit den Machthabern zusammen hielt. Diese Tatsache und die Haltung der Kirchenväter, die jede gewaltsame Veränderung des "Status quo" verdammten und den Gläubigen rieten, alle Ungemach geduldig zu ertragen, im Hinblick auf ein versprochenes  besseres Jenseits, veranlasste Karl Marx zu dem Ausspruch "Religion ist Opium fürs Volk".             

 

            Die Kirchenväter nutzten dabei die Tatsache aus, daß vielen Menschen schon geholfen ist, wenn sie Trost in ihrem religiösen Glauben finden können. Die menschliche Natur ist zu begrenzt, als daß sie fähig wäre, jedes Schicksal rationell zu erfassen.

 

            Es soll nicht vergessen werden zu erwähnen, daß trotzdem die caritative Tätigkeit der Kirche viel Not linderte, ohne jedoch mit Erfolg das Übel an der Wurzel zu bekämpfen. 

 

            Wo es radikale Sozialisten gab wie die Kommunisten, die nebenbei gesagt den Ruf des Sozialismus schädigten, gab es auch gemäßigte Sozialisten, die der Gewalt widerstrebten und mit legalen parlamentarischen Mitteln den Arbeitern zu ihrem Recht verhelfen wollten. Da waren soziale Demokraten oder die christlich soziale Bewegung und andere Interessengruppen wie die Liberalen und Konservativen, die als Parteien alle ihre Interessen verfochten, in einem bunten und vielseitigen parlamentarischen System.

 

            Erst spät, und mehr unter dem Zwang des immer größer und sichtbarer werdenden Elends als durch eigene Einsicht, griff die katholische Kirche in den Meinungsstreit ein. So z.B. im Jahre 1864, wenn Papst Pius IX mit der “Quanta Cura", die Enzyklika über die Zeitirrtümer herausgab, oder Papst Leo XIII im Jahre  1878 mit der Enzyklika gegen den Sozialismus. Im Jahre 1891 folgte dann wieder von Papst Leo XIII die Enzyklika “Rerum Novarum" zur Arbeiterfrage, in der er wieder, wie schon bekannt, den Sozialismus ablehnte und eine staatliche Sozialpolitik befürwortete.      

            Durch andauernde Proteste, Streiks und manchmal blutige Aufstände waren die Machthaber der westlichen Industriestaaten in Zugzwang geraten und mußten wohl oder übel Konzessionen machen. So wurde die Kinderarbeit, unterschiedlich je nach den Ländern, auf verschiedene Altersstufen beschränkt, oder ganz verboten. Das gleiche geschah mit Frauenarbeit unter Tage und schwangeren Frauen wurde Schutz eingeräumt. Arbeitstage in der Woche wurden in der Regel auf 6 Tage festgelegt und die Arbeitsstunden pro Tag  auf 12 und später auf 10 reduziert. Jedes Land führte seine eigene und besondere Gewerbeordnung ein, die unter anderem Art und Weise der Lohnzahlung und Gehälter regelte.

            Allerdings gab es auch sozial eingestellte Unternehmer wie den Gründer der optischen Gerätefabrik Karl Zeiss, der schon Sozialleistungen aus eigenem Antrieb einführte wie Krankengeld undUnfallschutz für seine Arbeiter mit angemessener Entlohnung.

 

            Dies geschah, bevor Reichskanzler Bismark des Deutschen Reiches, als erster Staatsmann der Industrieländer Europas und der Welt, mit Gesetzen von 1883 die allgemeine und universelle Krankenversicherung, in 1884 die Unfallversicherung und in 1889 die Invaliditäts - und Altersversicherung einführte.

 

            Niemand soll glauben, daß der Junker Bismark, ein Erzkonservativer und Angehöriger der Adelsklasse, plötzlich sein Herz entdeckt hätte für die Arbeiterklasse. Es waren nüchterne und politisch zweckdienliche Überlegungen, die ihn zu diesem Schritt zwangen, wobei eine Verbesserung der sehr schlechten Gesundheit der Rekruten nicht nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben soll. Immerhin war damit ein gewaltiger Schritt vorwärts getan, in Richtung auf eine Verbesserung der sozialen Lage nicht nur der Arbeiterklasse, sondern aller unterprivilegierten Menschen im  Deutschen Reich.

 

            Es hat, wie wir gesehen haben, lange gedauert und Opfer an Gut und Blut, Verfemung und Einkerkerung einzelner Mutiger gefordert, bis in den Industriestaaten für alle Bevölkerungsschichten sich Verhältnisse herausschälten, die den Bürgern ein menschenwürdiges Dasein  ermöglichten. Bismarks Sozialreformen waren ein denkwürdiger Anfang, der  von anderen Staaten nachgeahmt werden  sollte.

 

            Wer da denkt, daß in der hier geschilderten Periode des 19. Jahrhunderts das politische Augenmerk nur auf den Kampf zwischen Liberalen, Konservativen, Sozialisten, Christlich Soziale und  Kommunisten gerichtet war, abgesehen von nationalistischen Parteien, nur um einige zu nennen, der irrt sich gewaltig. Man fand Zeit und auch die Mittel, um frisch und fröhlich zahlreiche Kriege zu führen, meist aus nationalpolitischen Gründen oder auch um wirtschaftlicher Vorteile willen.

 

            Leider hatte man sich nicht nur in Deutschland sondern auch sonstwo in Europa, inzwischen dem üblen Zeitgeist des Nationalismus und der übertriebenen Verehrung der jeweiligen Monarchien verschrieben.

 

            Im Glauben, die bedrohte Souveränität des geliebten Vaterlandes  verteidigen zu müssen, schlitterten die Völker Europas, sowie nach und nach die halbe Welt, in den großen Krieg, welcher als “Der erste Weltkrieg" berüchtigt wurde. Alle politischen Ränke auf beiden Seiten der Gegner waren vergessen und der sonst verachtete kleine Mann durfte wie immer die größten Blutopfer bringen.

 

            Am Ende desselben gab es viele Monarchien nicht mehr; Lenin hatte, wie bereits berichtet, in Rußland nach einem blutigen Bürgerkrieg dem Kommunismus zur Macht verholfen und die Deutschen durften, nach dem Willen der Siegermächte, die ersten zaghaften Schritte in einer Demokratie tun.

 

            Das erwies sich jedoch als eine Fehlkalkulation, denn die Deutschen waren nicht genügend demokratisch geübt und es dauerte etwa 15 Jahre, bis sie nach schwerem politischen Gerangel den  Diktator "Hitler" an die Macht brachten. Mit den Parolen, die Deutschen durch einen nationalen Sozialismus aus der Weltwirtschaftskriese heraus zu holen und mit Unterstützung nationalistischer und revanchistischer Kreise, gelang ihm der Sprung an die Macht. Es wurden ohne Zweifel soziale Verbesserungen eingeführt, die Volksgemeinschaft betont verstärkt mit der Parole: "Einer für alle, alle für einen“ und das Volk war begeistert, wobei es die Gefahr einer Diktatur und eines überspitzten  Nationalismus übersah.

 

     Die Einführung der Demokratie in Deutschland war also ein Fehlschlag und so auch das Kriegsziel der alliierten Mächte gegen die Mittelmächte im ersten Weltkrieg, welches sie mit einem enormen Propagandaaufwand ihren kriegsmüden Völkern eingetrichtert hatten, nämlich daß der Krieg geführt und gewonnen werden  müsse, um weitere Kriege zu verhindern, sollte sich, dank ihrer Nachkriegspolitik, recht bald als trügersiche Täuschung erweisen.                          

 

            Obschon das alles jüngste Vergangenheit ist und es eigentlich nicht zun Thema dieser Abhandlung paßt, sei hier nur kurz erwähnt, daß Hitler nach anfänglich krieglosen, politischen Erfolgen zu wagemutig wurde und Europa und die Welt in einen zweiten Weltkrieg stürzte, mit dem Ergebnis der völligen Vernichtung Deutschlands als Staat.

 

            Damit kommen wir zum Schluß des ersten Kapitels dieser Abhandlung "Soziale Gerechtigkeit-  gestern".

 

            Daß es gleichzeitig ein geschichtlicher Abriß politischer, religiöser und wirtschaftlicher Entwicklungen wurde, war bedingt durch den engen Zusammenhang zwischen sozialen Verhältnissen und der Einwirkung der Geschehnisse in wechselseitiger Beeinflussung. 

 

            Wie schon einmal betont wurde, liegt es im Wesen des ersten Kapitels dieser Abhandlung, daß Geschehnisse nur zusammengedrängt auf wenige Zeilen berichtet werden konnten, welche Entwicklungen von Jahrhunderten, ja Jahrtausenden duchgemacht haben. Auf nähere Einzelheiten einzugehen war nicht der Platz und nicht der Zweck  dieses Vorhabens.

 

            Mit Absicht nimmt es den Standpunkt der Unterlegenen und von der Natur mit weniger geistigen Gaben versehenen ein, also den größeren Teil der Bevölkerung. Weiterhin beschreibt es die Auseiandersetzung dieser Benachteiligten um eine soziale Gleichberechtigung mit den Mächtigen der Gesellschaften, die von der Natur bevorzugt wurden und deren Anschauungen in der Weltliteratur dominieren.

 

            Das führt zwangsläufig zu der Erkenntnis, daß man es entweder hat, oder man hat es nicht.

 

            Der Mensch ist dem Gesetz unterworfen, welches jedes lebende Wesen regiert: dem Gesetz zu nehmen, wozu er stark genug ist es zu nehmen, und zu behalten, wozu er die Unerschrockenheit hat, es zu behalten; und was tut die Gesellschaft anderes, als, in  geheimer Abrede, die Wahrheit zu verbergen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zweites Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Heute!

 

            Betrachten wir heute global die Errungenschaften der Menschheit in Bezug auf soziale Gerechtigkeit untereinander, so müssen wir leider feststellen, daß wir keinen Grund haben stolz zu sein auf den Fortschritt, den unsere Zivilisation gemacht hat. Im Gegenteil, wir haben allen Grund uns darüber zu wundern, daß wir überhaupt soweit gekommen sind, trotz unseres triebhaften Verhaltens. Sieht man es über die Zeitspanne von etwa 10 000 Jahren bekannter Menschheitsgeschichte, so ist es ein mieser Erfolg und eine enttäuschende Bilanz.

 

            Zu verdanken haben wir den geringen Erfolg nicht etwa den konzentrierten Anstrengungen der starken, mächtigen, aktiven und damit harten oberen Schichten der Gesellschaften, - sie hatten  nur entgegengesetzte Interessen, - sondern dem geduldigen, leidgewohnten, rücksichtsvollen, also weichen Teil der Bevölkerungen, welche nicht nachließen in dem Glauben und der Hoffnung auf eine Verbesserung ihres Schicksals. Es ist somit ein Beispiel für den Wahrheitsgehalt des chinesischen Sprichworts:" Das Weiche ist auf die Dauer härter als das Harte ".

 

     Wie ein Wetterleuchten zuckte hier und da, manchmal nur schwach, manchmal stärker, der Wunsch und die Forderung nach einer besseren Gesellschaftsordnung mit mehr sozialem Ausgleich auf, bis am Ende des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert diese Sehnsucht einen gewaltigen Aufschwung nahm. Ohne nochmals auf das bereits im ersten Kapitel geschilderte Zeitgeschehen einzugehen sei nur vermerkt, daß die vereinten Anstrengungen der vom  Marxismus angehauchten Sozialisten sowie andere sozialistisch ausgerichtete Parteien, wie die christlich soziale Bewegung, den Erfolg verzeichnen konnten, das Los der arbeitenden Bevölkerung entscheidend verbessert zu haben. Die Pionierleistung Bismarks  wurde nach und nach von den meisten Industriestaaten nachgeahmt, bis auf die Vereinigten Staaten.

 

            Die politische Landschaft hat sich nach dem zweiten Weltkrieg ebenfalls zu Gunsten der Demokratien verändert und gibt Anlaß zur Hoffnung, daß sich soziale Verbesserungen eher durchsetzen lassen.

 

            Es sei nochmals darauf hingewiesen, - wie bereits mehrmals geschehen, - daß eine demokratische Gesellschaftsordnung ganz  gleich in welcher Staatsform, nicht identisch ist mit sozialer Gerechtigkeit in dieser Gesellschft. Sie bietet nur die größte Chance oder eine Chance überhaupt, sozial gerechte Reformen mit dem Stimmzettel durchzusetzen. Das ist mit ein entscheidender Grund, warum heute soviel Wert auf demokratische Regierungsformen in der Welt gelegt wird und sich die westliche Welt darum bemüht.

     Man kann heute, nach bald 50 Jahren friedlicher Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg, in der westlichen Welt von einem ansehnlichen Fortschritt sprechen. Jetzt stehen die Länder der sogenannten “Dritten Welt" an dieser Schwelle und möchten die mehr als hundertjährige Entwicklung mit einem Satz überspringen.

Ob ihnen das gelingen wird ist zweifelhaft, zumindest in der  nahen Zukunft.

 

            Da helfen auch großzügige Darlehen und Kredite nicht viel, weil sie nur durch Ausbeutung der sowieso armen Völker zurückge zahlt werden können und sie durch Währungsmanipulationen der Geldgeber am Gängelband gehalten werden. So erweisen sich heute diese Darlehen als Klotz am Bein der Entwicklung der Industrieländer, weil die meisten der Entwicklungsländer ihren Verpflichtungen auf Rückzahlung nicht nachkommen können. Nur ein erheblicher Konsumverzicht in den Industrieländern zugunsten der verarmten dritten Welt kann unter anderem z.B. einen Andrang von Wirtschaftsflüchtlingen wirksam einschränken, als Beitrag zur Solidarität und zum sozialen Ausgleich. Solange nur 10% der Weltbevölkerung 80% der Weltproduktion verbrauchen, werden die Konflikte unausbleiblich eskalieren. 

 

            Dem ersten Kapitel dieser Abhandlung wurde eine dreiteilige Erklärung über soziale Gerechtigkeit vorausgeschickt, und es ist nun an der Zeit, sich etwas näher damit zu befassen. Eigentlich   sagen die ersten drei Thesen grundsätzlich alles aber in einem sehr weit gesteckten Rahmen, der vielerlei Auslegungen zuläßt. Genaugenommen hat jeder Stand, jede Gesellschaftsschicht, von der Aristokratie bis zur Arbeiterklasse, ihre eigene Übersetzung, und wenn man genauer hinsieht, sogar jeder einzelne Mensch. Auf all die Varianten einzugehen und sie zu erläutern, ist hier nicht der Platz und auch nicht der Sinn dieser Abhandlung. Nur einige:

- Der Vorrang von menschlicher Arbeitskraft über Profit und Maschine.

- Die Notwendigkeit, daß Kapital und Technologie verstanden  werden als ein Mittel zum Zweck und nicht als der Zweck schlechthin, und daß sie gebraucht werden zum Aufbau und nicht zur Zerstörung.

- Das Recht eines jeden Menschen auf Selbstbestimmung seines örtlichen Gemeinwesens, dieses zu organisieren und kontrollieren für eine bessere soziale und wirtschaftliche Entwicklung, um seine eignen grundsätzlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

- Die Notwendigkeit einer verantwortlichen Verwaltung unserer natürlichen Bodenschätze.

- Das Prinzip der universalen Solidarität - alle Menschen sind aufgerufen, in harmonischer gegenseitiger Abhängigkeit zu leben.

 

            Wie die aufgeführten Prinzipien leicht erkennen lassen, hat sich der Schwerpunkt der Frage nach sozialer Gerechtigkeit vom politischen und religiösen, weg zur wirtschaftlichen Problematik gewendet, ohne die vorgenannten zu verdrängen. Betrachten wir z.B. die ersten beiden Prinzipien vom ersten Kapitel, so müssen wir feststellen, daß viele Menschen ein falsches Freiheitsverständnis haben. Dieses Thema wurde nebenbei schon mehrmals im ersten Kapitel angeschnitten und ist heute noch ein heiß umsrittener Gegenstand tiefschürfender Debatten von Denkern und Philosophen, hauptsächlich angefacht durch den neu aufgekommenen Liberalismus.

    

I.

Rechte und Pflichten in einer Gesellschaft.

 

            Zulange ist unsere Gesellschaft in die Gewohnheit verfallen, von Menschenrechten zu sprechen, als ob sie in einem Vacuum existieren würden. Das ist eine bedeutende Abkehr von dem lange anerkannten philosophischen Prinzip, daß jedes Recht - mit sich - auch gleichermaßen Pflichten trägt.

 

            Der artikel 29 von der "Universalen Erklärung von Menschenrechten" der UNO sagt, daß nicht nur jederman Rechte hat sondern auch  “jederman hat Pflichten gegenüber der Gesellschaft."

Er sagt auch: “in der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten, ist jederman nur den Begrenzungen unterworfen, welche durch Gesetze bestimmt sind, und zwar einzig zu dem Zweck, sicher zu machen, daß die Anerkennung und der Respeckt für die Rechte und Freiheiten anderer gesichert ist und übereinstimmt mit der gerechten Forderung nach Moralität, öffentlicher Ordnung und der allgemeinen Wohlfahrt in einer demokratischen Gesellschaft.“

 

            An das bereits Gesagte anlehnend, verstehen die meisten Menschen unter “Freiheit" das Recht, sich ohne Rücksicht auf andere auszuleben, getreu dem alten Urinstinkt "erst komme ich". Sie übersehen dabei die elementare Tatsache, oder haben sie nicht gelernt, daß zum Leben in einer gesunden und funktionierenden Gesellschaft zum Nutzen aller Glieder, mit Freiheit unauflöslich Pflicht, Verantwortung und Solidarität verbunden sind.

 

            Man kann die Einschränkungen der persönlichen Freiheit eines Menschen in der Gesellschaft nahezu treffend vergleichen mit den Einschränkungen, die der moderne Straßenverkehr mit seinen Ge-  und Verboten uns Menschen auferlegt. Bekanntlich sind die Verkehrsregeln keine Erfindung irgend eines Bürokraten vom grünen Tisch aus, sondern haben sich zwangsläufig ergeben durch das physikalische Gesetz: “Wo ein Körper ist, kann kein anderer sein in der gleichen Zeit."

           

            Das ist der dominierende Faktor, welcher die Verkehrsordnung bestimmt und zu vergleichen ist mit der Ordnung unter den Menschen, die ihr Zusammenleben bestimmen sollte. Das Chaos wäre unvorstellbar, würde jeder ohne Regeln so fahren können, wie ihm beliebt. Gleichfalls wäre es eine chaotische Gesellschaft, würde jeder sich nach seinen Einfällen benehmen, wie er lustig ist.

 

            Und was wären Gebote und Vorschriften wert, wenn sie nicht durch die Staatsgewalt übersehen und notfalls erzwungen würden?

 

     So klar und übersichtlich wie mit den Verkehrsregeln im  Straßenverkehr ist die Sache beim menschlichen Zusammenleben selbstverständlich nicht; aber es gibt auch hier Regeln und Gebote und die ältesten und bekanntesten sind die zusammengedrängten 10 Gebote des Moses. Und auch hier hat der Staat, solange er vom Volkswillen getragen und keine Diktatur ist, das Recht und die Pflicht, gegen Verstöße angemessen einzugreifen.  

 

            Im Hinblick auf die Verkehrsregeln hat der freie Mensch in einer freien Gesellschaft also das Recht:

 

Erstens- Den Zeitpunkt seiner Fahrt oder Fahrten selbst zu bestimmen.

 

Zweitens- Das Ziel seiner Fahrt und den Weg dorthin selbst festzulegen.

 

Drittens- Die Art der Fortbewegung, ob eignes Fahrzeug oder öfffentliches Verkehrsmittel gleich welchen Typs, frei zu wählen.

 

            Soweit das Beispiel vom Straßenverkehr. Auf ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft im übertragenen Sinne gesprochen, ist der Mensch auch nur begrenzt frei. Er ist also im Leben auch Regeln und Vorschriften unterworfen, denen zu folgen ihm angeraten wird. Nur Diktaturen einschließlich der Kommunisten, versuchen die dem Menschen zustehenden natürlichen Rechte einzuschränken oder ganz zu nehmen.  

 

            Vieles läßt sich noch als Vergleich und Beispiel wechselseitig anführen, was blitzartig die Situation um diese Problematik erhellt. Doch soll es mit dem bisher Gesagten genug sein.

 

     Betrachten wir alles vorhin Gesagte zusammenhängend, so kann gesagt werden; wer frei ist hat Pflichten, trägt Verantwortung und ist nur so ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Daher die Forderung aller Kreise, einschließlich der Kirchen, die auf das Wohlergehen des Menschen in der Gesellschft und damit der Gesellschaft als Ganzes besorgt sind, die Erziehung des Menschen in der Familie und Schule in den erwähnten Prinzipien zu beeinflussen. Als Staatslenker bedarf es vor allem bedeutender Menschen mit Weitsicht, Mut und dem untrüglichen Blick für das Machbare, ohne diktatorische Allüren.

 

             Jedoch trösten wir uns mit der Feststellung, daß in modernen Demokratien die Besten eben nicht in der Politik, sondern in der Wirtschaft zu finden sind; deshalb heißt es ja auch: “In der Politik sind die Nullen gefährlich, die vorne stehen, im Gegensatz zu der Wirtschaft, wo sie gefährlich sind, wenn sie hinten stehen.”

 

            Der Aristokrat glaubt zu Recht, daß es in jeder Gesellschaft und zu jeder Epoche nur wenige wirklich bedeutende Menschen gibt, und er ist überzeugt, daß sie aus seinen Kreisen kommen. Der überzeugte Demokrat hingegen hat im tieferen Sinne recht, wenn er darauf beharrt, daß wir nicht voraussagen können, woher diese wertvollen Menschen kommen, und uns deshalb nach allen Seiten offenhalten müssen.

 

            Zu diesem Zweck wurden durch sozialen Druck in den westlichen Industrieländern Schulsysteme eingeführt, die es auch dem Minderbemittelten erlauben, höhere Institute und Universitäten mit staatlicher Unterstützung zu besuchen. Damit wurde zumindest der Versuch gemacht, das jahrtausende alte Bildungsmonopol der Reichen und Privilegierten zu brechen.

 

            Jedoch die Dinge stehen nicht günstig nach einigen Jahrzehnten freier Schulbildung und einem halben Jahrhundert allgemeinen Gesundheitswesens und staatlicher sozialer Leistungen.

 

            Seit einiger Zeit werden wir sachte durch die Medien darauf vorbereitet, daß das System der universellen Krankenversicherung zu teuer ist und wir uns mit starken Einschränkungen abfinden müssen. Nebenbei sind die U.S.A. das einzige Industrieland, welches in seiner Verfassung jedem Bürger das tragen von Waffen garantiert, aber nicht das Recht zu einer allgemeinen und generellen medizinischen Versorgung. Zur Zeit dieses Schreibens sind nahezu 30 Millionen Amerikaner, selbsverständlich die arme Bevölkerungsschicht, ohne jedwede Krankenversicherung und das, obschon die  U.S.A. in ihrem Haushaltsplan den höchsten Betrag auslegen in der ganzen Welt für ihr Gesundheitswesen. 

 

II.

Kampf um Vorrechte und Exklusivität.

 

            Dem Bildungswesen geht es nicht anders und es leidet ebenfalls. Da wird zwar mit schönen Worten immer wieder betont, daß wir konkurrenzfähig bleiben und daher größere Anstrengungen auf dem Gebiet der Ausbildung unternehmen müssen. In Wirklichkeit werden aber ständig Mittel für Hochschulen und Universitäten gekürzt und die Einschreibegebühren erhöht, so daß wir langsam aber sicher wieder dort ankommen, wo wir einmal zu “besseren Zeiten" aufgebrochen sind; daß sich nämlich nur Kinder privilegierter und reicher Leute ein Studium erlauben können. Auf der einen Seite strebt man davon weg, eine "Elite" heranzubilden, - in demokratisch korrekter Denkweise ist "elitär" fast ein Schimpfwort - andererseits wird durch diesen Rückschritt eine Auswahl nach  materieller Potenz statt geistiger Fähigkeiten gefördert. Ein weiteres Beispiel davon, wie die Bevölkerung beeinflußt wird, sei nachfolgend gegeben.

 

            Führende Geschäftsleute und Unternehmer scheuen sich nicht, für Jahre dem Volk zu erzählen, daß wegen der Größe der jährlichen Defizite und der damit verbundenen nationalen Verschuldung kein Geld da ist für Kinderfürsorge, Heime für Wohnungslose, Hilfe für alleinstehende und arbeitslose Mütter mit Kindern, die schon erwähnte Unterstützung des Schulwesens, Krankenfürsorge und vieles andere mehr, also alles Soziallasten der Gesellschaft.

 

            Um dem abzuhelfen, die Wirtschaft leistunsfähiger zu machen und damit die Staatseinnahmen zu erhöhen, um die Soziallasten besser aufbringen zu können, fordern sie arrogant, daß sich der Staat nicht einmischt in dem freien Ablauf der Marktwirtschaft, um regulierend einzugreifen.

 

            Nichtsdestoweniger haben dieselben Herren keine Gewissensbisse, zu dem selben Staat zu gehen mit der Forderung nach einem Eingriff in die geheiligte Marktwirtschaft, wenn sie sich in einer finanziellen Kriese befinden. Sollten die Finanzmanipulationen des Staates eine Pleite nicht verhindern, dann darf der Vater Staat mit Steurgeldern den Herren aushelfen. Mit denselben Steuergeldern die nicht da sind, um den Stand der sozialen Ausgaben in gleicher Höhe zu erhalten, die aber augenscheinlich ausreichend vorhanden sind, wenn es gilt, fehlgegangenen und waghalsigen Unternehmen aus der Patsche zu helfen.

 

            Wie die vorhin beschriebenen Beispiele anzeigen, sind auch in den Demokratien ständig Kräfte am Werk, sich das größere und bessere Stück des Kuchens anzueignen. Wer da glaubt, daß die  Kräfte und Mächte, die während der ganzen Menschheitsgeschichte  - wie im ersten Kapitel geschildert - rücksichtlos als die führende Schicht ihre Völker ausbeuteten, nun als bekehrte Demokraten ihre Fahnen gestrichen haben und brave und folgsame Mitglieder ihres jeweiligen Volkes geworden sind, geduldig wartend, bis sie am Gabentisch der Gesellschaft an der Reihe sind, hat sich gewaltig geirrt. Ganz im Gegenteil.

 

            Nicht zuletzt wegen der durch den Liberalismus geforderten Freiheiten - mit ein Grund für das Aufkommen der Demokratien - verstärkt durch die Entwicklung im Bildungswesen, können sich größere Kreise der Gesellschaft als bisher auf die Seite der  Nutznießer schlagen. Das Gerangel da oben um Vorteile und Vorrechte ist daher verschärft und grenzt manchesmal ans Groteske.

 

            Exklusive Schulen und Universitäten mit entsprechend hohen Gebühren, exklusive Klubs und sonstige Vereinigungen, meist mit wirtschaftlichem Hintergrund, werden als Mittel benutzt, sich von der Masse abzusondern um ihre Vorrangstellung in der Gesellschaft zu behaupten und ihre Begierde nach Macht zu befriedigen.

 

            Dabei ist es nicht so, obschon das Thema als solches in grundsätzlicher Form und in zahlreichen abgewandelten Beispielen bereits mehrfach behandelt wurde, daß die Kreise um die internationalen Finanzmagnaten und erfolgreichen Spekulatoren darauf bedacht sind, sich mit ihrer Weltanschauung ins geheimnisvollste Stillchweigen zu hüllen. Der Mitteilungsdrang kitzelt sie auch manchmal und so bekommt der aufmerksame Leser von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen gelegentlich Offenbarungen zu lesen, die ihm die Sprache verschlagen.

 

III.

Beeinflussung  politischer Entscheidungen.

 

            Was sie auf exklusiven Schulen in der Welt gelernt, und was sie mit Erfolg an außerordentlichem Reichtum in den verschiedensten Währungen (meist in Dollar) mit Geschick angehäuft haben, drängt sie zur Enthüllung ihrer wahren Motive. Auch ein Multi-Billionär möchte manchmal nicht nur von Seinesgleichen sondern auch von der Welt bewundert werden und dabei gleichzeitig sich als Menschenfreund feiern lassen.

 

            So geschieht es dann manchmal, daß eine solche Koryphäe einem Korrespondenten ein Interview gewährt und dabei einige seiner Weisheiten preisgibt. Unter dem Deckmantel der Menschenfreundlichkeit (Philanthropy) kann man da von einem mehrfachen Billionär lesen, der sein "sauer" verdientes Geld an arme Länder und Organisationen in Osteuropa oder der dritten Welt verleiht oder in Kapitalfonds anlegt.

 

            Man höre und staune: Er hat eine Abneigung gegen Nächstenliebe und Mildtätigkeit. Menschenfreundlichkeit geht ihm gegen den Strich. Unsere Zivilisation ist aufgebaut auf der Verfolgung von Selbstinteresse, nicht mit irgendeiner Beschäftigung der Interessen anderer.

 

            Daß dies im Widerspruch steht zu allem, was unsere zweitausendjährige christliche Kultur bis heute soweit gebracht hat, sei nur am Rande vermerkt. Wenn diese Koryphähen mit ihrer Masse Geld nicht so einflußreich wären und die Geschicke ganzer Völker in Frieden lenken und in Kriege stürzen könnten, würde es sich nicht lohnen, weiter darüber zu berichten.

 

            So ist es gang und gäbe im amerikanischen Musterland der Demokratie - und es ist nicht anzunehemen, daß es in anderen Demokratien anders wäre -, daß spezielle mächtige Interessengruppen mit ihren Lobbisten enormen Einfluß ausüben außerhalb des legalen politischen Systems von Kongreß und Weißem Haus. So bleibt es nicht aus, daß politische Entscheidungen gefällt werden zum Schaden des Wählervolkes, aufgrund von Bestechung und Korruption.

 

            Die von der amerikanischen Verfassung grundsätzlich geforderte Bestimmung, daß das Volk den wichtigsten Teil in der Regierung bildet, ist in Gefahr verwässert zu werden. Das jederzeit herbei zitierte Schlagwort "Die Regierung soll nur gehandhabt und betrieben werden für das Volk und mit dem Volk", wird nach und nach zur hohlen Phrase, an die nur noch Kinder glauben.

 

            Leider ist es eine Tatsache, daß Moral nicht zu erzwingen ist, und sich auch nicht durch das schärfste Gesetz ersetzen läßt.

 

            Ein gerütteltes Maß von politischer Einsicht zeigte einst eine Abordnung von Bauern eines Balkanstaates. Sie erschienen mit der Bitte bei ihrem Landesfürsten, ihren unbotmäßigen Landesvogt  wegen ungerechtfertigter Übergriffe zu tadeln, um damit ihr Los zu erleichtern. Als daraufhin der Landesfürst, per Zufall gnädig gestimmt, sagte, er werde ihn absetzen, antworteten sie mit tiefem Erschrecken und widerstrebend: "Um Gottes Willen, nein! Nur tadeln möge ihn der gnädige Herr. Er hat alles was er braucht. Wenn Euer Gnaden einen anderen einsetzen, wird er erst sich von uns alles beschaffen, wonach ihm der Sinn steht, und uns geht es schlechter als vorher."

 

            Welche Sumpfblüten der ungehinderte Kapitalismus in solch einer stinkfeinen Demokratie wie "Kanada " treiben kann, sei dem Beispiel des vor kurzem gestorbenen Milliardärs " Kenneth Collin Irving, 93 Jahre alt" entnommen. Er war bis jetzt der einzige Kanadische Milliardär, der jemals fast eine ganze Provinz, in diesem Falle “Neubraunschweig", sein Eigen nennen konnte, und er besaß alles, was Wert war festzunageln und einen Gewinn versprach. So gehörten ihm, - und gehören noch seinen  Söhnen -, ganze Ländereien, darunter 3 Millionen Morgen mit Baumbestand, Tausende von Gebäuden, Fabriken für Holzverarbeitung und Papiererzeugung, die größte Ölraffinerie im Osten Kanadas, Supertanker, die Saint John Schiffswerft, Busslinien, 3000 plus Tankstellen mit eigenem Benzinverteilernetz sowie zahlreiche Restaurants und Gelegenheitsgeschäfte. Ferner gehören der Familie alle Zeitungen im Lande und die Hauptfernseh - und Radiostationen.

 

            Wieviele von gewählten Politikern in seinem Sold gestanden haben, ist nicht bekannt; dagegen ist bekannt, welchen enormen Einfluß er auf die Politik des Landes ausübte, um seine Vorteile zu wahren. Unter anderem handelte er mit der Regierung der Provinz für ihn günstige Steuerverträge aus, mit Laufzeiten von 20 und 30 Jahren.    

 

            Bemerkenswert ist noch, daß alles in einer Generation und von kleinsten Anfängen an zusammengerafft wurde.

 

            Alles in allem also ist dieser Zustand eine Schande für das demokratische Kanada. Jedoch vom Standpunkt eines Kapitalisten ist es eine bewunderungswerte und Neid erregende Leistung, derweil bestimmt nicht alles mit rechten und legalen Dingen zugegangen ist. Es ist für den kleinen Mann eine Mahnung, wachsamer zu sein, um die richtigen Personen  und Parteien an die Macht zu wählen.

 

IV

Streitfragen über Arm und Reich.

 

            Ein gängiges Thema bei politichen Diskussionen ist, wie man die Unterschiede zwischen Arm umd Reich mildern kann, um zukünftigen Unruhen mit eventuellen Straßenkämpfen zuvorzukommen. 

 

            Ein uraltes Motiv taucht dabei immer wieder auf, jedoch man hüte sich vor der Sozialistenweißheit, von den Reichen zu nehmen und es den Armen zu geben! Das wäre nur eine gleichmäßige Verteilung des Elends, wie es Winston Churchill einmal ganz richtig sagte.

 

            So hat ein Staatsman den Vorschlag gemacht - und er ist auf den ersten Blick garnicht so dumm -, man solle sich dafür einsetzen, daß sich auch die ärmere Bevölkerung ein eignes Haus leisten könne. Der Hintergedanke dabei ist, daß Besitzer von Eigentum nicht auf die Barrikaden gehen um zu zerstören. Man könnte diese Ansicht eigentlich begrüßen, wenn sich nicht dahinter die zynisch herablassende Anschauung verbergen würde, daß die Masse der Menschen zu dumm, selbstgefällig und behaglich ist um mehr zu wünschen als einen vollen Magen und ein Dach über dem Kopf.

 

            Für die oberen Klassen ist es äußerst entscheidend, daß das Verhältnis von Bienenvater und Bienenvolk, Nutznießer und Ausgenutzten in dieser gegebenen Form erhalten bleibt. Dann brauchen sie sich nicht um die Erhaltung und Sicherheit ihrer Existenz zu sorgen. Das geringere Übel wäre dann nur die gute Pflege der Bienen, denn das steigert den Ertrag.

 

            Dieses Beispiel zeigt deutlich, was Verfechter sozialer Gerechtigkeit anstreben und wie es in Wirklichkeit zugeht. Es kommt ihnen nicht darauf an, daß gnädig und nach Laune milde Gaben gewährt werden sondern um gleiche und solidarische Parterschaft bei  der Verteilung der Früchte dieser Welt. Das ist es jedenfalls, was sie voll innerer Überzeugung anstreben, jedoch in dieser Welt des harten Wettbewerbes, muß auch der Sozialist lernen, wohl oder übel mit den Wölfen zu heulen, die Dinge realistisch sehen und nicht Wunschträumen nachhängen. Nur so kann er seinem Ideal einen wahren Dienst erweisen und soziale Fortschritte erkämpfen.

 

            Der Glaube, daß wir uns trotz beachtlicher Fortschritte in  sozial gerechtem Ausgleich nun auf den Lorbeeren ausruhen können  und erwarten, daß uns weitere Verbesserungen von selbst in den Schoß fallen, ist gelinde gesagt ein Selbsbetrug. Es bedarf weiterhin großer mutiger Personen mit politischem Fingerspitzengefühl, also mit dem Ideal im Herzen aber mit klarem, realistisch denkendem Kopf, um die Sache der sozialen  Gerechigkeit voranzutreiben.

 

            Bismark's Gesetzgebung zur Altersversorgung, Roosevelt's New Deal und in Kanada, Benett's und King's Maßnahmen zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und Kriegsschwierigkeiten des zweiten Weltkrieges, waren eingeführt worden nicht bei den sozialistischen Horden sondern bei kapitalistischen Regierungen, um soziale Unruhen zu verhindern und nicht in Revolutionen auswachsen zu lassen. Es wurde bevorzugt, Geld auszugeben vom Steueraufkommen an unbeliebte Programme, zum Schutze wesentlicher Kontrollgewalt in den Händen der Kapitalisten, anstatt nichts zu tun und diese Kontrollgewalt vollständig zu verlieren.

 

            Damals wie heute, Kapitalismus wie alle anderen Ideologien bewerten Stabilität über alles. Zitiert sei “Allen Moscovitch": " Kapitalistische Wirtschaftssysteme sind nicht fähig sich selbst zu regulieren. Sie benötigen außerordentliche Stufen von staatlichen Eingriffen um Stabilität zu erreichen ".

 

            Dominierend in den Kulturen der westlichen Gesellschaften besteht die Neigung, in Wort und Schrift, das Leben durch die Augen der Einflußreichen und vom Wohlstand gesegneten zu sehen.  Diese haben auch den Einfluß und die Macht, das was Wirklichkeit sein soll, in ihrem Sinne zu bestimmen. Zum Beispiel: Leute wie führende Geschäftsleute, Bankdirektoren, die führenden Köpfe von internalen Korporationen und Medien - Direktoren bestimmen in  allem, wie der Rest von uns die Wirklichkeit übersetzt und auslegt. Jedoch wie anders sieht das Leben aus, betrachtet man es z.B. vom Standpunkt alleinstehender, arbeitsloser Eltern an Wohlfahrt. Haben die Einen allen Grund, mit dem Status quo zufrieden zu sein, wissen die Anderen, am Rande des Existenzminimums lebenden durch tägliche Erfahrungen am eigenen Leibe, daß die gegenwärtige Ordnung viel zu wünschen übrig läßt.   

 

            Es wurde bereits im ersten Kapitel darüber gesprochen, daß der Wert der  menschlichen Arbeit allein bestimmt wird von Ange bot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeiter, die einen Arbeitsplatz suchen, müssen darauf vorbereitet sein, sich unter ihren Wert anzubieten und niedrigere Löhne zu akzeptieren, weil sie anderweitig leicht durch Maschinen oder andere, in Reserve stehende Arbeitslose, ersetzt werden können. Im Endeffekt werden die Arbeiter als eine unpersönliche Kraft behandelt, welche wenig oder keine Bedeutung und Wichtigkeit hat außer ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit. Oder anders ausgedrückt; menschliche Arbeit und darum die menschliche Person des Arbeiters werden mehr oder weniger als eine Ware betrachtet, die gekauft und verkauft werden kann, wie der Arbeitsmarkt es erfordert. Die Kommunisten prägten daher nicht ganz zu Unrecht den Begriff des “modernen weißen Sklaven".                                               

           

     Techno - Proleten sind gewerblich Machtlose und nicht mehr oder überhaupt nicht zu beschäftigende Personen. Es sind die Männer und Frauen, die durch Technologie in der Fabrikation, Grundstoffindustrie und Landwirtschaft verdrängt wurden. Hinzu kommen die Jungen und Unerfahrenen sowie geistig Behinderte, die nicht die Fertigkeit und Erfahrung entwickelt haben oder erreichen können für die hohen technischen Ansprüche in den Industrien.

 

            Für viele von ihnen sind entweder die Arbeitlosenunterstützung oder soziale Wohlfahrtsprogramme die einzige Hilfe, um einige der augenblicklichen Bedrängnisse und Nöte zu mildern. Jedoch soziale Wohlfahrt und Arbeitslosenunterstützung kann nicht die soziale, wirtschaftliche oder politische Gleichheit und Mitwirkung unter den sozialen Partnern fördern.  

 

            Wir sehen statt dessen ein Ansteigen in der Zahl der Verarmten und Machtlosen in unserer Gesellschaft. Augenblicklich eingeführte wirtschaftliche Strategien sind bestimmt - oder wirken  sich aus - zur Vergrößerung des Abstandes zwischen Arm und Reich, zwischen den Mächtigen und den Machtlosen. Die erneut propagierte Abhängigkeit vom privaten Sektor und dem freien Marktsystem bedeutet im Prinzip eine Rückkehr zu der Theorie der langsamen Anpassung der Löhne zum niedrigsten Stand, als Mittel zur Verteilung des Einkommens mit dem unvermeidlichen Ergebnis einer ungerechten und unbilligen Beteiligung an den Einkünften.

 

            Man kann der Technologie nicht vorwerfen, Menschen zu lauter Objekten zu reduzieren. Technologie alleine hat nur geringen Einfluß. Es ist die Gesellschaft, welche die moderene Wissenschaft formt, ihr Bedeutung gibt und damit echte Macht. Die Gesellschaft kann die Technologie so führen, daß sie verantwortungsvolle und nützliche Ziele erreicht und als Vermittler gelten kann von Gerechtigkeit, Frieden und Nächstenliebe.

 

V

Der Einfluß der Komputer Technologie.

 

            Wir müssen die Tatsache erkennen und in Rechnung stellen, daß wir uns in einer Zeit von globalen Umwälzungen und technologischen Veränderungen befinden, die nicht Übermorgen beendet sein werden. Ob wir es begrüßen oder ablehnen, unser Planet ist heute ein globales Dorf geworden. Die multinationalen Konzerne haben es soweit gebracht.

 

            Es liegt in der Natur der nationalen und multinationalen Konzerne, für ihre Aktieninhaber möglichst hohe Erlöse zu erzielen. Darum wird allerorten teure menschliche Arbeitskraft durch Maschinen, sprich Roboter und Computer, oder durch billige Arbeitskräfte in Südostasien, China oder Mexiko ersetzt.

 

            Das heißt für die hochentwickelten westlichen Industrieländer jedoch, daß wer keine Arbeit hat, kauft kein Auto. Wer keine gesicherte Stellung hat, geht keine langfristige Verpflichtung für eine Hypothek zum Hauskauf ein. Der gesamte wirtschaftliche Kreislauf kommt zum Stillstand. Das zu verhindern, ist Aufgabe gegenwärtiger und zukünftiger Politiker. Möge es ihnen gelingen, die Weichen richtig zu stellen.

 

            Unsere Gesellschaft kann die neugewonnene wissentschaftliche und industrielle Macht gebrauchen, um die Menschen zu zwingen sich anzupassen, sich in die Umstände zu fügen, sich nach den Verhältnissen zu richten durch Veränderung ihres Arbeitsplatzes, örtlich, staatlich oder international und damit ihre Erwartungen herabdrücken, sodaß sie sich dem unterwerfen, was das wirtschaftliche System diktiert.

 

            High - Tech kann tödliche Konsequenzen haben, weil die Leute, die sie kontrollieren, tödliche Entscheidungen treffen können. Dies ist besonders akut in unserer “nach-Hiroschima" Ära. Wissenschaft ist in der heutigen Zeit nicht mehr neutral; entweder sie erniedrigt oder fördert die Menschlichkeit.

 

            So wie wir der nuklearen Vernichtug ausgesetzt sind, hängt unsere Zukunft auf diesem Planeten von unserer bewußten moralischen Wahl ab. Sie liegt also in menschlichen Händen und unser bloßes Überleben ist tatsächlich verkettet mit dem, was wir unter Menschlichkeit verstehen.

 

            In unserer heutigen Kultur ist die menschliche Person unterbewertet und dem untergeordnet, was wirtschaftliche Mächte und der Zwang der Produktion diktieren.

 

            Das Micro - Chip droht mehr Arbeitslose und sozialen Wandel zu schaffen, als unsere Gesellschaft über die letzten 200 Jahre erfahren hat. Es kann nur geringer Zweifel darüber bestehen, daß die technologische Revolution die Gesellschaft mehr verändert hat als die industrielle Revolution. Dabei ist es wahr in dem Sinne, daß Technologie nichts Neues ist für uns Menschen. Anthropologisten, (Menschenkundler, die das Verhalten von  Menschen studieren) bestimmen menschliche Wesen mit der Fähigkeit, Werkzeuge zu schaffen und zu gebrauchen. Wie dem auch sei, unsere Werkzeuge haben mehr Einfluß als je zuvor in unserer Kultur und unserem Leben, soviel tatsächlich, daß wir als die Knechte unserer Werkzeuge beschrieben werden können.

 

            Für Jahrhunderte war die einfache, ja primitive Technologie der Menschheit nur geeignet, die grundsätzlichen Mittel zum Überleben bereit zu stellen. Jedoch im Zeitalter der industriellen Revolution entwickelten und verbesserten wir unsere Technologie, unsere Werkzeuge (sprich Maschinen) nach und nach, welche Rohstoffe der Natur entnehmen und in viele Formen verwandeln, die zur Verbesserung unseres Lebens dienen sollen.

 

            Die Geschichte lehrt uns dagegen, daß wissenschaftlicher Fortschritt nicht immer gleichbedeutend ist mit menschlichem Fortschritt. Noch schlimmer, wir können die Technologie zu unserem Herrn und Meister machen mit der menschlichen Arbeitskraft als sein Diener, so daß wir die menschliche Geschichte als technologisches Wachstum betrachten können, sozialen Wechsel als technologische Ausdehnung und die menschliche Gemeinschaft als eine technologische Funktion.

 

            Technologie kann zum Gott erhoben werden, jedoch nur in unserer Einbildung, wie auch immer bruchstückartig und je nach unserer Werteinstellung. Zeitgenössische Wissenschaft hat sich über die letzten Jahrzehnte von menschlichen Werten getrennt, während unsere Kultur danach strebt, wertfrei zu sein.    

 

            Soziale Strukturen und Organisationen spiegeln gewöhnlich die Verhältnissen wieder, denen sie unter dem Druck des Lebens in einer bestimmten Gesellschaft ausgesetzt waren.

 

            Die Technologie, so widersprüchlich sie auch ist, gibt uns die Fähigkeit und stellt uns vor der Herausforderung, die Zukunft nach unseren Wünschen zu formen, uns mit den Mitteln zu versorgen, neue Materialien zu schaffen oder die vorhandenen zu verbessern, dabei unsere Umwelt zu verändern und gleichzeitig die Richtung unseres Lebens neu zu bestimmen.

 

            Weil es menschlich ist zu entdecken und zu entwickeln, versorgt uns die Wissenschaft mit ungeträumten Möglichkeiten und Freiheiten, welches am besten symbolisiert wird durch die Entdekkungen in der Raumfahrt.

           

     Jedoch die Kehrseite der Medaille ist, daß unsere wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften sich auswirken zur Entmenschlichung, genau so wie unsere Wirtschaft, weil unsere Kultur sich trennt von sittlichen, moralischen und menschlichen Werten.

 

            Wenn wir wollen, daß die menschliche Person im Mittelpunkt steht, wenn wir wollen, daß Teilnahme und Erbarmen die Oberhand gewinnen über Mechanisierung und Computerisation, dann müssen wir fortschreiten über unsere Technokultur hinaus zu einer authentisch sozialen Kultur.

 

            Die sittliche und moralische Aufgabe welcher die Wissenchaft heute gegenüer steht ist dieselbe wie die moralische Frage gerichtet an unsere Wirtschaft: Wo gehört der Mensch hin?

 

            Neue Technologien, wie auch immer erstaunlich und unglaublich, werden kein Paradies auf Erden schaffen. Die Tatsache dagegen ist, daß wir bereits die Erfahrung machen mit der anfänglichen Etappe des eingebildeten "technologischen Paradieses", nämlich, daß eine Minderheit hochbezahlter Arbeiter, unterstützt  durch  hochentwickelte Werkzeuge, mehr wirtschaftliche Güter erzeugt, als ein Land braucht. Dagegen können die meisten Arbeiter  nur mit Mühe ein bescheidenes Einkommen erarbeiten, und ihre Kaufkraft reicht nicht aus, das Nötigste des Lebens zu genießen.

 

            Jedoch, wie dem auch sei, die Technologie ist bei uns und wird mit uns bleiben. Die Revolution ist nicht etwas für morgen, sondern sie ist mitten unter uns. Die Frage ist: wem geben wir Vorrang, der Technologie oder dem Menschen?

 

            Unsere Wirtschaft ist zur Zeit noch nicht organisiert, den Menschen zu dienen; statt dessen sind die Menschen organisiert, der Wirtschaft zu dienen. Dabei dürfen wir nicht übersehen, daß wir Menschen nur Wandergefährten sind mit anderen Kreaturen in der Odyssee der Entwicklung, und daß wir ein Bündel von Mitverantwortung tragen für deren Wohlergehen.

 

            Auf der einen Seite wird unser Leben bestimmt von der Habsucht, der Gier nach Profit und dem Machtstreben bevorzugter Menschen, die mit Hilfe der Technologie die Wirtschaft und damit die Gesellschaft beherrschen, während wir auf der anderen Seite, aufgrund traditioneller westlicher Philosophie, die ihre Sittenlehre auf die Verantwortung für das Individium begründet, und in Verbindung mit der christlichen Sittenlehre finden, daß sich fast alle westlichen Demokratien zu Wohlfahrtsstaaten entwickelt  haben.

 

     Ohne Ausnahme stöhnen alle in der jetztigen Wirtschaftskriese über die Höhe der Soziallasten, die einer stetigen Tendez zur Vergrößerung unterliegen, vor allem in wirtschaftlich schlechten  Zeiten. So tragisch es ist für die am Rande des Existenzminimums lebenden, muß auch gesagt werden, daß das System der sozialen Hilfe jeglicher Art berufsmäßige Wohlfahrtsempfänger zeugt. Dabei gibt es solche, die, enttäuscht durch jahrelange vergebliche Arbeitssuche und Not jede Hoffnung aufgegeben haben, und solche, die sowieso infolge ihres Dranges nach Bequemlichkeit - siehe unsere Urahnen - nach dem Prinzip leben: "laß  andere arbeiten!”

 

            Überhaupt, wenn man fasziniert das politische Spiel der Kräfte zwischen den kapitalistischen und sozialen Machenschaften als leider Mitbeteiligter betrachtet, hat sich seit dem Gerangel in den Anfängen der menschlichen Gesellschaft nichts geändert.   - Siehe das erste Kapitel dieser Abhandlung. - Es spielt sich alles nur auf anderen und höheren Ebenen ab.

 

VI.

Begriff und Sinn der Menschenrechte.

 

            Nachdem wir hinreichend die Licht- und Schattenseiten, die Vor- und Nachteile der Technologie im Hinblick auf unsere Wohlfahrt besprochen haben, obgleich manche Aussagen aus anderen Gesichtspunkten gesehen, schon mal erwähnt wurden, wollen wir uns mit einem anderen zeitgemäßen Gegenstand ernsthafter Diskussionen  beschäftigen, nämlich die Beachtung und Einhaltung der Menschenrechte durch die Machthaber der Völker.

 

            Der Begriff  “Menschenrechte" beschreibt ein Vorrecht,das von uns beansprucht und genossen werden kann aus dem einfachen Grunde, daß wir Menschen sind.  

 

            Das Konzept entwickelte sich verschwommen bereits im alten Rom von der Idee des "natürlichen Rechtes" und wurde wieder aufgegriffen in dem amerikanischen Manifest der Unabhängigkeit von (1776), nachdem es Jahrhunderte in philosophischen Zirkeln herumgegeistert hatte. Es wurde weiter gefördert durch die   20. Jahrhundert durch liberale Kräfte akzeptierte Idee, daß uns Menschen ein gleiches Schicksal verbindet in Bezug auf zivile, politische und wirtschaftliche Rechte.

 

            Ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit geriet der Begriff des Menschenrechtes vor allem durch die bekannt gewordenen Kriegsgreuel des II Weltkrieges, was instrumental wurde für die Siegermächte, nach der Gründung der “Vereinten Nationen", durch ihre Mitglieder die "universal Declaration of Human Rights" (1948) zu unterzeichnen. 

 

            Obschon die Regeln zur Ahndung und Bestrafung von Menschenrechtsverletzungen von seiten der UNO keine verbindlichen gesetzlichen Vorschriften sind, also keinen legalen Wert haben und nur  Empfehlungen darstellen, deren Befolgung jedem Land selbst überlassen ist, kann es sich kein Staat leisten, der etwas auf sich hält, von der Weltöffentlichkeit der Menschenrechtsverletzung angeklagt zu werden.             

 

            So haben denn die europäischen und viele andere Staaten entsprechend durchgreifende Gesetze erlassen. Wo es hapert, ist in der sogenannten zweiten und dritten Welt. Hier werden noch Menschen eingesperrt und gefoltert, weil sie politisch, relgiös oder kulturell anders denken und handeln, als es den Machthabern genehm ist.

 

            Dabei besteht von seiten der UNO keine direkte Organisation von Mitgliedern weltweit, die über die Einhaltung der Menschenrechte wacht. Es sind Leute aus dem Volk, wie es sich gerade ergibt, die sich der Sache angelegen sein lassen, Schriftsteller, Journalisten, Lehrer, Priester, Rechtsanwälte oder Studenten, die solche Verstöße der Weltöffentlichkeit und der UNO Kommission zur Kenntnis bringen, manchmal - aber nicht immer - mit Erfolg, daß heißt mit Bestrafung der Übeltäter. 

 

            Menschenrechtler der UNO stellen neuerdings fest, daß sich die Vorkommnisse von Menschenrechtsverletzungen - selbst in sonst folgsamen Ländern - häufen. Sie schreiben das der größer werdenden  Verarmung und Verrohung durch die Weltwirtschaftskrise zu. 

 

     Oft geraten dabei die Menschenrechtler in den einzelnen Ländern selbst in die Schußlinie derer, die sie anklagen und sie benötigen mehr denn je den Schutz der UNO Kommission für Menschenrechte und der Aufmerksamkeit und Anerkennung der Weltöffentlichkeit.

 

VII.

Die soziale Fehlentwicklung des Kommunismus.

 

            Wenden wir uns nun einem heute sehr aktuell gewordenen Thema zu, welches, an verschiedenen Stellen bereits erwähnt, weltweiten Widerhall gefunden hat und Anlass zu intensiven Diskussionen geworden ist, nämlich der Zusammenbruch der mächtigen, sogenannten sozialistischen “Sowjet Union". 

 

            An die 75 Jahre waren die sowjetischen Völker unter einer allmächtigen Einparteiendoktrin und einer ebenso allmächtigen und stets umfangreicher werdenden Bürokratie zu leben gezwungen, einer Bürokratie, die so unbeweglich war und jeden Unternehmungsgeist erstickte, daß in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch die  Bevölkerung selbst mit dem Notwendigsten nicht mehr versorgt werden konnte.

 

            Was nützten gegen diesen Hintergrund die hochgepriesenen sozialen Ideale, wie universelle freie Krankenversicherung, freie Schulbildung und Studium, das grundsätzliche Recht eines jeden auf Arbeit und daher keine Arbeitslosigkeit und noch vieles andere mehr, wenn sie mit dem Zwang der Aufgabe der persönlichen Freiheit erkauft wurden und die Menschen nicht glücklich und zufrieden machten!

 

            Das so verherrlichte Paradies der Arbeiter und Bauern war nichts anderes als ein gigantisches Gefängnis und das alles unter dem Vorwand einer ewigen Beglückung der Bürger dieses Staatengebildes, ganz nach den utopischen Vorstellungen der Begründer und Verfechter der kommunistischen Idee, Marx und Lenin. Ein weiteres Beispiel, wie fanatische menschheitsbeglückende Ideale in der  Praxis zu unmenschlichen Systemen und Diktaturen ausarten können.                   

            So ist auch im Endeffekt das liebevollste jedoch unnachsichtig angewandte Gouvernantentum einem unerfahrenen Menschen gegenüber aufgezwungen, eine Diktatur.

 

            Wie kein Zweiter hat Stalin Menschen verfolgt, sie ihrer Freiheit beraubt, sie ermorden lassen, ihre Arbeitskraft ausgebeutet und sie zum Hungern verurteilt, um weltweit durch Beseitigung des Privateigentums eine Gesellschaftsordnung zu errichten, die überall Freiheit und Wohlstand bringen sollte.

 

            Da das Streben nach Privateigentum zu den Konstanten des menschlichen Verhaltens gehört, ist das kommunistische Programm nur mit Gewalt durchzusetzen. Als Stalins Nachfolger glaubten, auf Gewalt und Drohung mit Gewalt verzichten zu können, um dadurch eine ernste Wirtschaftskrise in der Sowjet Union zu überwinden, verloren sie ihre Herrschaft.

 

            Damit wurde ein weiters Mal bewiesen, daß auch mit noch so großem Aufwand nicht verwirklicht werden kann, was mit der menschlichen Natur unvereinbar ist.

 

            Das Ergebnis der 70 Jahre langen Experimente war eine wachsende Gleichgültigkeit und Interessenlosigkeit der Massen gegenüber den allgemeinen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verpflichtungen zum Vorteil aller. Faulheit, Mißwirtschaft und Schlampigkeit grasierten unkontrolliert, denn der Vater Staat sorgte ja für alles.

 

            Auf der anderen Seite ließ es sich nicht verhindern, daß durch den unvermeidbar wachsenden Bildungsstand, nicht zuletzt durch den Einfluß westlicher Zeitschriften, Radiosendungen und Fernsehprogramme, eine immer größere Zahl von Menschen Kontakt mit dem kapitalistischen Westen pflegte und erkennen mußte, wie jene im Überfluß lebten. Dieser krasse Widerspruch gab ihnen zu denken und verursachte selbstverständlich soziale und intellektuelle Spannungen und der Zusammenbruch des Systems war nur eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Ihn ohne Blutvergießen ablaufen zu lassen, würde nur von der Qualität einer oder mehrerer führender Persönlichkeiten abhängen.

 

            Dieser Glücksfall trat ein mit der Übernahme der Macht in der Sowjetunion durch Michael Gorbatschow, der den maroden Zustand des Staates klar erkannte und sich nicht scheute, entsprechende Schritte zur Abhilfe zu unternehmen.

 

            Allerdings, der Nachruf der Geschichte über Michael Gorbatschow mag eines Tages lauten : Hier liegt ein guter Mensch und ein Idealist, welcher Unterdrückung und Tyrannei in der Sowjet Union abschaffte und dabei nicht bedachte, daß gerade sie der Leim waren, der den Vielvölkerstaat zusammen hielt.

 

            Das Ende des kommunistischen Experiments in der nun ehemaligen Sowjet Union ist, zuerst und vornehmlich, eine Botschaft an die menschliche Rasse. Es ist eine Botschaft, welche wir bis  jetzt noch nicht voll entziffert und begriffen haben.

 

            Im tieferen Sinne hat das Ende des Kommunismus einen hauptsächlichen Zeitabschnitt in unserer menschlichen Geschichte zu Ende gebracht. Es hat nicht nur ein Ende dem 19. und 20. Jahrhundert gebracht, sondern auch dem modernen Zeitalter als Ganzes.

 

            Das moderne Zeitalter wurde dominiert von dem kulminatischen Glauben, ausgedrückt in verschiedensten Formen, daß die Welt - und Dasein als solches   ein völlig verständliches System sei, beherrscht von einer  unendlichen Anzahl von universalen Gesetzen, welche die Menschen greifen und dirigieren können zu ihrem eigenen Vorteil.

 

            Dieses Zeitalter beginnt mit der Renaissance und entwickelte sich weiter durch die Aufklärung bis zum Sozialismus, vom Positivismus zur Wissenschaft, von der industriellen Revolution zur Informationsrevolution, und es war gekennzeichnet durch schnelles Vordringen in rationelles, erkenntnisreiches Denken. Dieses wiederum ließ den stolzen Glauben aufkommen, daß der Mensch als der Gipfel von allem was existiert also fähig ist, vorurteilslos zu beschreiben, erklären und kontrollieren alles was vorhanden ist, und daß er die eine und einzige Wahrheit besitzt über die Welt. 

 

     Es war ein Zeitalter, in welchem ein Kult herrschte mit unpersönlicher Objektivität, ein Zeitalter, in welchem objektives Wissen aufgehäuft und technologisch ausgebeutet wurde, ein Zeitalter vom Glauben an automatischem Fortschritt, vermittelt durch wissenschaftliche Methoden.

 

            Der Kommunismus war das perverse Extrem von diesem Trend. Es war ein Versuch, aufgrund von einigen Behauptungen - fälschlich als die einzige wissenschaftliche Wahrheit proklamiert -, das  ganze Leben nach einem einzigen Model zu organisieren und es einer zentralen Planung und Kontrolle zu unterwerfen, ohne Rücksicht darauf, was das Leben wünschte.

 

            Der Fall des Kommunismus kann als ein Zeichen betrachtet werden, daß die modernen Gedanken in einer entscheidenden Krise sind. Dieses Zeitalter hat die erste globale oder planetarische und technische Zivilisation geschaffen, jedoch es hat die Grenze seiner Möglichkeiten erreicht, der Punkt worüberhinaus der Abgrund beginnt.

 

            Auf dem Gebiet geschichtlicher Systeme hat die Historie niemanden so genasführt wie Karl Marx. Nie war sich ein Prophet seiner Prämissen so sicher, nie waren Gläubige von einer Voraussage  so überzeugt, nie war eine Deutung der Geschichte so unumstößlich erschienen. Bei seiner Analyse der industriellen Revolution stieß Marx auf den furchtbaren Widerspruch des 19. Jahrhunderts: je  größer der materielle Fortschritt, desto verbreiteter und tiefer die Armut. Er leitete daraus die Theorie von Verelendung und Zusammenbruch ab und erklärte, weil das Selbstbewußtsein der Arbeiklasse mit dem Grad der Industrialisierung wachse, werde es im  höchstindustrialisierten Land zuerst zur Revolution kommen.

 

     Marxens Analyse war so zwingend, daß die Geschichte, so schien es, gar keinen andern Verlauf nehmen konnte. Seine Glaubenssätze wurden von seinen Anhängern damals wie heute aufgenommen, als wären sie auf den Gesetzestafeln von Sinai eingegraben.

Der Marxismus als geoffenbarte Wahrheit der Geschichte war das wohl überzeugenste Dogma, das je verkündet worden ist. Sein Einfluß war gewaltig, unvorhersehbar, anhaltend. Die Fakten, auf die sich sein Begründer stützte, waren korrekt, seine Überlegungen logisch und tief; er hatte in allem recht außer in seinen Schlußfolgerungen. Der Gang der Ereignisse gab ihm nicht recht. Die Lage der Arbeiterklasse wurde nicht noch schlechter, sondern besserte sich mit der Zeit. Der Kapitalismus brach nicht zusammen.

 

            Zur Revolution kam es nicht in dem Land, das am höchsten, sondern am wenigsten industrialisiert war. Der Staat starb unter dem Kollektivismus nicht ab, sondern dehnte seine Macht aus und brachte die Gesellschaft noch fester in seinen Griff.

 

            Die Geschichte kümmerte sich nicht um Marx; sie ging ihren eigenen Weg.

 

            Das Ende des Kommunismus ist eine ernste Warnung für die ganze Menschheit. Es ist ein Signal, daß das Zeitalter von Arroganz und eigenmächtigen Begründungen zu Ende geht und daß es höchste Zeit ist, aus dieser Tatsache die Konsequenzen zu ziehen.

 

            Der Kommunismus wurde nicht durch militärische Gewalt besiegt, sondern durch das Leben, durch den menschlichen Geist, durch das Gewissen und durch den Widerstand menschlicher Wesen gegen Beeinflussung. Diese wichtige Nachricht für die Menschheit kommt zu uns in der 11ten Stunde.

 

            Bedauerlicherweise ist damit für viele Millionen einfacher und gläubiger Menschen an den Sozialismus als die ideale Lebensform in einer Gesellschaft ein Licht der Hoffnung erloschen,  ohne daß sie die Ursache und Hintergründe mit ihrem Verstand erfassen können.

 

            Die zahlreichen selbständig gewordenen Nachfolgestaaten der einst so mächtigen Sowjet-Union versuchen nun - nicht ohne innere politische Kämpfe - mit der neuen Situation fertig zu werden, die freie Marktwirtschaft zu übernehmen und vom Kapitalismus nur das, was die sozialen Errungenschaften nicht in Frage stellt. Die Welt kann nur hoffen, daß es ihnen ohne Blutvergießen und mit Hilfe des kapitalistischen Westens gelingt.

 

VIII

Rückblick auf die dritte Welt.

 

            Die bisher ausgiebige Beschäftigung mit dem Zustand der sozialen Gerechtigkeit in der hochentwickelten westlichen Welt, - um den gängigen Ausdruck zu gebrauchen - sollte nicht so aufgefaßt werden, als ob es in der übrigen unterentwickelten Welt ähnlich aussieht.

 

            Ganz im Gegenteil, wir treffen hier Zustände an, die im europäischen Westen vor Hunderten von Jahren gang und gäbe waren, allerdings diesmal gemischt mit modernem Gedankengut wie Liberalismus und Marxismus. Auf all die Länder einzeln einzugehen,  überschreitet den Zweck dieser Abhandlung, ganz abgesehen davon, daß Dinge und Zustände beschrieben werden müßten, die schon im ersten Teil dieser Abhandlung, über die Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts, hinreichlich breit getreten wurden.

 

            Besonders hervorgehoben und vermerkt sei nur, welche zweifelhafte und halbherzige Rolle die katholische Kirche im Kampf um soziale Gerechtigkeit vor allem in den mittel - und südamerikanischen Ländern spielt. So sehr sie sich auch durch Wort und Schrift für eine Verbesserung der Lebensverhälnisse der ärmsten Bevölkerung einsetzt, ist sie im schärfsten Gegensatz vor allem mit der jungen Priesterschaft geraten, die, durch den täglichen  Kontakt mit der Bevölkerung und ihrer Not angeregt, ein radikaleres Vorgehen der kirchlichen Hierarchie fordern.

 

            Typisch für ihr passives und den Zeitläufen nachhinkendes Verhalten, hat die Kirchenleitung die führenden Feuerköpfe, die sogar mit Büchern über das Elend und Vorschlägen zu deren Abschaffung mit marxistisch gefärbten Untertönen an die Öffentlichkeit getreten waren, als vom Marxismus beeinflußte Idealisten abgekanzelt.

 

            In welchem Zwiespalt sich diese jungen Priester befunden haben müssen und noch befinden, kann man nur schwer mitfühlen. Müssen sie doch Elend und Ungerechtigkeit tagtäglich erleben und  haben nichts als leere Worte, ohne praktische und konkrete Substanz, und Gebete für die Hoffnung auf Abhilfe anzubieten. Wen  wundert es, daß manche jener Priester gemeinsame Sache machten und sogar die Wortführer einiger Rebellengruppen wurden, um mit ihnen zusammen gegen das korrupte Establischment mit der Waffe zu kämpfen?

 

            In letzter Zeit möchte sich die katholische Kirche - trotz ihrer unrühmlichen Vergangenheit - gerne aus der Politik heraushalten und die Weltprobleme mit dem bedingungslosen Glauben lösen in der Überzeugung, das Gott auf inbrünstige Gebete hört. Theologen, die sich der Befreiungstheorie verschrieben haben - meistens solche aus Südamerika - beanspruchen dagegen, das Recht in die  eigenen Hände nehmen zu dürfen um damit stillschweigend anzudeuten, daß, wenn Gott auf Gebete nicht hinreichend reagiert, ihm  nachgeholfen werden muß mit rechtschaffenden Aktionen, nach dem Sprichwort: “Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!”

 

            Die Länder der dritten Welt haben, wie man sieht, also noch einen weiten, beschwerlichen und meist blutigen Weg zu gehen, bis sie annäherend dasjenige erreichen, wessen sich die westliche  Welt erfreut, obschon dieses auch nicht das Ende der Straße ist, wie ausführlich berichtet wurde.     

 

            Als Folge der politischen Wirren und der wirtschaftlichen Unsicherheit und Not in der dritten Welt, machen sich viele auf, um im Westen Schutz vor religiöser oder politischer Verfolgung zu suchen, oder aber auch, und dies ist die Mehrheit, erwarten als Wirtshaftsflüchtlinge ein besseres Leben für sich und die meist zahlreiche Familie im goldenen Westen.

 

            Begünstigt durch liberale und großzügig gehandhabte Einwanderungsregeln oder auf dem Umweg als Asylanten erscheinen sie an den Grenzen und Flughäfen der angestrebten Gastländer, welche aus reiner Menschlichkeit gezwungen sind, sie aufzunehmen. Was zu Anfang - in den 60ger und 70ger Jahren - nur ein Sickern war, hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem millionenhaften Strom entwikkelt, der die soziale Balance in den Gastländern ernsthaft gefährdet und sie bei manchen ins Wanken bringt.    

 

            Dieser Trend wurde vor allem verstärkt durch den Zusammenbruch der Sowjet-Union und dem damit sichtbar gewordenen Unterschied zwischen östlichem und westlichem Lebensstil. Über das, was zu geschehen hat, um die Flut zu stoppen, sind sich unsere Politiker bis heute noch nicht einig.

 

IX

Allgemeines über Religionen in der Gesellschaft.

 

            Die Entwicklung der Familien zu Sippschaften, Stämmen, Städten, Staaten und letzten Endes zu einem Weltbund wie die UNO z.B., kann man vergleichen mit den Integrationen der Materie, Anhäufung getrennter Teile zu Massen, Gruppen und Ganzheiten. Diese Integration, oder Zusammenfassung, bringt selbstverständlich eine geringere Beweglichkeit der Teile mit sich, wie ja auch die zunehmende Größe der Einheiten wie Sippschaften, Stämme, Städte und Staaten notgedrungen die Freiheit des Einzelnen einschränken muß. Gleichzeitig aber verleiht die Integration eine positive gegenseitige Abhängigkeit, ein schützendes Geflecht von Beziehungen, welche ein Gefühl des Zusammenhanges erzeugt und das Leben der  ganzen Gesellschaft fördert.

 

            Sowie man die Gesellschaft mit einem Organismus vergleichen kann, in dem die allgemeinen Entwicklungsprinzipien gleicherweise wirken, trifft dies auch für die Religionen zu. Auch hier sind aus primitivem Geisterglauben, nach dem Gesetz der Integration, die religiösen Vorstellungen allmählich zu einem einheitlichen, zentralen Gottesbegriff zusammengewachsen.

 

            Die Religion bildet allerdings nur so lange den Mittelpunkt im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, wie die äußeren Bedingungen des Daseins in Unsicherheit und ständiger Bedrohung bleiben. Mit dem allmählichen Wandel von der primitiven, das  heißt kriegerischen Gesellschaft mit ihren militärischen Elementen, zu einer friedlichen industriellen Gesellschaft hin, wendet sich das menschliche Interesse von der Religion weg dem Diesseits zu.

 

            Ein weiterer Grund dafür, daß die Menschen abwandern von den christlichen Kirchen, kann sein, daß die Sprache, welche in den Gottesdiensten gebraucht wird mit ihrer Betonung auf Sünde, Verehrung, Anbetung und Bitten um Gnade die Idee begünstigt, daß  Gott ein entfernter, selbstgefälliger Herrscher ist, welcher seinen Anhängern die Würde verneint. Viele Christen fühlen, daß während die Worte von Christus eine große Meinung haben, die Worte der Kirche dagegen in einer anderen Welt existieren.

 

            Abgesehen davon, daß das Erscheinungsbild übertrieben väterlich und männlich ist, scheint es, daß die Kirche bestrebt ist, ein Verhältnis herzustellen zwischen dem einzelnen Menschen und Gott, welches diesem jedoch widerstrebt und welches er sich nicht zu entfalten wünscht zwischen ihm und irgend einem anderen Wesen auf dieser Welt, zu allerletzt mit seinem Schöpfer. Dieses offenbart sich mit solchen Worten wie "Sünder", “Armer", "bereuen", und "Hilfe” , alles Negative und alle eine Haltung erfordernd auf Unterwerfung und Unterordnung. Vor allem die Psalmen des alten Testaments, stets gesungen in jeder Messe der katholischen Kirche, wimmeln nur so von Bitten um Gnade des ewig gerechten Königs und Herrschers und suchen nach seiner Hilfe gegen innere und äußere Feinde.

 

            Das entspricht genau der Haltung der Völker in den feudalen Königreichen längst vergangener Zeiten. In den letzten Jahrtausenden haben wir uns mühsam und unter schweren Kämpfen aufgeschwungen, um von einer solchen Abhängigkeit und Würdelosigkeit loszukommen und für uns und unser Tun selbst verantwortlich zu sein, die Konsequenzen tragend, ob gut oder schlecht. 

 

            Falls die christlichen Kirchen, allen voran die katholische Kirche, glauben aus prinzipiellen und konservativen Gründen an dieser Mensch-Gott Vorstellung festhalten zu müssen, dann dürfen sie sich nicht über eine immer geringer werdenden Gläubigenzahl wundern.

 

            Wenn man vor seinem geistigen Auge das bisher in beiden Teilen dieser Abhandlung Beschriebene paradieren läßt, dann bleibt der Eindruck haften, daß es eigentlich nur zwei sich gegenseitig ausschließende Aspekte gibt, die die Menschheit zu bewältigen hat in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit. Da ist zunächst einmal der notwendige Zwang, - zurückgreifend auf das bereits erwähnte Gleichnis vom Straßenverkehr - sich als Verkehrsteilnehmer der Straßenverkehrsordnung zu fügen und die Regeln zu beachten, oder aber wie mit einem Panzerwagen nach Lust und Liebe und ohne Regeln querfeldein durchs Gelände zu brausen, dabei unermeßlichen Schaden verursachend.

 

            Einmal anders ausgedrückt, schält sich die Erkenntnis heraus, daß soziale Gerechtigkeit für jedermann und die altbekannte       Hackordnung, der wir alle auf immer unterworfen sind, im direkten feindlichen Gegensatz zueinander stehen.

 

            Auf den verhängnisvollen Charakter der Hackordnung, mit ihren mehr schlechten als guten Ausstrahlungen und Abwandlungen in den Gesellschaftsordnungen ist bereits im ersten Teil dieser Abhandlung genügend hingewiesen worden, sodaß sich weitere Erklärungen dazu erübrigen. 

 

            Von diesem Gesichtspunkt betrachtet, bekommt die Wertbeurteilung von "gut" und "böse" einen besonderen Akzent. Dieses Problem zu lösen, oder zumindest dasjenige zu fördern, was als "gut" allgemein betrachtet wurde, war von Urbeginn an die Aufgabe der Religionen oder besser gesagt, die Religionen waren, neben  einer Erklärung für das Unbegreiliche und daher Übernatürliche des Lebens, das Ergebnis der Sehnsucht und des Strebens der Menschen nach Frieden, Geborgensein, Sicherheit und dem machtvollsten Trieb von allen, der Hoffnung. Die Freiheit kam erst später dazu.

 

            Da sie nun einmal miteinander leben wollten und erkannten, daß bei Einhaltung gewisser Regeln nur Vorteile für alle dabei heraussprangen, wie bereits mehrmals erwähnt, kam es darauf an, diese Regeln und Pflichten auch dem Dümmsten und Widerspenstigsten von Kindesbeinen an beizubringen. Da die Ängste vor der unbegreiflichen Natur und ihr Geisterglaube noch größer waren als ihr Mut, war es leicht für geschickte Agitatoren, die Religion für den guten Zeck mit Androhung von Höllenqualen und Schrecklicherem nach dem Tode einzuspannen und die Gläubigen in Reih und Glied zu halten.

 

            So mögen zumindest die Anfänge gewesen sein. Was sich später daraus entwickelte, ist bisher zur Genüge geschildert worden. Dabei haben alle Religionen, von den primitivsten Anfängen bis zu den heutigen Weltreligionen, ihre zweispurige Tätigkeit beibehalten, nämlich einmal durch spirituale kirchliche Traditionen und Versprechungen auf eine Aufnahme in ein, leider unbekanntes besseres Jenseits vorzubereiten, dabei aber auf der anderen Seite,   - ob gewollt oder ungewollt - die Menschen zu einem zivilisierten Benehmen zu erziehen, welches die großen Völker von heute erst ermöglichte.

 

     Das Gleichnis des listigen Gärtner kommt einem in den Sinn, der zu faul war seinen Garten umzugraben und darum unter seinen Nachbarn die Nachricht verbreiten läßt, ein Schatz sei in seinem Garten vergraben. Nachdem, wie zu erwarten, die habgierigen Nachbarn bei Nacht seinen Garten durchwühlt aber keinen Schatz gefunden haben, hat der schlaue Gärtner seinen Zweck erreicht: sein Garten ist umgegraben.

 

            Sowie unsere Triebe und Sehnsüchte uns anhalten, nach dem Schatz zu suchen, dabei aber den Garten fruchtbar machen, wird im übertragenen geistigen Sinne unser Zusammenleben gefördert

    

     Neuerdings wird von Verhaltungsforschern ernsthaft die Frage aufgeworfen, ob wir Menschen überhaupt für die heutigen Massengesellschaften geschaffen sind? Anlaß dazu ist die in den letzten  Jahrzehnten immer mehr auftretende krasse Manifestierung von menschlicher Agression, Gewalt und Haß, verkörpert in etwa in politischem Extremismus, Nationalismus, Rassismus und Kriminalität. Zur Begründung ihrer Fragestellung weisen sie auf das Erbe aus der Steinzeit vor Zigtausenden von Jahren oder gar aus der um ein Vielfaches früheren Zeit hin, in der die Vorfahren des Homo sapiens auf Bäumen lebten.

 

            So hat der Evolutionstheoretiker Franz M. Wuketits in seinem Buch "Verdammt zur Unmoral? Zur Naturgeschichte von Gut und Böse“ geschrieben, daß wir Menschen Affen sind und uns auch danach verhalten. Die paar Jahrtausende unserer Zivilisation vermochten daran nicht viel zu ändern. Statt vom "neuen Menschen" zu träumen, hätte man sich lieber den "Alten" besser ansehen sollen, der in jedermann steckt und der die untilgbaren Spuren seiner Stammesgeschichte mit sich herumträgt.

 

            Der Autor schreibt weiter: "Wir haben unser Sozialsystem weitgehend ohne Rücksicht auf die davon ausgehende Kraft organsisiert und müssen damit naturgemäß scheitern ". Und er meint weiter: "Der Mensch ist nicht für das Leben in einer anonymen Massengesellschaft geschaffen". Die Vermassung durch Politik und Wirtschaft, welche immer größere Systeme hervorbringt, wird nicht zur Kenntnis genommen und noch weniger Konsequenzen daraus gezogen. Die immer größeren Systeme erdrücken den Einzelnen mehr und mehr und werden immer stärker gefördert. Das Resultat ist Entfremdung, Frustration, Verelendung und Gewalt - Verlust aller Werte. "Die biologische Natur des Menschen läßt sich nicht beschwindeln".

 

            Als ein Indiz für das oft aggressive Verhalten des Homo sapiens kann darin gesehen werden, daß dieser das wahre Menschsein noch nicht erreicht hat. Darum meinte der Verhaltungsforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903 - 1989), daß das fehlende Verbindungsstück zwischen Affen und Menschen wir selber sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drittes Kapitel: Soziale Gerechtigkeit - Morgen!

 

            Es ist nicht die Absicht dieser Abhandlung, Prinzipien aufzustellen, was zu geschehen hat, um eine soziale Gerechtigkeit unter den Menschen letztlich zu erreichen. Die Büchereien in der  ganzen Welt sind voll von weisen Schriften zu diesem seit altersher stets aktuellen Thema. Das fing schon an mit den ersten Philosophen und Propheten der Frühzeit und Antike bis hin zum Mittelalter, der Renaissance, Aufklärung und der Neuzeit. Selbst die weltliche römisch katholische Kirche hat sich in dem letzten  Jahrhundert eines Besseren besonnen mit Erlässen von Päpsten zu diesem brenzeligen aber ewig bedeutsamen Problem.

 

            Das Thema ist demnach als verschwommene und nebelhafte Theorie reichlich ausgeschöpft und ein weiterer Beitrag daher höchst überflüssig, vor allem - und das ist eine Behauptung, die einem gläubigen Sozialisten vor den Kopf stoßen wird - weil es auf dieser Welt, mit noch so schönen Leitfäden oder Anweisungen, eine allumfassende soziale Gerechtigkeit nie geben wird. Daran zu  glauben und dann noch dafür zu werben ist unrealistisch und gelinde gesagt schöngeistige Dummheit. 

 

            Eine allumfassende soziale Gerechtigkeit auf der ganzen   Welt, eine Welt voll Frieden, Eintracht und Sicherheit kann auch die allerstärkste Macht des Glaubens und der Hoffnung nicht Wirklichkeit werden lassen. Sie würde nur mit der Voraussetzung einer ebenso allumfassenden Bildung und Erziehung jedes Individuums zu schaffen sein, und das ist eine Utopie. Dafür sind wir Menschen zu verschieden; dazu sind die Kulturen zu verschieden und - es  wurde bereits an anderer Stelle festgestellt - dazu ist die Vorstellung eines jeden Einzelnen von sozialer Gerechtigkeit zu subjektiv.

 

            Zur wissenschaftlichen Begründung und besserem Verständnis für die oben angeführte Behauptung, sei es erlaubt, hier einige Gedankengänge des erst kürzlich verstorbenen Philosophen und Professor der Volkswirtschaft “Isaiah Berlin" zu diesen aufgeworfenen Thema zu zitieren.

 

            In einer Zeit von Massenmord, verübt im Namen der Hoffnung, war er ein Verteidiger des Individiums gegen Tyrannei von jeder Sorte und glaubte, daß die beste Regierungsform diejenige ist, welche bei der Anerkennung ihrer Begrenzungen und gleichfalls die von uns Menschen am meisten erzielt

 

            Er glaubte an die Achtung vor der Heiligkeit und Freiheit des Individiums, - jedoch nicht auf Kosten von allen anderen sozialen Gütern. Er verstand, daß beide, freiheitliche und gemeinschaftliche Anstöße natürlich sind und in einer gerechten Gesellschaft beide zugegen sein müssen, - trotz der Tatsache, daß die vollkommene Verwirklichung von beiden im Widerstreit mit der anderen steht.

 

            Er erkannte, was die großen Systemdenker und andere Philosophen nicht taten oder erkennen konnten, daß eine Gesellschaft mit perfekter Gleichheit und perfeckter Freiheit unmöglich ist. Man hat beide zu wählen, wobei keine ganz vollständig gewählt werden darf. Er schlägt anstatt vor, sich durchzuwursteln mit irgend einem vernünftigen und ehrlichen Kompromiß zwischen beiden.

 

            Unsere Generation lebt in einer Zeit, die brutale Systemdenker hervorgebracht hat - Lenin, Stalin, Hitler, Mao, Pol Pot  - welche zuversichtlich an ihre Mitmenschen experimentierten, gedrängt von einer allumfassenden, utopischen Schwärmerei. Genau wie altertümliche Doktoren, verstärkt durch die Erkenntnisse der Wissenschaft, waren sie sicher, daß das Vergießen von Blut, bevorzugt in großen und ununterbrochenen Mengen, dasjenige heilen  könnte, was uns Menschen schmerzt. Die Wunden von ihren Operationen eitern noch heute.

 

            Von einer russischen Frau wird gesagt, daß sie antwortete, wenn ihr gesagt wurde, daß Lenin ein Politiker war: “Kein Wunder daß wir so viel gelitten haben. Wäre er ein Arzt gewesen, hätte er seine Theorien zuerst an Ratten ausprobiert.”

 

            So wie darüber gesprochen und ausführlich begründet wurde, daß es eine Gesellschaft mit vollkommener sozialer Gerechtigkeit nie geben wird, trifft das Gleiche konsequenterweise auch auf den Sozialismus zu mit denselben Argumenten. Daß der extreme Sozialismus in Rußland für nahezu 75 Jahre die Regierungsform darstellen konnte, ist kein Beweis gegen diese Behauptung sondern dafür, daß reiner Sozialismus eine Gesellschaft zugrunde richtet. Überhaupt wird bei weiterer Behandlung dieses Themas immer als selbstverständlich vorausgesetzt, daß dasjenige,  was über die soziale Gerechtigkeit gesagt wird, sich in gleicher Weise auch auf den Sozialismus bezieht und natürlich umgekehrt.

 

            Die Väter des Sozialismus hatten damals nicht in Betracht gezogen, und konnten es auch in ihrem Eifer nicht erkennen, daß eine zwangsläufige Relation zwischen beiden Systemen besteht. Daß der Sozialismus nur als eine Folge der Abwehr gegen die ungehinderten exzessiven Ausschweifungen des kapitalistischen Systems  entstanden ist. Während sich also der Sozialismus als leider notwendige Bremse im kapitalistischen System erweist, wäre es für das Wohlergehen der Gesellschaft zum Schaden, den Motor, den Kapitalismus abzuschaffen.

 

            Kapitalismus und Sozialismus müssen also eine Synthese eingehen, und je eher Kapitalisten und Sozialisten diese prinzipielle Wahrheit erkennen und ihr handeln danach ausrichten, um so besser für die ganze Menschheit.

 

            Diese fundamentale Einsicht sollte jedoch niemand davon abhalten, sich für eine Verbesserung sozialer Gerechtigkeit einzusetzen, um die Fronten so nahe wie möglich dem Ideal näherzubringen. Dazu gehört allerdings mehr realistische Einsicht, Glaube an das Gute im Menschen und Mut, als törichten Idealen anzuhängen. Dabei läßt sich darüber diskutieren, ob Menschen im Glauben an das Gute im Menschen “an der Zeit vorbeileben und ein Brett vor dem Kopf haben”, oder ihrer Zeit weit voraus sind und deshalb an die Bretter (Kreuz) genagelt werden.

 

            So wie es paradox erscheint, auf der einen Seite einen gläubigen Idealisten an allgemeine soziale Gerechtigkeit zu verdammen, auf der anderen Seite jedoch einen gläubigen Idealismus zum stetigen Kampf für Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit zu fordern, so gilt das Gleiche für Techniker und Ingenieure in der Industrie. Sie wissen, daß ein 100 prozentiger Energieaustausch wegen physikalischer Hindernisse, vor allem wegen der Reibung, in ihren Motoren und Maschinen nicht möglich ist. Trotzdem setzen  sie ohne Unterlaß alles daran - und dafür werden sie bezahlt - den Wirkungsgrad ihrer Maschinen, und sei der Unterschied noch so gering, zu verbessern. (Der Wirkungsgrad drückt das Verhältnis von zugeführter Energie gegenüber der abgenommenen Energie einer Maschine aus und ist immer kleiner als 1).

 

            Es wird sich nicht vermeiden lassen, daß in beiden Fällen phantasiereiche Idealisten mit heiligem Ernst - oder auch Kurpfuscher mit der Sucht nach Ruhm und Geld - das Unmögliche anstreben, weil der Mensch nur ungern Grenzen anerkennt. Dabei ist ihr Eifer nicht ganz umsonst, weil im Falle eines Ingenieurs, der ein Perpetuum Mobile erfinden will, (eine Maschine, die Arbeit leisten soll, ohne daß ihr stets neue Energie zugeführt wird), nur seine Arbeitskraft und sein Geld - vielleich auch anderer - beteiligt ist. Dabei haben Seinesgleiche als Nebenergebnis wertvolle Erkentnisse in der Mechanik geliefert, die der ganzen Technik zugute kamen.

 

            Ein Eiferer aber als Sozialist oder in sozialer Gerechtigkeit kann größeren Schaden anrichten an Leib und Gut, wenn er als guter Agitator einen Teil der Gesellschaft gegen einen anderen  aufwiegelt.

 

            Trotzdem oder gerade wegen des Widerspruchs, enthalten im  vorhin Gesagten, hat es immer noch Sinn, sich für den Sozialismus, als Gegenpol des Kapitalimus, realistisch einzusetzen und genau wie bei dem bereits angeführten Beispiel der Sozialen Gerechtigkeit, nach seinem Erfolg zu streben. Die schlechten Erfahrungen, welche die Welt durch den Zusammenbruch des kommunistische Experimentes in der Sowjet-Union und der D.D.R. hat machen müssen,  sollten nicht ernsthaft besorgte Menschen um das Wohlergehen des kleinen Mannes davon abhalten.

 

I.

Soziale und Christliche Ethik.

 

            Um bereits früher Besprochenes nochmal aufzufrischen sei gesagt, daß vor langer Zeit aus dem sozialen Kampf im 19. Jahrhundert der großartige Gedanke des demokratischen Sozialismus geboren wurde. Das sozialistische Traumbild war umfassend, idealistisch und großzügig. Seine Voraussetzung war die unwahrscheinliche Vorstellung von menschlicher Vervollkommnungsfähigkeit mit der zugrunde liegenden Idee, daß der Mensch trotz gegenteiliger Beweise von Herzen gut sei. Obschon die Beweise für das Gegenteil überwältigend waren, blieben die Nachfolger fest in ihrem Glauben an den Sozialismus, wie die Kirchenväter der katholischen Kirche  stets an ihrem Glauben festhalten. Und Glaube war, was sie  brauchten. Hier - und es sei nochmals erwähnt - liegt der Berührungspunkt zwischen christlicher Ethik in Bezug auf menschliches Leben und Wohlergehen auf dieser Welt und der sozialistischen Weltvorstellung: beide folgen dem gleichen Gebot Moses: “Liebe  deinen Nächsten!" (3. Mose 19.18.)

 

            Genau genommen und näher betrachtet kann man daher getrost feststellen, daß ein in tiefster Seele überzeugter Christ, der mit beiden Beinen auch in dieser Welt steht, auch ein Sozialist ist - siehe als Beispiel die schon erwähnten Priester in Mittel- und Südamerika - während ein ehrlicher und überzeugter Sozialist auch ein guter Christ sein kann. Beide schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sie ergänzen sich fruchtbar.

 

            Je mehr Übel in der Welt, je mehr die Unmenschlichkeit von Menschen gegenüber Menschen sichtbar war, um so dringender war das Bedürfnis, das als Ursache erkannte kapitalistische System mit seiner unwürdigen Profitmotivierung und Dschungelmentalität zu ersetzen.

 

            Sozialisten fühlten sich darum voll Sehnsucht hingezogen zu einer Welt, in der das Menschengeschlecht angespornt wird durch nobele und nicht niedrige Instinkte. Menschen vor Profit wurde ihr Wahlspruch.

 

            Es hat sich für die Idee des Sozialismus, wie bekannt, tragisch und nachteilig bis zum Verruf erwiesen, daß Hitzköpfe und Fanatiker, mit dem durch den Kapitalismus verursachten Elend vor Augen, radikale Lösungen forderten und, wie in Rußland durch Lenin geschehen, mit Gewalt durchsetzten. Und diese durch Gewalt heraufbeschworenen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung der persönlichen Freiheiten des Einzelnen waren es letzten Endes, die das Experiment nach nahezu 75 Jahren kläglich enden ließen.

 

            Obschon das vorhin Gesagte bereits an anderer Stelle ausführlich besprochen wurde, war es notwendig, das Thema an dieser Stelle aus anderen Perspektiven neu anzufassen.

 

            Vielleicht wird da niemals eine Zeit kommen, wenn wir beides haben, die Hilfsquellen und den Willen, eine humanere Gesellschaft aufzubauen, obgleich wir offenkundig immer genug Geld haben, den nächsten Krieg zu finanzieren.

 

            Nachdem ausführlich darüber gesprochen wurde, wie die Bestrebungen nach einer sozialistischen Gesellschaft und totale soziale Gerechtigkeit zum Versagen verurteilt sind, drängt sich wie von selbst die Erkenntnis auf, immer mit der Realität des Lebens im Auge, daß wir bereits mit der Einrichtung der Demokratie in den westlichen Staaten gleichzeitig einen Zustand erreicht haben, in dem sich soziale Verbesserungen für alle, ohne Terror und Gewalt, mit dem Stimmzettel durchsetzen lassen.

 

            Und es mag wie ein Wortspiel aussehen, wenn gesagt wird, daß mit den gleichen Argumenten, die benutzt wurden, um vor dem Sozialismus als alleinige politische Macht in einer Gesellschaft zu warnen, eine sozialistische Demokratie ebenfalls mit der Zeit zum Scheitern verurteilt ist.           

 

            Im Gegensatz dazu, und das wäre zu begrüßen, hat eine von einer sozial und demokratisch denkenden Mehrheitspartei regierte Gesellschaft die größte Chance, sozial gerechte Maßnahmen einzuführen und durchzusetzen. Daß sie nicht dem Extremismus verfällt   und in die Gefahr kommt, Menschenrechte zu verletzen, ist Sache der Opposition, welche dafür sorgt und sie zwingt, an ihren sozialen Plänen Abstriche zu machen, um die Chancen für eine Wiederwahl beim nächsten Wahlgang zu erhöhen.                                                                                    

            Immer mit einer funktionierenden Demokratie als Voraussetzung kommt es darauf an, im Spiel der politischen Mächte in einer Gesellschaft die sozial eingestellten Kräfte zu fördern, wobei jede Hilfe, sei sie von liberaler oder kirchlischer Seite, willkommen sein sollte.  

 

II.

Sicherheiten und Möglichkeiten für alle.

 

            Vier Sicherheiten sind wesentlich für gesellschaftliche und politische Toleranz, welche die Politiker beachten müssen, um ein ausgewogenes Leben für die Bürger zu schaffen.

 

            Da ist erstens die wirtschaftliche Sicherheit - Arbeitsplatz und Wohnung -, welche den wichtigsten Platz einnimmt.

 

            Ohne ein ständiges Einkommen durch seine Arbeit und ohne sich mit diesem Einkommen für sich und seine Familie die Dinge leisten zu können, die heute angeboten werden, verzweifelt der Mensch an sich selbst, an der Gesellschaft und an dem Staat.

 

            Das führt über zur zweiten, der psychischen Sicherheit, die von der ersten Sicherheit wesentlich abhängt ebenso wie von geistiger und körperlicher Gesundheit: "Wer mit sich und der Welt zufrieden ist, ist kein Umstürzler".

 

            Das Bedürfnis nach der dritten, der kulturellen Sicherheit ist durch Bildung jeder Art beeinflußbar wie  durch Bücher, Theater, Zeitschriften, Radio und Fernsehen.

 

            Dann gibt es die vierte, die territoriale und ebenfalls religiöse Sicherheit, die sich darin ausdrückt, daß der Mensch mit seinesgleichen zusammen leben möchte.

 

     Zum Beispiel ab einem Ausländeranteil von 10% in einem Wohnviertel - so zeigen auch internationale Vergleiche - beginnen die  Häuserpreise zu sinken. Schlußfolgerung: Um ein Abrutschen von Randgruppen in den Extremismus zu verhindern, muß die Politik bei der Stärkung der genannten Sicherheiten ansetzen. Bei völliger Ungewißheit der persönlichen Zukunft, hat der Einzelne nichts  mehr zu verlieren. Er hat daher bei Gewalttätigkeiten kein Risiko mehr. 

 

            Wenn die internationale Gemeinschaft nicht die Voraussicht und den Weitblick entwickelt, dort wirtschaftliche Gelegenheiten zu schaffen, wo sie am meisten gebraucht werden, dann wird die Welt Zeuge einer beispiellosen internationalen Wanderung von Menschen werden, welche die Besiedlung von Amerika, Kanada und Australien in den Schatten stellt. Über die Vorläufer dieser Wanderungswelle wurde bereits gesprochen.

 

            Dabei sind die Reichtumsmöglichkeiten dieser Welt riesengroß. Wir könnten aus dieser Erde ein Paradies machen. Was uns in diesen Möglichkeiten beschränkt, ist die Unzulänglichkeit des menschlichen Verstandes oder, was vielleicht noch wichtiger ist,   die seelischen Gestaltungskräfte der Menschen. Aber es handelt sich hier wie gesagt, nicht um materielle, sondern um seelische Probleme der politischen Beziehungen der Völker untereinander.     

 

            Die Erde hat wirklich vom Standpunkt der Ernährung sowie vom Standpunkt der Energieversorgung “Raum für alle". Aber mit den dunklen Kräften in unseren eigenen Köpfen und unseren eigenen Herzen müssen wir, und damit die Völker, fertig werden.

 

            Langsam aber unaufhaltsam verbreitet sich die Erkenntnis unter den führenden Köpfen der Menschheit, daß der zügellose Kapitalismus als weltweites Sozialsystem gescheitert ist, weil er in der Geschichte der Menschheit nicht nur für den Fortschritt, sondern auch gleichzeitig für Rückständigkeit, Armut, Ungleichheit, Unterentwicklung und Hunger verantwortlich ist.

 

            Um das Anwachsen des Sozialprodukts und die damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten in der ganzen Welt in den Griff zu bekommen, müssen die Restbestände kapitalistischer Anarchie vor allem zuerst in den westlichen Industrieländern, besonders in den U.S.A., überwunden werden. Dazu ist es unumgänglich notwendig, die Instrumente der Wirtschaftslenkung und Planung, wie sie eine verantwortungbewußte, soziale Demokratie, oder besser noch der demokratische Sozialismus generell vertritt, zu fördern und zu stärken.

 

            Niemand hat etwas dagegen, und es ist allseitig als notwendig anerkannt, daß staatlich geprüfte Inspektoren nach festgelegten Regeln die Sicherheit von Anlagen in der Industrie, im Baugewerbe allgemein oder vom gesundheitlichen Standpunkt Lebensmittelherstellung, Vertrieb und Verteilung rigoros überprüfen, um  Leben und Gesundheit der Bevölkerung vor skrupellosen Geschäftemachern zu schützen. Warum sollte darum nicht der demokratische Staat, also die gewählten Vertreter des Volkes, nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht haben, durch Wirtschaftsplanung und Lenkung in dem weitaus wichtigeren Bereich der Volkswirtchaft, von der jeder in guter oder schlechter Weise betroffen  wird, den kapitalistischen Freibeutern das Handwerk zu legen?

 

            Das ist heute um so wichtiger, weil in den Sitzungszimmern der Aufsichtsräte internationaler Korporationen Entscheidungen getroffen werden, die große Teile der Weltbevölkerung, wenn nicht die Menscheit als Ganzes, beeinflussen, ohne je Rechenschaft gegenüber einer gewählten Volksversammlung ablegen zu müssen. Wahrlich ist unser Planet heute ein globales Dorf, die multinationalen Konzerne haben es soweit gebracht.

 

            Überhaupt stehen wir zu Beginn des 21sten Jahrhunderts am Anfang eines sozialen Kampfes, der dem während der industriellen Revolution im 19ten Jahrhundert an Härte nichts nachsteht. Im ersten Kapitel wurde darüber bereits ausführlich berichtet.

 

     Nebenbei werden die ersten Scharmützel schon heute ausgefochten. Gemeint ist der technologische Fortschritt in der Produktion von Gütern aller Art, dessen Vor- und Nachteile bereits im zweiten Kapitel ausgiebig besprochen wurden. Immer mehr Arbeiter werden durch verbesserte Maschinen um ihren Arbeitsplatz gebracht oder auch durch billigere ausländische Konkurrenz ersetzt, ohne Aussicht, ihn jemals zurückzubekommen. Während der Produzent den Gewinn einsteckt, fällt der Arbeiter mit seiner Familie der allgemeinen Wohlfahrt zur Last. Die Sorgen und Nöte der Betroffenen sind in ihrer Größe für den unfaßbar, der nie in eine solche Lage kam.

 

            Es liegt auf der Hand, daß ein solcher Zustand mit sozialer Gerechtigkeit nichts gemein hat und untragbar und darum unhaltbar ist, einmal vom menschlichen Standpunkt, und erst recht vom  Standpunkt der Gesellschaft her gesehen.

 

            Eine Lösung muß gefunden werden, die dem noch arbeitenden  wie dem arbeitslosen Arbeiter gerecht wird, denn der erste muß ja für den anderen mitarbeiten. Jeder Politiker in allen Staaten, vor allem wenn er vor einer Wiederwahl steht, verspricht, sich für die Schaffung von Arbeitsplätzen einzusetzen. Woher sie kommen sollen, kurzfristig oder von Dauer, darüber schweigt er, oder er umgeht die Frage mit spitzfindigen oder rhetorischen Scheinargumenten. Sie bieten nur abgedroschene Redensarten als Lösung an, welche bisher keine Ergebnisse gezeigt haben und auch keine  zeigen werden. Der einfache Grund dafür ist, daß die ganze Arbeitslosenfrage falsch verstanden wird. Anstatt als Ergebnis von schlechten, fehlgeleiteten wirtschaftlichen Maßnahmen der führenden Leute in Politik und Wirtschaft zu reden, ist Arbeitslosigkeit paradoxerweise das Zeichen von deren Erfolg. Im Effekt, wir haben es bewerkstelligt, mehr zu produzieren mit weniger Menschen: darum Arbeitslosigkeit.

 

            Ein zusätzlicher Grund in den fortgeschrittenen Industrieländern ist das ungehinderte Bestreben der internationalen Unternehmen, ständig eine Umsiedlung in Länder der dritten Welt in Betracht zu ziehen und auch durchzuführen, wenn sie sich einen Vorteil davon versprechen.

 

III.

Lösungsvorschläge.

 

            Es sei erlaubt, die hauptsächtlichsten Gründe zu besprechen und eine Lösung vorzuschlagen, wie es der Professor der Volkswirtschaft Simon Valaskasis  in einem Beitrag in einer  Tageszeitung getan hat.

 

1  Technologisch bedingte Arbeitslosigkeit in einem geschlossenen, auf einen bestimmten Staat begrenztes System, also im angestammten Land.  

    

            Es liegt in der Natur von technologischem Fortschritt, Arbeitskräfte einzusparen. Die Einführung einer Maschine, welche mehr Arbeitskräfte erfordert als bisher, ist einfach undenkbar.

 

            Wenn Technologie zu Beginn der industriellen Revolution Arbeitskräfte verdrängte, war das nur auf einige Sektoren beschränkt und die neugeschaffenen Industrien konnten dieselben aufnehmen.

 

            Zusätzlich zu diesen Veränderungen trat auch ein Umdenken im sozialen Bereich ein und zur historischen Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit kam der einfache Gedanke: "Arbeite weniger und verdiene mehr."

 

            Nach schweren sozialen Kämpfen der vereinten Arbeiterschaft sahen sich die sozialen Legislatoren in allen fortgeschrittenen Industrieländern gezwungen, den Arbeitern allgemein eine geringere Arbeitszeit, z.B. 1500 Stunden Arbeitszeit im Jahr heute - anstelle von 3000 Stunden ein Jahrhundert früher - zu erlauben, bei wachsendem realen Lohn. Die sozialistische und kommunistische Drohung hat dabei eine nicht nur geringe Rolle gespielt. 

 

            Warum haben die Korporationen die unvermeidliche Profitminderung hingenommen, welches dieser Wechsel z.B. veranlasste? Erstens die bereits erwähnte Drohung einer sozialistischen, kommunistischen Revolution im Hintergrund, hielt sie davon ab und machte sie gefügig für eine Anpassung. Zweitens, bevor die globale Ausdehnug der Korporationen einsetzte, war es die Tendenz der Unternehmen, im angestammten, durch Schutzzölle abgeriegelten Land zu bleiben, worin sie der allgemeinen Gerichtsbarkeit und sozialen Gesetzgebung ihrer nationalen Regierungen unterworfen waren.

 

            Eine gewählte Regierung kann Vorschriften einführen, wie Verminderung der wöchentlichen Arbeitszeit, Festlegung von Mindestlohn, soziale Einrichtungen,  wie z.B.  Arbeiter - Unfallversicherung, Arbeitslosenversicherung und allgemeine Krankenkasse, wobei in allen angeführten Fällen die Unternehmer wie auch die Arbeitnehmer Beiträge in diese Institutionen, nach einem ausgehandelten System, zu entrichten haben.  

 

            Es folgt von dem bisher Gesagten, daß in einem geschlossenen System, befreit von der Drohung der Korporationen ins billigere Ausland abzuwandern, die Lösung der strukturellen Arbeitslosigkeit darin liegt, daß das, was an Arbeit vorhanden ist, unter allen geteilt wird. Also kürzere jährliche Arbeitzzeit ohne Lohnverlust. Wenn wir alles produzieren können mit nur 75% Ausnutzung der Arbeiterschaft, dann heißt das entweder 25% Arbeitslosigkeit, oder um 25% weniger zu arbeiten, also Vollbeschäftigung.  Das Letztere ist augenscheinlich mehr wünschenswert.           

 

   2  Technologische Arbeitslosigkeit in einem offenen System wie wir es heute haben, also internationaler Austausch des Arbeitsvolumen.

 

            Seit dem Einsetzen globaler Weltwirtschaft werden die Produkte nur bis zu 60% einheimisch oder im Lande erzeugt. Der Rest wird von staatenlosen Korporationen dort produziert, wo sie den größten Profit erzielen, sind sie doch keinem Staat, sondern nur ihren Aktionären verpflichtet.

 

            Der verschärfte internationale Wettbewerb und die große Beweglichkeit produktiver Faktoren über internationale Grenzen hinweg, führt, wie Verschiedene festgestellt haben, zu einem frenetischen Rennen nach den niedrigsten Lohnkosten. Die Länder, welche den nachlässigsten Umweltschutz anbieten, die niedrigsten Löhne und das geringste soziale Sicherheitsnetz, locken internationale Investoren an, besonders, wenn sie noch ein gewisses kritisches Qualitätskriterium in der Produktion garantieren können, was Vielen möglich ist.  

    

            Das hat also zur Folge, daß viele Industrien nach dem Süden abwandern oder, wenn sie im Norden bleiben, ein Zurückrollen von Löhnen fordern und ein stufenweises Abbauen sozialer Einrichtungen oder freiwilliger sozialer Leistungen.

 

            Soweit Professor Simon Valaskasis.

 

            Es kann sich also heute kein Land oder Staat mehr erlauben, soziale Verbesserungen zum Nutzen der Arbeiter einzuführen, ohne daß seine Industrien in Massen abwandern. Der Versuch, das Los der Arbeiter zu verbesseren in einem offenen System, wie wir es heute haben, kommt dem Versuch gleich, ein Haus im Winter zu erwärmen mit allen Fenstern offen. Jedoch das Schließen der Fenster ist gleichzusetzen mit der Einführung eines Schutzzollsystems, welches in heutiger Zeit auch  keine Lösung mehr ist.

 

            Die einzige Alternative zu diesem Dilemma ist, durch internationale Abmachungen und Verträge, in allen Ländern Löhne und Sozialleistugen auszubalancieren und Umweltschutz zu erzwingen, sodaß der Anreiz für den Standortwechsel von Korporationen wegfällt. Eine Weltregierung ist leider noch keine realistische Möglichkeit, obgleich ihre Einrichtung in der Zukunft in Betracht gezogen werden muß. So bleibt keine andere Wahl, da es sonst keine Ausweichsmöglichkeiten gibt, durch bereits erwähnte Abmachungen, ähnlich dem ausgehandelten Weltfreihandelsabkommen, ein allgemeines Übereinkommen über Lohnarbeit und soziale Sicherheiten,  gültig für alle Unterzeichner, auszuhandeln. Es würde nicht nur den Weg für einen sozialen Ausgleich unter den Völkern ebnen, sondern auch der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit einen großen Dienst erweisen.

 

            Der Weg zu einem solchen Abkommen wird mühsam sein und bedarf weitsichtiger Politiker, jedoch die Aussichten einer nahezu erreichten Vollbeschäftigung sind für die Volkswirtschaften und damit für Arbeiter und auch Unternehmer, nur zu begrüßen, da sich der Fortschritt der Technologie zum Nutzen beider auswirkt.

 

            Es soll hier nicht das Wort geredet werden, technologischen Fortschritt zu stoppen, ganz im Gegenteil. Jedoch muß ein Weg gefunden werden, den Nutzen, den dieser Fortschritt bringt, auf die ganze Gesellschaft gleichmäßig zu verteilen und nicht den größten Gewinn in die Hände Weniger fallen zu lassen. Es wird daher vornehmste Aufgabe aller Parteien sein, vornehmlich einer sozialistisch ausgerichteten Partei, Lösungen anzustreben und sie mit  Mehrheit in der Regierung durchzusetzen.

 

     Ein weiterer Beitrag zur Lösung dieses Problems wäre die Einrichtung eines Kapitalfonds, in dem alle Unternehmen, ob groß oder klein, welche durch Einführung technologischer Verbesserungen gezwungen sind, Arbeitsplätze zu beseitigen, den erzielten Mehrgewinn einzuzahlen haben. Von diesem Fond können dann Gelder entnommen werden zur Unterztützung der Arbeitslosen oder Teilzeitbeschäftigten.            

 

     Obgleich die Einrichtung eines solchen Fonds durchaus machbar ist, also keine undurchführbare Utopie darstellt, würde die  Durchsetzung desselben auf äußerst harten Widerstand stoßen,  trifft dies doch mitten ins Herz des Ultrakapitalismus.    

 

     Es liegt auch im Interesse der Kapitalisten, daß der Arbeiter genug verdient, um als Verbraucher die Güter kaufen zu können, die er mithilft zu produzieren. In dieser Hinsicht gab Henry Ford, der Gründer der weltbekannten Fordwerke in  Detroit, U.S.A., allen seinen Kollegen ein Beispiel als er sagte: "Es hat keinen Sinn ein Produkt zu erzeugen, das sich der eigene Arbeiter nicht leisten kann"! Darum setzte er alles daran, die Produktion seiner Autos zu verbilligen und er führte das berühmte Fließband system bei der Montage ein.

 

            Es erhebt sich heute die Frage, ob man mit den modernen Robotern und Komputeranlagen soviel Geld aufbringen kann, daß alle die, die keine Arbeit finden, davon unterhalten werden können? Es kommt der Tag, und er ist garnicht mehr sehr fern, an dem nicht nur die immer zahlreicher werdenden Rentner unterhalten werden müssen, sondern auch das ständig wachsende Heer der Arbeitslosen. Siehe vorhin Gesagtes über die Einrichtung eines Kapitalfonds.

 

            Wir klagen heute bereits über 10 Prozent Arbeitslosigkeit und das aus gutem Grund, denn unser System betrachtet diese Art von Müßiggang immer noch als einen Makel, und der Arbeitslose betrachtet sich selbst, von der finanziellen Einbuße ganz abgesehen, als überflüssig, nutzlos und ausrangiert. In kommenden Jahren werden wir uns aber mit 20 bis 30 Prozent Arbeitslosigkeit abfinden müssen, wenn der Trend so weitergeht und ein Atomkrieg nicht alles auf den Kopf stellt. Nur wird man dann nicht mehr von Arbeitslosen sprechen sondern von “beruflichen Reservekräften, Angestellten in Wartezeit" oder ähnliches. Man wird ein Schlagwort für diesen Zustand erfinden, das dem Nichtbeschäftigten den Makel nimmt, weil das für die Mehrheit der Normalzustand sein wird.

 

            Diesen Zustand ohne soziale Kämpfe zu erreichen, wird das Kunststück sein, das unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten fertig bringen muß. Jedenfalls verspricht der Kampf sehr hart und für den späteren Geschichtsschreiber ebenfalls interessant zu werden.

 

             Die industrielle Organisation der Arbeit, Wissenschaft und Wirtschaft wird jedenfalls die bestimmende Macht in der Gesellschaft der Zukunft sein. So ist z.B. der Grund des deutschen  Wirtschaftswunders in einer besonderen Zusammenarbeit zwischen den Sozialpartnern zu suchen. Bekanntlich haben die Gewerkschaften es erreicht, daß in allen größeren Betrieben Vertreter der  Belegschaften in den Aufsichtsräten sitzen. Der Schlüssel kann  gefunden werden in dem vom Sozial  und Rechtsstaat geregelten Kapitalismus, den ein Fachmann zutreffend als den “Rheinischen Kapitalismus" bezeichnete.

 

            Es wurde das Wort “Sozialpartner" vorhin gebraucht und zu Recht so: denn sind wir nicht alle Partner in dieser komplexen Situation, die, und das ist wichtig, als gleichberechtigte Partner an einem Tisch sitzen sollten? Jedoch bis das eine allgemein akzeptierte Einrichtung geworden ist, wird noch geraume Zeit vergehen.

 

            Um das zu erreichen, ist ein grundsätzliches Umdenken der Kontrahenten im Sinne einer Zusammenarbeit und nicht Konfrontation erforderlich.

 

            Die alten Klischees vom "Kapitalisten", als herzlosen Ausbeuter, und "Sozialisten", als fanatischer Privateigentumsvernichter, müssen von beiden Parteien überwunden werden zum Zweck einer besseren Zusammenarbeit der Partner und damit zum Wohle der ganzen Gesellschaft.

 

             Ob die Erkenntnis soweit gedeiht und sie erkennen, daß jede wirtschaftliche Tätigkeit ein wesentlicher Bestandteil der größeren Gesellschaft ist, in der sie operieren und für die sie verantwortlich sind, und daß die Bürger durch ihre Regierung ein  Recht haben mitzubestimmen, wie die Megaunternehmen geführt werden, bleibt abzuwarten. 

 

            Nur durch intensive und fortwährende Schulung aller Bevölkerungsschichten und stetige demokratische Wachsamkeit kann entweder ein Fortschritt erziehlt, oder verhindert werden, daß sich  erneut wirtschaftliche Systeme durch Ausbeutung, streben nach religiöser Vorherrschaft, unter dem Vorwand von nationaler Reinigung oder ganz allgemein durch Habgier breitmachen und positive Systeme verdrängen.

 

            Es bleibt nur zu hoffen, daß vor allem die Religionen, vorweg die katholische Kirche, - obschon sie und die anderen in dieser Abhandlung nicht gut davon gekommen sind, - ihr erzieherisches Werk auf ihrer Glaubensgrundlage mit gleichem Eifer wie  bisher, als ethische und moralische Orientierungshilfe der Menschen voll einsetzen.

 

            Weiter ist zu wünschen, daß die Idee der sozialen Gerechtigkeit mit Hilfe dieser Abhandlung einen Auftrieb und weiteste Verbreitung findet. Daß sich aufrichtige Personen mit Weitsicht und Mut einsetzen für dieses noble Ziel und die Idee vorantreiben, obgleich ein Spötter einmal sagte:”Für eine Idee ist der Mensch zu allem bereit; vorausgesetzt, daß er sie nicht richtig verstanden hat."

 

     Und damit kommen wir zum Ende dieser dreiteiligen Abhandlung, nicht weil nichts mehr zu sagen ist, sondern weil alles Wesentliche gesagt wurde und jedes Breittreten der einzelnen Themen nur die Langeweile des Lesers, nicht aber sein Wissen fördern würde.


  

Nachschrift!

 

            Zwichen der Erstellung der Urschrift und dieser Ausgabe sind einige Jahre vergangen und wegen der rasanten Veränderung in der Technologie, Ökonomie und sozialen Struktur, ist eine Nachschrift als Ergänzung der aufgeworfenen Themen unumgänglich.

 

            Die schon früh in den menschlichen Zivilisationen aufgekommene Unterscheidung in "Arm" und "Reich" - die Ursachen dafür sind im ersten Teil des Buches hinreichend erklärt - ist historisch gewachsen und haftet allen Nationen an.

 

     Zugegeben, in den Anfängen war der Unterschied noch nicht so tragisch - wenn man von der Sklaverei absieht - und sie wurde erst ein die Gesellschaften erschütterndes Problem mit dem Aufkommen der industriellen Entwicklung und der dabei hervorgerufenen Ausbeutung der Arbeiter und dann der Arbeitslosigkeit.

 

            Sind die Zustände auch generell nicht abzuschaffen, heißt das nicht, daß man sie, so wie sie heute sind, kritiklos und ohne Willen zu einer Verbesserung der Gesellschaft belassen soll. (Siehe das Beispiel vom Wirkungsgrad in der Mechanik.)

 

            Inzwischen hat aber die Arbeitslosigkeit, und damit das Abrutchen von millionen Arbeitern in die Armut, weltweit skandalöse Zustände angenommen und drückt auf das Sozialgefüge der betroffenen Staaten. Als Folge davon treten soziale Übel aller Art in Massen auf, wie sie bisher unbekannt waren und die staatlichen Organe der Ordnung stehen ihnen macht-  und ratlos gegenüber.

 

            Es besteht kein Zweifel, daß die Machenschaften der Globalisierung der Volkswirtschaften und die laut gepriesenen Freihandelsabkommen, verbunden mit der durch Komputer erzielten Rationalisierung der industriellen Fertigung, am Zustandekommen dieser Umstände maßgeblich verantwortlich sind, und die dabei im Zusammenhang gepriesene zügellose freie Marktwirtschaft das Schicksal ganzer Nationen und deren gesunde Entwicklung zerstört.

 

            Die Polarisierung in die feindlichen Begriffe "Kapitalist" und "Sozialist" ist eigentlich im letzten Jahrhundert aufgekommen und kennzeichnet den Machtkampf zwischen "reich" und "arm". Was dabei geflissentlich von beiden Parteien übersehen und nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, daß der Armut in vielen Fällen ein Selbstverschulden zugrunde liegt und dem Reichtum der Reichen durch Betrügereien aller Art nachgeholfen wurde.

 

            Was so gerne von den Gegnern im Wortkampf über die Begriffe "Kapitalismus" und "Sozialismus" angeführt wird, trifft auch nur eine propagandistisch verhärtete Schale und nicht den Kern des Problems.

 

            Es besteht in der größeren Mehrheit der Fälle kein direkter Zusammenhang zwischen einem kleinen erwerbslosen und verzweifelten Arbeiter, der sich "Sozialist" nennt und dem durch die bürgerliche Propaganda geächteten Begriff "Sozialismus".

 

            Ersterer denkt und hofft doch nur auf ein besseres Auskommen für sich und seine Familie, wie das sozialistische Gedankengut als Ideal es ihm als wünschenswert erscheinen läßt. Ihm fehlt die Bildung, die Intelligenz und damit der Überblick über die Problematik und Hintergründe dieser Einstellung.

 

            Darum gibt es immer noch so viele gläubige Sozialisten - selbst Kommunisten - in den Ostländern und auch anderswo, nicht weil sie nichts dazu gelernt haben aus dem Untergang des sogenannten sozialistischen Arbeiterparadieses - der UDSSR - sondern weil sie immer noch nach ihrem Gefühl an eine soziale Gerechtigkeit glauben.

 

            Das kapitalistische System - vorausgesetzt in einer gut funktionierenden Demokratie - hat trotz vieler Nachteile den entscheidenden Vorteil, einer sich stets erneuernden Entwicklung und Anpassung an den Veränderungen, welche an die Gesellschaft herantreten. Ja es ruft die Veränderungen hervor durch die stets wach gehaltene Habgier (negative) und Strebsamkeit (positive).

 

            Auch der Kapitalismus hat seinen schlechten Ruf nicht nur durch Verleumdung seitens seiner Gegner, der Arbeiter, erhalten sondern muß sich den Vorwurf von nicht sozial gerechtem Verständnis und Habgier gefallen lassen.

 

            Überhaupt, wenn man das Buch "The next Left - the History of a Future" liest, geschrieben von Michael Harrington, bekommt man den Eindruck, daß man heute mit dem Wust von Schriften über das brennende Problem von - Arm und Reich, hier Sozialismus und da Kapitalismus - leeres Stroh drischt denn jedes Argument, dafür und dagegen, ist in den Jahren der Jahrhundertwende und danach bereits tiefschürfend und ausführlich behandelt und versucht worden, in die Tat umzusetzen. (Siehe Lenin in Rußland)

 

             Vor allem erhitzten sich die Gemüter in der großen Depression nach 1929, bei der Suche nach Lösungen in dieser Misere. Hier war es, wo der in den zwanziger Jahren aufgekommene "Fordismus" äußerst populäre Streitfragen auslöste vor allem, weil Henry  Ford darauf bestand, trotz der wirtschaftlich schlechten Zeiten, seinen Arbeitern einen angemessenen Lohn zu bezahlen. Er gab damit ein Beispiel das Schule machen sollte. Jedoch ohne Erfolg, denn es ist, um es milde zu sagen, äußerst schwierig eine Einigung in einer Klasse zu erzielen, wo jeder mit jedem im Wettbewerb steht. 

 

            Hinzu kommt, daß der technologische Fotschritt durch fast totale Automatisierung und Komputerisierung wesentlicher Industriezweige heute global soweit fortgeschritten ist, daß sich kein Land und kein Wirtschaftszweig als Einzelgänger aus dem Teufelskreis ausschließen kann, ohne Schaden an seiner Volkswirtschaft oder Existenz zu erleiden.

 

            Es ist an der Zeit, grundsätzlich festzustellen, daß das soviel gepriesene kommunistische Ideal, welches die von Millionen in ihm voll ehrlicher Überzeugung gesetzte Hoffnung nicht erfüllt hat, nicht erfüllen konnte. Enttäucht, ratlos und ohne zündende neue Ideen, sieht sich der Arbeiter erneut den Ausbeutern ohne Schutz ausgeliefert. Mühsam erkämpfte Rechte werden im Zuge der Umstellung auf Kosten des immer größer werdenden Heeres der Arbeitslosen abgebaut. Obschon Volkswirte und Professoren der Ökonomie in Büchern weitschweifig die Problematik und Tendenz beschreiben, fehlt es an einer Parole, um die sich die Geister sammeln und wonach sich der kleine Mann vertrauensvoll richten kann, so wie es "Kommunismus" und "Sozialismus" einmal waren.

 

            Wie das Logo einer Firma auf Schildern und Briefköpfen werben und die Aufmerksamkeit möglicher Kunden auf sich ziehen soll und anspricht, muß dieses politische Logo die Bevölkerung als Wahlvolk auf sich aufmerksam machen, und warum sollte nicht die Parole: "Soziale Gerechtigkeit" sich dafür hervorragend eignen?

 

            Was sich also am Horizont abzeichet, um das Übel in den kommenden Jahrzehnten zu beheben, ist ein Zusammenraufen und Aushandeln von Politik und Wirtschaft im Hinblick auf "Soziale Gerechtigkeit".

 

Die folgenden aufgestellten Thesen stellen weder in ihrer Reihenfolge noch in ihrem  Inhalt in Stein  gemeißelte Gebote dar. Sie sind nur als Denkanreiz gedacht, bei dem  Abstriche odre Zusaetze durchaus moeglich sind.

 

 1)  Um der grasierenden Arbeitslosigkeit in den entwickelten und auch unterentwickelten Ländern - also Global zu steuern, muß eine generelle Minderung der wöchentlichen Arbeitszeit in den betroffenen Industriezweigen ausgehandelt und eingeführt werden. Mit anderen Worten, der geringere Anfall von Arbeit muß auf eine grösere Menge von Arbeitern gerecht verteilt werden. Ausnahmen dürfen nur nach allgemeiner Absprache und Übereinstimmung gemacht werden.

 

2)      Die geringere   Arbeitszeit darf nicht zu einem Lohnausfall für den betreffenden

             Arbeiter oder Angestellten führen. Notfalls muß das ganze Lohn-Preißgefüge neu erstellt

             werden

        

3)  Das Ablegen von Arbeitern und Angestellten, mit der Absicht auf Wiedereinstellung auf Zeit mit gleichem Lohn aber ohne Lohnnebenkosten  muß wie Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Urlaubs- und Rentenanspruch, muß verboten werden. Auch hier dürfen Ausnahmen nur nach den Gesichtspunkten der "Sozialen Gerechtigkeit" gewährt werden.

 

4)  Bei Auflõsung eines Arbeitsverhältnisses wegen  Müßiggang, Diebstahl, Streitsucht oderer mangelnder Einordnung in das Betriebsklima, haben Vertreter der Betriebsleitung und der zuständigen Gewerkschaft gemeinsam die letzte Entscheidung nach sozial gerechten Prinzipien. Langjährige Zugehörigkeit zur Firma kann, muß aber nicht mildernd sein.

 

5)  Frauen sind den Männern im Lohn gleich gestellt bei gleicher Arbeit. Auch sonst sind die Sozialleistungen der Firma die gleichen, zusätzlich typisch weiblicher Bedürfnisse wie Schwangerschaftsurlaub usw.

 

6)  Lohnarbeit aller Art für Jugendliche unter 16 Jahren muß global verboten werden. Wo eine solche in unterentwikelten Ländern zum sozialen Gefüge gehört und notwendig erscheint, ist es Aufgabe der UNO  Abhilfe zu schaffen. Überhaupt, jede Art von Ausbeutungsbetriebe dürfen nirgendwo und unter keinen Umständen erlaubt sein.

 

            7)  Jedes Unternehmen und jede Korporation hat die Absicht zur Einführung                                    lohneinsparender  Maßnahmen durch technologischen Fortschritt, welcher die Enlassung                von Arbeitern und Angestellten zur Folge hat, mit einer besonders eingerichteten  Kommis-             sion zu verhandeln. Ihr gehõren Vertreter der Firma, der zuständigen Gewekschaften und                 der Ministerien der Regierung an. Diese Kommission ist beauftragt:

 

a)      den zu erwartenden Mehrgewinn als Abgabe an einen Fond zu errechnen und       

 

b)      den Schock, der durch die Umstellung auf dem Arbeitsmarkt entsteht abzufangen und zu mildern..

           

8) Jedes Unternehmen, jede Korporation und ueberhaupt die gesammte gesamte  globale Wirtschaft ist aufgefordert, Productivitaetsgewinne, die duch den technologischen Fortschritt der dritten industriellen Revolutin erzielt wurden, zur gleichmaessigen Verteilung in Zusammenarbeit mit einer Koalition von gemischten kulturellen und politischen  Bewegungen, im Sinne sozialer Gerechtigkeit bereit zu stellen. Diese Koalition kann bestehen aus  Gemeinschaften mit gleichgesinnten    Interessen wie Gewerkschaften, Bürgerrechtsorganisationen, Frauengruppen, Umweltschutzgruppen, religiöse Vereinigungen  usw, um nur einige zu nennen.                                                                                       

 

 9)  Es wird vorausgesetzt, daß die Soziallasten wie Krankenkassen, Pensionskassen, Arbeitslosen- und Unfallversichereungen von beiden Sozialpartnen proportional wie bisher getragen werden. In einem Härtefall hat jedoch nur der ein Recht auf Versorgung durch die Gemeinschaft, der vorher getreu seinen Pflichten nachgekommen ist. Es müssen Maßnahmen eingeführt werden, die Betrug und Mißbrauch von Hilfe aller Art strikt unterbinden.

 

10)  So wie der Besuch der Volksschule frei ist, muß die Gesellhaft auch die Kosten für eine höhere Schulbildung aufbringen, einschließlich Universität, und mit zinslosen Darlehen nachhelfen, wo die Schulgelder nicht aufgebracht werden können. Die Heranbildung einer Geldbeutelelite muß unter allen Umständen verhindert werden.

 

            Gleiches gilt für besondere berufsbedingte Schulungen und Kurse. Wer jedoch sich durch fehlenden Ansporn, Interesselosigkeit und Faulheit auszeichnet, hat im Sinne der sozialen Gerechtigkeit, keinen Anspruch auf freie Schulung. Strenge Prüfungen nach jedem Semester, die nicht nur die Noten betrachten sondern auch die Anwesenheit und  kameradschaftliches Verhalten, sind zu begutachten als Pflicht der Schulbehörden.

           

            Damit sind nur einige der wichtigsten Punkte erwähnt, die zu beachten und nach denen zu handeln   es so wichtig ist, um das Übel der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen und eine Verminderung des Abstandes zwischen Arm und Reich zu erreichen.

 

            Die Frage ist, wann wird die Menschheit beginnen sich vorzubereiten für eine Zukunft, in welcher die meiste normale Arbeit der Menschen von Maschinen übernommen worden ist?

 

            Wie schon vorher einmal erwähnt, hat eine Durchführung dieser Thesen nur dann eine Möglichkeit von Erfolg, wenn die Maßnahmen für alle Mitglieder der globalen Wirtschaftsgemeinschaft vertraglich verbindlich

 sind und auch durchgeführt werden, um ein Ausweichen einzelner nicht schmackhaft zu machen.           

        Verringerung der Löhne, ständig wachsende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Polarisation von “arm“ und “reich” treibt einen Teil der Bevölkerung in eine verfehmte zivile Haltung. Während die meisten Menschen Arbeitslosigkeit und Kriminalität als die am stärksten drückenden Probleme betrachten, welche die Gesellschaft bedrohen, sind weit weniger bereit anzuerkennen, daß ein nicht directes trennbares Verhältnis zwischen beiden besteht. Seit die dritte industrielle Revolution sich durch die globalen Volkswirtschaften verbreitet, mehr und mehr die Herstallungs- und Dienstleistungsindustrie automatisiert und Millionen von Arbeitern und Angestellten aus ihrer Stellung verdrängt, ist Kriminalität und besonders gewalttätige Kriminalität in zunehmender Tendenz.

 

        Es ist zu erwarten, daß die Einführung der bisher besprochenen Maßnahmen selbstverständlich auf den härtesten Widerstand der Funktionäre der Wirtschaft stößt. Vor allem das Argument "Eingriff in die so viel gepriesene freie Marktwirtschaft" wird hemmungslos herhalten müssen mit der Schwarzmalerei einer noch grösseren Arbeitslosigkeit. Damit sind die politischen Organe der betroffenen Völker aufgrufen, ihren Einfluß auf die Regierungen anzuwenden um durch entsprechende Gesetzgebung den Widerstand

aufzulösen.

 

            Zugegeben, die Maßnahmen stellen das ganze bisherige und von den Wirtschaftsführern so lieb gewonnene Wirtschaftssystem auf den Kopf, jedoch das Wohlergehen der Menschen hat Vorrang gegenüber Profitgier und egoistischen Interessen.

 

            Jedes Unterfangen gleich welcher Art, das die Menschheit je unternommen hat, zeigte seinen Januskopf, und es bedurfte stets weiser Männer, das Richtige zu tun und das Falsche zu unterdrükken, jenachdem, wie es sich ergab. Daß die Begriffe “falsch” und “richtig” dabei relative sind und zu Streitfragen ausarteten, versteht sich von selbst. Zur Korrektur ergriffene Maßnahmen kann man, wenn man will, auch als Eingriffe in dem freien Ablauf des Wirtschaftszweiges betrachten. Warum sollte nicht in den weit größeren globalen Wirtschaftsystemen Richtlinien aufgestellt werden, die vorschreiben, was getan und was nicht getan werden soll, denn die Vergrößerung der Armut durch Arbeitslosigkeit mit allen ihren negativen Folgen ist wie ein Krebsgeschwür am Körper der Völker.

 

        Der Übergang von einer Gesellschaft begründet in Massenbeschäftigung im privaten Sektor zu einer begründet in massenhaft freier Zeit für Beschäftigte und vor allem für die zwangsweise Unbeschäftigten, stellt große Anforderungen an die soziale Organisation der Gesellschaft.

 

            Die Menschheit steht nun einer Herausforderung gegenüber, welche nicht zu vergleichen ist mit irgend einer anderen in unserer Geschichte: nämlich eine neue Balance mit der Natur zu erreichen, während weiterhin die Wirtschaft sich ausdehnt um günstige Gelegenheiten für Millionen von Menschen zu schaffen, die immer noch nach einem annehmbaren Lebensstandard trachten. Und so wie wir uns einer entmutigenden Aufgabe gegenübersehen, mag Hoffnung die einzige wertvolle Eigenschaft sein, von allem was wir besitzen.

 

            Dabei ist die größte Herausforderung von allen diejenige, die bei uns selbst liegt. Der dramatische wirtschaftliche Fortschritt in dem vergangenen Jahrhundert ist angetrieben worden zum Teil von einer materialistischen Kultur und beschleunigtes Wachstum erscheint als ein universal anerkanntes Ziel. Jedoch was Umwelt Aktivist “Edward Abbey" einst sagte: Wachstum um des Wachstums willen ist die Ideologie von Krebszellen. Unaufhörliche und wahllose materialistische Ausdehnung zerstört die Umwelt genau wie bösartige Krebszellen einen menschlichen Körper zerstören.

 

            Wir werden in der Zukunft mehr Wert legen müssen auf die Qualität von Wachstum und nicht auf die Menge. Das Ziel ist, das Wachstum wirtschaftlicher Gelegenheiten und damit Arbeit zu erhalten - besonders in den Entwicklungsländern - jedoch den zügellosen Gebrauch von Material, Energie und Verschmutzung, welche mit dem Wachstum zusammenhängt, zu verringern.

 

            Das neue Zeitalter fordert, was der umweltaktive Schriftsteller Allan Durning beschreibt als eine “Kultur der Beständigkeit" das heißt, Befriedigung der Bedürfnisse der augenblicklichen Generation, ohne die Aussichten für die Bedürfnisse kommender Generationen zu gefährden. Vor allem, Überleben benöigt ein erneutes würdigen der Natur.

 

            Unsere Vorfahren konnten ihre Abhängigkeit von der natürlichen Welt täglich erkennen und sehen. Sie betrachteten Bäume und Tiere als heilig und behandelten sie mit Achtung. Was wir heute benötigen ist ein zurückkehren auf diese Ehrfurcht. Wie Havard Biologist Stephen Jay Gould es ausdrückte: Wir können nicht die Schlacht gewinnen, einmal die Spezies und die Umwelt zu erhalten, ohne ein starkes gefühlsmäßiges Band zu erstellen zwischen uns und die Natur. Entweder wir folgen diesem Rat oder wir werden nicht fähig sein uns selbst zu retten.

 

            Wenn der Selbstwert von Menschen und Nationalstaaten auf dem Spiele steht, sollte nicht gezögert werden, der heiligen Kuh, freie Marktwirtschaft, Zügel anzulegen und auch zu gebrauchen.

 

Der Geist der Menschlichkeit muß über nackten Materialimus triumphieren.

 

                                                                   Der Verfasser!

Quellenverzeichnis.

              

                                    1 Encyclopædia Britannica

 

                                    2 Knaurs Konversations Lexikon                     

 

                                    3 Hellwig/Linne  - "Daten der Weltgeschichte"

 

                                    4 Karl Marx - "Eine Auswahl aus seinem Werk"

 

                                    5 Helmut von Glasenapp - "Die fünf Weltreligionen"

 

                                    6 Hans Joachim Störig  - "Kleine Weltgeschichte der Philosophie"        

 

                                    7 Ernst Samhaber - "Geschichte Europas"

 

                                    8 Fritz Baade - "Der Wettlauf zum Jahre 2000”

 

                                    9 Jeremy Rifkin  - "The end of Work “ -  (Das Ende der Arbeit)   

            

                                    10 Michael Harrington - "The next Left” - (Die nächste Linke)

 

                                    11 Berichte und Artikel aus Tageszeitungen und Zeitschriften

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fünftes Kapitel: Gedankensplitter

 (Aphorismen )

 

Eine Auswahl von Gedanken über die Gefahr der

"High Tech Globalisation."

 

Die folgende Abhandlung ist eine Zusammenstellung von Auszügen und Artikeln von verschiedenen Autoren und Kommentatoren, Vom Autor diesem Buch hinzugefügt. Sie bestätigt und unterstreicht die Dringlichkeit für verantwortliche und weitsichtige Planung von all denen, die Entscheidungen treffen und auch die Macht dazu haben, sowie uns allen, die diese Leute in ihre Positionen verhalfen.                           

***

Um erfolgreich zu sein in der amerikanischen Gesellschaft, braucht man das wichtigste amerikanische Element: "Glück".

                                                                           ***

            Was unsere Technokraten Kollegen getan haben ist, die Welt über das menschliche Denkensvermögen hinaus zu beschleunigen.

                                                                           ***

            Es wird die Ansicht verbreitet, daß Technologie weder "gut noch schlecht" ist,  sie geschieht nur. Das mag die Ansicht der Gesellschaft sein, jedoch wir Menschen sind immer noch einfältig genug um uns Helden zu suchen. Wir wollen, daß die Experten uns davon überzeugen, daß die weise Nutzung dieser Technologie einer der Wendepunkte in der menschlichen Evolution bedeuten kann. Druckerpresse, Radio und Fernsehen, sie alle kommen einem als Vorläufer dieser Entwicklung in den Sinn.

                                                                           ***

            Auf der einem Seite der Skala ist die Kapazität des Komputers. Auf der anderen Seite ist die Menschheit und der menschliche Verstand. Es muß befürchtet werden, daß wir eventuel eine Gesellschaft von Leuten schaffen, welche die Werkzeuge fertigen, die bei anderen das selbstständige Denken und ihre Vorstellungskraft unterdrücken. Wir  müssen einen Schritt zurücktreten und uns fragen: "Was um Himmelswillen tun wir?" Wozu nutzt uns Wissenschaft und Technologie, wenn sie nur zum materiellen Fortschritt des Menschen beitragen?

                                                                           ***

            Das "Internet" hat die Erde in ein globales Dorf verwandelt. Wenn man jedoch den Rat eines erfolgreichen Geschäftsmannes mit dem "Lernen von Gott" vergleicht, wie ein Student es ausdrückt, zeigt sich, wie pervers wir sind. Maschinen und deren Lehrlinge sind unsere modernen Götter, während echte moralische Werte und deren Ikone wie Gandhy, Martin Luther King Jr. and Mother Theresa verblassen und dahinschwinden. Was eine großartige Welt!

***

Das "Microship" hat die Welt verändert, jedoch wissen wir auch, was die langfristigen Konsequenzen sein werden? So wie z.B. die Programmänderungen, welche nötig sind um die Komputer für das Jahr 2000 anzupassen, liegen unerwartete Schwierigkeiten vor uns! Menschenkundler haben bereits hervorgehoben, daß die Werkzeuge, die wir gebrauchen um die Welt zu formen, uns ebenfalls wechselseitig formen. Komputerprogrammer haben dies bisher noch nicht berücksichtigt. Das Ergebnis wird ein moderner "Turm zu Babilon" sein, eine Lawine von misverstandenen Informationen, die ernsthafte und sich vermehrende Irrtümer erzeugen, dazu verwirrte Gemüter und  möglichreweise eine wirtschaftlichen Katastrophe.

                                                                           ***

            Die Schuld für das Unheil, welches die asiatischen Völker [1997] getroffen hat, liegt unzweideutig bei ihren herrschenden Oberschichten und nicht allein, weil sie die armen Schichten vernachlässigten. Ihr Verbrechen ist weniger Habgier als einfache Dummheit. Wie alle ihre Gegenstücke in ganz Indonesien, glaubten die Reichen, ihre Hochkonjunktur würde einer industriellen Geschichte von 200 Jahren trotzen und es würde für immer so bleiben. Darum borgten und bauten und bauten und borgten sie,  ohne Rücksicht auf die Folgen. Nun bricht alles zusammen, und wer wird seine Arbeit verlieren, wenn die Firmen bankrott gehen? Wer wird für die Narrheit und Blindheit der indonesischen Reichen geradestehen?

                                                                           ***

 

 

            Die sehr Reichen, die im hohen Rang stehenden Präsidenten von Körperschaften und deren abhängige Betriebsdirektoren würden es sehr gerne sehen, daß wir ihre Maßnahmen gutheißen. Sie trösten sich selbst und uns mit der Täuschung, daß wir eine harte Zeit durchmachen, die einfach zufällig geschieht und daß jeder - sie natürlich ausgenommen - sich einschränken und mehr anstrengen muß. In Wirklichkeit sind die wenigen Mächtigen planmäßig darauf aus, den Mittelstand zu zerstören. Wie anders kann man die riesigen Profite von Firmen erklären, die tausende von Arbeitern und Angestellten ablegen und in den verfrühten Ruhestand zwingen, alles im Namen der rationellen Einschränkung? Die Leiter der Unternehmen erzählen ihren Arbeitern und Angestellten, daß dies notwendig ist um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und was versteht man unter wettbewerbsfähig heutzutage? Es bedeutet den Hoechstwert für die Gesellschafts-Aktien zu erreichen ohne Rücksicht auf die sozialen Kosten. Dieses übertrifft die Habgier der Kohlen- und Stahlbarone des 19ten. Jahrhunderts, welche zumindest noch Arbeitsplätze schafften.

                                                                           ***

            Wer immer Arbeit hat ist dankbar und bescheiden, daß er zu den glücklichen Zeitgenossen gehört, arbeiten zu dürfen. Die Unternehmer nutzen diese Demut aus als einen psycologischen Hebelarm, um medizinische und andere mühsam erkämpfte Vergünstigungen zu kürzen, bei gleichzeitiger Forderung nach mehr Produktion von denen, die bereits ein Höchstmaß an Produktion leisten. Vollbeschäftigung heißt dabei  nicht eine Beschränkung auf 37 1/2 Stunden, sondern die Zahl der Stunden, in denen der Arbeiter produktiv ist und gleichzeitig, das Neueste an hochentwickelter Komputertechnik nutzbar zu machen, um die Zahl der Beschäftigten weiter zu reduzieren. Das Ergebnis ist die Schaffung einer Schicht von mehr als willigen, bereits ausgebildeten, Teilzeitbeschäftigten, die auf den Wink des Unternehmerfingers gelaufen kommen.

                                                                           ***

            Wem dieses eine kalte Dusche ist von wirtschaftlicher Realität, der kann sich damit trösten, daß die wenigen Privilegierten unvermeidlich am Ende zahlen müssen für ihre gewollte Blindheit. Firmen und Regierungen, welche diese schützen, werden zugrunde gehen, wenn Verbraucherschaft und Steuerzahler zunehmend verschwinden. Menschen, die weniger Stunden arbeiten für weniger realen Lohn (was sie empfindlich macht für Erschöpfung von übermäßigem Stress), kaufen weniger Ware, zahlen weniger Steuern und belasten die medizinischen Institutionen.

                                                                           ***

            Und man erwarte nicht, daß die Reichen die Flaute mit ihrem Geld beheben würden. Sie investieren davon das meiste in steuerfreien Kapitalanlagen im Namen ihrer Kinder. Der Rest wird an Steuerberater ausgegeben um das Zahlen von Steuern zu vermeiden. Was sie in teuren Wagen oder Modellkleidung anlegen hilft sowieso nicht, die Räder der Industrie in Bewegung zu halten. Die bis dahin der Gesellschaft zugefügte Not und das Elend wird schrecklich sein, und die Genugtuung über die Panik und den Ruin unter den Reichen und Mächtigen ist nur eine kläglicher Trost..

                                                                           ***

            Das oberste Gebot ist dasselbe, was es bisher immer war “die Kosten niedrig und die Arbeiterschaft machtlos halten”. Doch wäre das nicht möglich gewesen, ohne das Aufkommen der "Micro-Electronic ".

                                                                           ***

            Unter dem industriellen System in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts herrschte Wohlstand für fast ein viertel Jahrhundert. Es war genug Wachstum in den industrialisierten Ländern vorhanden, um Arbeitsplätze für den sich ausdehnenden Arbeitermarkt bereitzustellen, trotz des gelegentlichen Aufkommens von kurzlebigen, aber verhältnismäßig milden Konjunkturrückgängen. Jedoch brachte wissenschaftliche Geschäftsführung dramatische Änderungen in der Art und Weise, wie Betriebe und Büros gehandhabt wurden. Arbeitsvorgänge wurden in kleinere Bestandteile zerlegt und an angelernte oder ungelernte Arbeiter übertragen, denen man weniger Lohn zu bezahlen hatte. Durch diese zweite Welle der Rationalisierung wurde der Facharbeiter nach bitteren Kämpfen hinausgedrängt und blieb auf der Strecke. Es war billiger auf lange Sicht, die ungelernten, nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeiter einzustellen, welche vom Lande kommend die Arbeitsmärkte überfluteten, als die gewerkschaftlich wohl organisierten Facharbeiter.

                                                                           ***

            Das enorme Wachstum der Wirtschaft, welches wir in den letzten Jahrzehnten erlebten, bereitete den Weg für die Komputer-Revolution, und die Arbeitgeber suchten ihre Kosten weiter zu senken, indem sie Menschen durch Maschinen ersetzen.

***

            Die Beweise in Bezug auf die Fähigkeit der neuen Technologie, Arbeitsstellen zu schaffen, ist bisher gemischt, jedoch die ständig hohen Zahlen von Arbeitslosen erwecken Forderungen an die Regierungen, Pläne vorzubereiten, um mit der Dauerarbeitslosigkeit fertig zu werden. Die Gefahr ist, daß wir Beschäftigung haben werden für Arbeiter mit hoch entwickelten Kenntnissen, und davon letztlich nicht genügend, während den Leuten, die bisher in der Wirtschaft gute Löhne verdienten, nur wenige und schlecht bezahlte Arbeitstellen in der Dienstleistungsindustrie  übrig bleiben. Es erscheint widersprüchlich, daß,  trotz der Investierung all des Kapitals, des Wissen und der  Bemühungen der letzten Jahrzehnte, die die Menschen von der Plackerei der Arbeit befreien sollten, während Erfolg sich aufbaute auf Erfolg türmte, wir keine Idee haben, wie diese “Befreiung” gehandhabt werden soll. 

                                                                           ***

            Der im 18. Jahrhundert lebende Irische Politiker "John Philpot Curran" sagte vor 200 Jahren: “Die Bedingung für die Freiheit, die Gott dem Menschen bei seiner Erschaffung gab, ist dauernde Wachsamkeit.

 

            Diese Aussage sollte mit Vorsicht verstanden werden. Wie wahr sie auch ist im Hinblick auf die Wachsamkeit, sie sollte jedoch nicht ausgelegt werden als Freibrief für unverantwortliches Benehmen gegenüber seinen Mitmenschen.

            Tatsache ist, wir tun es doch!  Im Zukunftsbild kann man Tausende und Abertausende sehen, die sich vom Rhythmus der Welt entfernen und sich nicht mehr sicher sind, wie sie ihren Beitragt leisten könnten.

                                                                           ***

            "Wirtschaftliche Polarisation und soziale Unrast" so geht das Argument "wird der anhaltenden Arbeitslosigkeit folgen als Ergebnis der  weit verbreiteten Informationstechnologie. Das macht einige Leute sehr nervös. Die Saat ist gesät für ein teufliches Hexengebräu von sozialem Aufruhr."

                                                                           ***

     Die Technologie ersetzt Menschen. Das ist die gute Seite. Die schlechte Seite ist, daß wir nicht wissen, wie wir mit dem Erfolg dieses Systems fertig werden sollen.

                                                                           ***

            In all den Argumenten für die Abschaffung des Mindestlohn Konzeptes wird als Hauptgrund angeführt, daß durch niedrigere Löhne Arbeitsstellen geschafft würden, und daß die Kosten der Produkte, die gefertigt werden oder die Dienstleistungen die angeboten werden, sich so verbilligen, daß wir fähig sein werden, mit Ländern wie Malaya und Thailand zu konkurrieren. Was scheinbar niemand berücksichtigt oder bisher erwähnt hat, ist, daß das selbe Argument wahr ist am anderen End der Skala. Anstatt den "Mindestlohn" abzuschaffen um die Kosten zu senken, sollte man das Gegenteil tun und eine Spitzenlohnbegrenzung einführen.

            Die Spitzenlohnverdiener in unserer Gesellschft - die Konzern Präsidenten, ihre Rechtsanwälte, die Aktienmakler und die Präsidenten der Banken - verdienen weit mehr, als sie augeben können, und mit ihren Gehältern und sonstigen Vergünstigungen könnten sie in den meisten Fällen gut zehn andreren Leuten ein Einkommen von etwa $75 000,- im Jahr zukomme lassen. Zur Zeit legen Leute mit mehr als eine Million Jahreseinkommen ihr überschüssiges Geld an für teure Häuser an der Riviera oder in Spanien, oder für teure Spielzeuge wie Jachts, luxuriöse Automobile, im Ausland produziert, und leisten damit der eigenen Wirtschaft keinen Dienst. Über Steuermanipulationen wurde bereits gesprochen.

            Mit der Einführung eines begrenzten Spitzenleinkommens kann das übrige Kapital dazu verwendet werden, die Kosten der Produkte oder Dienstleistungen zu senken, was dazu beiträgt, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Die gesetzliche Einführung einer solchen Begrenzung ist natürlich nur möglich mit einer sozial bewußten, entschlossenen und starken Regierung, denn es besteht keine Ursache anzunehmen, daß diese Schicht der betroffenen Leute mit einer solchen Maßnahme freiwillig einverstanden wären. Sie werden mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln  und Argumenten Widerstand leisten.

            Solch ein Schritt würde gleichfalls das Problem der Kluft zwischen Arm und Reich von dem Forum endloser und fruchtloser Diskussionen in eine praktische und vernünftige Lösung transformieren. Es würde auch den heimtückischen Vorwurf entkräften und widerlegen, den Sozialismus als den Befürworter von Besitz-Enteignung und Verteilung, und dadurch einer Ausbreitung der Armseligkeit, zu brandmarken, wie Winston Churchill es einmal ausdrückte.

            Außerdem haben Arbeitgeber, die mit einem Mindestlohn-Gesetz und anderen einschränkenden Vorschriften in ihrer Praxis unzufrieden sind, nur sich selbst etwas vorzuwerfen. Wenn man ihnen Gelegenheit gab, ihre Arbeitnehmer ehrlich und redlich zu behandeln, hat eine beunruhigende Anzahl das bisher verweigert. Darum brauchen wir Gewerkschaften und die Arbeiterschutz-Gesetze, außerdem ist die Absicht des Mindestlohngesetzes, Menschen davor zu schützen, in abhängige Arbeitsverhältnisse zu geraten, die aufgrund von Arbeitsmarktpraktiken in Sklaverei oder ähnliche Verhältnisse ausarten.

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            Der wenig bekannte Römisch Katholische Priester und Aktivist "Dom Helder Camara", welcher sein Leben widmete, den Notleidenden von Sao Paulo zu helfen, machte, kurz bevor er von den Händen der brasilianischen Militärjunta ermordet wurde, die folgende Beobachtung: "Bringe ich Lebensmittel zu den Armen als ein Werk von Wohltätigkeit, nennen sie mich einen Heiligen. Frage ich jedoch, warum die Menschen, denen ich helfe, arm sind, nennen sie mich einen Kommunisten.”

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            Man mag sich wundern, wie man die Königin von England betitelt, wenn sie in ihrer Weihnachtsbotschaft an die Völker der Welt von "Fürsorge und Mitleid"  spricht als ein Mittel, die menschlichen Beziehungen untereinander zu verbessern. Vielleicht kommt es ihr nicht in den Sinn zu fragen, warum es Meschen gibt die der Fürsorge und des Mitleides bedürfen. 

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            In Nord-Amerika - und im geringeren Masse in Europa - werden wir von Politikern regiert, von Journalisten beeinflußt und von den führenden Magnaten manipuliert, mit dem Ziel, die Wohlfahrtseinrichtungen, für die die Arbeiter Jahrzehnte lang hart gekämpft haben, abzubauen und unsere Gesellschaft wieder zum Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zurückzuversetzen.

             Fragt irgend jemand danach, was das Ergebnis sein wird, wenn man der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts den Kapitalismus des 19.Jahrhundert aufbürdet?

            Fragt irgend jemand danach, was aus all den Menschen werden soll, die wir erst um ihre Arbeit und dann auch noch um ihre Wohlfahrtsuntersttzung bringen? Oder aus all den Menschen, die wir zu Hilfsarbeitern erniedrigen, bis die Technik soweit fortgeschritten ist, und auch angewendet wird, daß sie vollkommen aus der formalen Wirtschaft verdrängt werden?

            Fragt irgend jemand danach, wie wir mit all den Problemem fertig werden, welche diese Menschen verursachen und mit der Belastung, die sie unserem Gesundheitswesen und Rechtswesen aufrelegen? Oder was wir mit ihrenn verdrehten und verarmten Kindern tun? Es gibt Leute, die die Theorie vertreten, daß Armut eine Sache der freien Wahl sei. Sie glauben, daß, wenn das soziale Sicherheitsnetz entfernt wird, die Menschen auf ihre Füße fallen würden. Das mag vielleicht auf eine kleine Minderheit zutreffen, jedoch nicht auf die größere Mehrheit der Betroffenen.

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            Wegen des amerikanischen Glaubens an individuelle Verantwortung, unter Ausschluß von allen anderen Einflüssen, sind ie Vereigten Staaten führend im Zurückrollen der sozialen Fortschritte, obgleich die soziale Wohlfahrt in Amerika bei weitem weniger entwickelt ist als anderswo.

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            Ein Mr. Thurow hat gesagt, während einer Debatte in Washington über Reformen im Wohlfahrtssystem, daß die USA zu einer früheren 19. Jahrhundert Variante des Kapitalismus zurückgehen muß. Damals formulierte der Philosoph und Volkswirt "Herbert Spencer" (1820-1903) den Begriff: "Überleben des Tüchtigsten Kapitalismus". Er war einer der umstrittensten Denker der Victorianischen Era. In seinem Buch "Prinzipien der Biologie" sagte er unter anderem : "Es ist die Pflicht des wirtschaftlich Starken, den wirtschaftlich Schwachen auszumertzen", womit er seine außerordentliche Befürwortung des "Eugenics Movement”  kuntgab.

            Er argumentierte, daß die Funktion des Staates auf die Ausführung von Polizeipflichten zu Hause und Schutz gegen Angriffe von außen begrenzt sein solle. Erziehungs- und Schulwesen, Armen  Gesetze (Wohlfahrt),, Aufsicht über das Gesundheitswesen u.s.w. sei verdammenswert.

            Mr. Thurow sagte, keiner habe bisher versucht, "Überleben des Tüchstigsten Kapitalismus" für eine längere Periode in der modernen Zeit anzuwenden. Es würde ein interessantes Experiment werden für den sozialen Wissenschaftler. Es würde mit Leiden verbunden sein für die, welche das Experiment ertragen müssen, und das Risiko für soziale Stabilität wäre für die, die daran interessiert sind, sehr hoch.

            Gott sei Dank hat niemand bisher versucht, oder wird jemals versuchen, solch diabolischen Unsinn anzuwenden. Zeiten sind knapp heute, jedoch gibt es nicht eine Regierung in der westlichen Welt, die den Bedürftigen ausreichende Nahrung, Wohnung und medizinische Hilfe versagen würde. Der Begriff "ausreichend" kann debattiert werden, jedoch bezeichnet er sicherlich ein Minimum, welches für Gesundheit und Sicherheit notwendig ist.

            Es gibt in der Tat Gewinner und Verlierer  in der Entwicklung unserer Gesellschaft, doch hat das nichts mit Verschwörung oder Klassenkampf zu tun. Derartige Definitionen verbergen die wahre Streitfrage. Die Verteilung von Gewinnern und Verlierern ist natürlich keine gleichmäßige. Die Situation ist nur so, daß man mehr Gewinner unter den wenigen am  oberen Ende der Skala findet, während die Verlierer unter den Massen am unteren Ende der Skala zu finden sind.

            Es gibt in der Tat Kreise oder Gedankensrichtungen in den oberen Klassen der Gesellschaft, welche mit dem Gedanken spielen, die Uhr zurückzudrehen. Sie sehnen sich nach mehr Freiheit von den Einschränkungen der Regierung, zum Nachteil der niedrigen Klassen, und ihr stärkstes, jedoch heuchleriches Argument ist, daß sie dabei nur die Wohlfahrt der niedrigen Klassen im Sinne haben. Warum verlangen sie sonst "Freien Handel", unbeschränktes Investieren, weniger Regierungsbeeinschränkungen u.s.w., und gleichezeitig weniger Arbeitslosigkeit, mehr wirtschaftliches Wachstum und Verbesserungen für alle.

            Selbstveständlich fallen alle Politiker darauf herein und können kaum widerstehen, diesen Leuten ihre Aufmersamkeit zu widmen. Man sagt nicht umsonst: Politik ist die noble Kunst, die Wahlstimmen von den Armen und die Wahlkampfgelder von den Reichen zu sichern, indem man beiden Seiten verspricht, sie vor den anderen zu beschützen.

            Spricht man von Wahlkampfgeldern und Finanzen, führt das unweigerlich zu der leider zutreffenden Feststellung, daß die Finanzmogule, die Spekulanten und ihresgleichen durch Entstabilisierung ausländischer Währungen in der Menschheit,  mehr Elend und Not angerichtet und verbreitet haben als die schlimmsten Tyrannen. In diesem Zusammenhang sollte die Frage gestellt werden: wollen wir wirklich eine Regierung der Banken für die Banken, anstelle einer Regierung durch das Volk und für das Volk?

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            Man kann sich über Ausschweifungen der Gewerkschaften beschweren, oder über Betrug in Wohlfahrt, Arbeitslosenunterstützung oder auch über Regierungs-Vorschriften. Jedoch sollte man berücksichtigen, daß überall Menschen daran beteiligt sind, die mehr oder weniger zum Übermaß neigen und Fehler machen können. Das heißt jedoch nicht, daß die genannten Einrichtungen im Prinzip bis in den Kern schlecht sind und abgeschafft werden sollten.

            Spielt das vorhin Gesagte hauptsächlich auf die allgemeine Bevölkerung an, so trifft dasselbe auch für die Leiter von Konzernen zu. Jedoch könnten in einer echten demokratischen Gesellschaft all aufkommenden Probleme vernünftig überwunden und berichtigt werden, solange eine Uebereinstimmung erzielt werden kann.

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            Über das Rätsel der steigenden Kosten des Gesundheitswesens für jedermann kann nur gesagt werden: "Keine Gesellschaft hat die ausreichenden Mittel, um all die Gesundheitsdienste zu befriedigen, die zu beanspruchen eine Bevölkerung fähig ist.” Nur durch außerordentliche Wachsamkeit und Einschränkung bei allen, kann ein Überfluten der Kosten in Schranken gehalten werden.

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            Das Verfolgen von privaten Interessen durch die multinationalen Firmen heutzutage hat dasselbe zerstörende Potenzial wie das Verfolgen von bevorzugten nationalen Interessen in früheren Zeiten. Wenn nicht effektive internationale Bestimmungen in der globalen Wirtschaft herrschen, wird eine Katastrophe, wie sie die Welt um 1930 überkam, wahrscheinlich unvermeidbar sein.

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           Ein Weiser glaubt, er hat die Fähigkeit sich vorzustellen, wie die Welt sich entfalten könnte, und ein Revolutionär glaubt,  er hat die Fähigkeit, diese Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Der Masse der Ungläubigen bleibt nur übrig, mit ihrem Leben dafür zu bezahlen.

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            ...Wie schon erwähnt wurde, sollte das eigentliche Ziel eine gerechte Verteilung sein. Wir sollten unsere Produktionsmethoden bestmöglich rationalisieren (wodurch umfangreicher Wettbewerb geschaffen wird), um unsere sozialen Ziele durch die Verteilerseite zu erreichen, jedoch auf eine Art und Weise welche nicht den Anreiz herabmindert und präzise regelt, wer welchen Anteil von allen anderen bekommt.

            Dies soll nicht die Rechtsverbände, Gewerkschaften oder andere Gruppen mit speziellen Interessen, die Vorteile für ihre Klienten suchen, verurteilen. Sie alle haben haben einen nützlichen Zweck und dazu die nötige Fachkenntnis. Jedoch soll es ausdrücken, daß diese nicht das Mandat besitzen, um soziale Regelungen eizuführen.

            Damit verbleibt die große Debatte über die Art der Verteilung des Reichtums. Sollten alle ein garantiertes Minimum an Lebensstandart haben? Wie hoch sollte es sein? Sollte der Einkommensbereicht zwischen den Reichsten und Ärmsten unter uns durch weiter verschärfte “Robin Hood” Methoden veringert werden,  oder sind die Kosten für Initiativen zu hoch? Wenn wir  vor die Wahl gestellt werden, unsere begrenzten Hilfsmittel in das Wohlbefinden unserer älteren Generation zu investieren oder in begünstigende Möglichkeiten für unsere Kinder  - und wählen müssen wir! - zu welcher Seite sollten wir neigen? Was sind unsere Pflichten - wenn überhaupt - den zukünftigen Generationen gegenüber, die noch keine Wahl und keine Stimme haben?

            Dies sind realistische Gesichtspunkte, welche schwierige Entscheidungen erfordern. Politiker und Koryphäen vermeiden solche Debatten mit allen Mitteln, gerade weil sie schmerzhafte öffentliche Entscheidungen verlangen.

            Es fragt sich, wie man den Anreiz (die Aussicht auf Profit) für die Kapitalisten aufrecht erhält, um mit Hilfe von neuem Kapital und neuer Technologie im Fertigungsprozeß - damit die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt - eine effektive und rationale Produktion von Gütern durchzuführen, damit etwas zum Verteilen übrig bleibt? Wenn die Taschen der Wirtschaft leer sind, können selbst die mitleidigsten Politiker und sozialen Institutionen nichts verteilen.

            Und es ist unbedingt erforderlich, daß die Regeln und Vorschriften zur Verteilung des Reichtums von einer demokratisch gewählten Regierung im Geiste von “sozialer Gerechtigkeit” ausgeführt wird, selbst wenn das eine Vergrößerung der Regierungsbürokratie verlangt, entgegen allen Argumenten die Macht und das Ausmaß der Regierung zu beschränken.

            Ohne Regeln und Vorschriften für diese Verteilung, und ohne diese gesetzlich zu überwachen, wie die Verkehrsregeln, ist keine Garantie gegeben, daß soziale Gerechtigkeit sich durchsetzen wird zum Vorteil der algemeinen Gesellschaft.

            Es ist nicht die Absicht dieser Ausführungen, einen unbegrenzten Wohlfahrtsstaat zu verfechten oder eine politich spekulative Einrichtung eines "Big Government" zu vertreten, wie es George Orwells Buch, “Neunzehnhundertvierundachtzig", beschreibt mit all der Überspanntheit eines sogenannten "Sozialistischen Staates", wie man es boshafterweise ausdrücken könnte.

            Das vornehmste Motiv aller mit der Aufsicht der “sozialen Gerechtigkeit” Beauftragten muß die Wohlfahrt der gesammten Gesellschaft sein, um Betrug und Mißbrauch von allen Beteiligten zu verhindern. Äußerste Vorsicht ist angebracht, um nicht die Gans zu töten, welche die goldenen Eier legt, und daß Ansporn, Verantwortlichkeit und Selbständigkeit gefördert werden in der allgemeinen Bevölkerung und - besonders - bei den Nutznießern.

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            Offensichtlich stellt sich die Frage, ob die Ausführung dieser Vorschläge politisch möglich ist, wenn man den Würgegriff, den Konzerne und "BIG MONEY" auf unseren politischen Prozeß ausüben, in Betracht zieht. Jedoch kann man dieselben Argumente anführen, um zu dem Schluß zu kommen, daß das Überleben der menschlichen Rasse ebensowenig politisch möglich ist.

(Dr. David C. Korten, Genf, 23. - 25. März, 1998)

 

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Biographie

 

     Rudolf Rickes wurde geboren 1920 als der zweite Sohn eines Industriearbeiters im industriellen Zentrum von West Deutschland.

Nach Absolvierung der achtklassigen Volksschule arbeitete und

studierte er weiterhin als Lehrling, Geselle unde später als Meister im Maschinenbau.

 

            Mit Abendkursen bildete er sich nach dem Kriege weiter in “Arbeitsvorbereitung”, “REFA Zeitstudien” und “Konstrukteur” im

“Allgemeinen Maschinenbau”. In diesen Funktionen kam er in Berührung mit den heute üblichen rasanten technischen Entwick- lungen und deren Einfluß auf den einfachen Mann von der Straße.

 

            In seiner Jugend selbst durch große Armut gegangen, machte ihn dies aufnahmefähig für die Ideen des “Sozialismus”. Er opferte die meiste freie Zeit um dieses Sujekt zu studieren, welches nach seinem Eintritt in den Ruhestand, die Veranlassung wurde, dieses Buch “Soziale Gerechtigkeit – Gestern – Heute – Morgen” zu schreiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anerkennung

                      

 

            Wenn ich als ein unerfahrener Schriftsteller mich entschloß über “Soziale Gerechtigkeit” ein Buch zu schreiben, ein Thema, welches für Jahre von meinem Wesen Besitz ergriffen hatte und meine Freizeit mit lesen voll und ganz beschäftigte, war es in der Hauptsache der Grund, meine Gedanken über das Thema mit einem grõßeren Publikum zu teilen.

 

            Da meine Muttersprache Deutsch ist und meine Kenntnisse der englischen Sprache begrenzt sind, war es natürlich einfacher für mich, für die originale Herstellung des Buches die deutsche Sprache zu wählen. Es sollte mir aber trotzdem nicht leicht fallen und ohne die Hilfe von besonderen Personen wäre es nicht fertig geworden.

 

            Zuerst und vor allem ist meine Frau Hermine zu nennen, eine professionale Sekretärin während ihrer Zeit in Deutschland, welche sich als eine unschätzbare Hilfe und Unterstützung erwies bei der Anwendung von Grammatik, Rechtschreibung und Lektoring

Seite um Seite. Ich bin außerordentlich dankbar für ihre Geduld, mit der sie meine Besessenheit ertrug, das Buch fertigzustellen.

 

            Zu nennen ist noch mein Sohn “Ralph”, ein professioneller Komputerfachmann und als solcher beruflich tätig, welcher mir einen verbesserten Komputer besorgte, als mein alter nicht mehr ausreichte.

 

            Und als letzter aber nicht als der geringste, ist da mein ehemaliger Nachbar Fred Schneider zu nennen, welcher mit seiner praktischen Komputererfahrung mir half, die ersten Schritte in der Komputertechnik zu tun, bis ich es einigermaßen beherrschte und selbständig arbeiten konnte. Er opferte also zahlreiche Stunden in Lekturing das Manuskript.

 

                                                     Rudolf Rickes